kulturelle Bildung

Adolf Muschg: Kunst als Schule der Mehrsinnigkeit

29.3.2006
Die Kunst- und Kulturerziehung ist besonders wichtig, meint der Schriftsteller Adolf Muschg. Sie rege das Vorstellungsvermögen des Gemeinwesens für sich selbst an.

Kunst als Schule der Mehrsinnigkeit Die Kunst- und Kulturerziehung ist besonders wichtig, meint der Schriftsteller Adolf Muschg. Sie rege das Vorstellungsvermögen des Gemeinwesens für sich selbst an. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung)
Ich misstraue gewissermaßen jedem Erfolgsrezept zur Bildung. Das geht vielleicht als Gebrauchsanweisung für kognitives Lernen, aber ich erinnere mich zu gut daran, dass ich von den Lehrern, die als schlecht galten, am meisten gelernt habe und dass diejenigen, die als gut galten, auch meine Widerstände mobilisiert haben. Die Art, auf die wir lernen, ist also nicht voraussehbar.

Die Griechen bzw. die Athener haben sich offenbar von allen Zeitgenossen damals dadurch unterschieden, dass sowohl das Theater – auf der einen Seite die Tragödie mit der Erfahrung der Aporie, der Unwegsamkeit – als auch auf der anderen Seite, der dialogischen Seite – die Diskurskultur, das Streiten, der Streit um das gemeinsamen Wesen – einzigartig waren in der damaligen Kultur, und sie sind es geblieben. Für mich ist die Akropolis das Modell dafür, was Kulturpolitik sein muss: Ein Widerspruch, der mit sich nicht ins Reine, aber weiterkommen muss und der das Gemeinwesen, die Fantasie, das Vorstellungsvermögen des Gemeinwesens für sich selbst anregt, inspiriert. Ich glaube das ist die Funktion der Kunst: Sie ist eine Schule der Mehrsinnigkeit, Mehrdeutigkeit, des Umgangs mit Zwiespalt, mit Konflikten, auch mit unlösbaren Konflikten. Dafür gibt es keinen Ersatz. All dies erfährt man sinnlich, nicht in Form eines abstrakten Exempels. Ich glaube die Kunst ist eine ganz große evolutionäre List, durch die der Mensch gelernt hat, mit allem was ihm fehlt, was ihm zu einem vollendeten Geschöpf fehlt aber auch mit allem, was ihm zum Tier fehlt, umzugehen. Er hat gelernt etwas zu machen, das in gewissem Sinne größer oder wichtiger ist als er selbst.

Redaktion: Tatjana Brode
Kamera: Eileen Kühne
Schnitt: Oliver Plata
Das Interview entstand auf dem europäischen Kongress "Lernen aus der Praxis" vom 22.-24. September 2005.



 

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„La Sarraz“ – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus „Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984 (Szene, Ablaufplan, Regie: L. Dammbeck; Tanz: Fine; Filme: Teile von „Hommage à La Sarraz“, eine Collage alter deutscher Heimfilme, 16mm Fassung der Videoaufzeichnung der Herakles-Proben; Kamera: Thomas Plenert; Regie/Schnitt: L. Dammbeck; Diamaterial: L. Dammbeck; Musik: Life Jazz Lothar Fiedler, Hansi Noack, Gottfried Rößler, Thomas Hertel; Aufbau/Kaschur/Malaktion: Olaf Wegewitz, Hans Hendrik Grimmling, L. Dammbeck; Projektion: Dietrich Oltmanns, Norbert Wagenbrett), Foto: Karin Plessing
1982 hatte Lutz Dammbeck mit der Arbeit am Herkakles-Konzept als Szenarium für einen Experimentalfilm begonnen; nach der Ablehnung durch die DEFA entwarf er es als Rauminszenierung und Mediencollage neu. Mit seinen auf der Grundlage dieses Konzeptes entwickelten multimedialen Inszenierungen „La Sarraz“, „Herakles“ und „Realfilm“ näherte sich Dammbeck der deutschen Vergangenheit und der politischen und sozialen Realität in der DDR. Er wandte sich „dem Thema Faschismus“ zu, weil er für seine Generation die Möglichkeit sah, „unbelastet und scheinbar naiv nach beunruhigenden Phänomenen zu fragen. Fragen zum Beispiel nach Ursachen für die Fazination des Nazismus, nach der Wirkung der von ihm geweckten Bilder und Emotionen, bis in die Gegenwart hinein“. (L. D.)Dossier

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