"Wer wenn nicht wir"

Die RAF im Film – Eine kommentierte Übersicht


11.3.2011
Ein knapper Überblick über die 20 wichtigsten Filme zum Thema RAF seit 1975 mit Stabangaben und Kurzdarstellungen. Von Volker Schlöndorffs "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1975) bis Andres Veiels "Wer wenn nicht wir" (2011).

Stadtguerilla als Prinzip: Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin und Alexander Fehling als Andreas Baader. Szenenfoto aus dem Film "Wer wenn nicht wir" von Andres Veiel.Stadtguerilla als Prinzip: Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin und Alexander Fehling als Andreas Baader. Szenenfoto aus dem Film "Wer wenn nicht wir" von Andres Veiel. (© Markus Jans/zero one film)
Die verlorene Ehre der Katharina Blum
Bundesrepublik Deutschland 1975, Regie: Volker Schlöndorff, mit Angela Winkler, Mario Adorf, Dieter Laser u. a.
Wie die literarische Vorlage von Heinrich Böll bezieht sich auch der Film auf die Terrorismusdebatte der 1970er-Jahre. Er handelt von einer jungen Frau, die nach einer kurzen Liebesbeziehung mit einem angeblichen Terroristen zum wehrlosen Opfer von Polizei, Justiz und Regenbogenpresse wird.

Deutschland im Herbst
Bundesrepublik Deutschland 1977-78, Regie: Alf Brustellin, Bernhard Sinkel, Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Beate Mainka-Jellinghaus, Maximiliane Mainka, Peter Schubert, Edgar Reitz, Katja Rupé, Hans Peter Cloos, Volker Schlöndorff, mit Caroline Chaniolleau, Hildegard Friese, Heinz Bennent u. a.
Eine Gemeinschaftsproduktion deutscher Filmemacher zum "deutschen Herbst" 1977 und der ambivalent erscheinende Versuch, die Stimmung in der Bundesrepublik nach der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Schleyer und nach dem Tod mehrerer angeklagter RAF-Angehöriger in der Gefängnishaft zu beschreiben.

Die dritte Generation
Bundesrepublik Deutschland 1978, Buch und Regie: Rainer Werner Fassbinder, mit Eddie Constantine, Hanna Schygulla, Volker Spengler u. a.
Seinerzeit umstrittener Film über die "dritte Generation" der RAF-Terroristen ein Jahr nach der Schleyer-Entführung, in dem Fassbinder die Terroristen als gelangweilte junge Menschen präsentiert, die bei ihren Aktionen gar nicht merken, dass sie von einem Industriellen manipuliert und ausgenutzt werden.

Die bleierne Zeit
Bundesrepublik Deutschland 1981, Buch und Regie: Margarethe von Trotta, mit Jutta Lampe, Barbara Sukowa, Rüdiger Vogler u. a.
In Anlehnung an die Biografie der Terroristin Gudrun Ensslin schildert der Film die geschwisterliche Beziehung zweier Pfarrerstöchter mit unterschiedlicher Auffassung von politischem Widerstand. Als die jüngere als Terroristin im Gefängnis stirbt, versucht die ältere, die Umstände dieses Todes und die Motive der Schwester zu ergründen.

Stammheim
Bundesrepublik Deutschland 1985, Regie: Reinhard Hauff, mit Ulrich Pleitgen, Ulrich Tukur, Therese Affolter u. a.
Eine filmische Rekonstruktion des 192 Tage währenden Prozesses gegen die führenden Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe gut zehn Jahre zuvor. Auch dieser 1986 auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Film war umstritten, da die politisch-gesellschaftlichen Hintergründe des Terrorismus weitgehend ausgespart blieben.

Die Reise
Bundesrepublik Deutschland/Schweiz 1985-86, Buch und Regie: Markus Imhoof, mit Markus Boysen, Corinna Kirchhoff, Claude Oliver Rudolph u. a.
Verfilmung des autobiografischen Romans von Bernward Vesper, Sohn des NS-Dichters Will Vesper und Lebensgefährte von Gudrun Ensslin, der sich frühzeitig von der Terroristenszene losgesagt hatte. Intensiv in der Auseinandersetzung mit der Elterngeneration, streift der Film jedoch nur die politischen Motive der eigenen Generation.

Die Terroristen
Deutschland 1992, Regie: Philip Gröning, mit Stephanie Philipp, Michael Schech, David Baalke u. a.
Kurz nach der Wiedervereinigung plant eine Gruppe von chaotischen Möchtegern-Revolutionären einen Anschlag auf den Kanzler. Den jedoch trifft das Attentat nicht, an seiner statt stirbt ein anderer. Dies nehmen die drei zum Anlass, auseinander zu gehen – zurück in ein kleinbürgerliches Leben.

Todesspiel – Teil 1 & 2
Deutschland 1996-97, Buch und Regie: Heinrich Breloer, mit Hans Brenner, Manfred Zapatka, Sebastian Koch u. a.
Ein zweiteiliges Dokudrama für das Fernsehen über die dramatischen Ereignisse des "deutschen Herbstes" 1977, mit seinerzeit teilweise unveröffentlichtem Material und Augenzeugenberichten. Bei aller Parteinahme für die Opfer der terroristischen Gewalttaten ist der Film dennoch um Objektivität bemüht.

Die innere Sicherheit
Deutschland 2000, Regie: Christian Petzold, mit Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller u. a.
Der Film erzählt die Geschichte eines pubertierenden Mädchens, das aufgrund der terroristischen Vergangenheit ihrer Eltern von Kindesbeinen an im Untergrund lebt. Als sie sich eines Tages verliebt und ihre Identität offenbart, überschlagen sich die Ereignisse. Der Film befasst sich mit den psycho-sozialen Umständen eines Lebens auf der Flucht.

Das Phantom
Deutschland 2000, Regie: Dennis Gansel, mit Jürgen Vogel, Nadeshda Brennicke, Mathias Herrmann u. a.
Politthriller, der auf dem sehr umstrittenen Buch "Das RAF-Phantom" der Journalisten Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker beruht. Der Film entwirft ein verschwörungstheoretisches Szenario, demzufolge die von 1985 bis 1991 durchgeführten Terroranschläge nicht von der RAF, sondern von Geheimdiensten begangen wurden. Regisseur Dennis Gansel und Hauptdarsteller Jürgen Vogel wurden für ihre Leistungen mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Die Stille nach dem Schuss
Deutschland 2000, Regie: Volker Schlöndorff, mit Bibiana Beglau, Nadja Uhl, Martin Wuttke u. a.
Im Rückgriff auf autobiographische Erinnerungen der RAF-Aussteigerin Inge Viett thematisiert der Film den Versuch einer ehemaligen Terroristin, sich nach dem Ende des bewaffneten Kampfes mit Hilfe der Staatssicherheit ein bürgerliches Leben in der DDR aufzubauen. Dann jedoch wird ihr Fahndungsfoto im Westen veröffentlicht, eine Ausreise in die UdSSR scheitert ebenso wie ihre Liebesbeziehung und der Fall der Mauer lässt ihre Tarnung aufliegen. Abermals versucht sie zu fliehen.

Black Box BRD
Deutschland 2001, Buch und Regie: Andres Veiel, mit Traudl Herrhausen, Rainer Grams, Matthias Dittmer u. a.
Regisseur Andres Veiel wagt einen mutigen Blick auf die jüngere deutsche Geschichte, indem er die Biografien eines RAF-Mitglieds und eines RAF-Opfers einander gegenüberstellt: auf der einen Seite Wolfgang Grams, der 1993 während eines Polizeieinsatzes in Bad Kleinen ums Leben kam, auf der anderen Seite Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, der 1989 einem Bombenanschlag der RAF zum Opfer fiel.

Baader
Deutschland 2002, Regie: Christopher Roth, mit Frank Giering, Laure Tonke, Vadim Glowna u. a.
Der Film paart dokumentarisches Archivmaterial mit frei erfundenen Szenen und endet mit einem fiktiven Showdown zwischen der Titelfigur und der Polizei. Regisseur Christopher Roth begreift "Baader" als künstlerische Reaktion auf die zunehmende Mystifikation der RAF und den fortschreitenden Verlust einer objektiven historische Außenperspektive. Auf der Berlinale 2002 war "Baader" nominiert für den Goldenen Bären.

Starbuck – Holger Meins
Deutschland 2002, Regie: Gerd Conradt, mit Gretchen Dutschke, Wilhelm Meins, Rainer Langhans u. a.
"Starbuck" war nicht nur der Name des Steuermanns in Hermann Melvilles Roman "Moby Dick", sondern auch der Deckname des RAF-Terroristen Holger Meins, der mit 33 Jahren in der Haft an den Folgen eines Hungerstreiks starb. Gerd Conradts Dokumentarfilm fügt Bilder, Filmausschnitte und Dokumente aus Meins' Leben sowie Interviews mit ehemaligen Weggefährten zu einer positiv gefärbten biografischen Collage des RAF-Terroristen zusammen, in der unter anderem Gretchen Dutschke, Harun Farocki, Wolfgang Petersen, Peter Lilienthal und Michael Ballhaus zu Wort kommen.

Der Baader Meinhof Komplex
Deutschland 2008, Regie: Uli Edel, mit Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Johanna Wokalek, Bruno Ganz u. a.
Produziert von Bernd Eichinger, orientiert sich diese starbesetzte Großproduktion an der RAF-Chronologie von Stefan Austs gleichnamigem Standardwerk. Der Film hält sich genretypisch an die Regeln des actiongeladenen Politthrillers und kann durch seine Spannungsdramaturgie und seine Schauwerte einen Anstoß zur Auseinandersetzung mit dem Themenfeld geben – auch wenn sein Anspruch auf historische Authentizität diskutabel ist.

Schattenwelt
Deutschland 2008, Regie: Connie Walther, mit Franziska Petri, Ulrich Noethen, Eva Mattes u. a.
Nach Verbüßung seiner 20-jährigen Haftstrafe trifft ein ehemaliger RAF-Terrorist auf die Tochter seines ehemaligen Opfers – seine neue Nachbarin. Ein Drama um Schuld, Verleugnung und Wahrheit, in dem hinter der fiktiven Figur des RAF-Terroristen Widmer der reale RAF-Mann Christian Klar erkennbar wird, der bis heute zum wahren Sachverhalt eines ihm angelasteten Mordes schweigt.

Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte
Deutschland 2009, Regie: Birgit Schulz, mit Otto Schily, Hans-Christian Ströbele, Horst Mahler u. a.
Der Film verfolgt die Biographien der drei Anwälte Schily, Ströbele und Mahler, die im Kontext der RAF-Prozesse der 1970er-Jahre gemeinsam von einen anderen Staat träumten, bevor sich ihre Lebenswege in verschiedene Richtungen entwickelten: Schily wird SPD-Innenminister, Ströbele Grünen-Abgeordneter und Mahler rechtsextremer NPD-Aktivist

Andreas Baader – Der Staatsfeind
Deutschland 2010, Buch und Regie: Klaus Stern, mit Daniel Cohn-Bendit, Günther Scheicher, Alfred Klaus u. a.
Dokumentarfilmer Klaus Stern versucht, sich insbesondere der Privatperson Andreas Baader zu nähern. Bislang unveröffentlichte Briefe zeichnen ein differenziertes Portrait des RAF-Anführers, der sich innerhalb kürzester Zeit von einem sensiblen und kränkbaren Menschen in einen wütenden Egomanen verwandeln konnte. Theodor Prinzig, der Vorsitzende Richter im Stammheim-Prozess, kehrte für den Film nach 32 Jahren erstmals wieder in den Original-Gerichtssaal zurück.

Wer wenn nicht wir
Deutschland 2011, Buch und Regie: Andres Veiel, mit Lenza Lauzemis, August Diehl, Alexander Fehling u. a.
Zehn Jahre nach seinem Film "Black Box BRD" schildert Andres Veiel in seinem Spielfilmdebüt die Vorgeschichte der RAF, indem er die Familien- und Beziehungshintergründe von Gudrun Ensslin, Bernward Vesper und Andreas Baader beleuchtet. Der Film endet mit Ensslins und Baaders Abtauchen in den Untergrund und beleuchtet bislang unbekannte Aspekte der RAF-Entstehungsgeschichte auf eindringliche Weise.



 

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