kulturelle Bildung

Didier Deschamps: Kritische Intelligenz entwickeln

29.3.2006
Didier Deschamps, Referent des französischen Ministers für Kultur und Kommunikation, glaubt, dass die Kunst- und Kulturerziehung eine kritische Intelligenz bei Kindern entwickle.

Kritische Intelligenz entwickeln Der Referent des französischen Ministers für Kultur und Kommunikation glaubt, dass die Kunst- und Kulturerziehung eine kritische Intelligenz bei Kindern entwickle. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung)
Die Kunst- und Kulturerziehung hat bei der Ausbildung unserer Kinder eine sehr wichtige politische Rolle zu spielen. Sie gehört nicht in die Stundenpläne der Schule oder nur ganz nebensächlich und es ist auch wichtig, dass außerhalb der Schule – bei uns über das Kulturministerium – Angebote gemacht werden, damit die Kinder einen kulturellen Hintergrund haben, in dem sie sich entfalten und die Grundfächer der Schule besser verstehen können, weil sie sie kontextualisieren. Die Kunst- und Kulturerziehung kommt also ergänzend und nicht in irgendeiner Konkurrenz zu den Grundfächern wie Mathematik, Französisch, Sprachen usw. hinzu.

Ich finde es sehr wichtig, dass die Kunst- und Kulturerziehung in der Schule von zwei verschiedenen Arten von Personal durchgeführt wird: Auf der einen Seite stehen die Lehrer; sie sind Pädagogen und haben ein Programm zu absolvieren; auf der anderen Seite vermitteln wir Künstler und Leute, die aus der Praxis kommen und den Kindern ihre persönliche Erfahrung aus dieser künstlerischen Praxis bringen. Zu 90% werden diese Vermittler von Kulturträgern bezahlt und eingestellt, die eine gewisse Bedeutung haben, also Theater, Museen, d.h., dass die [Kunst]formen, die sie weitergeben, eher tradierte Formen sind und nicht beispielsweise HipHop oder aktuelle Musik.

Die Aufgabe der Lehrer wie der Künstler ist es, den Kindern beizubringen, dass nicht jedes Produkt der konsumorientierten Massenproduktion als vollwertige Kunst gelten kann, dass sie einen kritischen Blick entwickeln. Denn die Kinder verbringen fast mehr Zeit vor dem Fernseher als in der Schule, und das, was ihnen dort gezeigt wird, wird oft von ihnen als Kunst betrachtet – und man darf ein bisschen kritischer sein in dieser Beziehung. Das können die Künstler besser vermitteln als die Lehrer.

Außerdem geht es auch darum, über die Kunst- und Kulturerziehung aus den Kindern vollwertige Bürger zu machen, ihre kritische Intelligenz zu entwickeln, ihnen ein Gefühl dafür zu geben, dass die Welt vielleicht ein wenig komplexer ist, als man sich vorstellt. Wir sind fest davon überzeugt, dass Kunst und Kultur wesentlich dazu beitragen können, dass sich die Kinder mehr dem anderen öffnen, mehr Sinn für Toleranz und gegenseitiges Kennenlernen und so ein friedliches Verhalten entwickeln.

Redaktion: Matthias Jung
Kamera: Eileen Kühne
Schnitt: Oliver Plata
Das Interview entstand auf dem europäischen Kongress "Lernen aus der Praxis" vom 22.-24. September 2005.



 

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„La Sarraz“ – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus „Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984 (Szene, Ablaufplan, Regie: L. Dammbeck; Tanz: Fine; Filme: Teile von „Hommage à La Sarraz“, eine Collage alter deutscher Heimfilme, 16mm Fassung der Videoaufzeichnung der Herakles-Proben; Kamera: Thomas Plenert; Regie/Schnitt: L. Dammbeck; Diamaterial: L. Dammbeck; Musik: Life Jazz Lothar Fiedler, Hansi Noack, Gottfried Rößler, Thomas Hertel; Aufbau/Kaschur/Malaktion: Olaf Wegewitz, Hans Hendrik Grimmling, L. Dammbeck; Projektion: Dietrich Oltmanns, Norbert Wagenbrett), Foto: Karin Plessing
1982 hatte Lutz Dammbeck mit der Arbeit am Herkakles-Konzept als Szenarium für einen Experimentalfilm begonnen; nach der Ablehnung durch die DEFA entwarf er es als Rauminszenierung und Mediencollage neu. Mit seinen auf der Grundlage dieses Konzeptes entwickelten multimedialen Inszenierungen „La Sarraz“, „Herakles“ und „Realfilm“ näherte sich Dammbeck der deutschen Vergangenheit und der politischen und sozialen Realität in der DDR. Er wandte sich „dem Thema Faschismus“ zu, weil er für seine Generation die Möglichkeit sah, „unbelastet und scheinbar naiv nach beunruhigenden Phänomenen zu fragen. Fragen zum Beispiel nach Ursachen für die Fazination des Nazismus, nach der Wirkung der von ihm geweckten Bilder und Emotionen, bis in die Gegenwart hinein“. (L. D.)Dossier

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