kulturelle Bildung
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Migrationsgeschichte als persönliche Erfahrung und große Inszenierung

Über den Beitrag historischer Museen zur kulturellen Bildung am Beispiel des Deutschen Auswandererhauses


11.9.2012
Welche kreativen Zugangsmöglichkeiten bieten Museen für die historisch-politische Bildung? Das Auswandererhaus in Bremerhaven setzt auf die Erzählung persönlicher Geschichten und die Inszenierung großer Bilder. Migrationsgeschichte wird so zum Erlebnis für die Gäste. Aus geschichtsdidaktischer Sicht bietet dies Vor- und Nachteile.

Deutsches Auswandererhaus BremerhavenDeutsches Auswandererhaus Bremerhaven (© PhilippN/wikimedia commons)

"Gewiss heiratest du in Amerika n' Cowboy." So soll Martha Hüners Vater im Jahre 1923 gesagt haben, als er seiner Tochter kurz vor ihrer Auswanderung in die USA eine Pferdebürste zum Abschied schenkte.[1] Heute sind die Pferdebürste und die Lebensgeschichte Martha Hüners in der Dauerausstellung des ersten deutschen Migrationsmuseums, dem Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven (DAH), zu sehen und gelten als exemplarisch für die Sammelstrategie des Hauses. Denn das DAH hat sich zum Ziel gesetzt, historische Objekte zu sammeln und auszustellen, anhand derer Migrationsgeschichte persönlich nachvollziehbar wird: Fotos, Reisepässe, Koffer oder Erinnerungsstücke wie die Pferdebürste, die Martha Hüner ihr Leben lang als Andenken an ihre Heimat und ihre Eltern begleiten sollte, bilden laut Ausstellungskatalog das "Herz des Museums".[2] Den Museumsbesuchern /-innen werden sie in einer Dauerausstellung präsentiert, die historische Schauplätze von Migration mit aufwendigen Rekonstruktionen so authentisch wie möglich nachbilden möchte. So versteht sich das DAH zum einen als erlebnisorientiertes Angebot auf dem touristischen Freizeitmarkt, zum anderen als historischer Lernort, an dem Geschichte erfahrbar und Migration verstanden werden soll.[3]

Das DAH bietet damit einen vielversprechenden Ausgangspunkt für die Frage, welchen Beitrag historische Museen heute zur kulturellen Bildung leisten können, versucht es doch, die Objektnähe traditioneller historischer Museen mit der szenographischen Gestaltungsweise moderner Ausstellungstechnik zu verbinden. Im Folgenden sollen zur Beantwortung dieser Frage zunächst die Zielsetzungen sowie die zentralen Ausstellungsinhalte des DAH erläutert werden, ehe in einem zweiten Schritt das Lernpotenzial[4] dieses historischen Museums beleuchtet wird.

Lernort oder Wirtschaftsfaktor? Zur Entstehungsgeschichte des DAH



Wer die Zielsetzungen und Arbeitsweisen eines Museums verstehen will, muss sich – dies lässt sich am Beispiel des DAH anschaulich zeigen – mit der Entstehungsgeschichte des Museums beschäftigen. Denn von der ersten Idee für ein Migrationsmuseum bis zur Eröffnung des DAH im Jahr 2005 veränderten sich die Zielsetzungen der Museumsinitiative grundlegend: Während die ersten Forderungen nach einem Migrationsmuseum für Bremerhaven, die Mitte der 1980er-Jahre aus privater Vereinsinitiative entstanden, noch primär auf ein Museum als Ort der Bildung und Wissenschaft setzten, geht das später realisierte DAH vor allem auf eine Initiative der Bremerhavener Wirtschaft zurück, die in dem Museum einen wichtigen Beitrag zur Förderung des Städtetourismus und der Wirtschaft in und um Bremerhaven sieht.[5]

Mit dem Wandel in der Funktionszuschreibung für das Bremerhavener Migrationsmuseum gingen unterschiedliche Konzepte für die Ausstellungsgestaltung einher. Ein Konzeptpapier des "Fördervereins Deutsches Auswanderermuseum" von 1989 war noch ganz auf die Ergebnisse der historischen Migrationsforschung zugeschnitten und forderte für das Auswanderermuseum eine themenorientierte Kombination verschiedener Ausstellungsstücke, "z.B. [von] Nachbauten oder Originalexponate[n] mit Großfotos und erklärenden Texttafeln, um so eine bloße Aneinanderreihung verschiedener Tafeln oder Ausstellungsgegenstände zu vermeiden."[6] Spätestens jedoch, als 1998 mit dem "Initiativkreis Erlebniswelt Auswanderung" die lokale Wirtschaft die Diskurshoheit in der Museumsgründung übernommen hatte, waren die Museumsentwürfe geprägt von ökonomischen und ästhetischen Prämissen. Das künftige Museum sollte privat betrieben werden und nicht primär belehren, sondern als Familien- und Touristenattraktion eine möglichst große Besucherzahl anlocken und diese in das Erlebnis einer historischen Seereise eintauchen lassen.[7]

Diesem Ausstellungskonzept, das Geschichte vor allem als Erlebnis präsentieren möchte,[8] folgt auch die Dauerausstellung des DAH. Inhaltlich war sie von ihrer Eröffnung im August 2005 bis zum April 2012 ganz auf den Themenbereich Auswanderungsgeschichte zugeschnitten, da der Besucher oder die Besucherin beim Ausstellungsrundgang mittels einer elektronischen Chipkarte je eine/-n von 18 verschiedenen Auswanderern/-innen individuell bei seiner/ihrer Reise von der Heimat in die Neue Welt begleitet. Während der inszenierten Seereise von Bremerhaven in die USA kann man sich an verschiedenen multimedialen Stationen über Wanderungsmotive, Erlebnisse während der Überfahrt und den Prozess des Ankommens in der neuen Heimat informieren. Im April 2012 wurde der Ausstellungsrundgang erheblich erweitert. In einem Anbau des Museums werden nun auch Biografien und Hintergründe zu "300 Jahren Einwanderung nach Deutschland" präsentiert. Sie sind inszenatorisch eingebettet in eine bundesrepublikanische Ladenpassage aus dem Jahr 1973: Rekonstruktionen eines Zeitungskiosks, eines Friseursalons, eines Antiquariats, eines Reisebüros, eines Fotoladens, eines Kinos und eines Kaufhauses lassen den Besucher oder die Besucherin in die Warenwelt der frühen Bundesrepublik eintauchen und gleichzeitig Erinnerungsstücke und Hintergrundinformationen zur Einwanderungsgeschichte von 15 Migranten entdecken.[9]


Fußnoten

1.
http://www.dah-bremerhaven.de/sammlung.php (zuletzt aufgerufen am 18.07.2012).
2.
Deutsches Auswandererhaus (Hrsg.): Das Buch zum Deutschen Auswandererhaus. 2., überarb. und erweit. Aufl. Bremerhaven 2009, S. 126.
3.
Dass das DAH auch als außerschulischer Lernort wahrgenommen werden möchte, manifestiert sich nicht nur in der Publikation museumspädagogischer Materialien, sondern wird auch ausdrücklich auf der museumseigenen Homepage betont. Vgl. http://www.dah-bremerhaven.de/bildung.php (zuletzt aufgerufen am 18.07.2012).
4.
Vgl. zum Begriff des Lernpotenzials Karl-Ernst Jeismann: Didaktik der Geschichte: Das spezifische Bedingungsfeld des Geschichtsunterrichts. In: Günter C. Behrmann/ders./Hans Süssmuth (Hrsg.): Geschichte und Politik. Didaktische Grundlegung eines kooperativen Unterrichts. Paderborn 1978 (Geschichte, Politik: Studien zur Didaktik, Bd. 1), S. 50-107, insb. S. 103.
5.
Eine ausführliche Untersuchung der Genese des DAH findet sich in Martin Schlutow: Das Migrationsmuseum. Geschichtskulturelle Analyse eines neuen Museumstyps. Berlin 2012 (Geschichtskultur und historisches Lernen, Bd. 10), S. 77-142.
6.
Karen Schniedewind: Zur Form der Präsentation. Dezember 1989. Unveröffentlichtes Material des Fördervereins Deutsches Auswanderermuseum, S. 1.
7.
Vgl. Martin Schlutow: Das Migrationsmuseum, S. 126, 127.
8.
Damit folgt das DAH einem Leitmuster der Geschichtskultur, das Bernd Schönemann als charakteristisch für den Umgang mit Geschichte in der Postmoderne im Allgemeinen ansieht. Vgl. hierzu sowie zur geschichtsdidaktischen Kategorie der Geschichtskultur Bernd Schönemann: Geschichtsdidaktik und Geschichtskultur. In: Bernd Mütter/ders./Uwe Uffelmann (Hrsg.): Geschichtskultur. Theorie – Empirie – Pragmatik. Weinheim 2000 (Schriften zur Geschichtsdidaktik, Bd. 11), S. 26-58.
9.
Ausführliche Auskünfte über die Ausstellungsinhalte des Anbaus sind Ausgabe 11 der museumseigenen "news" zu entnehmen. Vgl. Deutsches Auswandererhaus news, Ausgabe 11 (04/2012). URL: http://www.dah-bremerhaven.de/pdf/news/News_11.pdf (zuletzt aufgerufen am 18.07.2012) Das Jahr 1973 wurde seitens des Museums als inszenatorischer Rahmen gewählt, da die Bundesregierung im November 1973 den Anwerbestopp ausländischer Arbeitskräfte veranlasste. Entgegen der ursprünglichen Absicht dieser migrationspolitischen Maßnahme ging in der Folgezeit die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer allerdings nicht zurück, sondern stieg weiter an, da viele Gastarbeiter nun ihre Familien nach Deutschland holten, anstatt in ihre Heimatländer zurückzureisen. Vgl. zum Anwerbestopp z. B. Klaus J. Bade: Einheimische Ausländer: 'Gastarbeiter' – Dauergäste – Einwanderer. In: Ders. (Hrsg.): Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München 1992, S. 393-401, hier S. 395-397.

 
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