kulturelle Bildung
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Kulturelle Erwachsenenbildung


23.7.2009
In der Öffentlichkeit und politischen Fachdebatten spielt kulturelle Bildung für Erwachsene keine wesentliche Rolle. Dabei fördert sie in jedem Alter soziale Kompetenzen, die einen kreativen Umgang mit den Anforderungen unseres Alltags ermöglichen.

Gemeinsame Aufführung von Impromtü und Wortlichter in Hamburg.Gemeinsame Aufführung von Impromtü und Wortlichter in Hamburg. Lizenz: cc by-nc-sa/2.0/

Kulturelle Bildung als gesellschaftliche Grundlage



Die Diskussion über das lebenslange Lernen hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass der Blick auf Bildung nicht nur auf berufliche Qualifizierung verengt wird. Bildung muss in Zukunft auch Antworten darauf finden, wie Menschen dazu befähigt werden können,
  • die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse zu meistern, den Alltag auch jenseits von Arbeitsprozessen zu bewältigen, ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln,

  • Kompetenzen zu entwickeln, die das soziale Miteinander, auch in Anbetracht des demografischen Wandels, ermöglichen,

  • an der Entwicklung einer humanen Gesellschaft mitzuwirken, die Bildung als langfristiges – und nicht als kurzfristig gewinnbringend vermarktbares – Gut schätzt.


Die Basis hierfür ist die Förderung von Schlüsselkompetenzen wie Kreativität, Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit, sogenannte "soft skills". Diese sind in den vergangenen Jahren zum Inbegriff arbeitsplatzbezogener Kompetenzförderung geworden, doch werden sie über den beruflichen Kontext hinaus immer wichtiger. Die Förderung sozialer Kompetenzen, die einen kreativen Umgang mit den Anforderungen des Alltags ermöglichen, steht schon immer im Zentrum von allgemeiner Weiterbildung und besonders kultureller Erwachsenenbildung.

Betrachtet man die öffentliche Diskussion, wird deutlich, dass die kulturelle Bildung vor allem im Hinblick auf die Förderung von Kindern und Jugendlichen diskutiert wird. Erst seit wenigen Jahren werden zumindest in der Fachöffentlichkeit unter der Perspektive des lebenslangen Lernens Erwachsene und Senioren als Zielgruppe von kultureller Bildung stärker in den Blick gerückt.[1] Dies ist in Anbetracht der Herausforderungen des demografischen Wandels von besonderer Bedeutung.

Trotzdem ist festzustellen, dass kulturelle Erwachsenenbildung in der Bildungsdiskussion und der politischen Akzeptanz zunehmend an Boden verliert. Dies hat fatale Folgen – bildungspolitisch und für die Institutionen. Kulturelle Erwachsenenbildung wird häufig nicht mehr als "Grundversorgung", sondern als "Luxusangebot" klassifiziert [2] bzw. mit dem "Etikett Freizeit, Hobby und Spaßkultur diskreditiert" [3], was zur Folge hat, dass die kulturelle Erwachsenenbildung inzwischen in mehreren Bundesländern aus der Förderung herausgenommen wurde.

Allgemeine Kompetenzentwicklung als Herausforderung



Angesichts der vielfältigen sozialen Problemlagen und Herausforderungen wie demografischer Wandel, Migration, Globalisierung oder zunehmende Armut wird es für unsere Gesellschaft in Zukunft von besonderer Bedeutung sein, die Perspektive zu verändern. Der Bedarf an "gesellschaftlichen Schlüsselqualifikationen" wird zunehmen [4], und im Bezug auf Erwerbsarbeit wurde bereits auf den Bedarf "berufsbiografischer Gestaltungskompetenz" hingewiesen [5]. Doch im Kern wird es in Zukunft um die Entwicklung allgemeiner biografischer Gestaltungskompetenz gehen, die – unabhängig von Funktionskontexten wie der Arbeitswelt – die Bewältigung des Alltags ermöglicht. Es wird zunehmend wichtiger werden, Kompetenzentwicklung nicht nur unter der Perspektive der "Beschäftigungsfähigkeit" ("employability") zu sehen, sondern verstärkt unter der Perspektive von "Gesellschaftsfähigkeit". Dies gilt besonders im Bezug auf Erwachsene und ältere Menschen, für welche die Bewältigung der technischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozesse eine besondere Herausforderung darstellt.


Fußnoten

1.
Vgl. Deutscher Kulturrat 2005, Deutscher Bundestag 2008.
2.
Vgl. Stang 2004.
3.
Benedix/Rache 2002, S. 333.
4.
Vgl. Negt 1997.
5.
Vgl. Hendrich 2004.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/2.0/de/

 

Publikationen zum Thema

Coverbild Timer 2014/2015 - Taschenbuchversion

Timer 2014/2015 - Taschen-
buchversion

Ab sofort! Neu mit dem informativen und bebilderten Kalendarium auf farbigen 160 Seiten im DIN A5-Fo...

Protestsongs

Medienpaket ProtestSongs

Mehr Politik in den Pop - Mehr Pop in die Politik. Gegen Konsum und ausschließliches Leistungsdenke...

Bildungspolitik

Bildungspolitik

Der Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg tritt wieder deutlicher hervor. Niedrige Quali...

Politisches Theater

Politisches Theater

Ob Lessing, Schiller, Goethe oder das oppositionelle Theater in der Weimarer Republik. Politisches T...

Neue Medien-Internet-Kommunikation

Neue Medien - Internet - Kommunikation

Wer Zugang zum Internet hat, kann sich an globalen Kommunikationsprozessen beteiligen. Doch immer no...

Coverbild Frühkindliche Bildung

Frühkindliche Bildung

Wenn Kinder eingeschult werden, haben sie einen wichtigen Teil ihrer Bildungskarriere bereits hinter...

Coverbild Projekte in der politischen Bildung

Projekte in der politischen Bildung

Der Sammelband versucht die getrennten Diskurse der schulischen und der außerschulischen politische...

Coverbild Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten

Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten

Weltgeschichte einmal anders: 100 Objekte aus allen Epochen und Erdteilen – allesamt im Britische...

WeiterZurück

Zum Shop

Kamerafrau Anna Maria Hora bei den Dreharbeiten zu "Nachtwandler" von Markus Adrian, Copyright: Jaroslaw GodlewskiKultur

Film und Politik

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden. Weiter... 

„La Sarraz“ – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus „Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984 (Szene, Ablaufplan, Regie: L. Dammbeck; Tanz: Fine; Filme: Teile von „Hommage à La Sarraz“, eine Collage alter deutscher Heimfilme, 16mm Fassung der Videoaufzeichnung der Herakles-Proben; Kamera: Thomas Plenert; Regie/Schnitt: L. Dammbeck; Diamaterial: L. Dammbeck; Musik: Life Jazz Lothar Fiedler, Hansi Noack, Gottfried Rößler, Thomas Hertel; Aufbau/Kaschur/Malaktion: Olaf Wegewitz, Hans Hendrik Grimmling, L. Dammbeck; Projektion: Dietrich Oltmanns, Norbert Wagenbrett), Foto: Karin Plessing
1982 hatte Lutz Dammbeck mit der Arbeit am Herkakles-Konzept als Szenarium für einen Experimentalfilm begonnen; nach der Ablehnung durch die DEFA entwarf er es als Rauminszenierung und Mediencollage neu. Mit seinen auf der Grundlage dieses Konzeptes entwickelten multimedialen Inszenierungen „La Sarraz“, „Herakles“ und „Realfilm“ näherte sich Dammbeck der deutschen Vergangenheit und der politischen und sozialen Realität in der DDR. Er wandte sich „dem Thema Faschismus“ zu, weil er für seine Generation die Möglichkeit sah, „unbelastet und scheinbar naiv nach beunruhigenden Phänomenen zu fragen. Fragen zum Beispiel nach Ursachen für die Fazination des Nazismus, nach der Wirkung der von ihm geweckten Bilder und Emotionen, bis in die Gegenwart hinein“. (L. D.)Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten. Weiter...