Stan Laurel und Oliver Hardy

Sans Soleil

Unsichtbare Sonne


21.4.2010
Die raffinierte Annäherung an den Prozess des Verstehens und des Erinnerns als kinematographischer Essay - Chris Markers "Sans Soleil" gilt bis heute als innovatives Beispiel dieser Gattung.

"Sans Soleil", 1982"Sans Soleil", 1982 (© Bertz + Fischer Verlag / original copyright holders)

Was gewiss ist: Man wird den Film beim ersten Sehen und Hören nicht verstehen. Diesen Befund teilen praktisch alle Rezensenten. Ein paar Beispiele aus der deutschen Presse zwischen Herbst 1983 und Frühjahr 1984 mögen das verdeutlichen: "Unmöglich, in der lyrisch-philosophisch durchwogten Gedankenfülle, worin die Blumen der Weissagung wie die harschen Disteln der Statistik blühen, gleich ganzen Überblick zu erlangen." (Stuttgarter Zeitung) – "Man muss den Film zweifellos mehrmals sehen, um diese komplexe Konstruktion und den artistischen Witz, der darin steckt, zu erfassen." (Tagesspiegel) – "Bilder und Worte spielen mit dem Zuschauer Hase und Igel – und während man atemlos zuschaut, tröstet man sich über die eigene Wehrlosigkeit hinweg mit einem Wort von Adorno: 'Der Wert eines Gedankens misst sich an seiner Distanz zu der Kontinuität des Bekannten.' Nach zehn Minuten hat Chris Marker, dieser originelle Außenseiter, gewonnen: Er hat aus der Banalität der Welt die ersten strahlenden Funken einer Welterklärung geschlagen." (Süddeutsche Zeitung)

Muss man also die ersten 10 Minuten von Chris Markers Film als eine Art Härtetest überstehen? Lassen wir diese Frage vorerst stehen und widmen uns einer weiteren Frage: "Welche Befriedigung kann man wohl empfinden, wenn man etwas nicht versteht?" Raymond Queneau, der französische Dichter, hat sie gestellt in seinem Roman Odile. Und um bei der Auseinandersetzung mit dem Verstehen zu bleiben: In "Sans Soleil" selbst gibt es einmal die Stelle, an der der Verstehensprozess angesprochen wird: "Nichts zu verstehen", so heißt es, "erhöht freilich den Genuss." Doch Achtung, hier wird nicht der Kapitulation vor selbstverschuldeter Unwissenheit das Wort geredet. Es wird nur die vorläufige Wehrlosigkeit vor der Phänomenologie konstatiert. In "Sans Soleil" berichtet ein Mensch von seiner Begegnung mit dem japanischen Fernsehprogramm: "Aber je länger man das japanische Fernsehen betrachtet, umso mehr hat man das Gefühl, von ihm betrachtet zu werden."

Hier bekennt sich ein Neugieriger, und er bekennt sich als Unwissender. Die Unwissenheit ist ein Anfang, kein Ende. Wo das Ende liegt, ist unklar. "Ich weiß, dass ich nichts weiß", sagte schon Sokrates.

"Sans Soleil" ist eine raffinierte Annäherung an den Prozess des Verstehens und des Erinnerns, und diese Annäherung handelt auch vom Aushalten der Lücken des Nicht-Verstehens und des Nicht-Erinnerns. In diesen Lücken findet der Film statt.

Nähern wir uns also den Lücken. Nähern wir uns ihnen mit weiteren Fragen. Andreas Eisenhart hat sie im Mai 1983 in der Zeitschrift Filmkritik gestellt: "Was gab es eigentlich zu sehen? Was war zu hören? Sah man nicht zu Beginn drei Kinder auf einer Landstraße bei schräg stehender Sonne? Oder waren es nur zwei Kinder? Gab es nicht eine Stimme aus dem Off, die Stimme einer Frau, die von Briefen spricht – 'er schrieb mir' ist die konstante rhetorische Figur in 'Sans Soleil' –, und kamen diese Briefe nicht aus der ganzen Welt? [...] Und dachte der Verfasser der Briefe nicht später über Kamikaze-Flieger nach, die sich im zweiten Weltkrieg auf die amerikanische Flotte stürzten? [...] Ging es nicht irgendwie dauernd oder zumindest immer wieder um Japan? Ging es nicht um jenes Land der Ungleichzeitigkeiten, das sich über Jahrhunderte dem Westlichen erfolgreich verschließen konnte, um zuletzt doch, am intensivsten und effizientesten von allen asiatischen Ländern, vom Kapitalismus vereinnahmt zu werden, ja gut zwei Jahrzehnte lang dessen Speerspitze darzustellen? Und ging es nicht auch um Guinea-Bissau und die Kapverdischen Inseln, die kleinsten, unbedeutendsten und vergessensten jener Länder, die als letzte sich vom europäischen Kolonialismus befreit haben? Ging es in all dem vielleicht doch um Europa, oder um den europäischen Blick des Briefeschreibers – ein Reisender mit Kamera namens Sandor Krasna, was ein Heteronym Chris Markers ist – auf jene Länder? Zeigten nicht die einzigen Bilder europäischer Herkunft Wiesen, Bäume und Ruinen der Île-de-France, der traditionellen Landschaft der französischen Könige? Liegt nicht in deren Zentrum, wie die Pupille im Auge, Versailles, das Schloss des Sonnenkönigs? Hieß nicht der Film 'Sans Soleil', 'Ohne Sonne'?"

Gleich zu Anfang von "Sans Soleil", nach der Ouvertüre – Chris Marker hat sich den Titel seines Films vom gleichnamigen Liederzyklus Modest Mussorgskijs geliehen –, hört man die erwähnte Stimme aus dem Off: "Er schrieb mir: 'Ich bin gerade aus Hokkaido, der Insel im Norden, zurückgekehrt. Die reichen, eiligen Japaner fliegen, die anderen nehmen die Fähre. Das Warten, die Untätigkeit, der unterbrochene Schlaf, dies alles versetzt mich in einen vergangenen oder zukünftigen Krieg: Nachtzüge, Entwarnung, Atombunker ... Vom Alltäglichen eingefasste kleine Bruchstücke des Krieges.' Er [die Erzählung wechselt ins Räsonierende] liebte die Vergänglichkeit dieser flüchtigen Momente, diese Erinnerungen, die zu nichts anderem gedient hatten, als eben Erinnerungen zu hinterlassen. Er schrieb [wir kehren zurück ins Zitat]: 'Nach einigen Reisen um die Welt interessierte mich nur noch das Banale. Ich habe es mit der Ausdauer eines Prämienjägers verfolgt.' In dieser Sequenz sieht man – impressionistisch, traumverloren, zweckfrei – die Bilder eines Fährschiffes, unterwegs von Hokkaido nach Tokio.

Was diese Briefe transportieren und worüber sie berichten, das stellt das Handlungs- oder Assoziationsgerüst des Films dar. Worauf sie deuten und woher sie kommen, dem spürt die Sprecherin – im Original Alexandra Stewart, in der deutschen Fassung Charlotte Kerr– nach. Die Bilder begleiten sie dabei, ihre Stimme begleitet die Bilder. Was zu sehen und was zu hören ist, das legt parallel verlaufende Spuren. Bilder und Kommentar sind sich gegenseitig Ariadnefaden und Labyrinth.

"Aber das will erst durchschaut werden", schrieb Birgit Kämper in dem von ihr und Thomas Tode herausgegebenen Sonderheft der deutsch-französischen Zeitschrift CICIM zu Chris Marker: "Mit seinem Alternieren von direkter und indirekter Rede, dem Wechsel von Erzähltempi und den daraus resultierenden Perspektivverschiebungen und zeitlichen Brüchen verwirrt der Kommentar den durch die exzessive Bildmontage schon desorientierten Zuschauer. Er verweigert gerade das, was man von ihm erwartet: Sinnstiftung, den ordnenden Eingriff der Sprache in die assoziativ montierten Bilder."

Edgar Reitz hingegen schwärmte von "Sans Soleil" als dem bedeutendsten Film der Berlinale 1983: "Endlich eine filmische Sprache, die ihre Themen nicht verwaltet, sondern zum Schweben bringt. Die Sprache ist hier nicht Kommentar wie im Dokumentarfilm oder Fernsehfilm. Die Bilder sind keine Beweisstücke für 'Aussagen' oder 'Handlung', sondern immer wieder absolute Bildsprache. Bei diesem Verfahren entsteht ein ganz unerwarteter Eindruck: Der Film ist etwas Drittes, ist nicht die Summe von Bild und Sprache, sondern er entsteht zwischen diesen von den Sinnen wahrnehmbaren Ereignissen. Film ist etwas Unsichtbares, Unhörbares, ein Phänomen der Interferenz von Bildern und Sätzen, wie ich das in dieser reinen Form nie gesehen habe." (Medium, 4/1983)

"Sans Soleil" ist ein "Erinnerungsauslöser". Doch anders als in einem privaten Fotoalbum sprechen die Fundstücke nicht unmittelbar. Wer ist dieser Erzähler? Die Fiktion Sandor Krasna? Oder der Regisseur Chris Marker selbst? Als er vom Sortieren, Bearbeiten, Verfremden der gesuchten oder gefundenen, auf jeden Fall gesammelten Vergangenheits- und Gegenwartsbilder spricht, ist von der Montage die Rede. Sie ordnet den Film, ist sein abschließender, Sinn stiftender Teil, wird aber auch selbst zum Gegenstand der (Selbst-) Reflexion. Der "manische Kollege", der sich um diesen Prozess kümmert, ist der Cutter Hayao Yamaneko– ein weiteres Alter Ego Markers. Es erscheinen Bilder von Demonstrationen am umkämpften Flughafen Narita aus den 60er Jahren – im deutschen Kommentar heißt es erläuternd: "Japans Startbahn West". Naturalistische Dokumentaraufnahmen werden mit Farbwerten geflutet. Die Konturen des Dargestellten fransen aus, verschwimmen, verformen sich. Die auf diese Weise organisierten Bilder werden unterbrochen von Blicken auf die Regler eines Mischpults oder die Kippschalter eines Videosynthesizers. Der Kommentar: "Er [der Cutter Hayao Yamaneko] spielt mit den Zeichen seines Gedächtnisses, er steckt sie mit Nadeln fest und verziert sie wie Insekten, die der Zeit entflogen wären und die er von einem Punkt außerhalb der Zeit – der einzigen Ewigkeit, die uns bleibt – betrachten könnte. Ich schaue mir seine Maschinen an und denke an eine Welt, in der jedes Gedächtnis seine eigene Legende erfinden könnte." Darf man sagen, dass die Kippschalter an die im Kommentar genannten Nadeln für die aufgespießten Insekten erinnern? Es wäre zu offensichtlich und sei doch erwähnt.

"Sans Soleil" ist das intime Tagebuch eines manischen Bildersammlers, eines Fetischisten, der von der magischen Funktion des Auges spricht. Marker ist den Bildern verfallen, aber er traut ihnen nicht. Sie bleiben flüchtig, manchmal auch schroff abweisend. Marker liebt die Vergänglichkeit der Dinge. Er sagt: "Die Poesie entsteht aus der Unsicherheit."

"Sans Soleil" gilt als der filmische Essay schlechthin. Aber was ist ein filmischer Essay, gibt es ein Genre "Essayfilm"? In der Welt der Bücher verkörpern Essays die Nomaden im Regal. Andere Gattungen, etwa Geschichte, Philosophie, Prosa oder Lyrik, lassen sich in eine Ordnung zwingen. Der Essay ist der Außenseiter par excellence. Dieses Diktum stammt von Hans Magnus Enzensberger. Die Methode des Essays – gleich ob im Film oder im Buch – ist das Flanieren, das Streunen, das Vagabundieren. Sein Gestus: kontrollierte Gelassenheit. In "Sans Soleil" wird dafür ein anderes Wort genannt: die Abdrift, die seitliche Suchbewegung.

Der operative Modus von "Sans Soleil": Bilder denken, Gedanken sehen und auf diese Weise den Mehrwert des Leinwandgeschehens ausloten. Oder: eine Betrachtung entwickeln und diese Betrachtung an und mit den Bildern anwenden. Was der Film in Bewegung bringt, ist die Verzweigung von Gefühl und Verstand. In "Sans Soleil" lässt sich die Entwicklung von Begriffen, die mit beiden Beinen noch in der Beiläufigkeit stecken, erfahren. Mit anderen Worten: Es handelt sich um ein Kunstwerk, das der Zeit voraus ist; unabhängig davon, ob nun die Poeten der Wissenschaft voraus sind oder die Wissenschaftler der Poesie. Was jedenfalls dabei herauskommt, ist die pure Lust am Kino.

"Sans Soleil" wurde ein vollkommenes Fragment genannt. Er könnte die Skizze eines Films sein, den es nie geben wird. Chris Marker lässt sein Alter Ego Sandor Krasna schreiben: "Freilich werde ich diesen Film nie drehen. Aber ich sammle die Dekorationen, ich denke mir die Umwege aus, ich bringe meine Lieblingsgeschöpfe darin unter, und ich gebe ihm sogar einen Titel, eben den der Melodien Mussorgskijs: Ohne Sonne."



 

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