Stan Laurel und Oliver Hardy

Dr. Seltsam

Oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben


16.4.2010
Stanley Kubrick verwandelt die Bedrohung durch einen atomaren Vernichtungskrieg in den 1960er Jahren in eine groteske Komödie. Erst in der humoresken Überspitzung wird der Schrecken dieses Szenarios augenscheinlich.

"Dr. Seltsam", 1964"Dr. Seltsam", 1964 (© Bertz + Fischer Verlag / original copyright holders)

Ob Einspielergebnisse an der Kinokasse, Auszeichnungen bei Filmfestivals oder Kritikerlob – der momentane Erfolg eines Filmes mag sicher stets auch Indiz für seine anhaltende spätere Bedeutung sein. Aber welch nachhaltigen Eindruck er jenseits aller Moden und Trends hinterlässt, offenbart letztendlich doch immer erst die (Film-)Geschichte. Stanley Kubricks schwarzer Komödie "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben" (Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb, 1964) sind viele solcher retrospektiven Ehrungen zuteil geworden: So ist der Film etwa von der amerikanischen Kongressbibliothek zu einem jener amerikanischen Filme erkoren worden, die zur ständigen Sammlung des Nationalen Filmbestands gehören sollen. Daneben taucht er mit souveräner Regelmäßigkeit in zahlreichen "Best of"- und "Top 100 of all Times"-Listen auf. Eine Experten-Jury der britischen Filmzeitschrift Sight & Sound etwa wählte ihn erst kürzlich zu einem der "zehn besten Filme aller Zeiten". Für Kubrick, der mit dem Vorgängerfilm "Lolita" (1962) auf erbitterten Widerstand bei Zensur, Kritik und Publikum gestoßen war, sicherlich auch eine persönliche Genugtuung. Und dennoch: Oft kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass solche Besten-Listen vor allem einen Status quo bürgerlichen Bildungstums reflektieren, der kaum in Frage gestellt wird – zu oft werden die immer gleichen Filme übernommen, als ginge es den Verfassern weniger um die wirklich besten Filme als vielmehr um ihr eigenes kunstsinniges und filmhistorisches Image. "Dr. Seltsam" aber wird zudem durch ein untrügliches Argument geadelt, nämlich den Einfluss, den der Film auf die Alltags- und Popkultur hat. Im angelsächsischen Sprachraum jedenfalls ist "Dr. Strangelove" längst zum Synonym für den früheren US-Außenminister und Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger avanciert. Es ist faszinierend, in welche Wechselwirkung dabei Realität und filmische Fiktion treten können: Schließlich hatte Kubrick mit seinen beiden Drehbuchautoren bei der Entwicklung des titelgebenden, kettenrauchenden Deutschen mit dunkler Brille im Rollstuhl durchaus an Henry Kissinger, den späteren amerikanischen Außenminister, gedacht. Daneben trägt er Züge des Zukunftsforschers Herman Kahn, aber vor allem auch Wernher von Brauns, des Raketenforschers des "Dritten Reichs", der nach dem Zweiten Weltkrieg das amerikanische Programm zur Erforschung des Weltraums leitete. Außerdem wurde Kubrick von der Figur des geistesgestörten Wissenschaftlers Dr. Rotwang aus Fritz Langs "Metropolis" (1927) inspiriert mit seiner Prothese eines mechanischen Arms und dessen ebenfalls in einem schwarzen Handschuh steckender Hand.

"Dr. Strangelove" basiert auf dem Roman Red Alert, den der ehemalige Lieutenant der Royal Air Force Peter George 1958 unter dem Pseudonym Peter Bryant veröffentlicht hatte. Vom Publikum seinerzeit weitgehend unbeachtet, fand das Buch in Fachkreisen indes große Resonanz und wurde Regisseur Stanley Kubrick 1961 von Alistair Buchan, dem Leiter des Londoner Instituts für Strategische Studien, empfohlen.

Im amerikanischen Kino der 50er Jahre kam die Angst vor der nuklearen Apokalypse vor allem verschlüsselt in Science-Fiction-Filmen vor. Ende des Jahrzehnts aber wurde sowohl das reale politische Szenario als auch seine Umsetzung auf der Leinwand konkreter. Endzeitstimmung bestimmte viele amerikanische Filme, so etwa in Stanley Kramers "Das letzte Ufer" (On the Beach, 1959), in dem eine U-Boot-Besatzung für kurze Zeit einen Aufschub vom Sterben an der Küste Australiens genießt, nachdem die anderen Kontinente bereits atomar verseucht sind. Oder Ranald MacDougalls "Die Welt, das Fleisch und der Teufel" (The World, the Flesh and the Devil, 1958), in dem sich drei Überlebende einer Atomkatastrophe im Wolkenkratzerdschungel von New York begegnen.

Als das amerikanische Filmstudio Columbia im Frühjahr 1962 Kubricks Leinwandadaption von Red Alert ankündigte, hatte sich auch die reale Bedrohung des Kalten Kriegs zwischen der USA und der UdSSR zugespitzt. Die sogenannte Kuba-Krise stand vor der Tür: Als der sowjetische Präsident Nikita S. Chruschtschow Kuba zum Raketenstützpunkt ausbauen wollte, empfahlen die Militärs im Stab des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy einen Überraschungsschlag. Für Ende Oktober 1962 hatten sie die Invasion Kubas geplant, gerade rechtzeitig zog Chruschtschow seine Raketen zurück.

Trotz siegesgewisser Pose offenbarte sich das kollektive Unbehagen und die Beklemmung des Westens auch im Output Hollywoods. So thematisieren etwa die politischen Spielfilme jener Jahre "Botschafter der Angst" (The Manchurian Candidate, R: John Frankenheimer, 1962) oder "Der Kandidat" (The Best Man, R: Franklin J. Schaffner, 1964), nicht nur die Bedrohung hinter dem "Eisernen Vorhang", sondern auch eine potenzielle Verschwörung und Verführung in Washington. Ebenfalls im Frühjahr 1962 kündigten United Artists ein sehr ähnliches Konkurrenzprojekt zu "Dr. Seltsam" an, nämlich die Verfilmung des Bestsellers Fail Safe. Auch dieses Buch (der Film lief später unter dem deutschen Titel "Angriffsziel Moskau" [R: Sidney Lumet, 1964] im Kino an) warnt vor einer Technik, die vom Menschen nicht mehr kontrollierbar ist. Während in "Dr. Seltsam" ein durchgeknallter General seinem B52-Geschwader den nuklearen Angriff auf Militärziele in der Sowjetunion befiehlt, wird hier eine Bomberstaffel aufgrund eines Kurzschlusses in Marsch gesetzt. Nachdem so in beiden Szenarien ein unprovozierter Angriff stattfand, holt die Sowjetunion jeweils zum Vergeltungsschlag aus.

Doch obwohl – oder gerade weil – die reale Bedrohung so enorm und durch die mediale Reflexion noch verstärkt schien, entschied sich Kubrick nach einigen Wochen Drehbucharbeit, den ernsthaften Ton der Vorlage zugunsten einer schwarzen Komödie umzuwandeln. Auch gefiel ihm die ursprüngliche Auflösung nicht: Am Schluss des Romans wird die Bombermission abgebrochen, so dass die russische Waffe für den Gegenschlag, die sogenannte "Doomsday Machine" – die "Maschine des Jüngsten Gerichts" – nicht zum Einsatz kommt. Endet der Roman mit der Hoffnung, dass die Welt den Frieden retten kann, wollte Kubrick einen pessimistischeren Schluss präsentieren. "Die Tatsache, dass die Atombombe seit dem Zweiten Weltkrieg weder absichtlich noch versehentlich gegen Menschen eingesetzt wurde, gleicht der Situation einer Fluggesellschaft, die in 20 Jahren keinen Absturz hatte. Man muss eine solche Leistung zwar bewundern, aber man weiß auch, dass es nicht ewig so weitergehen kann", äußerte er sich 1965 gegenüber dem Sunday Times Magazine.

Anders als viele Action- und Kriegsfilme heute entstand Kubricks Film ohne Unterstützung seitens der amerikanischen Regierung. Doch das US-Militär konnte sich eines Kommentars nicht erwehren. So beginnt der Film mit einem Rolltitel, in dem die US-Luftwaffe versichert, dass sie die im Film dargestellten Ereignisse bestimmt verhindern würde. Das Ganze ist sprachlich so verschnörkelt, dass man fast vermuten möchte, auch hier hätte Kubrick seine Hände im Spiel gehabt. Diesem offiziellen Dementi folgt die Aufnahme eines großen Wolkenfeldes. Eine Stimme aus dem Off erklärt, es kursierten Gerüchte, nach denen die Sowjetunion eine "Doomsday Machine" – in der deutschen Synchronfassung "Weltvernichtungsbombe" – stationiert habe, die die Erde in eine Einöde verwandeln könne. Danach erleben wir, wie im Luftwaffenstützpunkt Burpelson Alarmstufe Rot ausgelöst wird. General Ripper setzt seinen Group Captain Mandrake davon in Kenntnis, dass er für seine Bomberstaffel, die zwei Flugstunden von ihren Zielen im Innern der UdSSR entfernt ist, "Plan R" ausgelöst und damit den Bombenabwurf befohlen habe. Er habe festgestellt, so Ripper weiter, dass das amerikanische Trinkwasser verseucht worden sei. Schließlich sei es ja auffällig, dass die Sowjets stets nur Wodka tränken – aus diesem Grunde würde auch er kein Wasser mehr trinken und den Frauen beim Geschlechtsverkehr "his essence" verweigern.

Von General Ripper empfangen auch Bomber-Major Kong und seine Mannschaft den Befehl zum Abwurf. Mit einer großen Last Frontier-Geste klammert der Kommandant sich an seinen texanischen Cowboyhut und lässt alte Westernhelden erneut auferstehen, während er den Ordner mit den Befehlen öffnet. Darin findet sich später auch die Beschreibung der Notration für den Absprung über russischem Gebiet, wie man sie so oder ähnlich aus Vietnam-Filmen kennt: "eine 45.er Automatik-Pistole, zwei Päckchen Munition, konzentrierte Nahrung für vier Tage, ein Medikamentenpäckchen mit Antibiotika, Morphium, Vitaminen, Aufputschmitteln, Schlaftabletten, Beruhigungspillen, ein russisches Wörterbuch, kombiniert mit einer Minibibel, 100 Dollar in Rubeln, 100 Dollar in Gold, neun Päckchen Kaugummi, Präservative, drei Lippenstifte und drei Paar nahtlose Nylons", also »alles für ein tolles Wochenende in Vegas".

Gleichzeitig findet ein Treffen des amerikanischen Präsidenten mit seinem Militärstab im sogenannten War Room statt, den Kubrick von dem berühmten Szenenbildner Ken Adam, der unter anderem die Schaltzentralen der Macht für diverse James-Bond -Filme entwarf, als eine überdimensionale Pokerrunde gestalten ließ. Der Präsident, ein durchaus rationaler Mensch, wird von seinen kriegslüsternen Generalen gepusht und aufgestachelt: Natürlich sei dieser akute Zwischenfall von einem individuellen Fehlverhalten verursacht. Aber wo doch schon mal die Maschinerie in Gang gesetzt sei, könne man doch auch mal schauen, wie sich die Sache weiterentwickele.

Der amerikanische Präsident versucht, eine telefonische Verbindung zu seinem sowjetischen Pendant herzustellen – an dieser Stelle erinnert Kubrick in seinem streetwise-Brooklyn-Humor, dem auf und von der Straße geprägten Überlebenssinn, dann wieder doch an Billy Wilders angeblich so leichtgewichtig-jüdischen Witz – ein Beweis mehr natürlich, dass solche Stereotypen nicht greifen: Das Telefonat zwischen dem amerikanischen (Sellers) und dem angeblich wodka-geschwängerten sowjetischen Präsidenten ist jedenfalls ein Kabinettstück filmischen Leinwandhumors.

Die evidenteste Änderung gegenüber der Vorlage ist sicherlich, dass Kubrick aus dem ernsthaften Stoff eine – nicht minder seriöse, aber oft schrille und despektierliche – Satire gestrickt hat. Zu absurd, zu paradox schien ihm die Geschichte, die doch durchaus möglich und wahrscheinlich war. Es ist sozusagen eine Erfahrung, die der Mensch nicht durch Versuch und Irrtum entscheiden kann. Würde sie in einem ernsten Ton erzählt, könnte sie rasch ins Lächerliche kippen. Dagegen setzte Kubrick die Strategie der schwarzen Komödie. Im Grunde nämlich könne ein Komödie realistischer sein als ein Drama, weil die bizarren Elemente der Geschichte ganz anders zur Wirkung kämen, so Kubrick. Daher holte er als weiteren Drehbuchautoren den Amerikaner Terry Southern mit ins Boot, der seinen schrägen Humor mit dem satirischen Roman Candy bewiesen hatte. Während ihrer zweimonatigen Zusammenarbeit holte Kubrick Southern jeden Morgen um fünf Uhr im Bentley samt Chauffeur ab. Auf dem Weg in die Londoner Shepperton-Studios arbeiteten sie dann am Drehbuch, an zwei Schreibtischen, die in den Fond der alten Limousine eingebaut waren. Die Dreharbeiten fanden in England statt, da Peter Sellers das Land wegen seiner anstehenden Scheidung nicht verlassen durfte. Ursprünglich sollte Sellers sogar vier Rollen übernehmen. Nachdem er sich jedoch den Knöchel gebrochen hatte, übernahm Western-Veteran Slim Pickens die Rolle des Majors "King" Kong. Sellers war aber immer noch in drei Rollen zu sehen: als Dr. Seltsam (im Original: Dr. Strangelove, der – so heißt es in einem Dialog – vor seiner amerikanischen Einbürgerung "Dr. Merkwürdigliebe" hieß), als amerikanischer Präsident Merkin Muffley und als britischer Group Captain Lionel Mandrake.

"Dr. Seltsam" versammelt ein Kabinett grotesker Charaktere. Modelliert nach realen Persönlichkeiten, wird die sexuelle Konnotation von Krieg und Erotik, von Waffen und Phallussymbolen, also die Sexualpathologie des Krieges schlechthin durch die satirisch-überhöhte Wahl der Namen unterstrichen. So ist der von Impotenz-Fantasien gequälte General Jack D. Ripper etwa nach dem berüchtigten Triebmörder benannt, leitet sich der englische Nachname des Offiziers Lionel Mandrake vom Aphrodisiakum Alraunwurzel ab und beziehen sich Vor- und Nachname des amerikanischen Präsidenten Merkin Muffley auf die weibliche Schambehaarung. Übertroffen wird dies aber natürlich vom Titelhelden, der seine "seltsame Liebe" aus Tod und Vernichtung nährt. Erotik und sexuelle Anspielungen tauchen in dem Film also in allerlei Sublimierungen und Karikaturen auf.

Vielen zeitgenössischen Kritikern gefiel es nicht, dass Kubrick ein so ernstes Thema in das Gewand der Komödie kleidete. Zu offensichtlich fehlbar scheinen die Menschen, die sich der Gewalt angeblich unfehlbarer Maschinen ausliefern. Dennoch ist seine Leistung in der Filmgeschichte unbestritten. "Ich gebe nicht vor, alle Antworten zu kennen", sagte Kubrick etwa im Interview mit dem Kritiker Gene D. Phillips, "aber die Fragen sind es sicherlich wert, dass man über sie nachdenkt."



 

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