kulturelle Bildung
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Historische Spielfilme – ein Instrument zur Geschichtsvermittlung?


11.9.2012
Spielfilme mit historischen Inhalten sind seit jeher sehr beliebt. Kann man mit Spielfilmen, die historische Ereignisse zeigen oder die in der Vergangenheit spielen, etwas über Geschichte lernen? Was unterscheidet das informelle Lernen im Kino oder vor dem Fernseher vom Lernen in Bildungssituationen?

Wer sich im Kino historische Spielfilme anschaut ist fit in Geschichte? So einfach ist das nichtWer sich im Kino historische Spielfilme anschaut ist fit in Geschichte? So einfach ist das nicht (© cleeo/www.photocase.com)

Begrifflichkeiten



Historische Spielfilme wie beispielsweise "Der Untergang" (2004), "Das Leben der Anderen" (2006) oder die Fernsehproduktion "Die Flucht" (2007) erreichten und faszinierten in Deutschland ein Millionenpublikum, dasselbe gilt für Hollywood-Blockbuster wie "Schindlers Liste" (1993), "Gladiator" (2000) oder "Troja" (2004). Alle genannten Spielfilme zeichnet aus, dass sie sich zeitlich rückwärts wenden und historische Ereignisse zeigen – teils ausgehend von wahren Begebenheiten, wie dem Leben einer Person, einem Krieg oder einer Revolution, teils anhand einer erfundenen Handlung, die vor einem historischen Hintergrund abläuft. Insofern ist die begriffliche Verwendung historischer Spielfilm unglücklich gewählt und prinzipiell irreführend, treffender wären eigentlich die Bezeichnungen geschichtlicher Film oder Geschichtsfilm, um solche Filme von 'historischen' Spielfilmen wie beispielsweise "Die Mörder sind unter uns" (1945/1946) zu unterscheiden, die sich ihrerseits nicht auf ein historisches Ereignis beziehen müssen, sondern inzwischen selbst eine historische Bedeutung erlangt haben.

Faszination geschichtlicher Inhalte



Die Faszination für historische Stoffe, die auf die Leinwand gebannt werden, reicht zurück bis in die Anfangsjahre des Films. "The Birth of a Nation" (1915) war einer der ersten sogenannten abendfüllenden Filme mit historischer Handlung, allerdings noch als Stummfilm produziert. Ein Blick in die weitere Geschichte Hollywoods verdeutlicht, dass Geschichtsspielfilme immer wieder zu den erfolgreichsten – und bis heute bekanntesten – Filmen zählen, man denke nur an "Vom Winde verweht" (1939), "Ben Hur" (1959), "Die Brücke" (1959), "Cleopatra" (1963), "Der Name der Rose" (1986) oder "Platoon" (1986).

Da viele Kinoproduktionen später auch im TV ausgestrahlt werden, oft sogar in regelmäßigen Wiederholungen, erreichen Geschichtsspielfilme auch zahlreiche Jugendliche und dürften ein fester Bestandteil ihrer alltäglichen Lebenswelt sein. Doch können diese Filme nur unterhalten oder wecken sie auch das Interesse an historischen Themen und Fragestellungen? Vermitteln sie Wissen über Geschichte und falls ja, welches?

Geschichte als Konstruktion – auch im Film



Geschichtliche Spielfilme geben sich gern den Anschein, als ob sie 'die' historische Realität abbilden könnten, dem Publikum also die Vergangenheit 'ganz genau so' präsentieren könnten, 'wie sie wirklich war'. Oliver Hirschbiegel, Regisseur, und Bernd Eichinger, Produzent des Films "Der Untergang" betonten während der Werbekampagnen, dass sie die letzten Tage im Führerbunker "wieder zum Leben erwecken" und "dokumentarisch verfolgen" wollten – mit der Konsequenz, dass viele Zuschauer den Eindruck erhielten, sie seien gewissermaßen bei den Ereignissen im April und Mai 1945 'live dabei gewesen'[1]. Viele Spielfilme verstärken diesen Eindruck noch, indem sie der Filmhandlung eine Einblendung mit dem Hinweis "Nach einer wahren Geschichte" oder "Beruht auf wahren Begebenheiten" voranstellen.

Dabei muss man sich verdeutlichen, dass kein Spielfilm die exakte historische Realität zeigen kann, da einzelne Handlungen, Charaktereigenschaften, Dialoge und vieles mehr erfunden (zumindest nicht historisch belegt) und inszeniert sind, d.h. sie sind in einer bestimmten Art und Weise arrangiert. Selbst ein Historiker kann die Vergangenheit niemals so darstellen, 'wie sie wirklich war'. Er kann sie allenfalls rekonstruieren und deuten. Geschichte ist somit immer eine Interpretation bzw. Konstruktion, dies gilt auch für jeden geschichtlichen Spielfilm.

Lernen aus Geschichtsfilmen



Dennoch – oder vielleicht sogar aus diesem Grund – kann man anhand von Geschichtsfilmen viele Grundprinzipien von Geschichte, wie den Konstruktcharakter oder die Perspektivität, erkennen und auf diese Weise etwas darüber lernen, wie Geschichte eigentlich 'funktioniert'.

Die Erkenntnismöglichkeiten hinsichtlich der erzählten Zeit sind hingegen begrenzt und werden in den nächsten Abschnitten erörtert. Grundsätzlich ist dabei zwischen einem informellen, rein auf Unterhaltung ausgerichteten Konsum im Privaten und der Rezeption von Kino- oder TV-Filmen im Bildungswesen, also z.B. auch in der Schule, zu unterscheiden. Bei beiden Varianten können Jugendliche und (junge) Erwachsene ganz unterschiedliche Erkenntnisse aus einem Geschichtsspielfilm ziehen.

Privater Konsum: Informelles Lernen



Geschichtliche Spielfilme können durch ihre Intensität und Ausdrucksstärke die Fantasie der Zuschauer/-innen anregen und das Publikum in die erzählte Geschichte hineinziehen. So präsentieren sie ihrem Publikum nicht auf möglichst nüchterne Weise 'reine' Daten oder Fakten, sondern ziehen die Betrachter/-innen durch Einzelschicksale, die auf der Leinwand miterlebt werden, in ihren Bann. Zumeist entwickelt sich vor einer hochdramatischen historischen Kulisse, etwa einem Krieg, eine noch viel dramatischere Liebesgeschichte zwischen den Protagonisten. Die Zuschauer/-innen werden dadurch emotional stark vereinnahmt und 'fiebern' gewissermaßen mit den Helden der Erzählung mit, während sie die 'Bösewichte' ablehnen.

Dadurch übernimmt der Betrachter/die Betrachterin zumindest zu einem gewissen Teil auch die Wertungen, die der Film ausdrückt. Dies geschah zum Beispiel in vielen US-Produktionen der 1960er-Jahre oft recht plakativ, Spielfilme zum Zweiten Weltkrieg präsentierten jeweils mindestens einen durch und durch 'bösen' Nazi. Filme jüngeren Datums gehen hierbei zwar sehr viel subtiler vor und zeigen eher mehrdeutige Figuren, dennoch ist die Wirkung vergleichbar: Die Zuschauer/-innen übernehmen Wertvorstellungen und Deutungen des Films, ohne dass ihnen dies in der Regel bewusst ist, da sie durch Personalisierung, Dramatisierung und Emotionalisierung beeinflusst werden. Je nach Interpretation des Spielfilms kann diese unreflektierte Übernahme problematisch sein.

Nachbau der Berliner MauerNachbau der Berliner Mauer (© Britta Wehen)
Gleichzeitig glaubt der Betrachter/die Betrachterin, auch etwas über die tatsächlichen historischen Ereignisse zu lernen, da ein Spielfilm aufgrund seiner Bildlichkeit einen "impliziten Photorealismus"[2] vorgibt. Das Aussehen von Städten oder Landschaften kann im Film durch entsprechende Computeranimationen oder Kulissen nachgestellt werden. Für "Der Baader Meinhof Komplex" (2008) zum Beispiel wurde auf dem Außengelände der Filmstudios Babelsberg ein Teil der Berliner Mauer nachgebaut.

Ebenso können passende historische Gebrauchsgegenstände (Automobile, Werkzeug, Haushaltsgegenstände) oder Kleidung, Abzeichen und Orden etc. hergestellt und in der Filmhandlung verwendet werden. Die Ausstattung und Requisiten werden von den Zuschau-er/-innen wahrgenommen und mit bereits Gelesenem oder Gehörtem kombiniert. Hat der Zuschauer/die Zuschauerin bisher z.B. vom sogenannten Trojanischen Pferd nur gelesen oder Zeichnungen gesehen, wird er/sie sich nach Wolfgang Petersens "Troja" eventuell an die Erscheinung des Holzpferdes im genannten Film erinnern und zukünftig immer Petersens Trojanisches Pferd vor seinem/ihrem geistigen Auge sehen, wenn er/sie darüber liest, hört oder spricht.

Zudem übermitteln Spielfilme in wenigen Augenblicken eine sehr große Informationsfülle. Das Aussehen eines Ortes, verschiedene Gegenstände, die Kleidung der Protagonisten sowie ihre Gestalt, Körperhaltung, Mimik und Gestik, Stimmungen, Atmosphäre und Emotionen können in Bruchteilen von Sekunden dargestellt werden. So werden zwar zahlreiche Informationen angeboten, doch nur den wenigsten können die Zuschauer/-innen ihre komplette Aufmerksamkeit widmen. Dennoch bieten historische Spielfilme grundsätzlich die Möglichkeit, einen historischen Ort durch visuelle Details zu veranschaulichen, auch wenn dies nur für Geschichtsfilme gilt, bei denen die genannten Aspekte sorgfältig recherchiert und historisch triftig umgesetzt wurden.

In informellen Lernsituationen überwiegen daher Visualität und Dynamik des Spielfilms – im positiven Fall lassen sie historische Ereignisse dadurch konkreter und plastischer erscheinen. Im negativen Fall wird der Zuschauer/die Zuschauerin durch die konkrete Bildlichkeit und emotionale Darbietung überwältigt und in die Erzählung hineingezogen. Filmästhetische Mittel, wie Lichtgestaltung, Kameraperspektive oder Musikuntermalung steuern die Empfindungen und Assoziationen des Publikums ebenfalls und können dazu beitragen, dass die Zuschauer die Ansichten und Urteile des Spielfilms unhinterfragt übernehmen. Insbesondere in Bildungsinstitutionen sollte daher neben dem ästhetischen Genuss, den ein Spielfilm bereiten kann und soll, auch eine kritische Distanz zum Gesehenen aufgebaut werden, um so der Gefahr vorzubeugen, dass die Zuschauer die (impliziten) Deutungen des Films unreflektiert übernehmen.


Fußnoten

1.
Interview mit Oliver Hirschbiegel, in: Der Untergang, http://anon.amazon-de.speedera.net/anon.amazon-de/all-media/video/untergang.pdf, S. 12, Zugriff 06.08.2012.
2.
Der Mensch neigt dazu, das zu glauben, was er sieht. Da er durch einen Spielfilm nicht nur etwas über die Vergangenheit liest, sondern sie auch ‚sieht’, erliegt er der Illusion, er blicke auf die tatsächliche Vergangenheit, statt auf Schauspieler in Kostümen in einem Set. Zum Begriff siehe Gronau, Martin: Der Film als Ort der Geschichts(de)konstruktion. Reflexionen zu einer geschichtswissenschaftlichen Filmanalyse, in: AEON – Forum für junge Geschichtswissenschaft 1, 2009, S. 18-39, http://www.wissens-werk.de/index.php/aeon/article/view/10/AEON-2009-Artikel-Gronau-pdf_3, Zugriff 06.08.2012, S. 19.

 
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