kulturelle Bildung

29.5.2012 | Von:
Vanessa-Isabelle Reinwand

Literaturvermittlung als kulturelle Bildung

Die Kompetenz Lesen und ein Verständnis von Literatur sind wichtige Schlüssel zum gesellschaftlichen und kulturellen Miteinander. Zahlreiche Akteure in Deutschland befassen sich mit der Vermittlung von Literatur und mit Leseförderung in verschiedensten Formaten und mit einer großen Methodenvielfalt.

Buchstaben (© maria_a/Photocase)

Literarische Kompetenz als Schlüsselkompetenz

Lesen und Schreiben gehören zu den elementarsten Kulturtechniken, die unsere Gesellschaft kennt und sind damit wesentlicher Teil der Allgemeinbildung und Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und politische Mitbestimmung. Lesen und Schreiben sind nicht nur notwendig, um sich im Alltag zurechtzufinden, sondern diese Fähigkeiten fungieren auch als Zugangsbedingungen zu und "Ermöglicher“ weiterer Bildung. Studien der Leseforschung haben gezeigt, dass nur 17% der Eltern ihren Vorschulkindern täglich vorlesen (Stiftung Lesen, 2007). Dies zeigt den anhaltenden Bedarf an früher Leseförderung, die einen wesentlichen Grundbaustein einer umfassenden Literaturvermittlung darstellt. In der regelmäßig stattfindenden Untersuchung "Vorlesen in Deutschland“ der Stiftung Lesen stand 2011 die Wirkung des frühen Vorlesens im Mittelpunkt. Die Studie liefert Hinweise darauf, dass Kinder, denen von den Eltern regelmäßig und häufig vorgelesen wird, mehr Freude am eigenen Lesen entwickeln, während und über die Pubertät hinaus mehr lesen und neben einer verstärkten Freude an Bewegung und künstlerischen Aktivitäten auch höheren Erfolg in der Schule aufweisen können. Von diesen positiven Wirkungen profitieren am stärksten die Jungen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass frühes Vorlesen kein "nice-to-have , sondern zentraler Impuls für [eine] Kompetenzentwicklung in ganz unterschiedlichen Bereichen“ (Stiftung Lesen 2011: 24) darstellt.

Aber nicht nur die Fähigkeit zu lesen, Texte zu verstehen und selbst Gedanken in Schrift zu fassen (literacy), sondern auch die Inhalte des Lesestoffes sind von großer Bedeutung für eine umfassende kulturelle Bildung durch Literaturvermittlung. Mittlerweile gibt es empfohlene Literatur für jede Altersgruppe. Eltern erhalten in qualifizierten Buchhandlungen und Bibliotheken eine gute Beratung, die auf Fragen wie "Welche Themen sind die richtigen für mein Kind?“ oder "Welchen Sprachstil kann das Kind erfassen?“ Antwort geben kann. Seit 2011 läuft das bundesweite Programm "Lesestart: Drei Meilensteine für das Lesen“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und der Stiftung Lesen. Dreimal werden im Rahmen des Programms Eltern kleiner Kinder Lesestartsets geschenkt – im ersten Lebensjahr beim Kinderarzt, nach drei Jahren in Bibliotheken und das letzte beim Schuleintritt. Dies soll dazu beitragen, einen flächendeckenden Zugang zu einer frühen Leseförderung zu schaffen. Das Programm wird dabei von zahlreichen bundesweiten Veranstaltungen begleitet.

Literaturvermittlung im Sinne kultureller Bildung

Das Spezifische literarischer Kompetenz im Vergleich zu anderen Formen von (Aus-)Bildung ist die damit grundgelegte Möglichkeit, sich Wissen selbstständig anzueignen. Damit trifft die literarische Bildung den Kern eines Bildungsverständnisses, welches kultureller Bildung seit dem 18. Jahrhundert bis heute zugrunde liegt: Kulturelle Bildung erfordert eine aktive Eigentätigkeit des sich bildenden Subjektes. Bildung ist ein Akt der Selbst-Bewusstwerdung in Auseinandersetzung zwischen Selbst und der das Individuum umgebenden (Um-)Welt. Eine gute Literaturvermittlung als kulturelle Bildung betrachtet, fördert damit das Eigeninteresse und regt an, sich selbsttätig mit Inhalten auseinanderzusetzen. Es geht dabei nicht darum, einen spezifischen kulturellen oder literarischen Kanon zu lehren, sondern neugierig zu machen auf die Möglichkeiten und Potenziale, die in unterschiedlichster Literatur und im Umgang mit Sprache verborgen liegen. Literaturvermittlung hat damit ihren Ort natürlich in der Schule, aber vor allem auch außerschulisch, da sich schulische Bewertungsmaßstäbe oftmals nicht mit einem sich je nach Individuum unterschiedlich entwickelnden Eigeninteresse vertragen.

Literaturvermittlung in Bildungsinstitutionen

Im Kindergarten geht es zunächst um die Heranführung an das Medium Buch, z.B. auch anhand von Bilderbüchern, im Vorschulbereich um eine Lese- und erste Schreibförderung. In der Bildungsinstitution Schule stehen vor allem die Sprach-, Erzähl-, Lese- und Schreibförderung in den Bereichen Dramatik, Epik und Lyrik sowie die Vermittlung von zentralen Werken und Texten der klassischen, aber auch der Gegenwartsliteratur im Mittelpunkt. Neben dem Textverstehen, das durch Arbeitstechniken und Methoden wie das Erkennen zentraler Textabschnitte, die Identifikation von Schlüsselbegriffen oder das Zusammenfassen von Textabschnitten geübt wird, gehört zum heutigen Verständnis einer umfassenden Vermittlung der Schlüsselkompetenz Literarität auch das kreative Verfassen eigener Texte. Dabei spielen unterschiedliche Textsorten und Ausdrucksstile wie Märchen, Erzählung, Gedicht, Comic oder Zeitungsbericht eine Rolle. Neben dem Kennenlernen und Unterscheiden verschiedener Textsorten und Texte und klassischen Formaten wie Lese- und Schreibwettbewerben gewinnen die Interpretation und das kreative Training der eigenen Schreibfähigkeit vor allem auch in Verbindung mit dem Gebrauch elektronischer Medien wie (Kinder-)Literaturwebsites, Blogs oder Wikis in der Schule an Bedeutung.

Dieser Bereich des kreativen Schreibens für unterschiedliche Altersgruppen ist aber eher in der außerschulischen oder der Hochschulausbildung anzutreffen. Es gibt vor allem zwei bedeutende Hochschulinstitute in Deutschland, an denen kreatives Schreiben universitär gelehrt wird (Deutsches Literaturinstitut Leipzig und Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim). Daneben bestehen zahlreiche weitere private wie öffentliche Fort- und Weiterbildungsinstitutionen, die sich der Literaturvermittlung als kulturelle Bildung widmen, und Multiplikatoren, d.h. Vermittler anleiten und ausbilden, aber auch direkte Angebote für eine breite Schicht von Literaturinteressierten bereithalten.


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