Stan Laurel und Oliver Hardy

Der Zauberer von Oz


12.4.2010
Zwischen Märchen und Momentaufnahme der amerikanischen Gesellschaft finden sich Spuren von "Der Zauberer von Oz" bis heute in Filmen wieder. Ein kurzes Essay von Christian Petzold.

"Der Zauberer von Oz", 1939"Der Zauberer von Oz", 1939 (© Bertz + Fischer Verlag / original copyright holders)

Im Märchen, da gibt es keinen richtigen Ort, nur das Land hinter den sieben Bergen. Und es gibt keine richtige Zeit, nur das "Es war einmal ...".

Auch Dorothy ist in so einem Märchenland. Gemalte Horizonte, die sie umgeben. Gemalte Telegrafenmasten, die sich im Unendlichen verlieren.

Dorothy steht in dieser Welt. In der ersten Einstellung des Films nimmt sie ihren Hund und flieht. Wovor, das werden wir erst später erfahren. Sie flieht zu einer kleinen Farm. Da gibt es Knechte, und es gibt eine dicke, herzensgute Tante und einen Pfeife rauchenden, grimmigen Onkel. Aber keinen Vater und keine Mutter. Sie werden nicht einmal vermisst.

Auch im Märchen spielen die Väter und Mütter kaum eine Rolle. Es sind die Kinder, um die es geht. Sie müssen aufbrechen, reisen. Sie müssen etwas werden. Oder etwas loswerden. Einen Fluch. Eine Angst.

Doch ein richtiges Märchen ist "Der Zauberer von Oz" nicht. In die indifferente, schwarzweiße Welt des Anfangs hat sich die erste große, amerikanische Irritation eingeschlichen. In den 1930er Jahren gingen die Farmer Amerikas zugrunde. Die wirtschaftliche Depression machte sie und ihre Arbeit überflüssig. Die Banken übernahmen ihre hochverschuldeten Höfe und verjagten sie. Let Us Now Praise Famous Men hieß ein Buch mit Texten von James Agee und Schwarzweißfotos von Walker Evans. Zum ersten Male sah man das Elend der Farmer. Zum ersten Male wurde es in eindringlichen Bildern und Texten beschrieben. Der Weg nach Westen, hin zu einem Ort, einem Heim, war plötzlich ausgeträumt.

Wie viele amerikanische Filme dieses "Ausgeträumte" in sich tragen? Der Film noir und auch der Western ganz bestimmt.

Auch für Dorothy gibt es keinen Westen mehr, in den sie fliehen könnte. Es gibt nur noch ein Land, irgendwo jenseits des Regenbogens.

Dieses Land ist ein Technicolor-Land. Es ist aus den Farben des Regenbogens gemacht. Es ist ein Kinoland.

Hartmut Bitomsky hat einmal gesagt, dass das Kino von allen Künsten dem Traum am ähnlichsten ist. Man ist anwesend im Kinosaal. Und man ist abwesend im Film. Tagträume. Sich wegträumen – im Film.

Dorothy ist dieser Kinozuschauer auf der Leinwand. Sie kehrt aus dem Traum, aus dem Kino zurück, in die Schwarzweiß-Welt. Alle stehen um ihr Bett herum. Alle sind ihr nah. Zum Schluss sagt sie, dass der schönste Ort der Welt das Zuhause ist. Man mag es ihr nicht glauben, so unwirklich ist dieses Zuhause am Ende des Films. Aber alle wissen, wovon sie spricht.

"Der Zauberer von Oz" hat eine tiefe Spur in den amerikanischen (Kino-)Geschichten hinterlassen. Seine Bilder, seine Songs. Das kleine Mädchen Dorothy, schlafend im unsagbar roten Mohnfeld. Noch vor kurzem war sie in einem erfolgreichen, jedoch durchschnittlichen Film zu sehen: "American Beauty" (R: Sam Mendes, 1999). Da lag sie wieder, von Rosenblüten bedeckt. Doch hier träumte sie nicht selbst. Hier war sie selbst der Traum. Der Masturbationstraum eines Vorstadtamerikaners der abstürzenden Mittelschicht. So ausgeträumt war Amerika noch nie zuvor.



 

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