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kulturelle Bildung
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Filmbildung in Deutschland


20.12.2011
Filmbildung vermittelt ein aktuelles Verständnis visueller Kultur und befähigt Menschen, aktiv am Leben in der Mediengesellschaft teilzunehmen. Film ist schon lange ein wichtiger Bestandteil außerschulischer kultureller Bildung, auch an Schulen gewinnt er zunehmend an Bedeutung. Der Artikel gibt einen einführenden Überblick über Geschichte, Konzepte, Orte, Akteure und Perspektiven kultureller Filmbildung in Deutschland.

Filmbildung spricht Kopf und alle Sinne an. Foto: © Kay Herschelmann/VISION KINOFilmbildung spricht Kopf und alle Sinne an. (© Kay Herschelmann/VISION KINO)

Geschichte



Die bildungsorientierte Auseinandersetzung mit Kino und Film ist in Deutschland fast so alt und facettenreich wie das Medium selbst. Von den volkspädagogischen Anfängen der Kinoreformbewegung in den 1910er-Jahren über die filmkritischen Diskussionen in den Filmclubbewegungen seit den 1950er-Jahren bis hin zur Filmvermittlung Kommunaler Kinos ab den 1970er-Jahren und zur Pädagogik der neuen Filmmuseen fand Filmbildung in Diskursen nah am Kino und seinen Öffentlichkeiten statt. In den alten Bundesländern gab es die lange Tradition der 16mm-Filmbildungsarbeit mit ihrem dicht geknüpften Netz staatlicher, kirchlicher und nichtgewerblicher Vertriebs- und Verleihstrukturen, mit dem FWU, dem von den Ländern unterhaltenen Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht, den regionalen Bildstellen und den Landesfilmdiensten. Hier stand nicht selten die Vermittlung von Lerninhalten im Vordergrund, Filme für die Schule waren primär thematisch und didaktisch nutzbare Mittel zur Unterstützung von Lernprozessen.

Mit dem Medienwandel änderte sich ab den 1980er-Jahren auch die Praxis der Filmbildung. Beschleunigt durch die Entwicklung der Videoaufzeichnungs- und Wiedergabesysteme entstanden in schulischen Projekten, vor allem jedoch in der außerschulischen Kinder- und Jugendfilmbildungsarbeit alternative Formen. Orte dieser neuen kulturellen Praxis waren medienpädagogisch arbeitende soziokulturelle Jugendzentren, Film- und Medienwerkstätten und ähnliche lokale Initiativen. Sie förderten den Umgang mit Film(en) als selbstbestimmten Lernprozess von Akteuren mit heterogenen Bildungshintergründen, auch, um die kreativen Möglichkeiten eigenen Mediengestaltens in sozial-kommunikativen Kontexten erproben zu können. Vor diesem Hintergrund hat sich Filmbildung bei uns zu einem integrativen Bestandteil weiter gefasster Medienbildung entwickelt.

Bedeutung von Filmbildung in der Mediengesellschaft



Filme sind Kunstform, kulturelles Bildungsgut, Sozialisations-, Kommunikations- und Unterhaltungsmedium. Heranwachsende gehen mit filmischen Medien in einer Vielzahl von Gattungen, Genres und Formaten um, sie probieren diese Ausdrucksformen mit ihren ästhetischen, symbolischen und kommunikativen Möglichkeiten auch selbst aus – jenseits angeleiteter Lernprozesse eine wichtige Dimension informeller Film- und Medienbildung. Bewegte Bilder sind längst nicht mehr allein am "klassischen" Filmvermittlungsort des Kinos, an der besonderen Abspielstätte oder im Medium des Fernsehens präsent, sondern in verschiedenen medialen Speicher- und Distributionssystemen verfügbar, so auf DVD, im Internet, auf Computerbildschirmen, Handydisplays und bei Präsentationen im öffentlichen Raum.

Die Sprache des Films gilt aber immer noch als eine "Grammatik", deren Beherrschung einen kompetente(re)n, rezeptiven wie kreativen Umgang mit unterschiedlichen audiovisuellen Angeboten ermöglicht. Weil Filmbildung zur Auseinandersetzung mit anderen medialen Formen befähigt, leistet sie einen wesentlichen Beitrag zu umfassender audiovisueller Alphabetisierung. Durch das Erlernen und Verstehen des Films, seiner Geschichte, Sprache und Wirkung, wird die ästhetische Sensibilität gefördert, die Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeit entwickelt, die Geschmacks- und Urteilsbildung unterstützt. Filmische Zeichen und Symbole verstehen und gestalterisch nutzen zu können, ist eine Grundlage zur Orientierung in der Kommunikationskultur bewegter Bilder. Persönlichkeitsfördernde Filmbildung verleiht der Idee der Bildung des Menschen durch Kreativität, Künste und Sinne [1] eine aktuelle Gestalt in der Mediengesellschaft.

Eine dezidiert politische Bildungsdimension zeigt sich in den Möglichkeiten zur Sensibilisierung für filmische Konstrukte, die auch zu Zwecken von Propaganda, Manipulation und Indoktrination, zum Missbrauch für die politische Meinungsbildung dienlich sein können. Potenziale demokratisches Wertebewusstsein zu entwickeln liegen in der filmspezifischen Wahrnehmung mitsamt ihrer Kompetenz Empathiefähigkeit auszubilden. Damit können sich Heranwachsende (besser) in die Rolle eines anderen hinein versetzen, seine Gefühle teilen oder hinterfragen und Motive seines Handelns verstehen lernen – wichtig für die Entwicklung von Zivilcourage und das Erlernen von Toleranzbereitschaft. Sich im "Spiegel des Films" mit fremden Lebensentwürfen und den Rollen anderer auseinandersetzen zu lernen, das Eigene im Fremden, das Fremde im Eigenen wahrzunehmen, fördert die Entwicklung des sozial-moralischen Bewusstseins.

Konzepte und Methoden zur Filmbildung



Neben stärker handlungsorientierten Filmbildungskonzepten haben sich bei uns gegenstandsbezogene Ansätze herausgebildet, beide weisen Schnittmengen auf. Unterscheiden lassen sich rezeptiv-analytische von aktiv-kreativen Herangehensweisen, die sich dann ihrerseits in eine Fülle einzelner Methoden ausdifferenzieren. [2]

Das verbreitete handlungsorientierte Verständnis von Filmbildung greift Überlegungen aus der medienpädagogischen Theorie kommunikativen Handelns [3] auf. Dieses Konzept verknüpft das Handlungsfeld Film mit Themen und Motiven aus Lebenswelt, Medienkultur und Alltagskommunikation der Akteure. Gerade auch unter dem Aspekt inklusiven Lernens, das die Vielfalt und Förderung aller Lernenden nach ihren individuellen Bedürfnissen ernst nimmt, gewinnt das Methodenset aktiver Filmarbeit mit nichtsprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten und anschaulichen, spielerisch-assoziativen Arbeitsformen bis hin zum produktiven Erstellen eigener kleinerer Filmarbeiten zunehmend an Bedeutung. Bei Gruppen, deren Stärken nicht im Kognitiv-Analytischen liegen, vermögen aktive Ausdrucksformen bestimmte Filmkompetenzen oft angemessener zu fördern als "rein" ästhetisch-rezeptive Herangehensweisen. Viele Kinder und Jugendliche entwickeln und vertiefen filmästhetisches Wissen leichter in selbst entdeckendem und kooperativem Lernen. Handlungsorientierte Zugänge zu filmischen Themen und Formen lassen sich ebenso mit Methoden rezeptiver Filmarbeit erschließen, wozu es in der sprachorientierten Filmbildung vielfältige Instrumente gibt.

Dagegen betonen Filmbildungsansätze, die innerhalb der Literatur-, Kunst- und Musikdidaktik [4] oder im Umfeld der Kunstpädagogik und Filmwissenschaften entstanden sind und wichtige Impulse durch die französische Filmpädagogik [5] erhalten haben, die ästhetischen Qualitäten des filmischen Gegenstands. Diese Konzepte fassen Film originär als "Gesamtkunstwerk" bzw. "Kino als Kunst" auf und vernachlässigen, was das handelnde Subjekt beim Filmsehen über sich selbst, andere, Kultur und Gesellschaft etc. erfährt. Film gilt es jenseits von Wahrnehmungsroutinen des Alltags durch visuelle Erfahrung, eine "Schule des Sehens" spezifisch wahrzunehmen und ästhetisch versiert anzueignen, so dieser Ansatz. Sehenlernen und Filmverstehen werden mit Hilfe "filmvermittelnder" Medien und Methoden wie Kontrastieren/Verknüpfen/Montieren von Fragmenten in Einzelbildern oder Filmausschnitten am "Primärmaterial" in Gang gesetzt. [6]


Fußnoten

1.
Vgl. Eckart Liebau/Jörg Zirfas (Hrsg.): Die Sinne und die Künste. Perspektiven Ästhetischer Bildung. Bielefeld: Transcript 2008
2.
Zu ausgewählten Methoden vgl.: Schule im Kino. Praxisleitfaden für Lehrkräfte, hrsg. von VISION KINO www.visionkino.de. Zu außerschulischen Kontexten auch: Werner Barg/Horst Niesyto/Jan Schmolling (Hrsg.): Jugend: Film: Kultur. Grundlagen und Praxishilfen für die Filmbildung. München: kopaed 2006
3.
Vgl. dazu Dieter Baacke: Kommunikation und Kompetenz. Grundlegung einer Didaktik der Kommunikation und ihrer Medien. 1. Aufl. München: Juventa 1973. Gerhard Tulodziecki u. a. haben das Konzept einer darauf fußenden Medienbildung entsprechend weiter entwickelt.
4.
So das an der PH Freiburg entwickelte Modell einer Integrativen Filmdidaktik, das Filmkompetenzen der musischen Fächer und Deutsch integriert. Vgl. Mechthild Fuchs et al.: Freiburger Filmcurriculum. Ein Modell des Forschungsprojekts Integrative Filmdidaktik. In: Der Deutschunterricht 60, 3/2008. Seelze: Friedrich-Verlag
5.
Vgl. dazu Alain Bergala (deutsch übersetzt hrsg. von Bettina Henzler und Winfried Pauleit): Kino als Kunst. Filmvermittlung an der Schule und anderswo. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2006 (Schriftenreihe Band 553)
6.
Vgl. Bettina Henzler/Winfried Pauleit (Hrsg.): Filme sehen – Kino verstehen. Methoden der Filmvermittlung. Marburg: Schüren 2009 (Bremer Schriften zur Filmvermittlung Bd. 2)
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„La Sarraz“ – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus „Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984 (Szene, Ablaufplan, Regie: L. Dammbeck; Tanz: Fine; Filme: Teile von „Hommage à La Sarraz“, eine Collage alter deutscher Heimfilme, 16mm Fassung der Videoaufzeichnung der Herakles-Proben; Kamera: Thomas Plenert; Regie/Schnitt: L. Dammbeck; Diamaterial: L. Dammbeck; Musik: Life Jazz Lothar Fiedler, Hansi Noack, Gottfried Rößler, Thomas Hertel; Aufbau/Kaschur/Malaktion: Olaf Wegewitz, Hans Hendrik Grimmling, L. Dammbeck; Projektion: Dietrich Oltmanns, Norbert Wagenbrett), Foto: Karin Plessing
1982 hatte Lutz Dammbeck mit der Arbeit am Herkakles-Konzept als Szenarium für einen Experimentalfilm begonnen; nach der Ablehnung durch die DEFA entwarf er es als Rauminszenierung und Mediencollage neu. Mit seinen auf der Grundlage dieses Konzeptes entwickelten multimedialen Inszenierungen „La Sarraz“, „Herakles“ und „Realfilm“ näherte sich Dammbeck der deutschen Vergangenheit und der politischen und sozialen Realität in der DDR. Er wandte sich „dem Thema Faschismus“ zu, weil er für seine Generation die Möglichkeit sah, „unbelastet und scheinbar naiv nach beunruhigenden Phänomenen zu fragen. Fragen zum Beispiel nach Ursachen für die Fazination des Nazismus, nach der Wirkung der von ihm geweckten Bilder und Emotionen, bis in die Gegenwart hinein“. (L. D.)Dossier

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