This ain't California
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Fake-Dokumentarfilme
 – Spiegel des Dokumentarfilms und Schule des Sehens


28.8.2012
Dass Dokumentarfilme nicht ein genaues, gar objektives Abbild der Wirklichkeit liefern, ist heutzutage fast schon common sense. Dennoch werden sie überwiegend in Abgrenzung zum Spielfilm gesehen, verbunden mit entsprechenden Erwartungen an die Filmrezeption. Sogenannte Fakes oder Mockumentarys bedienen sich der genretypischen Inszenierungsstile, Erzählhaltungen und Dramaturgien und verpacken darin inszenierte Inhalte. Sie parodieren damit nicht nur das Genre, sondern können auch für mediale Gestaltungsmittel sensibilisieren.

Still aus der Animationssequenz in "This Ain't California"Still aus der Animationssequenz in "This Ain't California" (© Wildfremd Production GmbH)

    "Für mich ist es ziemlich egal, mit welchen Mitteln ein Film arbeitet, ob er ein Schauspielerfilm ist mit inszenierten Bildern oder ein Dokumentarfilm. In einem guten Film geht es um die Wahrheit, nicht um die Wirklichkeit."
    Sergej Eisenstein, 1925
Der vielzitierten Aussage des sowjetischen Regisseurs Eisenstein zum Trotz führt die Diskussion über die Grenze zwischen Dokumentar- und Spielfilm bis heute zu hitzigen Auseinandersetzungen. Warum entzünden sich an der Frage, wie ein Film die Realität ins Bild setzt – dokumentarisch oder fiktional – solch aufgeregte Debatten? Zum einem ist dies sicher in der Tatsache begründet, dass Menschen dazu tendieren, das zu glauben, was sie sehen. Nicht umsonst wird schon in biblischen Texten davon gesprochen, dass "Sehen Glauben heißt" und bis heute werden Zweifelnde gern auf den Moment vertröstet, "wenn sie es mit eigenen Augen sehen können". Ein filmisches Bild gilt uns als der stärkste Beweis. Es erscheint uns authentischer als ein Foto, eine Erzählung, eine Zeichnung oder ein Text. Das ist umso erstaunlicher, als Filmbilder von Natur aus Zwitterwesen sind, können sie doch sowohl authentische Dokumente als auch meisterhafte Trugbilder sein. Diese Gleichzeitigkeit ist keineswegs nur Folge der Digitalisierung, sondern existiert seit den Kindertagen des bewegten Bildes. Schon die unterschiedlichen Herangehensweisen der französischen Filmpioniere Auguste und Louis Lumière und Georges Méliès machen deutlich, dass zwei Seelen in der Brust des Mediums Film schlummern. Während sich die Gebrüder Lumière um eine möglichst ungeschminkte Wiedergabe der Realität bemühten und sich selbst als "objektive Geschichtsschreiber" verstanden, frönte der Magier Méliès der visuellen Illusion mittels geschickter Schnitte, Spiegeltricks und Überblendungen.

Der Blick auf die Welt



Damals wie heute ist der objektive, der "rein" beobachtende Dokumentarfilm nur ein Ideal, dem man sich anzunähern versucht, ohne es allerdings jemals zu erreichen. Wir wissen heute, dass "Arbeiter verlassen die Fabrik" (1895), der berühmte erste Film der Lumières, das Ergebnis einer ausgeklügelten Inszenierung ist. Und selbst wenn auf jede bewusste Inszenierung verzichtet wird: Die Anwesenheit der Kamera prägt jede Situation, auch wenn sie "nur" dokumentieren möchte. Dazu kommt die Tatsache, dass jeder Film der Ausdruck eines künstlerischen, subjektiven Blicks auf die Welt ist und daher immer nur eine persönliche Sicht auf die Realität bieten kann.

Trotzdem wird der Dokumentarfilm lange als Garant für objektive Wahrheiten missverstanden. Ausufernde Methodendiskussionen prägen seine Entwicklung. Mal soll die Kamera unsichtbar wie eine Fliege an der Wand sein, um die Personen und Figuren im Film nicht in ihrem Handeln zu beeinflussen (Direct Cinema), mal wird sie ganz bewusst mit ins Bild gebracht und thematisiert (Cinéma Véritè) oder dient als "caméra-stylo" (Auteur-Theorie), mit der Autoren und Autorinnen ihre Überlegungen multimedial aufs Material bannen sollten. All diese Überlegungen tragen ohne Zweifel zu einem reflektierten Umgang mit dokumentarischen Bildern bei. Sie sind jedoch gleichzeitig auch nicht unschuldig daran, dass manche Dokumentarfilme, die "alles richtig" machen wollen am Ende so dröge sind, dass der (Dokumentar-)Filmemacher Peter Krieg sie sogar einmal als einziges Schlafmittel, das man durch die Augen einnehmen kann, bezeichnete.

Zwischen Fakt und Fiktion



Aus diesem Dilemma befreit sich der Dokumentarfilm, indem er ganz bewusst auch subjektive Darstellungsweisen für sich erschließt und sich formalen und methodischen Experimenten öffnet. Im Rahmen dieser Entwicklung rücken wiederholt einzelne Filme in den Fokus, die auf den ersten Blick wie konventionelle Dokumentarfilme aussehen und doch mit der Zeit beim Betrachtenden Zweifel an ihrer Echtheit aufkommen lassen. Ein frühes Beispiel dafür ist Jim McBrides Film "David Holtzmans Tagebuch" (David Holtzman's Diary, USA 1967), das vermeintliche Filmtagebuch eines jungen Filmenthusiasten, der versucht, den Sinn seines Lebens auf Zelluloid zu bannen. Dabei fühlt er sich ganz dem Diktum Jean-Luc Godards verpflichtet, demnach Film ein Äquivalent für "Wahrheit 24-mal in der Sekunde" sei. Es gelingt Jim McBride mit diesem Film, der sehr lange als Dokumentarfilm rezipiert wurde, sowohl das Medium als auch die Zuschauenden herauszufordern. "David Holtzmans Tagebuch" gilt heute als einer der ersten bewusst angelegten Fakes (auch "Mockumentary" genannt), der noch dazu auch die eigene Genese thematisiert. Dieser Subtext ist freilich nur für diejenigen lesbar, bei denen bereits Zweifel am dokumentarischen Charakter des Films bestehen.

Der medial vielfach begabte Regisseur und Autor Orson Welles hat sich mit solchen Subtexten der Authentizität mehrfach auseinandergesetzt. Bereits 1938 wurde seine fiktive Radioreportage "Krieg der Welten" über einen Angriff Außerirdischer im US-amerikanischen Radio ausgestrahlt. Die Legende besagt, dass viele Menschen das Hörspiel für eine authentische Reportage hielten und in Panik beim Radiosender anriefen. Welles war klug genug, dies nicht zu kommentieren und die Aufregung für sich zu nutzen. Seither gilt "Krieg der Welten" als Mutter aller Fakes. Welles selbst hat sich zeitlebens in seinen verschiedenen künstlerischen Arbeiten immer wieder mit der Wirkung der Medien auseinander gesetzt – so auch in "Citizen Kane" (USA 1941) – und 32 Jahre später, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, einen zweiten expliziten Fake gedreht. In "F wie Fälschung" (F for Fake/Vérités et mensonges, Frankreich, Iran, Bundesrepublik Deutschland 1973) parodiert er den auf Originalität versessenen Kunstmarkt und stellt ganz nebenbei Fragen nach dem Verhältnis von Authentizität und Autorschaft, die bis heute für jeden Dokumentarfilm zentral sind. 




 
Hintergrund

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Eine kurze Geschichte des Dokumentarfilms

Als die Produzenten optischer Geräte Louis und Auguste Lumière 1895 den "Cinématographe" erfunden hatten, stellten sie die Apparatur vor ihre Fabrik und filmten die Arbeiter, die am Feierabend aus den Toren kamen. Der kurze Filmstreifen gehörte zur allerersten Programm-Präsentation der Lumières. Die Kamera stand in Augenhöhe, es gab keine Dramaturgie und keine Montage, denn die war noch nicht erfunden. Es ist die Dokumentation eines realen Geschehens – auch wenn die Brüder Lumière diese Szene mehrere Male mit den Arbeitern probten, bis sie im "Kasten war“. Weiter... 

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