kulturelle Bildung
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"Kulturelle und politische Bildung sollen sich nicht gegenseitig kolonialisieren"

Interview mit Dr. Helle Becker


3.10.2009
Zwischen kultureller und politischer Bildung gibt es Schnittmengen – aber auch erhebliche Unterschiede. Beide Bereiche arbeiten schließlich mit verschiedenen Gegenständen, und sie bringen auch jeweils andere Kompetenzen hervor. Dennoch bergen sie gemeinsam genutzt große Chancen für Bildungsprojekte, so die Kultur- und Erziehungswissenschaftlerin Helle Becker.

Wo hört die kulturelle Bildung auf, und wo fängt die politische Bildung an?Foto: ullstein bild - SchrothWo hört die kulturelle Bildung auf, und wo fängt die politische Bildung an? (© ullstein bild - Schroth)


Wie definieren Sie politische Bildung?

Politische Bildung vermittelt das Verständnis von politischen Zusammenhängen, wie zum Beispiel der Mechanismen von Macht und Herrschaft. Sie fragt, wie das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft aussieht, wie und mit welcher Legitimation gesamtgesellschaftlich verbindliche Entscheidungen getroffen werden können. Sie folgt dabei einem Idealbild der demokratischen Polis, einer sich selbst regierenden Bürgergemeinschaft, die auf der Basis von Werten wie Frieden, Solidarität, Gleichheit und Gerechtigkeit funktioniert. Politische Bildung will politisches Verständnis, Urteilskraft und politische Handlungsfähigkeit vermitteln. Dafür kann sie sich nicht nur am Individuum, sondern muss sich am Allgemeinen ausrichten. Ihre Erkenntnisse und Handlungsoptionen müssen daher diskursiv vermittelbar, verbindlich und möglichst konsensfähig sein.

Wären diesem Verständnis nach Formen von Bildung, in denen es darum geht, Konflikte auszutragen, keine politische Bildung?

Wenn es um Konflikte geht, die sich auf soziale Individualbeziehungen beziehen, dann sehe ich darin noch keinen Bezug zur Politik. Soziale Beziehungen oder soziales Handeln werden dann zu politischen, wenn das Zusammenleben der Menschen als solches zum Problem wird. Soziales Handeln ist dann politisches Handeln, wenn es gesamtgesellschaftlich verbindliche Regelungen bezweckt, sagt Max Weber.

Wo liegt für Sie die Schnittstelle von politischer und kultureller Bildung?

Eine Schnittstelle von kultureller Bildung und politischer Bildung sind meiner Ansicht nach soziale Bildungsprozesse. In beiden Bildungsbereichen besteht die Möglichkeit, Kompetenzen zu erwerben, die auch transferfähig sind. Insofern fördert kulturelle Bildung quasi propädeutisch Kompetenzen, die auch für die politische Bildung wichtig sind. Aber ich sehe Bildung als ein Dreieck bestehend aus demjenigen, der Selbstbildung betreibt, demjenigen, der ihm das ermöglicht, und dem Dritten, dem Sachgegenstand, auf den die beiden sich beziehen. Ich sehe einen Unterschied, ob dieser Sachgegenstand Kunst und Kultur ist und sich darauf bezieht, was man an und mit Kultur lernen kann, oder ob er Politik oder Politisches ist.

Wie steht es mit Projekten, bei denen mit Mitteln der kulturellen oder künstlerischen Bildung politische Inhalte diskutiert oder besprochen werden? Würden Sie sagen, dass es sich dabei um politische Bildung handelt?

Zunächst einmal halte ich eine kategoriale Unterscheidung in politische und kulturelle Bildung für sehr wichtig. Beide Bildungsbereiche haben unterschiedliche Gegenstände, mit denen sie zu tun haben, und sie bringen auch unterschiedliche Kompetenzen hervor. Aus fachlicher Sicht sind diese Aspekte dringend zu unterscheiden.

Ich finde aber auch, dass dies hervorragend geht. Die Unterscheidung zwischen "Mitteln kultureller Bildung" und "Mitteln politischer Bildung" ist allerdings nicht der entscheidende Punkt; diese ist oft gar nicht gerechtfertigt. Beide pädagogischen Bereiche bedienen sich eines bestimmten Methodenreservoirs außerschulischer Bildung, und dieses Reservoir ist oft ähnlich. Selbst inhaltlich kommen sich beide häufig nahe. Aber dennoch würde man ja bei politischer Bildung, die sich z.B. mit Kulturpolitik befasst, nicht sagen, dass es sich um kulturelle Bildung handelt. Genauso wenig ist kulturelle Bildung, die Politisches thematisiert, automatisch politische Bildung.


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„La Sarraz“ – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus „Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984 (Szene, Ablaufplan, Regie: L. Dammbeck; Tanz: Fine; Filme: Teile von „Hommage à La Sarraz“, eine Collage alter deutscher Heimfilme, 16mm Fassung der Videoaufzeichnung der Herakles-Proben; Kamera: Thomas Plenert; Regie/Schnitt: L. Dammbeck; Diamaterial: L. Dammbeck; Musik: Life Jazz Lothar Fiedler, Hansi Noack, Gottfried Rößler, Thomas Hertel; Aufbau/Kaschur/Malaktion: Olaf Wegewitz, Hans Hendrik Grimmling, L. Dammbeck; Projektion: Dietrich Oltmanns, Norbert Wagenbrett), Foto: Karin Plessing
1982 hatte Lutz Dammbeck mit der Arbeit am Herkakles-Konzept als Szenarium für einen Experimentalfilm begonnen; nach der Ablehnung durch die DEFA entwarf er es als Rauminszenierung und Mediencollage neu. Mit seinen auf der Grundlage dieses Konzeptes entwickelten multimedialen Inszenierungen „La Sarraz“, „Herakles“ und „Realfilm“ näherte sich Dammbeck der deutschen Vergangenheit und der politischen und sozialen Realität in der DDR. Er wandte sich „dem Thema Faschismus“ zu, weil er für seine Generation die Möglichkeit sah, „unbelastet und scheinbar naiv nach beunruhigenden Phänomenen zu fragen. Fragen zum Beispiel nach Ursachen für die Fazination des Nazismus, nach der Wirkung der von ihm geweckten Bilder und Emotionen, bis in die Gegenwart hinein“. (L. D.)Dossier

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