kulturelle Bildung
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Kolonialgeschichte in Noten

Wie das Berliner Band-Kollektiv "1884" musikalisch zur historischen Bildung beiträgt


11.9.2012
Musikerinnen und Musiker afrikanischer Herkunft nahmen 2010 an einer Geschichtskonferenz in Berlin teil, die sich mit den Folgen der so genannten "Afrika-Konferenz" von 1884/1885 und dem Kolonialismus befasste. Sie entwickelten daraufhin gemeinsam Musik, die sich kritisch mit den historischen Ereignissen und ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart auseinandersetzt. Bei den Konzerten des Kollektivs kann auch das Publikum einiges über Kolonialgeschichte lernen.

Musiker des Kollektivs 1884 in AktionMusiker des Kollektivs 1884 in Aktion (© Daniela Incoronato)

Im Jahr 1884 entschied Europa über das Schicksal Afrikas. Auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck fand vom 15. November 1884 bis 26. Februar 1885 in Berlin die so genannte "Afrika-Konferenz" statt. Ihr Schlussdokument, die so genannte "Kongoakte" legitimierte die brutale wie willkürliche Aufteilung Afrikas in europäische Kolonien. Noch heute sieht sich der Kontinent mit den schwerwiegenden Folgen dieser wirtschaftlichen und kulturellen Ausschlachtung seiner Ressourcen konfrontiert. Doch trotz der Verstrickung deutscher und afrikanischer Geschichte klafft ein Loch in der gesellschaftlichen Aufarbeitung der Vergangenheit: In der deutschen Erinnerungspolitik wird der Kolonialismus ausgeblendet oder als nützlicher Beitrag zur Modernisierung Afrikas erinnert. "Wenn es um Kolonialverbrechen geht, verfällt die Nation in eine kollektive Amnesie", sagt Philippa Ebéné, Initiatorin des Projekts "1884" und Geschäftsführerin der Werkstatt der Kulturen in Berlin. "Schlimmer noch: Der Kolonialismus wird nostalgisch positiv konnotiert. Man denkt an Safarihelme, frei laufende Löwen und identifiziert sich mit den weißen Figuren der Daktari-Filme."

Ein blinder Fleck deutscher Geschichte



Dabei seien die Auswirkungen von Kolonialismus in Deutschland noch heute sehr präsent. "Antischwarzer Rassismus steht in klarer Kontinuität zur Rassenlehre des 19. Jahrhunderts und zu kolonialrassistischen Fantasien, die die ersten deutschen Konzentrationslager in Namibia möglich gemacht haben", so Ebéné. Trotzdem existiert im Gegensatz zur weitflächigen Aufarbeitung des Holocausts kein Bewusstsein für die tragende Rolle Deutschlands im kolonialen System: Im Deutschen Historischen Museum in Berlin, das die "Geschichte der Deutschen" erzählt, wird die Kolonialgeschichte des Landes in einen einzigen Schaukasten verbannt. Auch der Schulunterricht übergeht dieses Kapitel. "Dabei hieß Kolonialismus immer Vertreibung, Enteignung, Vergewaltigung und Ermordung. Aber das wird verdrängt", so Ebéné. Dieses Vakuum will das History-Music-Projekt "1884" füllen.

Annäherung an eine schmerzhafte Vergangenheit



Im Februar 2010, 125 Jahre nach der unheilvollen Tagung, veranstaltete die Werkstatt der Kulturen eine Geschichtskonferenz. Musiker/-innen afrikanischer Herkunft waren zu Vorträgen, Filmvorführungen und Workshops geladen, thematisch verhandelt wurde die Geschichte Afrikas vor der Kolonialinvasion, Sprachenpolitiken in Afrika, Kolonialismus im Film sowie afrikanische Widerstandsbewegungen gegen die koloniale Unterwerfung. Die Workshops präsentierten unterschiedliche Ansätze, um zu verdeutlichen, was die Kolonialherrschaft aus der Perspektive der europäischen Länder bewirken sollte und wie erfolgreich die europäische Kolonialideologie in ihrer Systematik funktionierte. Der Linguist Dr. Kofi Yakpo etwa zeichnete nach, wie die Sprachenpolitik der Kolonialmächte zur Entwertung afrikanischer Sprachen und der eigenen kulturellen Identitäten führte und somit als Mittel zum europäischen Machterhalt diente. Der Politikwissenschaftler Joshua Kwesi Aikins legte seinen Fokus auf die alltägliche Gegenwart der kolonialen Vergangenheit in Berlin. Dabei arbeitete er in seinem Vortrag mit einer Multimediapräsentation aus virtuellen Stadtkarten, Video- und Musikstücken. Die Musikerinnen und Musiker brachten zwar bereits Vorwissen und Informationen mit, doch bezogen sich diese vor allem auf ihre jeweiligen Herkunftsländer bzw. die eigenen kulturellen Kontexte. Deshalb war es wichtig, zunächst eine gemeinsame Ebene zu finden. "Wir haben nicht nur theoretisch gearbeitet, sondern die Teilnehmenden auch auf einer ästhetischen Ebene angesprochen. So war es möglich, an Erfahrungen und Emotionen anzuknüpfen", so Aikins. Ähnlich gingen die beiden Filmwissenschaftler Hakim El-Hachoumi und Enoka Ayemba vor. In ihren Workshops zeigten sie Filmausschnitte, die mit den teils sehr unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen der Musikerinnen und Musiker abgeglichen und diskutiert wurden. "Da wir es mit Künstlern zu tun hatten, haben wir bei der Vermittlung auch auf künstlerische Medien zurückgegriffen", sagt Ebéné. Der historische, sprach-, kultur-, und filmwissenschaftliche Input der 4-tägigen Veranstaltung sowie die biografischen Erfahrungen der Teilnehmenden bildeten die Grundlage für die Entstehung des gleichnamigen Musik-Albums "1884".



 
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