kulturelle Bildung

Adolf Muschg: Europa als Kulturobjekt

29.3.2006
Europa – das ist für Adolf Muschg ein Kulturobjekt, das keinen Zustand, sondern nur Veränderung kennt. Die Zauberformel für sein Gelingen sei: das Ertragen des Andersseins.

Europa als Kulturobjekt Europa – das ist für Adolf Muschg ein Kulturobjekt, das keinen Zustand, sondern nur Veränderung kennt. Die Zauberformel für sein Gelingen sei: das Ertragen des Andersseins. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung)
IEs ist ein bisher in der Geschichte noch nicht da gewesenes Ereignis, dass ein Bund so verschiedener beschlossen hat: Wir bleiben zusammen und wir geben uns eine gemeinsame Verfassung, die weder grenzenlos sein kann noch ängstlich begrenzt sein darf. Für mich ist es ein entwicklungsfähiges Projekt der Zivilgesellschaft, und wenn Europa gelingt, dann würde das sozusagen unserem Programm als Tier ein Schnäppchen schlagen, denn das Tier ist immer auf Abgrenzung und Revierverteidigung aus gewesen. Ob die Erschütterung und das Erschrecken über sich selbst, das wir im letzten Weltkrieg gehabt haben vor allem im Zusammenhang mit dem Holocaust – das sich ja nicht auf Deutschland beschränkt hat, denn ganz Europa hat den Krieg verloren und die Nachbarn haben, nachdem sie sozusagen die Sündebockrolle nicht mehr einfach anderen zuschieben können, da es Kollaboration mit der Inhumanität in Holland, Frankreich und Norwegen genauso gab – aus diesem Erschrecken über sich selbst ist eine Energie geworden, die Europa ein Stück weit getragen hat. Aber die Generation, die das noch im Blut und in den Reflexen hat, stirbt aus. Ob die nächste Generation bereit ist, mit so viel Differenz in einem Erdteil auch genußvoll umzugehen, darauf kommt es an, den anderen nicht nur ertragen, sondern neugierig sein.

Das Anderssein, und das Ertragen von Anderssein, wäre fast so etwas wie eine Zauberformel der Humanität, wenn man sie auch in der Politik anwenden könnte, nämlich, dass ich nicht so viel Abgrenzung nötig habe, wie ich glaube nötig zu haben oder wie mir andere einreden, nötig zu haben, nur damit ich etwas bin. Damit meine ich dieses berühmte Gerede von der Identität, gegen das ich eine gewisse Allergie entwickelt habe. Nicht mal die Zelle ist mit sich selbst identisch. Sie grenzt sich zwar ab durch die Zellmembran, aber die ist auch durchlässig. Stoffwechsel geht nicht ohne Austausch mit dem anderen. In der Evolution ist es ja gerade so, dass die Kopie die Entwicklung nicht weiter führt, sondern nur die Mutation. Das ist gefährlich für die Mutation, und in der Regel geht sie zugrunde dadurch, dass sie anders ist, aber dennoch: Eine ist sozusagen die Stammmutter oder der Stammvater einer nächsten Stufe des selben biologischen Substrats.

Redaktion: Tatjana Brode, Matthias Jung
Kamera: Eileen Kühne
Schnitt: Oliver Plata
Das Interview entstand auf dem europäischen Kongress "Lernen aus der Praxis" vom 22.-24. September 2005.



 

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„La Sarraz“ – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus „Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984 (Szene, Ablaufplan, Regie: L. Dammbeck; Tanz: Fine; Filme: Teile von „Hommage à La Sarraz“, eine Collage alter deutscher Heimfilme, 16mm Fassung der Videoaufzeichnung der Herakles-Proben; Kamera: Thomas Plenert; Regie/Schnitt: L. Dammbeck; Diamaterial: L. Dammbeck; Musik: Life Jazz Lothar Fiedler, Hansi Noack, Gottfried Rößler, Thomas Hertel; Aufbau/Kaschur/Malaktion: Olaf Wegewitz, Hans Hendrik Grimmling, L. Dammbeck; Projektion: Dietrich Oltmanns, Norbert Wagenbrett), Foto: Karin Plessing
1982 hatte Lutz Dammbeck mit der Arbeit am Herkakles-Konzept als Szenarium für einen Experimentalfilm begonnen; nach der Ablehnung durch die DEFA entwarf er es als Rauminszenierung und Mediencollage neu. Mit seinen auf der Grundlage dieses Konzeptes entwickelten multimedialen Inszenierungen „La Sarraz“, „Herakles“ und „Realfilm“ näherte sich Dammbeck der deutschen Vergangenheit und der politischen und sozialen Realität in der DDR. Er wandte sich „dem Thema Faschismus“ zu, weil er für seine Generation die Möglichkeit sah, „unbelastet und scheinbar naiv nach beunruhigenden Phänomenen zu fragen. Fragen zum Beispiel nach Ursachen für die Fazination des Nazismus, nach der Wirkung der von ihm geweckten Bilder und Emotionen, bis in die Gegenwart hinein“. (L. D.)Dossier

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