Stan Laurel und Oliver Hardy

Emil und die Detektive


9.4.2010
Gerhard Lamprecht war der erste, der Erich Kästners Kinderbuch verfilmte, Billy Wilder schrieb das Drehbuch dazu. Kästner schuf mit seiner unterhaltsamen Geschichte damals auch ein gänzlich neues Kinderbild.

"Emil und die Detektive""Emil und die Detektive" (© Bertz + Fischer Verlag / original copyright holders)

1. Wie "Emil und die Detektive" entstand. Erich Kästner war gerade 28 Jahre alt und hatte sich bereits als Journalist und Autor von Gedichten und Theaterszenen einen gewissen Namen gemacht. Er war sehr ehrgeizig und arbeitete viel. Täglich schrieb er Kolumnen, Kritiken und Gedichte, ging ins Theater, verhandelte mit Redakteuren und Verlegern. "Wenn ich 30 bin", sagte er, "will ich, dass man meinen Namen kennt, bis 35 will ich anerkannt sein, bis 40 sogar ein bisschen berühmt!" Wöchentlich schrieb er auch die Kinderseite für das Familienblatt Beyers für Alle. Das brachte die Verlegerin Edith Jacobson auf die Idee, ihn zu fragen, ob er nicht einmal ein Kinderbuch schreiben wollte. Offensichtlich gefiel ihm der Gedanke, und er machte sich gleich ans Werk. Schon nach einigen Wochen schickte er ihr die ersten sieben Kapitel, die bei ihr große Begeisterung auslösten. Am 15. Oktober 1929 hielt er das erste gedruckte Exemplar von Emil und die Detektive in der Hand.

Schnell wurde Kästners erster Versuch, Kindern eine Geschichte zu erzählen, ein großer Erfolg. Beim Kleist-Preis 1929 erhielt sein Kinderbuch eine "ehrenvolle Erwähnung". Er bearbeitete das Buch für die Bühne. Bereits ein Jahr später hatte es im Theater am Schiffbauerdamm Premiere. Entsprechend rasch wandten sich auch die Produzenten der Ufa an ihn, um die Filmrechte des Buches zu kaufen.

2. Ein Drehbuch entsteht. Es war klar, dass nur einer das Drehbuch schreiben konnte, nämlich Erich Kästner selbst. Da er aber auf diesem Gebiet noch sehr unerfahren war, stellten ihm die Produzenten einen anderen jungen Autor zur Seite: Emmerich Pressburger.

Doch offensichtlich stellte sie das erste Ergebnis des Autorenteams nicht zufrieden, und sie beschlossen, zwei neue Autoren mit einer Überarbeitung zu beauftragen.

Deren Ergebnis erboste Erich Kästner sehr: "Das Manuskript ist ekelhaft. Emil klaut in Neustadt einen Blumentopf für die Großmutter. In Berlin auf der Straßenbahn klaut er einem Herrn den Fahrschein aus dem Hut und lässt ihn für sich knipsen. Der Herr wird von der Bahn gewiesen. Ein Goldjunge, dieser Emil. Der 'Stier von Alaska' wird er genannt und Pony die 'Rose von Texas' [...]. Lauter Indianerspiele, wo heute doch keiner mehr Indianer spielt [...]. Die ganze Atmosphäre des Buchs ist zum Teufel. Ich werde Anfang der Woche saugrob werden." Offensichtlich hielt Kästner Wort, denn die Produzenten beauftragten schließlich einen fünften Autor, das Drehbuch zu schreiben: Billy Wilder, der später bekanntlich als Regisseur und Autor weltberühmt wurde. Dessen Ergebnis besänftigte Kästner: "Der Film wird nun ziemlich so wie das Buch. Doch Nerven hat das gekostet und Zeit!"

3. Der Film. Bei der Beobachtung der Dreharbeiten zu "Emil und die Detektive" machte Kästner – wie die meisten Menschen – die Erfahrung, dass diese langweilig und langwierig sind und mit dem kreativen Prozess des Schreibens so gar nichts gemein haben. So begnügte er sich schließlich mit der Sichtung des Rohschnitts und fand die Filmfassung seines Romans "nicht besonders", wie er an seine Mutter schrieb. "Im Übrigen meinten alle anderen, der Film sei sehr schön und werde großen Erfolg haben."

Und die anderen behielten Recht: Nach der Premiere am 2. Dezember 1931 trat der Film einen wahren Siegeszug durch die Welt an. Bis heute gibt es sieben verschiedene Verfilmungen des Stoffs. Drei deutsche, eine japanische, eine britische, eine amerikanische und eine brasilianische. Doch als die beste gilt immer noch die Version von 1931. Überhaupt gehört der Film zu den bedeutendsten Werken der frühen Tonfilmzeit.

4. Der Inhalt. Emil Tischbein (Rolf Wenkhaus) lebt mit seiner Mutter (Käthe Haack) in einem kleinen Städtchen in Norddeutschland. Seine Mutter arbeitet als Friseurin und unterstützt mit ihrem kleinen Verdienst noch die Großmutter, die in Berlin lebt. Zu ihr soll Emil in den Ferien fahren und ihr 120 Mark bringen.

Im Zugabteil lernt Emil einen Mann mit "steifem Hut" (Fritz Rasp) kennen, der ihm ein mit Schlafmittel versetztes Bonbon schenkt. Als Emil wieder aufwacht, ist sein Geld weg und der Mann verschwunden. Auf dem Bahnsteig entdeckt Emil ihn wieder und nimmt die Verfolgung auf. Er traut sich nicht, die Polizei zu benachrichtigen, denn in seiner Heimatstadt hat er ein Denkmal beschmiert und glaubt nun, dass die Polizei wegen dieses Kinderstreichs hinter ihm her sei. Auch hat er den Eindruck, dass man einem Kind in einer solchen Angelegenheit keinen Glauben schenken würde.

Bei der Verfolgung lernt er "Gustav mit der Hupe" (Hans Joachim Schaufuß) kennen, den Anführer einer Jungenbande, zu der auch der "kleine Dienstag" (Hans Löhr) gehört. Dessen Eltern sind selten zu Hause und haben ein Telefon. Dieses erweist sich als sehr nützlich, denn die Kinder organisieren nun gemeinsam und generalstabsmäßig die Verfolgung des Diebs. Auch Emils Cousine Pony Hütchen (Inge Landgut) schließt sich den Jungen an. Sie ist vor allem für das leibliche Wohl verantwortlich. Als die Kinderschar hinter ihm immer größer und größer wird, wird der Gauner nervös. Er will in eine Bank, um das gestohlene Geld umzutauschen. Emil folgt ihm und kann seine Geldscheine identifizieren. Der Gauner wird verhaftet und entpuppt sich als gefährlicher Bankräuber Grundeis, auf dessen Ergreifung eine Belohnung ausgesetzt ist. Dieses Geld können Emil und seine Mutter gut gebrauchen.

5. Emil in seiner Zeit. Der Erfolg des Romans und der Verfilmung basierte vor allem auf der Figur des Emil. Mit ihr hatte Kästner etwas ganz Neues geschaffen: einen kindlichen Helden, selbstbewusst, klug und kooperationsbereit, der furchtlos sein eigenes Leben in die Hand nimmt und bestimmt.

Dieser neue Kindertyp löste das bis dahin bestimmende Ideal des gehorsamen Kindes ab. Zudem machte der positive Ausgang Mut und Freude. Er unterstrich bei den Lesern und Zusehern das Gefühl, dass Freundschaft ein hoher Wert im Leben ist und dass man gemeinsam die Welt verändern könne, wozu vor allem die Kinder und Jugendlichen aufgerufen sind. "Kinder sind die besseren Erwachsenen. Wenn sie handeln, können sie mehr bewegen als ihre Eltern, Großeltern usw."

Selbst ausgebildeter Lehrer, bewahrte sich Kästner zeit seines Lebens einen tiefen Glauben an die Kraft der Kindheit als Quelle der Veränderung. Befindlichkeiten seiner eigenen Kindheit – Armut, die große Liebe seiner Mutter zu ihm und umgekehrt, der schwache, oft nicht vorhandene Vater – dienten als Vorbild für Figurenkonstellationen wie Emil und seine Mutter, später Anton und seine Mutter in Pünktchen und Anton (1931) oder Martin und seine Eltern in Das fliegende Klassenzimmer (1933). "Ein guter Kinderautor ist der, der in unzerstörtem und unzerstörbarem Kontakt mit seiner eigenen Kindheit lebt!"

Zudem band Kästner die damalige Zeit und Umwelt in seinen Roman ein. 1927 war er von Leipzig nach Berlin gezogen, in die Millionenmetropole, "der einzige Boden, auf dem etwas los ist. Ein paar Tage dort machen so unendlich mobil." Kaiserallee, Trautenaustraße, Nollendorfplatz, das sind Stationen von Emils Reise durch Berlin, die auch in Kästners täglichem Leben eine Rolle spielten.

Kästners realistische Intentionen sind kongenial in den filmischen Erzählstil übernommen. Die noch vom Stummfilm stammende Bildsprache mit den starken Schwarzweiß-Kontrasten, die bewegte Kamera, die dokumentarischen Bilder aus dem Berlin der damaligen Zeit, der – vom Ende abgesehen – unklischierte Inszenierungsstil von Lamprecht verstärken den modernen Realismus des Films. "Emil und die Detektive" wurde 1933 von den Nationalsozialisten verboten und dennoch bis 1937 aufgeführt.

6. Vorbilder. Kästner liebte es, die zahlreichen Kabaretts der Zeit zu besuchen. Er ging ins Theater, schrieb Kritiken über Stücke von Bertolt Brecht und Carl Zuckmayer, bewunderte den Theaterregisseur Erwin Piscator und liebte das Kino. Aus dieser Zeit resultiert auch seine klare Haltung dem deutschen Film gegenüber, die in zahlreichen Kritiken für die Neue Leipziger Zeitung, in "Emil und die Detektive" und seinen späteren Drehbucharbeiten ihren Ausdruck fand: Er wandte sich gegen die schnell und billig produzierten Filme seiner Zeit, wollte den deutschen Film aufwerten, jedoch nicht mit avantgardistischen Elementen, für die er wenig Verständnis aufbrachte. Seine eigenen Ideen blieben der anspruchsvollen Unterhaltung verpflichtet, seine Drehbucharbeit zielte auf Qualität und zugleich Erfolg. "Jeder aussichtsreiche Versuch, den deutschen Film wesentlich zu qualifizieren, müsste mit der Durchführung eines aussichtslosen Planes beginnen: die Industrialisierung der Filmproduktion zu beseitigen."



 

Spezial

Kino in Europa

Deutsche lieben Heimatfilme, Liebeskomödien kommen meist aus Frankreich und James Bond arbeitet im Dienste der britischen Majestät: Jedes europäische Land schreibt seine eigene Filmgeschichte. Damit hilft das Kino, unsere europäischen Nachbarn besser kennenzulernen. Ein Spezial zum Kino in Europa. Weiter... 

Film des Monats: Frantzkinofenster.de

Film des Monats: Frantz

Das Historiendrama Frantz erzählt von der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs sowohl aus deutscher als auch aus französischer Perspektive. Wie der Film von Regisseur François Ozon ist deshalb auch die Ausgabe zum Film des Monats diesmal zweisprachig. Die Hintergrundartikel diskutieren die philosophische Frage der "guten" Lüge und blicken hinter die Kulissen von Frantz, indem die verschiedenen Produktionsbereiche vorgestellt werden, die die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg glaubwürdig wiederaufleben lassen. Zusätzlich bietet die Ausgabe thematische Unterrichtsvorschläge und Aufgabenblätter in deutscher und französischer Sprache. Weiter... 

Kamerafrau Anna Maria Hora bei den Dreharbeiten zu "Nachtwandler" von Markus Adrian, Copyright: Jaroslaw GodlewskiKultur

Film und Politik

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden. Weiter... 

Publikation zum Thema

Coverbild Filmkanon: Die Brücke (1959) von Bernhard Wicki

Filmkanon: Die Brücke (1959) von Bernhard Wicki

Eine Gruppe Jugendlicher verteidigt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs eine strategisch bedeutungslose Brücke: Mit seinem Spielfilmdebüt gelang dem deutschen Regisseur Bernhard Wicki ein zeitloses Plädoyer gegen Militarismus und ideologischen Fanatismus. Sein Film "Die Brücke" aus dem Jahr 1959 zeichnet aber auch das Porträt einer verlorenen Generation, die Opfer nationalsozialistischen Größenwahns wurde.Weiter...

Zum Shop