kulturelle Bildung

Der Prinzessinnengarten: eine andere Stadt kultivieren


25.6.2012
Der urbane Garten "Prinzessinnengarten" am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg ist ein Lern- und Begegnungsort. Praktisches Gärtnern, lernen und lehren – mit viel Engagement beleben Menschen verschiedenster Hintergründe diesen für alle offenen Garten und setzen sich mit sozialen, ökologischen und politischen Fragen auseinander.

Link zum Methodentext "Der Prinzessinnengarten als Ort des informellen Lernens"

Prinzessinnengarten (© Marco Clausen/ Prinzessinnengarten)

Hält man sich an einem Frühsommertag am Moritzplatz in Berlin Kreuzberg auf, dann kann es einem passieren, dass man Zeuge eines bewegenden Schauspiels wird. Zehntausend und mehr Bienen sammeln sich in einem Schwarm über dem Platz. Der Anblick überrascht, ist der Platz doch eigentlich das, was man als einen "Unort“ bezeichnen könnte. Ein Transitraum, beherrscht von einem vielbefahrenen Kreisverkehr. Die Antwort auf die Frage, was die Bienen hierher verschlagen hat, verbirgt sich hinter einem mit Hopfen bewachsenen Bauzaun. Tritt man durch ein Tor, findet man sich unerwartet in einem urbanen Garten wieder. Hier begegnen sich die unterschiedlichsten Menschen, arbeiten und lernen gemeinsam. Mehrere Bienenvölker sorgen für die Bestäubung des lokal angebauten Gemüses. 500 verschiedene Nutzpflanzen wachsen in transportablen Hochbeeten. Frisch geerntet werden Kräuter und Gemüse direkt in einem Gartenrestaurant verarbeitet, das sich in einem umgebauten Überseecontainer befindet.

Engagement und Leidenschaft



Seine Existenz verdankt der Prinzessinnengarten dem Engagement von unzähligen Nachbarinnen und Nachbarn, Interessierten, Freundinnen und Freunden. Sie haben im Verlauf von drei Sommern mit ihrer Arbeit, ihrer Leidenschaft, ihren vielfältigen Fähigkeiten und ihren Ideen an dieser zuvor vergessenen, zugewucherten und zugemüllten Fläche eine neue Form von urbanem Grün geschaffen. Keiner von ihnen besitzt ein eigenes Beet. Alle arbeiten gemeinsam daran, diesen für jede und jeden zugänglichen Garten aufzubauen und zu erhalten.

Prinzessinnengarten (© Marco Clausen/ Prinzessinnengarten)
Auf diese Art ist ein Ort des sozialen Zusammentreffens und ein Ort des informellen und erfahrungsbasierten Lernens entstanden. Um den selbstorganisierten Garten, der ohne jede Förderung aufgebaut wurde, auch wirtschaftlich nachhaltig zu gestalten, haben wir ein gemeinnütziges Unternehmen namens Nomadisch Grün gegründet. Einnahmen erzielen wir unter anderem durch die Gartengastronomie oder den Aufbau von weiteren Gärten, etwa an Schulen oder Universitäten.

Ökologisch-soziale Gärten in der Stadt – kein Einzelphänomen



Dabei ist der Prinzessinnengarten keineswegs eine singuläre Erscheinung. Wir bekommen viele Mails und häufig auch Besuch von Menschen und Initiativen, die in anderen Metropolen der Welt damit beginnen, selbstorganisierte und produktive Formen urbanen Grüns zu kultivieren. Dabei geht es den vielfältigen Akteuren/-innen neben dem Aspekt der Selbstversorgung auch um eine Reihe weiterer Motive, zu denen Nachbarschaftsaktivierung, Reduzierung von Transportwegen, Selbsthilfe in zerbrechlichen Quartieren, Bildung für nachhaltige Entwicklung oder neue Formen urbanen Zusammenlebens zählen. Sichtbar wird an diesen Orten auch eine andere Vision von Stadt: kleinteilig, nachbarschaftsorientiert, eingebettet in lokale wirtschaftliche und kommunikative Kreisläufe.

In ihrer praktischen Tätigkeit greift diese neue Gartenbewegung Themen wie Biodiversität, gesunde Ernährung, Recycling, Umweltgerechtigkeit, Klimawandel oder Ernährungssouveränität auf. Praktisch demonstrieren urbane Gärten einen ökologisch und sozial anderen Umgang mit städtischen Räumen und ihren Bewohnern, leisten ein empowerment sozial marginalisierter Bevölkerungsgruppen und sind Orte, an denen die Möglichkeiten für lokale Mikroökonomien und andere Wohlstandsmodelle ausprobiert werden. Auf eine unaufdringliche und pragmatische Art wird in solchen Gärten die Frage aufgeworfen, wie wir in Zukunft in den Städten leben, wie wir uns ernähren und wie wir lernen wollen.



 
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