Stan Laurel und Oliver Hardy

Stalker


20.4.2010
In einer radikalen Ästhetik erzählt Andrei Tarkovsky von einer Expedition, an deren Ende die Erfüllung des innigsten Wunsches steht. Eine philosophische Parabel in der Tradition der Artussage.

"Stalker ", 1979"Stalker ", 1979 (© Bertz + Fischer Verlag / original copyright holders)

Drei Männer, ein Wissenschaftler, ein Schriftsteller auf der Suche nach Erlebnissen und ein "Stalker" (nach dem englischen Verb to stalk) oder Führer, reisen in ein verbotenes Gebiet. Diese geheimnisvolle "Zone", in der vielleicht vor langer Zeit ein Meteorit einschlug, verbirgt das "Zimmer", einen geheimen Ort, an dem "der stärkste und aufrichtigste Wunsch Wirklichkeit werden kann".

Die beiden Intellektuellen unternehmen, geführt von der dostojewskischen Figur des "Stalker", die gefahrvolle Reise durch ein Labyrinth von Hindernissen, die sie zwar nahe ans Ziel, schließlich jedoch wieder an ihren Ausgangspunkt zurückführt. Sie kann auch als eine Reise in das Innere der Personen oder als ein Ausflug in die zerstörte und vergiftete Welt der Zukunft verstanden werden. Wie immer bei Tarkowskij besitzt der Film eine emblematische Anfangs- und Schlusssequenz: ein Kind, die Geräusche eines fahrenden Zuges, ein Glas, das sich – womöglich durch die Kraft eines Blickes – auf einem Tisch verschiebt.

Dieser Film, eine philosophische Parabel, in Grau- und Blautönen gehalten, ist ein Echo solcher Werke wie der Artussage oder von Dantes Göttlicher Komödie.

Andrej Tarkowskij (1932-1986) gilt als der bedeutendste Regisseur der UdSSR in den 60er und 70er Jahren und gehört auch aus heutiger Sicht zu den größten Vertretern der Welt-Kinematografie. Seine Filme zeichnen sich durch die Tiefe ihrer philosophischen Fragestellung und durch ihre visionäre Formgebung aus, sie sind kompromisslos, meditativ, zukunftsweisend.

Nach einem Studium an der Moskauer Filmhochschule "WGIK", das er mit "Die Walze und die Geige" (Katok i skripka, 1961) abschloss, drehte Tarkowskij seinen ersten langen Spielfilm IWANS KINDHEIT (Iwanovo Detstwo, 1962), der die Zerstörung einer Jugend durch den Zweiten Weltkrieg schildert. Dieser Film ließ bereits die eigenwillige Erzählweise und die besondere Zielsetzung des Filmautors Tarkowskij erkennen. "Man muss von der Poesie lernen", so schrieb er damals, "mit wenigen Mitteln und wenigen Worten eine große Fülle von emotionalen Informationen zu vermitteln."

"Andrei Rubljow" (Andrey Rublyov, 1965-69), eine Biografie des mittelalterlichen Ikonenmalers, angelegt als historisches Fresko und als Schlüsselfilm über die Situation des Künstlers in einem autoritären Regime, der die Zuschauer bis heute durch seine geniale Bildgestaltung begeistert, führte zu scharfen Auseinandersetzungen mit der sowjetischen Filmverwaltung, die die Freigabe des Films lange hinausschob und nach Kräften behinderte; der Film wurde schließlich mit einem Exportverbot belegt. Den sowjetischen Behörden missfiel die düstere Radikalität des Films und die scharfe Darstellung der Abhängigkeit des Künstlers von den autoritären Gewalten, eine Konstellation, die leicht in die Gegenwart zu übersetzen war. Trotzdem trat der Film einen Siegeszug durch die ganze Welt an.

Nach "Solaris" (Solyaris, 1972), einem philosophischen Science-Fiction-Exkurs, gelang Tarkowskij wieder ein Film außergewöhnlichen Formats mit "Der Spiegel" (Serkalo, 1975), der in seinem Herkunftsland wegen seines Subjektivismus gerügt wurde. In dem für mich persönlich schönsten Film Tarkowskijs erzählt er eine doppelte Geschichte von zwei Generationen, von der Erinnerung an die Kindheit, aber auch von den Erfahrungen von Angst und Repression in der Stalin-Ära. Privates verschränkte sich in diesem Film mit Geschichte, Gesellschaft und Politik. Kühn war die Erzählweise des Films mit Chiffren und Leitmotiven.

Auf "Der Spiegel" folgte "Stalker", ein weiteres Meisterwerk, prototypisch für Tarkowskij in Stil und Inhalt, Erzählweise und Bildgestaltung, ein Film, den manche für das Meisterwerk Tarkowskijs schlechthin halten, obwohl ihm "Andrei Rubljow" und "Der Spiegel" ebenbürtig zur Seite stehen. Das Herausragende an "Stalker" ist die besondere Kohärenz der Erzählung und die Verschmelzung von traumhaften und realistischen Elementen – Bilder einer umweltzerstörten Industrielandschaft, über die eine Katastrophe hinwegging – die besonderen darstellerischen Leistungen und die Konzeption der Rollen und Figuren. Besonders im Gedächtnis bleibt die Figur des kleinen gelähmten Mädchens, das zusammen mit seiner Mutter in einer elenden Umgebung lebt, durch eine geheimnisvolle Kraft aber in die Lage versetzt wird, ein Glas zu bewegen. Die Mutter spricht in der für mich eindrucksvollsten Szene des ganzen Films einen Monolog vor einer kahlen Wand, sie spricht über ihr Leben an der Seite des "Stalkers".

Nach "Stalker" verließ Tarkowskij die UdSSR aufgrund der stetig anhaltenden Behinderung seiner Arbeit und drehte seine nächsten Filme in Italien und Schweden: "Nostalghia" (1982/83) und "Opfer" (Offret – Sacrificatio, 1985). Er starb 1986 in Paris. Durch seine letzten beiden Filme zieht sich das Thema des Exils, der Erinnerung und Beschwörung von Heimat und die Bedrohungen der Gegenwart.

Andrej Tarkowskij wurde von den Behörden und Institutionen seines Landes ins Ausland getrieben, seine sowjetischen Filme musste er den Studios und Kontrollinstanzen quasi abringen, in einem ständigen Kampf; und doch konnten sie unter den Bedingungen des damaligen Regimes immerhin gedreht werden. Es ist fraglich, ob sie in einer rein kommerziell orientierten Filmindustrie jemals zustande gekommen wären.



 

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