kulturelle Bildung
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Vielfalt der Kulturbegriffe


23.7.2009
"Kultur" ist ein sehr häufig gebrauchter Begriff, im Alltag wie auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Dabei ist er nur schwer zu fassen und äußerst vieldeutig. Wie bringt man Ordnung in diese unterschiedlichen Ansätze?

Der Kulturbegriff ist schwer zu fassen.Foto: knallgrün / Quelle: PhotocaseDer Kulturbegriff ist schwer zu fassen. (© Photocase/knallgrün)


Das Wort "Kultur"



Das Wort 'Kultur' gehört zu den Begriffen, die in der Gesellschaft sowie den Geistes- und Sozialwissenschaften am häufigsten gebraucht werden. Dennoch bleibt es im alltäglichen Sprachgebrauch meist ohne feste Bestimmung. Im Zuge der Weiterentwicklung der Geistes- zu den Kulturwissenschaften ist zwar eine Hochkonjunktur und "geradezu triumphale Rückkehr des Kulturbegriffs"[1] zu beobachten, aber die unterschiedlichen Definitionen dieses Begriffs in verschiedenen Disziplinen haben dazu geführt, dass seine Verwendung zunehmend unübersichtlich geworden ist.

Im Alltag wird das Wort ''Kultur'' in so unterschiedlichen Bedeutungen und Kontexten verwendet, dass es zu einer Bedeutungserweiterung bis hin zu einer Sinnentleerung gekommen ist. Letzteres zeigt sich schon daran, dass ''Kultur'' zu einem idiomatischen Bestandteil zahlloser Komposita geworden ist – wie Alltagskultur, Diskussionskultur, Esskultur, Fankultur, Firmenkultur, Fußballkultur, Populärkultur, Subkultur und vieler weiterer Zusammensetzungen (z.B. Kulturlandschaft, Kulturtechniken, politische Kultur).

Angesichts der Vielzahl unterschiedlicher Verwendungsweisen des Wortes ''Kultur'' und der Vielfalt konkurrierender wissenschaftlicher Definitionen erscheint es sinnvoll, statt von einem Kulturbegriff besser von Kulturbegriffen im Plural zu sprechen.[2] Zum einen verstehen unterschiedliche Disziplinen (z.B. die Anthropologie, Ethnologie, Geschichtswissenschaft, Psychologie, Soziologie, Religions- oder Erziehungswissenschaft) jeweils etwas anderes unter dem Begriff "Kultur".[3] Zum anderen unterscheidet sich das Verständnis von "Kultur" sowohl innerhalb einzelner Disziplinen und der Kulturwissenschaften [4] als auch in unterschiedlichen Gesellschaften und sozialen Gruppen. Dementsprechend groß ist inzwischen die Bedeutungsvielfalt des Kulturbegriffs, die durch das jeweilige Kulturverständnis der Akteure der politischen Bildung (z.B. Kulturstiftung des Bundes/der Länder, Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung) noch vergrößert wird.

Entwicklung des modernen Kulturbegriffs



Bereits die Herkunft des Wortes "Kultur", das vom lateinischen "colere" (pflegen, urbar machen) bzw. "cultura" und "cultus" (Landbau, Anbau, Bebauung, Pflege und Veredlung von Ackerboden) abgeleitet ist, also aus der Landwirtschaft stammt, verweist auf einen zentralen Aspekt sämtlicher Kulturbegriffe: Sie bezeichnen das "vom Menschen Gemachte" bzw. "gestaltend Hervorgebrachte" – im Gegensatz zu dem, was nicht vom Menschen geschaffen, sondern von Natur aus vorhanden ist. Die Entwicklung des modernen Kulturbegriffs ist geprägt durch eine Ausweitung des Bedeutungsfeldes von landwirtschaftlichen Tätigkeiten des Ackerbaus auf "die pädagogische, wissenschaftliche und künstlerische 'Pflege' der individuellen und sozialen Voraussetzungen des menschlichen Lebens selbst" [5]. Die ursprüngliche, engere Bedeutung, die sich auf Praktiken und Techniken des Landbaus bezog, ist durch metaphorische Erweiterung und Übertragung auf andere Bereiche zum Modell für andere mentale und soziale Formen der Kultivierung einer Gesellschaft geworden: "Kultur ist die Kunst ("ars", "téchne"), durch welche Gesellschaften ihr Überleben und ihre Entwicklung in einer übermächtigen Natur sichern."[6].

Im weitesten Sinne meint "Kultur" daher die vom Menschen durch die Bearbeitung der Natur mithilfe von planmäßigen Techniken selbst geschaffene Welt der geistigen Güter, materiellen Kunstprodukte und sozialen Einrichtungen. Dieser weite Begriff der Kultur umfasst die Gesamtheit der vom Menschen selbst hervorgebrachten und im Zuge der Sozialisation erworbenen Voraussetzungen sozialen Handelns, d.h. die typischen Arbeits- und Lebensformen, Denk- und Handlungsweisen, Wertvorstellungen und geistigen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft.

Die meisten Kulturbegriffe, die gegenwärtig favorisiert werden, rücken einen dieser Aspekte in den Mittelpunkt und bestimmen Kultur z.B. als Text bzw. System symbolischer Formen, als Aufführung oder Ritual, als Kommunikation, als lebensweltliche Praxis, als Standardisierungen des Denkens und Handelns, als mentales Orientierungssystem oder als Gesamtheit von Werten und Normen. Schon 1952 haben Kroeber und Kluckholm 175 verschiedene Definitionen von "Kultur" (bzw. vom englischen Wort "culture") genannt, und die Zahl hat sich seitdem noch erheblich erhöht.

Ebenso wie die historische Entwicklung des modernen Kulturbegriffs ist auch die Gegenwart durch das Nebeneinander eines breiten Spektrums von Ansätzen gekennzeichnet, die jeweils unterschiedliche Kulturbegriffe geprägt haben. Einen guten Überblick über die Vielfalt der Kulturbegriffe, die in der Gesellschaft und in der Wissenschaft im Umlauf sind, gibt die von Reckwitz [7] entwickelte "Typologie des Kulturbegriffs", derzufolge vier Arten von Kulturbegriffen unterschieden werden können:

(1) der normative Kulturbegriff,
(2) der totalitätsorientierte Kulturbegriff,
(3) der differenztheoretische Kulturbegriff,
(4) der bedeutungs- und wissensorientierte Kulturbegriff.

Der normative Kulturbegriff



Der normative (d.h. wertende und vorschreibende) Kulturbegriff beruht auf einer wertenden Gegenüberstellung bzw. einer Auszeichnung bestimmter ästhetischer Phänomene, Objekte und Praktiken, die in einer Gesellschaft hochgeschätzt und durch Traditionsbildung bewahrt werden. Eine restriktive und normative Definition des Begriffs grenzt diesen auf eine überhöhte "Hochkultur", d.h. einen Kanon ästhetischer Werke und "großer" Künstler ein, während die Alltags-, Massen- und Populärkulturen ausgegrenzt werden. Kennzeichnend für die Entwicklung des modernen Kulturbegriffs ist die Überwindung eines verengten, normativ geprägten Verständnisses von Kultur als "Hochkultur" oder "Hochliteratur", das sich im 19. Jahrhundert in Anknüpfung an den deutschen Idealismus im Bürgertum herausbildete, durch einen weiten, wertneutralen Kulturbegriff, der Hochkultur und Volkskultur umfasst.

Der totalitätsorientierte Kulturbegriff



Im Gegensatz zum normativen zeichnet sich der totalitätsorientierte Kulturbegriff zum einen dadurch aus, dass er von ästhetischen Wertungen und Ausgrenzungen absieht und "ganze Lebensformen", d.h. die Gesamtheit der Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsmuster von Kollektiven in den Mittelpunkt rückt. Zum anderen ist er durch eine Anerkennung der Verschiedenartigkeit und Gleichwertigkeit von Kulturen und kulturellen Ausdrucksformen geprägt. Gemäß eines solchen nicht-normativen, ganzheitlichen Verständnisses, von dem bis heute z.B. die Anthropologie, Ethnologie und Volkskunde ausgehen, meint der Begriff "Kultur" den Inbegriff aller kollektiv verbreiteten Glaubens-, Lebens- und Wissensformen, die sich Menschen im Zuge der Sozialisation aneignen und durch die sich eine Gesellschaft von anderen unterscheidet. Während sich die anglo-amerikanischen "Cultural Studies" vor allem mit Phänomenen der Alltags- und Populärkultur beschäftigen, gilt das Interesse der Kulturwissenschaften gleichermaßen der Hoch- und Populärkultur. Die Bedeutung der Alltagskultur besteht vor allem darin, dass z.B. Feiern, Feste und andere Rituale maßgeblich dazu beitragen, die kulturellen Werte und Normen einer Gesellschaft darzustellen, sichtbar zu machen, weiterzugeben und zu erneuern.

Der differenztheoretische Kulturbegriff



Der differenztheoretische Kulturbegriff unterscheidet sich von einem solchen weiten und ganzheitlichen Verständnis von Kultur durch eine radikale Einschränkung auf "das enge Feld der Kunst, der Bildung, der Wissenschaft und sonstiger intellektueller Aktivitäten" [8]. Kultur wird gemäß diesem aus der Soziologie stammenden und in der Systemtheorie ausgearbeiteten Konzept aufgefasst als ein bestimmtes Teilsystem der sozial ausdifferenzierten "modernen Gesellschaft, das sich auf intellektuelle und ästhetische Weltdeutungen spezialisiert" und das "zum Bestand der modernen Gesellschaft bestimmte funktionale Leistungen erbringt" [9].

Der bedeutungs- und wissensorientierte Kulturbegriff



Trotz der Vielfalt unterschiedlicher Entwürfe ist in den letzten 15 Jahren eine fachübergreifende Präferenz für einen bedeutungs- und wissensorientierten Kulturbegriff erkennbar, der semiotisch und konstruktivistisch geprägt ist. Demzufolge wird Kultur als der von Menschen erzeugte Gesamtkomplex von Vorstellungen, Denkformen, Empfindungsweisen, Werten und Bedeutungen aufgefasst, der sich in Symbolsystemen materialisiert. Einer solchen Begriffsbestimmung zufolge sind nicht nur materiale (z.B. künstlerische) Ausdrucksformen zum Bereich der Kultur zu zählen, sondern auch die sozialen Institutionen und mentalen Dispositionen, die die Hervorbringung solcher Artefakte überhaupt erst ermöglichen. Ein solcher semiotischer Kulturbegriff trägt somit der Einsicht Rechnung, dass Kulturen nicht nur eine materiale Seite – die "Kulturgüter" einer Nation – haben, sondern auch eine soziale und mentale Dimension [10]. Die bekanntesten Beispiele für diesen Typus von Kulturbegriff sind das der Kulturanthropologie verpflichtete Verständnis von "Kultur als Text" [11] und das in der Kultursemiotik entwickelte Konzept von "Kultur als Zeichensystem" [12].

Akzeptanz der Vielfalt



Ungeachtet der Vielfalt wissenschaftlicher Kulturbegriffe besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Kulturen von Menschen gemacht bzw. gestaltend hervorgebracht werden und dass sie weder auf die "hohe" Elitenkultur eingeschränkt noch mit den künstlerischen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft gleichgesetzt werden dürfen. Die Forderung nach einer Ausweitung des Kulturbegriffs gründet in einer Skepsis gegenüber dem normativ gefärbten Gegensatz zwischen "Hoch"- und "Populärkultur" sowie in der Einsicht in die Notwendigkeit der Einbeziehung der heutigen Medienkultur: "Die kulturwissenschaftlichen 'Grenzerweiterungen' führen zu einer Entprivilegierung der sogenannten hohen Kultur." [13]

Funktionen von Kultur



Insgesamt unterstreicht gerade die Vielfalt der Kulturbegriffe die Einsicht, dass "Kultur" als ein diskursives Konstrukt zu begreifen ist, das auf unterschiedlichste Weise begriffen, definiert und erforscht werden kann. Eine wichtige Funktion von Kultur besteht darin, dass "sie nach innen hin integrativ, nach außen hin hierarchisch und ausgrenzend funktioniert" [14]. Einerseits trägt Kultur zur individuellen und kollektiven Identitätsbildung bei; andererseits gehen die für Kulturen kennzeichnenden Standardisierungen des Denkens, Fühlens und Handelns oft mit einer Ausgrenzung des Anderen einher. Der Kulturbegriff verleitet dazu, Kulturen zu stark als homogene Gemeinschaften wahrzunehmen und ihre interne Heterogenität zu vernachlässigen. Dem wirken neue Ansätze, die sich mit Inter-, Multi- und Transkulturalität beschäftigen, entgegen [15].

Literatur



Appelsmeyer, Heide/Elfriede Billmann-Mahecha (Hrsg.): Kulturwissenschaft. Felder einer prozeßorientierten wissenschaftlichen Praxis, Weilerswist 2001.

Bachmann-Medick, Doris (Hrsg.): Kultur als Text. Die anthropologische Wende in der Literaturwissenschaft, Frankfurt a.M. 1996.

Dies.: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbek bei Hamburg 2006.

Böhme, Hartmut: "Vom Cultus zur Kultur(wissenschaft). Zur historischen Semantik des Kulturbegriffs", in: Renate Glaser/Matthias Luserke (Hrsg.): Literaturwissenschaft – Kulturwissenschaft. Positionen, Themen, Perspektiven, Opladen: 1996, S. 48-68.

Ders./Peter Matussek/Lothar Müller: Orientierung Kulturwissenschaft. Was sie kann, was sie will, Reinbek bei Hamburg 2000.

Daniel, Ute. "'Kultur' und 'Gesellschaft': Überlegungen zum Gegenstandsbereich der Sozialgeschichte", in: Geschichte und Gesellschaft 19 (1993), S. 69-99.

Kroeber, Alfred L./Clyde Kluckholm: Culture. A Critical Review of Concepts and Definitions, Cambridge/Mass. 1952.

Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe, 4. Aufl., Stuttgart/Weimar 2008 [1998].

Ders./Vera Nünning (Hrsg.): Einführung in die Kulturwissenschaften: Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven, Stuttgart 2008 (aktualisierter Nachdruck des Bandes Konzepte der Kulturwissenschaften: Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven, Stuttgart 2003).

Ort, Claus-Michael: "Kulturbegriffe und Kulturtheorien", in: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hrsg.), a.a.O., S. 19-38.

Posner, Roland: "Kultursemiotik", in: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hrsg.), a.a.O., S. 39-72.

Reckwitz, Andreas: Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms, Weilerswist 2000.

Reckwitz, Andreas: "Die Kontingenzperspektive der 'Kultur'. Kulturbegriffe, Kulturtheorien und das kulturwissenschaftliche Forschungsprogramm", in: Friedrich Jaeger/Jörn Rüsen (Hrsg.): Handbuch Kulturwissenschaften. Band 3: Themen und Tendenzen, Stuttgart/Weimar 2004, S. 1-20.

Schmidt, Siegfried J.: Kalte Faszination. Medien, Kultur, Wissenschaft in der Mediengesellschaft, Weilerswist 2000.

Sommer, Roy: Fictions of Migration: Ein Beitrag zur Theorie und Gattungstypologie des zeitgenössischen interkulturellen Romans in Großbritannien, Trier 2001.

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Fußnoten

1.
Daniel 1993, S. 70.
2.
Vgl. Ort 2008; Reckwitz 2000, 2004.
3.
Vgl. Appelsmeyer/Billmann-Mahecha 2001.
4.
Vgl. Nünning/Nünning 2008.
5.
Ort 2008, S. 19.
6.
Böhme, 1996, S. 53.
7.
2000, S. 64.
8.
Reckwitz 2004, S. 6.
9.
Ebd.
10.
Vgl. Posner 2008.
11.
Bachmann-Medick 1996.
12.
Posner 2008.
13.
Böhme/Matussek/Müller 2000, S. 108.
14.
Böhme 1996, S. 61.
15.
Vgl. Sommer 2001.
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1982 hatte Lutz Dammbeck mit der Arbeit am Herkakles-Konzept als Szenarium für einen Experimentalfilm begonnen; nach der Ablehnung durch die DEFA entwarf er es als Rauminszenierung und Mediencollage neu. Mit seinen auf der Grundlage dieses Konzeptes entwickelten multimedialen Inszenierungen „La Sarraz“, „Herakles“ und „Realfilm“ näherte sich Dammbeck der deutschen Vergangenheit und der politischen und sozialen Realität in der DDR. Er wandte sich „dem Thema Faschismus“ zu, weil er für seine Generation die Möglichkeit sah, „unbelastet und scheinbar naiv nach beunruhigenden Phänomenen zu fragen. Fragen zum Beispiel nach Ursachen für die Fazination des Nazismus, nach der Wirkung der von ihm geweckten Bilder und Emotionen, bis in die Gegenwart hinein“. (L. D.)Dossier

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