kulturelle Bildung
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Architektur in der kulturellen Bildung


25.6.2012
Architektur und Raum umgeben uns ständig und prägen unser Leben. Die bewusste Wahrnehmung von Architektur und ihre Gestaltung sind Thema verschiedenster kreativer Bildungsformate. Noch spielt Architekturvermittlung in der schulischen und außerschulischen kulturellen Bildung eine eher marginale Rolle, doch sie ist im Kommen.

Architekturvermittlung kann schon sehr früh beginnen, Workshop mit Kita-KindernArchitekturvermittlung kann schon sehr früh beginnen, Workshop mit Kita-Kindern (© Oliver Jirka)

Einleitung



Das Erleben von Raum und Architektur gehört zu den grundlegenden und allerfrühesten Erfahrungen des menschlichen Daseins. Wir sind immer und überall von Raum und Architektur umgeben. Wie Klang und Stille gehören Architektur und Freiraum zusammen und ergeben den dreidimensionalen Raum, der mit allen Sinnen erfahrbar ist. Das Herstellen einer Behausung als Schutzfunktion gehört zu den ursprünglichsten Bedürfnissen der Menschen, ja der Lebewesen überhaupt. Regionale Besonderheiten - Klima, Baumaterial, Lebensführung - führten zu einer unermesslichen kulturellen Fülle von Architekturen und Rauminterpretationen. Architektur ist auch Seismograph der gesellschaftlichen Prioritäten.

Kein Wunder also, dass das Interesse der Menschen an Architektur groß ist. Kein Wunder, dass viele Bauprojekte von einer demokratischen Öffentlichkeit begleitet werden, von der Nutzungsidee über Standortfindung und Finanzierung bis hin zu den heute geradezu standardmäßig angebotenen Baustellenbesichtigungen. Kein Wunder auch, dass Stadtführungen Kultur und Architektur verknüpfen - und auch spezielle Architekturführungen erschließen sich einem immer größer werdenden Laien-Publikum. Die Öffnung des Berufsbildes Architekt hin zum Vermittler und Partizipationspartner für Beteiligte und Nutzer/-innen ist da in Zeiten komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge nur konsequent und notwendig.
Verwunderlich ist allerdings, dass die Vermittlung von Architektur in der kulturellen Bildung – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen – neben Bildender Kunst, Musik, Theater, Tanz, Literatur, Film scheinbar immer noch in zweiter Reihe wahrgenommen und praktiziert wird. Kinder und Jugendliche sind schließlich die Bauherren, Gestalter und politischen Entscheidungsträger von morgen. Ihre intuitiven und kreativen Fähigkeiten schließen die Beschäftigung mit Architektur und Raum unbedingt ein.

Hier setzt die Architekturvermittlung an.
Architekturvermittlung (© Martina Nadansky)

Architekturvermittlung im Trend



"Give me the Eiffeltower!" – die Teilnehmenden des 4. Internationalen Symposiums -Architekturvermittlung in Weimar im April 2012 bringen sich in Position, strecken sich, balancieren und spüren am eigenen Körper, was Stabilität, Höhe und "Turm-Sein" bedeuten. "Architectural Gymnastics" (jap. Kenchiku Taiso), die Idee einer japanischen Architektengruppe, zeigt eine unkonventionelle Methode zur Architekturvermittlung. Sie arbeitet fach-, kultur- und generationenübergreifend, ist blitzschnell verständlich, überall sofort einsetzbar, humorvoll und dabei sehr lehrreich. Vorgestellt wurde diese Idee auch auf dem UIA (Union Internationale des Architectes)[1] – Kongress 2011 in Tokyo im Rahmen der UIA Architecture & Children Golden Cubes Awards, die 2011 zum ersten Mal international vergeben wurden.

Architectural Gymnastics im Treppenhaus der Bauhaus-Universität Weimar beim 4. Internationales Symposium Architekturvermittlung in Weimar 2012.Architectural Gymnastics im Treppenhaus der Bauhaus-Universität Weimar beim 4. Internationales Symposium Architekturvermittlung in Weimar 2012. (© Ute Kluge)
Architekturvermittlung liegt weltweit im Trend. Dies zeigt nicht nur die internationale Besetzung des UIA – auch das Weimarer Symposium stellte in Organisation und Zusammensetzung einen typischen Mix aus Fachinstitutionen und Initiativen aus den Bereichen Architektur und Pädagogik dar. Veranstaltet und gefördert von einem Verband aus Bauhaus-Universität Weimar, Architektenkammer Thüringen, Stiftung Baukultur Thüringen, Klassikstiftung Weimar sowie dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm) und dem Fachverband für Kunstpädagogik BDK, versammelten sich hier internationale Akteure aus Kroatien (Technische Universität Zagreb), der Schweiz (Creaviva , Zentrum Paul Klee, Bern), Schweden (Swedish Association of Architects, Stockholm) und Deutschland und stellten ihre aktuellen Projekte und Aktivitäten vor.

Ein kurzer Blick in die Entwicklung der Architekturvermittlung-


Wo stehen wir heute?



Das Interesse an Architekturvermittlung war und ist eng verknüpft mit der gesellschaftlichen und politischen Wahrnehmung von Architektur und reformpädagogischen Bildungskonzepten. Beide Themenbereiche haben sich erst ca. zu Beginn des 20. Jahrhunderts verdichtet und überhaupt verknüpft.

Pädagogische Konzepte



Unter den vielen reformpädagogischen Konzepten Anfang des 20. Jahrhunderts sind zwei zu nennen, die den Raum als "dritten Pädagogen"[2] in den Mittelpunkt stellen.

In der ‚Montessori-Pädagogik‘ – benannt nach der italienischen Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori (1870-1952)- stehen die Erzieher/-innen bewusst am Rand des Geschehens, der Raum mit seinen Rückzugsmöglichkeiten und unterschiedlichen Raumsituationen hingegen im Mittelpunkt. Die ‚Reggiopädagogik ‘, nach 1945 in der Region Reggio Emilia in Italien entstanden – stellt im Unterschied zu Montessori nicht die Ordnung eines vorbereiteten Raums in den Mittelpunkt. Hier sind die Lebendigkeit und Unverwechselbarkeit des gesamten Raumangebots charakteristisch. Entsprechend reagiert die Architektur- und Innenraumplanung auf diese Anforderungen. Beide Konzepte gelten bis heute als vorbildlich für Kita- und Krippenkonzepte- insbesondere die Reggiopädagogik hat wegen ihrer offenen Form breite Zustimmung erfahren.

Bauhaus, Deutscher Werkbund und R.I.B.A.



Ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich die sogenannte Moderne entwickelt, eine grundsätzlich neue Sichtweise von Architektur, Design und Stadtplanung, die mit pädagogischem Anspruch auch Hochschulreformen einbezogen hat.

Bauhaus



Mit dem Ende des 1. Weltkrieges 1918 wurden gesamtgesellschaftlich jene Kräfte frei, die kriegsbedingt unterbrochen, unterdrückt oder umgelenkt worden waren. So gründete der Architekt Walter Gropius, der bereits vor dem Krieg mit bahnbrechenden Projekten zum industriellen Bauen hervorgetreten war, im April 1919 das Staatliche Bauhaus, jene berühmte Schule für angehende Architekten, Künstler und Designer, an der Modernität und Funktionalität proklamiert und neue Produktionsformen erprobt wurden. In den nur 14 Jahren ihres Bestehens – 1933 musste sie auf Druck der Nationalsozialisten geschlossen werden- bildete das Bauhaus die Grundlage für weitreichende Neuerungen sowohl in den Bereichen Gestaltung, Kunst, Design, Architektur und Städtebau als auch in den pädagogischen Methoden mit Folgen bis in unsere heutige Zeit. Walter Gropius schloss sich dann um 1935 in England zeitweise der Reformschule "Dartington Hall" an, einer Art "englischem Bauhaus", wo er auch mit neun- und zehnjährigen Schülern über wegweisende zeitgenössische Bauprojekte diskutierte.

Deutscher Werkbund



Der Deutsche Werkbund, 1907 im Zusammenhang mit der aufstrebenden Industrialisierung gegründet, wird neben dem Bauhaus als ein weiterer Wegbereiter der Internationalen Moderne im angehenden 20. Jahrhundert angesehen. Er hatte und hat – 2007 wurde der 100-jährige Geburtstag gefeiert – das Ziel, gute Gestaltung im Zusammenspiel von Kunst, Handwerk und Industrie zu fördern und zu verbreiten. Funktionalität und Materialgerechtigkeit stehen dabei im Zentrum. Ab 1957 wurden, dem aufklärerischen und gesamtgesellschaftlichen pädagogischen Anspruch folgend, die sogenannten "Werkbundkisten" im Umlauf gebracht - tragbare Koffer mit sorgfältig verpacktem Originaldesign zum Be-greifen, darunter auch eine Kiste zum Thema Architektur und Stadtplanung mit Schautafeln wegweisender Architektur- und Stadtplanungsprojekte. Sie waren für den Verleih oder die Vorführung an Schulen gedacht, die im Rahmen der Unterrichtsbausteine Gestaltung, Design und Architektur durch die Kisten Unterstützung erfuhren. Sie wurden bis in die 1980er-Jahre hinein genutzt und dann eingestellt – einerseits ein gutes Zeichen, denn gute Gestaltung ist offensichtlich in der Gesellschaft angekommen, andererseits hatte sich der Einfluss erklärender und belehrender Schautafeln durch die Partizipationsansprüche der 1960er- und 1970er-Jahre abgeschwächt. Die Kofferidee hat sich als kreatives Unterrichtselement allerdings in weiterentwickelter Form gehalten[3].

Architects-in-schools-Bewegung



Die ‚Architects-in-schools’-Bewegung begann 1984 in Großbritannien, wo anlässlich des 150. Geburtstages des ‚Royal Institute of British Architects’ R.I.B.A. erstmals ein offizielles Kooperationsprogramm zwischen Architekten und Kindern initiiert wurde. Jake Brown, ein Londoner Architekt, war einer der Organisatoren und Initiatoren. Zuvor hatten die bewegten und bewegenden 1960er- und 1970er-Jahre den Blick stark auf stadtplanerische Sozialkonzepte, partizipatorische Beteiligungsmodelle und selbstgesteuerte Gruppen- und Nutzerprojekte gelenkt und u.a. zu den bekannten Partizipationsmodellen Planning for Real[4], Perspektivenwerkstatt, Zukunftswerkstatt[5], Mediation, Open Space, Runder Tisch, Planungszelle, Zukunftskonferenz, Lokaler Dialog geführt - Aufbruchstimmung, auch in der Pädagogik! Reform- und Gesamtschulen bildeten sich, neue Unterrichtsmethoden wurden entwickelt, und auch neue Schulbautypen. Diese ganzheitliche Verknüpfung drückt sich in der Architects-in-schools-Bewegung aus. Raus aus dem Elfenbeinturm – rein in die Schule als Lebensraum war die Devise.


Fußnoten

1.
Der UIA-Kongress, gegründet 1948, findet alle drei Jahre an einem anderen Ort mit einem aktuellen Themenschwerpunkt statt (2011: Design 2050)
2.
In Schweden sagt man: Jeder Schüler hat drei Lehrer. Der erste sind die anderen Kinder. Der zweite ist der Lehrer. Und der dritte ist der Raum.
3.
Zum Beispiel der ‚Klimakoffer‘ von KATE Kontaktstelle für Umwelt und Entwicklung e.V. in Berlin
4.
1977 entwickelt von Tony Gibson/UK, Britische Neighbourhood Initiatives.
5.
1980 entwickelt vom Zukunftsforscher Robert Jungk.

 
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