Stan Laurel und Oliver Hardy

Der Wolfsjunge


20.4.2010
Zur Zeit der Studentenunruhen in Frankreich erforscht Truffaut die zeitlosen Fragen nach Erziehung und Moral; verpackt in der Geschichte eines Wolfsjungen in der Begegnung mit der Zivilisation.

"Der Wolfsjunge", 1970"Der Wolfsjunge", 1970 (© Bertz + Fischer Verlag / original copyright holders)

François Truffaut erzählt die authentische Geschichte des 1798 in einem Wald bei Aveyron von Bauern entdeckten Wolfsjungen, der später nach seinem Fundort Victor de l´Aveyron genannt wird. Der ungefähr zehnjährige Junge, der nicht sprechen und nicht aufrecht gehen kann, kommt zunächst in einem Institut für Taubstumme unter, wo man nichts mit ihm anzufangen weiß, außer ihn als obskures Schauobjekt unter unmenschlichen Bedingungen zu halten.

Der Arzt Jean Itard erhält schließlich die Erlaubnis, den Jungen in seinem Haus aufzunehmen, um ihn zu erziehen beziehungsweise ihm die Regeln der Zivilisation beizubringen. Zusammen mit seiner Haushälterin Madame Guérin bemüht Itard sich liebevoll um den Jungen. Zunächst erscheint es aussichtslos: "Er hört uns, ohne uns zuzuhören. Er sieht uns, ohne uns anzuschauen."

Die Niederlagen, aber auch die kleinen Erfolge seiner Bemühungen dokumentiert Dr. Itard akribisch in einem Tagebuch. "Heute hat Victor zum ersten Mal geweint", lautet eine dieser kleinen Eintragungen, die durch den Film führen und deren Bedeutung und Tragweite sich für uns Zuschauer erst erschließen, sofern wir bereit sind, uns auf die langsame Erzählgeschwindigkeit des Films einzulassen.

Wenn im Verlauf des Films Victor auch nicht richtig sprechen lernt, so lernt er doch aufrecht zu gehen, "zivilisiert" zu essen und zu trinken und ein wenig zu lesen. Was dem Werk schließlich ein kleines Happy End verschafft, ist, dass Victor die Fähigkeit erlernt, Emotionen zu zeigen, und ein Gerechtigkeitsgefühl entwickelt – wichtige Eigenschaften und Grundlagen des menschlichen Daseins. Dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier im Prinzip nicht besonders groß ist, aber mit einiger Anstrengung durchaus vergrößert werden kann, schildert der Film mit beeindruckender Leichtigkeit.

"Der Wolfsjunge" (L'enfant sauvage) kommt 1970 in die Kinos. Auch in Frankreich war diese Zeit geprägt von anhaltenden Studentenunruhen und einer breiten gesellschaftlichen Diskussion um den Zustand von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Bourgeoisie stand im Zentrum der Auseinandersetzungen und damit auch alle bürgerlichen Werte und Ideale. Angeprangert wurden die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die Machtverhältnisse und der Privatbesitz der Produktionsmittel genauso wie die ungerechte Verteilung von Eigentum und Geld. Als ein Hauptübel der Klassengesellschaft wurde das Erziehungssystem angesehen, ein Instrument, welches in erster Linie Herrschaftswissen vermittelte und als machterhaltend erkannt wurde.

Die Kritik der Studenten und Intellektuellen richtete sich gegen eine Gesellschaft, die in den reichen Ländern der westlichen Welt mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach Ende des Zweiten Weltkriegs satt, träge und spießig geworden war. Der Selbstgefälligkeit einer zudem noch fantasie- und perspektivlosen Elterngeneration setzte man die Vision von freien, gleichen und selbstbestimmten Lebensformen entgegen. Das Spektrum des Widerstands reichte dabei von friedlichen bis zu gewalttätigen Aktionen, die Zielvorstellungen waren bei den einen im Ansatz reformorientiert, bei anderen ging es um die Abschaffung des gesamten Systems. Wie immer bei einem Blick in die Filmgeschichte ist es erforderlich, die gesellschaftlichen Umstände im Zusammenhang mit der Entstehung und Rezeption eines Films zu würdigen. Ohne Kenntnis des gesamten, also auch gesellschaftspolitischen Kontextes, kann es zu Missverständnissen und Fehldeutungen eines künstlerischen Werkes kommen. Eine werkimmanente Interpretation lässt die Zuschauer allein und oft ratlos zurück, ein tief gehender und emotionaler Zugang bleibt verschlossen. Dass im Zusammenhang mit "Der Wolfsjunge" dieser Kontext wichtig ist, belegen auch andere Werke, die in diesen Jahren entstanden sind. So wurde in der Bundesrepublik Deutschland das Kaspar-Hauser-Thema von Peter Handke für die Bühne bearbeitet, Werner Herzog griff es in seinem Film "Jeder für sich und Gott gegen alle" (1974) auf. Ein nahe liegendes Thema im Rahmen einer Auseinandersetzung um die Rolle der Erziehung, welche von der Kriegs- und Nachkriegsgeneration schlicht ignoriert wurde. Wohin entwickelt sich ein Mensch ohne Erziehung durch andere Menschen, wodurch wird der Mensch zum Menschen? Fragen, die in Truffauts Film nicht abstrakt, theoretisch oder wissenschaftlich behandelt werden, sondern mit der einfachen Metapher des Wolfsjungen. Dieses Wesen zwischen Mensch und Tier wird zur Projektionsfläche für solche Fragen und lässt auch viele Antworten zu, wohlgemerkt: lässt sie zu, gibt sie aber nicht. Eine beinahe philosophische Konstellation, die Truffaut da aufstellt, zu einer Zeit, in der Antworten viel wert waren, weil niemand welche hatte, oder aber zu viele. Genau das macht den Film künstlerisch wie gesellschaftlich wertvoll. Ein schlechter Film hätte Antworten präsentiert, die schon nach kurzer Zeit keinen Bestand und keine Relevanz mehr gehabt hätten.

Die Rolle des Fragenden im Film übernimmt stellvertretend Dr. Itard, der vom Regisseur selbst gespielt wird. Er geht sehr behutsam und experimentell vor, es gibt keine Vorbilder für den Prozess der gesellschaftlichen Eingliederung des Jungen. Ergebnisse und auch Rückschläge werden peinlich genau protokolliert, auch der Lehrer macht einen permanenten Lernprozess durch. Die authentischen Tagebuchaufzeichnungen des Dr. Itard werden im Off zitiert und bestimmen Tempo und Rhythmus der Erzählung. Durch dieses Stilmittel wird der quälend langsame Lernprozess Victors nachvollziehbar, kleinste Erfolge und Niederlagen werden für die Zuschauer fast körperlich spürbar. Die Langsamkeit des Films entspricht diesem anstregenden Lernprozess, ohne dass dabei Langeweile aufkäme. Hier stimmt das Verhältnis zwischen Form und Inhalt. Die fast dokumentarische Umsetzung erinnert ein wenig an den Dokumentarfilm "Sein und haben" (Être et avoir, 2002) von Nicolas Philibert, dem "Der Wolfsjunge" als Vorbild gedient haben könnte.

Truffaut ringt um Lösungsansätze oder Antworten auf die drängenden, aktuellen Fragen der Zeit, ohne sie einfach in den Raum zu stellen oder dem Zuschauer auf dem silbernen Tablett zu präsentieren. Ausschließlich ein von der Gesellschaft so unberührter Mensch wie Victor kann uns Angebote machen, über alle denkbaren zivilisatorischen Werte zu reflektieren.

Den Weg durch das Dickicht der Fragen und Antworten müssen wir uns schon selbst suchen, umso nachhaltiger bleiben die möglichen Antworten, die jeder für sich selbst findet, bestehen. Ein didaktischer Film ohne pädagogischen Zeigefinger, der sehr genau Truffauts Motto "Wie alle Autodidakten möchte ich vor allem überzeugen" widerspiegelt.

Es liegt nahe, dass der Regisseur sich schon wegen seiner eigenen Biografie mit gesellschaftskritischen Fragen auseinandersetzt. Im Jahre 1932 geboren, ist er nach dem Besuch der Volksschule zunächst als Laufbursche und Fabrikarbeiter tätig, bevor er Filmkritiker und schließlich Regisseur wird. Zum Zeitpunkt seines Todes im Jahre 1984 hinterlässt er mit über 20 Spielfilmen ein beeindruckendes Lebenswerk und nimmt einen der vorderen Plätze unter den großen Regisseuren der Filmgeschichte ein. Er beherrscht die Kunst, kleine eigene Welten zu erfinden, um damit große gesellschaftliche Fragen zu spiegeln.

Neben der Betrachtung des gesellschaftlichen Umfelds eines "historischen" Films wird es gerade für ein junges Publikum immer schwieriger, die Formsprache eines Films zu deuten und den "Wert" eines Films zu erkennen. Seit vielen Jahren steigt die Anzahl der weltweit produzierten Filme beständig. Schon jetzt führt diese Filminflation beim Publikum zu erheblichen Irritationen, kaum ein Film, abgesehen von den Blockbustern der großen amerikanischen Studios, kann noch ausreichend von der Filmkritik gewürdigt werden. Das Ergebnis: Immer mehr Filme werden von immer weniger Menschen gesehen, und immer weniger Filme machen immer größere Umsätze. Aufbau und Struktur der international vermarkteten Filme werden immer ähnlicher, die erzählten Geschichten folgen wohl kalkulierten Strickmustern; und die Sehgewohnheiten verändern sich. Man stelle sich vor, ein Jugendlicher, der gerade "Star Wars: Epidsode III – Die Rache der Sith" (Star Wars: Episode III - Revenge of the Sith", R: George Lucas, 2005) gesehen hat, wird am nächsten Morgen im Rahmen einer Schulvorstellung mit "Der Wolfsjunge" konfrontiert: kontrastreich in schwarzweiß gedreht, mit endlos langen Einstellungen. Wie kann man vermitteln, dass hier Meister ihres Faches am Werk waren, die genau wussten, was sie taten? Der Kameramann Néstor Almendros war ein international gefragter Profi, der bevorzugt für Truffaut und Eric Rohmer drehte und mit seinem Werk das französische Autorenkino dieser Zeit deutlich prägte. Auch der Drehbuchautor Jean Gruault, der neben Truffaut für Regisseure wie Alain Resnais, Jacques Rivette, Jean-Luc Godard und Roberto Rossellini schrieb, hat seinen festen Platz in der Filmgeschichte. Die Möglichkeit, dass sich Jugendliche in dem Film langweilen, ist dennoch gegeben, zumindest bezogen auf jene, für die der Film so fern scheint, wie für Victor die Menschen, die er zum ersten Mal sieht.

Wer weiß, wie die Bilder vor über 100 Jahren anfingen zu laufen, und wer ein wenig versteht von der Entwicklung der Filmmontage, dem Einsatz von Tricktechnik, Kamera und Ton wird einen Film wie "Der Wolfsjunge" nicht langweilig, sondern hochspannend finden.

Wer sich auf den Film einlässt, wird aber schnell erkennen, wie zeitlos und modern die angesprochenen Konflikte sind. Sofort gelingt es, den Bogen zu spannen zu brennenden Themen wie Generationskonflikten oder der Rolle von Schule und Gesellschaft angesichts des gegenwärtigen Wertewandels. Jede Erfahrung, die Victor im Hause Dr. Itards macht, ist neu für ihn: Kleidung zu tragen, in einem Bett zu schlafen oder zu weinen. Die simple Frage "Heißt zivilisiert sein wirklich, die Suppe mit dem Löffel zu essen?", freilich nicht gestellt von Victor, sondern von seinem pädagogischen Gegenüber, weist den Weg zu einer selbstkritischen und humanen Erziehungsmethode. Ein weiteres zentrales Thema des Films, die Bedeutung sozialer, also menschlicher Interaktion, ist in Zeiten wachsender Vereinzelung und Vereinsamung hochaktuell.

Angesichts der Welle von Remakes und Sequels, ist es eigentlich erstaunlich, dass noch niemand wegen der hohen Aktualität des Filmthemas eine Neuauflage von "Der Wolfsjunge" plant. Dazu ist der Film aber wahrscheinlich zu gut. Obwohl? Respekt ist ja auch ein Thema dieses Klassikers.



 

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