Skatepark mit springendem Skater im Vordergrund.

Die Halbstarken


25.2.2010
Die öffentliche Empörung war ein wichtiger Bestandteil der Inszenierungen von Halbstarken. So wurde häufig das Eingreifen der Polizei "mit einer Mischung aus freudiger Erwartung und Spannung" geradezu herbeigesehnt.

Die Vorbilder - New York 1954. Jugendliche auf dem Polizeirevier in der 47. Straße. Nach Krawallen am Time Sqare wurden sie von der Polizei aufgegriffen.Die Vorbilder - New York 1954. Jugendliche auf dem Polizeirevier in der 47. Straße. Nach Krawallen am Time Sqare wurden sie von der Polizei aufgegriffen. (© AP)

Die Bezeichnung "Halbstarke" taucht erstmals um 1900 auf und beschreibt schon damals "verdorbene" Jugendliche aus den unteren sozialen Schichten. So berichtet der Hamburger Richter Hermann Popert in seinem 1905 erstveröffentlichten Roman "Helmut Harringa" über ein Arbeiterviertel, in dem "Halbstarke, ... junge Kerle mit schmierigen Mützen über den fahlen Gesichtern, die elende Brut der lichtlosen Gänge und giftschwangeren Hinterhäuser", ihr Unwesen treiben (Popert 1905/1911, S. 61f.). 1912 widmet der Hamburger Pastor Clemens Schultz den "Halbstarken" sogar eine eigene Studie: "Der Halbstarke ... steht am liebsten müßig am Markte, und er ist der geschworene Feind der Ordnung, er hasst die Regelmäßigkeit, ebenso alles Schöne und ganz besonders die Arbeit. Er hat keinen Sinn für das Lebenswerte: Heim, Familie, Freundschaft, Vorwärtsstreben, Begeisterung, und ist völlig apathisch gegen ideale Güter, Kunst, Wissenschaft, Religion. Alles Schöne und Geordnete ärgert ihn, es löst in ihm Freude am Zerstören aus ..." (Schultz 1912, S. 8)

"Die Halbstarken kommen meist über die dritte und vierte Klasse nicht hinaus. Man steht spät auf und treibt sich den Tag über herum. Bisweilen übernimmt man eine Gelegenheitsarbeit, um wieder ein paar Groschen in die Hand zu bekommen, damit man für die Destille etwas hat. Dort sitzen sie in Haufen, oder sie stehen an den Straßenecken oder in den Hausfluren. Ist irgendetwas los, ein Krawall oder Auflauf, dann sind sie da. In der Tasche haben sie Steine, gelegentlich auch ein Schießwerkzeug, mit den Fingern bringen sie die gellenden, durch Mark und Bein dringenden Pfiffe hervor, vom Hinterhalt her wird so Revolution gemacht, mit Geschrei und Gejohle. Wendet man sich energisch gegen sie, so verschwinden sie wie die Ratten in ihren Löchern, denn dieses Volk ist feige." (Dehn 1919, S. 86f.)

Der Begriff überlebte die Zeit des Nationalsozialismus, und als es in den Jahren 1955 bis 1958 erneut zu Ausschreitungen und Massenprügeleien zwischen zumeist 15- bis 20-jährigen Arbeiterjugendlichen kam, wurde er wieder reichlich gebraucht:

"Zu einer regelrechten Straßenschlacht zwischen Polizisten und Halbstarken kam es in München. An die hundert Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren hatten sich zusammengerottet, als der Betrieb auf dem Rummelplatz schließen wollte. Die Lichter waren kaum verlöscht, als die Halbwüchsigen zu pfeifen und zu johlen begannen. Die Polizei hatte vorsorglich fünf Beamte in Zivil zum Jahrmarkt beordert, die nun versuchten, den Platz zu räumen. Immer mehr Halbstarke rotteten sich zusammen und leisteten Widerstand, selbst dann noch, als das Überfallkommando mit einem Funkstreifenwagen eintraf. Mit Gummiknüppeln wurden die Randalierenden abgedrängt. Dann gingen etwa 300 Jugendliche zum Gegenangriff über und bewarfen die Polizisten mit Pflastersteinen, wodurch u.a. die Windschutzscheibe des Streifenwagens zersplitterte und ein Beamter getroffen wurde. Schließlich trafen vom Polizeipräsidium der Wasserwerfer und ein zweites Überfallkommando ein. Danach zerstreuten sich die Jugendlichen unter Protestrufen und Pfiffen. Elf Jugendliche wurden festgenommen und werden wegen Aufruhrs angezeigt." (Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 6. August 1956) Etwa 350 derartige Ereignisse wurden zwischen 1956 und 1958 registriert (Kaiser 1959, S. 106), doch die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen. So kam es in den ersten beiden Septemberwochen des Jahres 1956 in Berlin fast täglich zu größeren Schlägereien:
  • am 5. September in Steglitz mit ca. 400 Beteiligten,
  • am 6. September in Steglitz mit ca. 300 Beteiligten, in Charlottenburg mit ca. 80 Beteiligten und im Wedding mit ca. 100 Beteiligten,
  • am 7. September in Charlottenburg mit ca. 50 Beteiligten,
  • am 8. September in Steglitz mit ca. 500 Beteiligten, in Wilmersdorf mit ca. 50 Beteiligten und in Charlottenburg mit ca. 150 Beteiligten,
  • am 9. September in Steglitz mit ca. 400 Beteiligten.
In Braunschweig waren am 23. August 1956 knapp 800 Jugendliche an Schlägereien beteiligt, in Köln und Osnabrück am 19. September jeweils etwa 300, ebenso viele am 2. und 3. November in Bremen und am 5. November in Hamburg. In Gelsenkirchen kam es zwischen dem 9. und 14. November 1956 an sechs aufeinander folgenden Abenden zu Massenprügeleien, bei denen meist 300 bis 500, an einem Tag sogar 1 500 Jugendliche mitmischten. In Dortmund beteiligten sich Anfang Dezember an drei Tagen jeweils 800 bis 1 000 Jugendliche an den Prügeleien (vgl. Kaiser 1959, S.29ff. und 102ff.; Sträter 1985, S. 141ff.).

Die Anlässe für die Krawalle waren zumeist auffallend zufällig und situationsbedingt: "Lokalverbot in einer Gastwirtschaft, Rivalitäten zwischen den Jugendlichen zweier Stadtviertel, ein Rummelplatz oder ein Schützenfest, die Presseberichte von Krawallen aus anderen Städten, Langeweile, Lust an der Provokation oder auch nur die Chance kollektiven Auftretens, verbunden mit (selbstverständlich: empörter) öffentlicher Wahrnehmung" (Lindner 1996, S. 33). Die öffentliche Empörung war ein wichtiger Bestandteil der Inszenierungen von Halbstarken. So wurde häufig das Eingreifen der Polizei "mit einer Mischung aus freudiger Erwartung und Spannung" (Lindner 1996, S. 33) geradezu herbeigesehnt. Erschienen die Beamten nicht, ging man oft enttäuscht auseinander. "Einige Versuche, die Polizei telefonisch zu alarmieren, blieben unbeachtet", meldet der Duisburger Generalanzeiger am 26. September 1956. "Als sich weder ein uniformierter Polizist noch ein Polizeifahrzeug sehen ließ, ging die Menge nach dreistündigem Warten auseinander." In Berlin-Steglitz zogen am 27. Januar 1957 ca. 20 Jugendliche nach dem Besuch eines Rock-´n´-Roll-Filmes johlend durch die Straßen und skandierten: "Wo bleibt die Polizei?" (Kaiser 1957, S. 154)

Mindestens so wichtig wie das Auftreten der Polizei für eine gelungene Aktion war die Anwesenheit der Presse. "Als Motiv für die Anzettelung des Krawalls zeigte sich, dass es den randalierenden Jungen vor allem auf eine "große Presse" ankommt. Sie wollen am nächsten Tag von ihren "Heldentaten" in der Zeitung lesen, und wo immer Fotografen auftauchen, drängen sie sich vor, um ins Schussfeld der Kamera zu kommen", berichten die Ruhr-Nachrichten am 22. September 1956. "Presseberichte aus anderen Städten wurden gesammelt, genauestens studiert, diskutiert und dienten als "Vorbilder" für eigene Aktionen, deren publizistisches Echo hernach neugierig und triumphierend verfolgt wurde." (Lindner 1996, S. 65)

Man traf sich irgendwo, wollte Spaß haben, sich "interessant machen", die Gruppe schwillt an und erleichtert das "Über-die-Stränge-Schlagen". Die Medien, die nun regelmäßig über "Halbstarken-Krawalle" in London, Paris oder in deutschen Städten berichteten, lieferten die Stilvorlagen für die korrekte Gestaltung des "Events", zeigten auch dem Jugendlichen in westdeutschen Kleinstädten, wie er sich zu verhalten habe, um Teil einer großen Jugendspaß- und -protestkultur zu sein.


Literatur

Dehn, Günther: Großstadtjugend. Beobachtungen und Erfahrungen aus der Welt der großstädtischen Arbeiterjugend. Berlin 1919. Hier zitiert nach Kaiser 1959, S. 16f.

Kaiser, Günther: Zur Phänomenologie und Anthropologie der sogenannten Halbstarken, in: Unsere Jugend, Heft 4/1957, S. 154-157. Hier zitiert nach Lindner 1996, S. 33.

Lindner, Werner: Jugendprotest seit den fünfziger Jahren. Dissens und kultureller Eigensinn. Opladen 1996.

Popert, Hermann: Helmut Harringa. Dresden 1905 (hier zitiert aus der 7. Auflage 1911).

Schultz, Clemens: Die Halbstarken. Leipzig 1912. Hier zitiert nach Lindner 1996, S. 27f.



 
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