kulturelle Bildung

Beats und Bedeutung, Takte und Themen – der Workshopverlauf


13.4.2012
Sookees Rap-Workshops können ganz unterschiedlich ablaufen. Meist gibt es jedoch einen inhaltlichen Teil, in dem über Hip-Hop-Kultur und –Musik gesprochen wird und die Bilder, die dort transportiert werden. Im Praxisteil schreiben die Jugendlichen eigene Texte und lernen dabei viel über das Handwerk des Rap.

Link zum Praxisbeispiel "Hip-Hop kann sensibel machen"

Scratchen (© Foto Maria Vaorin / Photocase)

Die Workshops haben sehr unterschiedliche Formate, sind Teil von Schulprojekttagen, finden im Rahmen von Feriencamps statt, laufen als offene Workshops in Jugendeinrichtungen oder als feste Bandcoaching-Projekte. Die Finanzierung ist ebenso vielfältig, die Angebote sind zum Beispiel integriert in Modellprojekte oder in einen lokalen Aktionsplan, werden von Kreisjugendringen getragen oder in anderen Kontexten über Jugendämter in Zusammenarbeit mit verschiedenen Trägervereinen ermöglicht.

Einen Großteil meiner Erfahrung habe ich als Honorarkraft bei cultures interactive e.V., einem Verein für interkulturelle Bildung und Gewaltprävention aus Berlin, erworben. Hier habe ich seit 2007 in sehr unterschiedlichen Projekten mit diversen inhaltlichen Schwerpunkten Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 10 und 22 Jahren kennengelernt. Die Workshops fanden in Grund-, Alternativ-, Förder-, Gesamt-, und Berufsschulen, in Gymnasien, Jugendzentren, Mehrgenerationenhäusern und Feriencamps statt. Es gab gemischte, aber auch reine Jungen- oder Mädchengruppen, Teilnehmende aus Familien mit Migrationsbiographien, meistens Rap-Anfänger/-innen, aber auch bereits Rap-erfahrene Teilnehmende. Je nach Zielgruppe des jeweiligen Projekts stelle ich mein Methoden-Repertoire um, um verständlich zu sein, die Jugendlichen zu begeistern und ihnen etwas mitgeben zu können. Oftmals werde ich aber auch von einer Gruppe überrascht und stelle fest, dass eine Mädchengruppe nicht gleich und nur eine Mädchengruppe ist, eine Förderschulgruppe nicht gleich und nur eine Förderschulgruppe usw. Mittlerweile ist ein intersektionaler Ansatz für meine Arbeit unerlässlich. Seit mir deutlich geworden ist, wie wichtig es ist, Mehrfachzugehörigkeiten mitzudenken in der Begegnung mit den jungen Menschen in meiner Arbeit, habe ich das Gefühl, den Teilnehmenden besser gerecht zu werden. Das gilt auch für die Thematisierung bestimmter Inhalte. Letztlich geht es darum, den Interessen der Jugendlichen nachzugehen und ihnen nicht einen Workshop nach meiner Vorstellung aufzudrücken. Die Gender-Thematik interessiert aber eigentlich immer, denn Gender betrifft nun mal alle Menschen auf die eine oder andere Weise.

Methodensteckbrief

Kurzbeschreibung Der Workshop bietet zum einen eine geschlechtersensible Thematisierung zentraler Themen in diskursdominanten deutschsprachigen Rapsongs (Macht, Straße, Ghetto, Gewalt, Sex, etc.) und führt zudem zahlreiche Techniken zum Verfassen von eigenen Raps ein, sodass die Jugendlichen angehalten werden sich mittels selbstgeschriebener Texte zu artikulieren.
ZieleVermittlung von Schreibtechniken zum selbständigen Verfassen von Raptexten sowie Auseinandersetzung mit und Sensibilisierung für die gewaltvolle Darstellung von Geschlechterrollen in Rapsongs und –videos im Rahmen jugendlicher Lebenswelten.
Teilnehmerzahl5-10
Altersstufe12-20
Zeitbedarf Mindestens 6 Stunden
RaumKlassenraum o.ä.
Benötigte Ausstattung / Materialien Stifte, Papier, Computerboxen, Beamer, Projektionsfläche
Sparte / Bereich / Feld Musik

Aufbau eines Workshops



Der Aufbau eines Workshops hängt natürlich sehr stark von der Zeit, und diese von der finanziellen Rahmung ab: Letztlich läuft es aber darauf hinaus ausreichend Raum für die Beziehungsarbeit zu schaffen. So gebe ich den Jugendlichen bei den Kennenlern- und Gruppenbildungsmethoden ganz deutlich die Gelegenheit mich zu allem zu befragen, was sie selbst nicht als unverschämt einschätzen würden. Hierüber initiiere ich die Thematisierung von Respekt ohne einen respektvollen Umgang moralisch-dogmatisch entlang meiner Maßstäbe einzufordern. Zudem mache ich transparent, dass ich nicht mit Wahrheiten und Weisheiten anrücke, sondern, dass ich einen Austausch zu bestimmten Themen suche und dass ich außerdem anbiete zu zeigen, wie man Raps schreibt. Das weitere Vorgehen hängt von der Gruppendynamik und den Wünschen der Jugendlichen ab: Entweder wir arbeiten zunächst inhaltlich, besprechen die aktuellen Rapper und ihre Botschaften, ihre Performance und ihre 'Realness‘ und überlegen, warum es Leute gibt, die sowohl die Frauen- als auch Männerbilder, die Darstellung von Gewalt und die Uneindeutigkeit bestimmter Lyrics in einer Vielzahl von Texten unterschiedlich bewerten. Oder wir nähern uns zuerst dem Verfassen eigener Texte und diskutieren die Inhalte der selbstgeschriebenen Raps, um darüber auf die Vorbilder und deren Inszenierungen zu kommen.

Die inhaltliche Arbeit



Bei der inhaltlichen Arbeit entlang des Materials bekannter Rapper (sowohl der 'Negativ‘-, 'Positiv‘-, als auch 'Ambivalenzbeispiele‘) geht es vor allem um die kritische Analyse der Themen in den Songs sowie deren Umsetzung mittels der Texte und Videos. Eine besonders wirksame Methode ist der 'Nackte Text‘. Hierbei geht es darum, die Coolness der Rapper in den Songs und Videos zu entzaubern und sich einzig auf den Inhalt zu konzentrieren. Hierfür liegen die Texte den Teilnehmenden ausschließlich gedruckt vor. Kein aufwändig produziertes Video, kein tanzbarer Beat, keine mitreißenden Flows, nur die Worte, nur der Inhalt. Hier lassen sich unterschiedliche Analysefragen stellen, die herauskristallisieren sollen, wo etwa die Grenzen der Jugendlichen sind (das heißt, was sie eigentlich überfordert oder was sie ablehnen, was in den Songs aber cool verpackt ist und zum Mitrappen animiert) oder wie sich ein solcher Text aus Sicht ihrer kleinen Schwester, ihres Lehrers, etc. liest (hierbei geht es um Empathieübernahme und die möglichen unterschiedlichen Wirkungen vor allem nicht-konsensuell sexualisierter oder gewaltdarstellender Inhalte). Wichtig ist es bei einer solchen Methode, nicht mit der Moralkeule zu arbeiten und die Wahrnehmungen der Jugendlichen nicht in Frage zu stellen. Gleichzeitig ist es mir aber wichtig, leidenschaftlich und authentisch von meinen Lesarten zu berichten.

Auch bei Videoanalysen gibt es die Möglichkeit verschiedene Rezeptionsaufträge zu stellen. Eine Gruppe konzentriert sich dabei etwa auf die Frage "Gibt es in dem Video Frauen? Wenn ja, wie sehen sie aus, was machen sie?“, eine andere "Welche Gemeinsamkeiten haben die Männer in dem Video mit Männern, die ihr so kennt?“ oder "Für wen könnte der Rapper im Video ein Vorbild sein? Warum?“

Diesen Analysemethoden wohnt die Tendenz inne, die Gender-Performances in den Songs und Videos zu entmystifizieren und ent-idealisieren bzw. ihre positiven Gehalte der Subversion und Vielfalt zu stärken und dafür zu sensibilisieren, dass es sehr unterschiedliche Lesarten solcher Musik gibt. Letztlich geht es wie gesagt darum, den Jugendlichen nahe zu legen, dass es kein hierarchisierendes 'So-sind-echte-Männer‘ und 'So-hat-sich-eine-Frau-zu-verhalten-wenn-sie-respektiert-werden-will‘ gibt, beziehungsweise dass Menschen sehr wohl andere Menschen danach beurteilen und ihnen und sich damit großes Unrecht tun, weil sie sie damit in ihrer Würde beschneiden.

Der Praxisteil eines Workshops hat ebenso den Schwerpunkt, die Unterschiedlichkeit der Inhalte und Styles zu begrüßen und die Jugendlichen allein schon dafür zu beglückwünschen, dass sie sich überhaupt trauen, einen Text zu schreiben und womöglich sogar vorzutragen oder aufzunehmen. Andersherum muss ebenso anerkannt werden, wenn Teilnehmende sich entscheiden erst mal zuzuschauen. Hierbei ist es jedoch wichtig abzuklären, dass die ausbleibende aktive Beteiligung nicht in Einschüchterung oder Dominanz begründet ist. Die Jugendlichen lernen im Praxisteil, wie ein 4/4- Takt funktioniert, dass er sich wie ein roter Faden durch den Beat zieht und es deswegen kein Drama ist, wenn man mal 'rauskommt‘. Sie lernen, dass es unterschiedliche Arten von Reimen gibt, wie Synonyme dabei helfen können, den Ausdruck zu intensivieren, wie semantische Felder erschlossen werden können, welche Möglichkeiten es im Satzbau gibt, wie ein Song aufgebaut ist und dergleichen.

Zwei wichtige Punkte sind zudem die Beat-Auswahl und die Themenfindung. Auch hierbei lässt sich gendersensitive Pädagogik praktizieren: Beides sind Verfahren, bei denen jede Stimme gehört werden muss und gleich viel wert ist. Erweisen sich Teilgruppen – und hierbei lässt sich in gemischten Gruppen immer wieder eine männliche Dominanz ausmachen, da Hip-Hop als Männerdomäne gilt und Jungs und Mädchen oft mit diesem Bild in die Workshops kommen – als dominant, muss das offengelegt werden. Dies bietet einen Anlass zur Diskussion, warum basisdemokratische Verfahren fair sind und dass alle das gleiche Recht haben, den Workshop zu 'ihrem‘ Workshop zu machen. Die Erfahrung sagt, dass die Teilnehmenden es genießen ernst genommen zu werden und 'erwachsene‘ Entscheidungen zu treffen. Sie genießen es auch, mal nicht rebellieren, widersprechen und schocken zu müssen, die Erfahrung zu machen, dass es Verständnis für Tabubrüche und das radikale Austesten von Grenzen gibt – eigene Grenzen und die der Erwachsenenwelt, in der so manches ziemlich doppelmoralisch anmutet aus Teenagerperspektive.

Insgesamt scheint es sich für die allermeisten Jugendlichen schön anzufühlen, wenn es Respekt innerhalb des Kennenlernens gibt, wenn die Bilder voneinander nicht schon vorgefertigt sind, wenn man stolz auf sich ist für einen selbst verfassten Text, insbesondere, wenn man in Deutsch eine Vier hat und es Applaus gibt für den Text. Es wird insgesamt viel applaudiert in den Workshops.



 

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„La Sarraz“ – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus „Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984 (Szene, Ablaufplan, Regie: L. Dammbeck; Tanz: Fine; Filme: Teile von „Hommage à La Sarraz“, eine Collage alter deutscher Heimfilme, 16mm Fassung der Videoaufzeichnung der Herakles-Proben; Kamera: Thomas Plenert; Regie/Schnitt: L. Dammbeck; Diamaterial: L. Dammbeck; Musik: Life Jazz Lothar Fiedler, Hansi Noack, Gottfried Rößler, Thomas Hertel; Aufbau/Kaschur/Malaktion: Olaf Wegewitz, Hans Hendrik Grimmling, L. Dammbeck; Projektion: Dietrich Oltmanns, Norbert Wagenbrett), Foto: Karin Plessing
1982 hatte Lutz Dammbeck mit der Arbeit am Herkakles-Konzept als Szenarium für einen Experimentalfilm begonnen; nach der Ablehnung durch die DEFA entwarf er es als Rauminszenierung und Mediencollage neu. Mit seinen auf der Grundlage dieses Konzeptes entwickelten multimedialen Inszenierungen „La Sarraz“, „Herakles“ und „Realfilm“ näherte sich Dammbeck der deutschen Vergangenheit und der politischen und sozialen Realität in der DDR. Er wandte sich „dem Thema Faschismus“ zu, weil er für seine Generation die Möglichkeit sah, „unbelastet und scheinbar naiv nach beunruhigenden Phänomenen zu fragen. Fragen zum Beispiel nach Ursachen für die Fazination des Nazismus, nach der Wirkung der von ihm geweckten Bilder und Emotionen, bis in die Gegenwart hinein“. (L. D.)Dossier

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