kulturelle Bildung

14.1.2015 | Von:
Sabine Dengel

Mode. Ein Thema für die politische Bildung?

Mode hat bisher weder Eingang in den Kanon der politischen noch der kulturellen Bildung gefunden. Unter den Bedingungen von fortschreitender Ästhetisierung und Inszenierung sollten Kenntnisse über soziale Zeichensysteme wie die Mode Bestandteil demokratischer Persönlichkeitsbildung werden.

Eine Überschrift, die politische Bildung in einen Kontext mit Mode stellt, ist wahrscheinlich geeignet, zunächst die Aufmerksamkeit solcher Leser(innen) zu wecken, die sich für eine Kritik der Kleidungsstile deutscher Politikakteurinnen – die Kostüme der Kanzlerin, die Handtaschen der Verteidigungsministerin – interessieren. Geht es darum, ob es über diese Verbindung von Mode und Politik hinaus gelingen kann, Mode als Gegenstand politischer Bildung zu qualifizieren, sieht man vor dem geistigen Auge die zweifelnden Blicke der Lesenden. Zu Recht, denn politische Bildung setzt sich (noch) nicht regelhaft mit dem Phänomen der Mode in seinen Bedeutungen und Funktionen auseinander. Wer es wagen will, braucht einen langen Atem, denn wir haben es mit einem vielschichtigen Thema zu tun.

Eine erste Abgrenzung möchte ich bei der Begriffsverwendung vornehmen. Ich fasse im Folgenden unter "Mode" Kleidungsstücke, die von Roland Barthes so bezeichneten "vestimentären Objekte",[1] und nicht andere Objekte, die Moden unterliegen, wie Autos oder Kaffeetassen. Weiterhin gehe ich davon aus, dass sich niemand durch die Wahl seiner Kleidung der Mode entziehen kann. Ich begreife Mode als soziales Zeichensystem, das Identität formt, Abgrenzung definiert und Zugehörigkeit stiftet. Insofern sind es nicht die wechselnden Ausprägungen der Mode, die Frage, welche Formen, Materialien, Muster und Farben "aus der Mode" oder "in Mode" sind, deren Analyse im Feld der politischen Bildung weiterbringt. Vielmehr ist es die Frage nach den sozialen Funktionen der Mode, die auch Kultur- und Sozialwissenschaftler(innen) von Georg Simmel über Pierre Bourdieu bis Elena Esposito an einer analysierenden Auseinandersetzung mit dem Thema fasziniert hat.[2]

Hat Mode eine Kommunikationsfunktion, eine Symbolfunktion, eine Ordnungsfunktion, eine Imitationsfunktion, eine Integrationsfunktion, eine Distinktionsfunktion? Ist sie geeignet, gesellschaftlichen Verhältnissen und Problemen Ausdruck zu verleihen? Bietet sie Antworten oder Resonanzen auf soziale und politische Herausforderungen? Welche Rolle spielt Mode bei der Konstruktion von Identität, von sozialer Hierarchie und Herrschaft, von Körper und Geschlecht? Normen und Leitbilder können genauso Thema einer auf Mode gründenden Untersuchung sein wie Egalisierung und Differenzierung.

Fragen der sozialen und kulturellen Identität, des Habitus, des Lebensstils, der Gruppen- und Milieuzugehörigkeit reüssieren in einer sich differenzierenden und von ökonomischen Rahmenbedingungen bestimmten Gesellschaft schon länger zum Gegenstandsbereich der politischen Bildung. Aus der französischen Soziologie wissen wir, dass Geschmack kein reiner Ausdruck individueller Präferenzen, sondern auch gesellschaftlicher Zugehörigkeit und sozialer sowie ökonomischer Machtverhältnisse ist: Wer darüber entscheiden kann, welche Stile und Stilmerkmale die "angesagten" sind, der verfügt in der Regel auch über Definitionsmacht in anderen Bereichen.[3] Wird etwa in Bildungskontexten darüber diskutiert, ob man bildungsbenachteiligte Kinder schon in frühem Alter teilweise aus privaten Bindungen lösen sollte, um ihnen im Rahmen des öffentlichen Betreuungs- und Bildungssystems zu besseren Chancen zu verhelfen, schwingt vielfach dieses – implizite – Wissen mit, dass der Habitus und die kulturellen Codierungen der Herkunftsmilieus, nicht nur der Stand der Bildung, etwas mit Benachteiligung zu tun haben. Die Vermittlung von Kenntnissen über soziale Zeichensysteme wie die Mode sollte heute – unter den Bedingungen eines ästhetischen Kapitalismus[4] und nach dem iconic turn, dem "Paradigmenwechsel von Wort- zu Bildlogiken"[5] – Bestandteil einer politischen Bildung sein, die sich als demokratische Persönlichkeitsbildung versteht.

Politische Bildung trifft kulturelle Bildung: Kooperation à la mode?

Wenn politische Bildung die Pfade der klassischen politischen Wissensvermittlung verlassen will, eine an den konkreten Menschen und ihrer Lebenswelt orientierte Persönlichkeitsbildung sein möchte, sucht sie oftmals Anhaltspunkte im Fundus der kulturellen Bildung. Anders als die einem nüchternen Bildungsideal verpflichteten politischen Bildner haben die Akteure der kulturellen Bildung Ansätze entwickelt, die den ganzen Menschen im Blick behalten. Kulturelle Bildung setzt auf ein tiefes, auch sinnliches Verstehen von Bildungsinhalten, wie dies in der künstlerisch-ästhetischen Auseinandersetzung mit Fragen und der fragenden Auseinandersetzung mit Kunst und Künstler(innen) – wozu ich hier auch Modeschöpfer(innen) zähle – geschehen kann und sollte. Diese Fragen sind in der Regel gesellschaftspolitischer Natur, denn die Künste und Künstler(innen) sind nicht "aus der Welt" und beziehen sich in der Regel kritisch-kreativ auf Politik und Gesellschaft. Der politische Bildner Karl Ermert nennt dies eine Auseinandersetzung "mit Welt (…) im Medium der Künste" oder auch "Bilden (…) durch Kunst".[6] Eine ästhetische Beschäftigung mit gesellschaftspolitischen Gegenständen hat sich vor allem dann als besonders lohnend erwiesen, wenn wir es mit Zielgruppen zu tun haben, die den klassischen Methoden der politischen Wissensvermittlung aus dem Weg gehen.

Bezogen auf unseren Gegenstandsbereich müssen wir uns vergegenwärtigen, dass sich Medien und Praktiken des Sich-Ausdrückens und damit auch das Wesen von Politik und Gesellschaft im Zeitalter des Visuellen verändert haben. Dem Politikwissenschaftler Thomas Meyer folgend haben wir es mit der "Theatralisierung des Politischen in der Selbstdarstellung ihrer sichtbarsten politischen Akteure"[7] zu tun. Politische Bildung, die kritische Urteilsbildung fördern will, muss für Inszenierungen sensibilisieren, sollte das Vermögen zur Dechiffrierung der symbolischen Ausdrucksformen und Codes stärken, mit denen das Politische, aber auch die Bürger(innen) in der postdemokratischen "Wirklichkeit" daherkommen. Dazu gehört auch die Alphabetisierung hinsichtlich der (paradoxen) Funktionsweisen der Mode. Da Wirklichkeit zu jeder Zeit (ästhetisch) konstruiert ist und gesellschaftliche Gruppen sich immer über symbolische Mitgliedschaft konstituieren,[8] kann es also nicht um das Zurückgewinnen von Realität durch Bildung gehen, sondern um kritische Wahrnehmung und Deutungskompetenz in Bezug auf das, was auf der Zeichenebene kommuniziert wird. Dies sollten wir hinsichtlich der Mode nicht auf die leichte Schulter nehmen, da sie zwar als soziales und kulturelles Zeichensystem funktioniert, sich aber "zugleich als Spiel mit ästhetischen Möglichkeiten der Festschreibung von Bedeutungen" entzieht.[9]

Praxisbeispiel: "Gestern Hipster, heute Punk, morgen guck ich wieder in den Schrank"Praxisbeispiel: "Gestern Hipster, heute Punk, morgen guck ich wieder in den Schrank" (© JahnLühmannWilkens2013)
Unter dem Gesichtspunkt des "Ikonischen" fällt auch ein neuer Blick auf die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen, an die sich politische Bildungsarbeit vorwiegend richtet. Sie – nicht wie in früheren Zeiten die jeweils herrschenden politischen oder kulturellen Eliten – sind die dominanten Konsumenten und Ideengeber der Mode.[10] Heute darf es einfach nicht mehr "scheiße aussehen", wie der Theologe Matthias Sellmann in einen Beitrag einsteigt, der sich mit der Ästhetisierung jugendlicher Wirklichkeiten auseinandersetzt.[11] Gelungene Selbstinszenierung durch modische Gestaltung des äußeren Erscheinungsbildes ist im Medienzeitalter eine der zentralen Voraussetzungen für soziale Teilhabe, und die neuen visuellen Kommunikationsformen geben dem Outfit als Medium der Sichtbarmachung des Lifestyles eine noch fundamentalere Rolle als jeher schon. Mode, Lifestyle und Jugendkultur werden daher von einer Vielzahl der Jugendlichen als "ihre Themen" aufgefasst und mit sehr hoher Motivation als Gegenstand von Bildungsprojekten aufgenommen (siehe Praxisbeispiel). Das steht auch damit im Zusammenhang, dass die "Digital Natives" in einer komplexen und kontingenten Welt mit vielfältigen Optionen aufwachsen und sich in Feldern orientieren und vor allem präsentieren müssen, in denen die Grenzen zwischen Realität und Virtualität verschwimmen. Wo sich Verlässlichkeit hinsichtlich Beziehungen und Lebensgestaltung in Luft aufgelöst hat, wird der Wandel selbst zum Anker. Die Systemtheoretikerin Esposito nennt dies die "Stabilität des Vorübergehenden": die "schockierende Erfahrung, dass sich alles verändert, und dass dies das Einzige ist, auf das wir uns verlassen können".[12] Voraussetzung ist dabei, dass wir davon abgekommen sind, unsere früheren Errungenschaften und Erfahrungen wertzuschätzen. Damit der Wandel als positiv begriffen werden kann, war es nötig, dass wir eine "Obsession für alles Neue" entwickelt haben. Neu sein gilt schon ohne eine kritische Prüfung von Inhalt und Ergebnis als Qualitätsmerkmal. Mode beruhigt. Sie erlaubt uns, einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft zu richten; ihre Vergänglichkeit wird hingenommen, und die jeweils aktuelle Kollektion erfüllt eine kurze Zeit ihre soziale Orientierungsfunktion.[13]

Angesichts des Wissens um die ästhetische Formatierung der Lebenswelten nicht nur der Kinder und Jugendlichen ist der anhaltende Verweis der Mode in die Bereiche des Ephemeren, Trivialen, Oberflächlichen schwer zu erklären. Die Mode hat bisher nicht nur keinen Eingang in den Kanon der in der politischen Bildung verhandelten Inhalte gefunden, sondern auch nicht – bis auf wenige Gegenbeispiele – in den der kulturellen Bildung.

Fußnoten

1.
Vgl. Roland Barthes, Die Sprache der Mode, Frankfurt/M. 1985.
2.
Vgl. Georg Simmel, Philosophie der Mode (1905), in: ders., Gesamtausgabe, Bd. 10, hrsg. von Michael Behr/Volkhard Krech/Gerhard Schmidt, Frankfurt/M. 1995, S. 7–38; Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. 19925; Elena Esposito, Originalität durch Nachahmung: Die Rationalität der Mode (2011), in: Getrud Lehnert/Alicia Kühl/Katja Weise (Hrsg.), Modetheorie. Klassische Texte aus vier Jahrhunderten, Bielefeld 2014, S. 198–210.
3.
Vgl. P. Bourdieu (Anm. 2).
4.
Vgl. Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität, in: Kulturpolitische Mitteilungen, (2013) 2, S. 23–34.
5.
Vgl. Matthias Sellmann, "Es darf einfach nicht scheiße aussehen!" Alltagsästhetik als entscheidende Konstante jugendlicher Lebenswelten, in: Peter Martin Thomas/Marc Calmbach (Hrsg.), Jugendliche Lebenswelten. Perspektiven für Politik, Pädagogik und Gesellschaft, Berlin–Heidelberg 2013, S. 79–91, hier: S. 79.
6.
Karl Ermert, Aktuelle Tendenzen der Kunstvermittlung – Wie kann kulturelle Bildung im Museum davon profitieren?, Vortrag auf der Tagung "Das Museum als Laboratorium kultureller Bildung" der Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen, 25. Januar 2008, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, S. 3.
7.
Thomas Meyer, Was ist Politik?, Opladen 20032, S. 211. Vgl. auch ders., Die Theatralität der Politik in der Mediendemokratie, in: APuZ, (2003) 53, S. 12–19.
8.
Vgl. Henri Tajfel, Differentiation Between Social Groups: Studies in the Social Psychology of Inter-group Relations, London 1978. Grundlegend Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen (1923–1929), Darmstadt 1994. Bezogen auf modische Zeichensysteme G. Simmel (Anm. 2), insb. S. 15.
9.
Gertrud Lehnert, Mode. Theorie, Geschichte und Ästhetik einer kulturellen Praxis, Bielefeld 2013, S. 8.
10.
Vgl. Ingrid Loschek, Reclams Mode- und Kostümlexikon, Stuttgart 1999, S. 358.
11.
M. Sellmann (Anm. 5), S. 79.
12.
E. Esposito (Anm. 2), S. 204.
13.
Vgl. ebd., S. 204ff.
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Autor: Sabine Dengel für bpb.de
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