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Frieden


19.3.2015
"Der Gegenstand und das Ziel der Politik ist der Friede." So definierte der Politikwissenschaftler Dolf Sternberger 1961 den Begriff des Politischen. Was aber macht Frieden aus? Reicht die Abwesenheit von Krieg? Wie lässt er sich herstellen und sichern? Die Friedenspädagogik hat sich diese zentralen Fragen menschlichen Zusammenlebens zur Aufgabe gemacht. Ist Frieden "nur" Thema politischer Bildung oder auch ihr Ziel?

Wandmalerei "Paz Mundo" - WeltfriedenWandmalerei "Weltfrieden" (© mem-film.de / www.photocase.de )

"Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden." Diese programmatische Aussage aus der Präambel der 1945 gegründeten Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) ist die wohl am häufigsten zitierte Grundlage für die pädagogische Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden. Über die Jahrzehnte hinweg hat sie nichts an Bedeutungskraft verloren, obwohl oder gerade weil für sie an erster Stelle das menschliche Bewusstsein über Krieg oder Frieden entscheidet. Menschen können lernen, Frieden zu schaffen und mit Konflikten gewaltfrei umzugehen. Sie können Vorstellungen von einem friedlichen Zusammenleben in Vielfalt entwickeln und deren Umsetzung in soziales und politisches Handeln durchdenken und angehen. Doch zum Frieden lernen gehört auch die Erkenntnis, dass Kriege und Gewalt vielfältige strukturelle Ursachen haben und Frieden keinesfalls nur über den "Geist der Menschen" entstehen kann. Es gibt nicht nur Menschen, die ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen wollen, sondern auch Strukturen, die Frieden verhindern. Dazu zählen zum Beispiel Gesetze, welche Minderheiten systematisch von politischer Teilhabe ausgrenzen oder diskriminieren.

Heute bietet die UNESCO die Konzeption einer "Kultur des Friedens" als Verständigungsgrundlage und Plattform für die weltweiten Ansätze der Friedenspädagogik an. Das Konzept wurde in den zurückliegenden zehn Jahren von Expertinnen und Experten aus aller Welt entwickelt und wird von den Mitgliedsstaaten der UNESCO getragen. Eine "Kultur des Friedens" besteht nach Vorstellung der UNESCO-Konzeption, wenn Wertvorstellungen, Einstellungen, Traditionen, Verhaltens- und Lebensweisen zwei Voraussetzungen erfüllen: Wenn Sie erstens das Leben achten, Gewalt beenden sowie Gewaltlosigkeit durch Erziehung, Dialog und Zusammenarbeit fördern, und wenn sie zweitens die Grundsätze der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Demokratie, der Toleranz, der Solidarität, der Zusammenarbeit, des Pluralismus, der kulturellen Vielfalt, des Dialogs und der Verständigung auf allen Gesellschaftsebenen und zwischen den Nationen einhalten.

Quellentext

Erklärung der UN-Generalversammlung über eine Kultur des Friedens

Artikel 1

Unter einer Kultur des Friedens ist die Gesamtheit der Wertvorstellungen, Einstellungen, Traditionen, Verhaltens- und Lebensweisen zu verstehen, die auf

a) der Achtung des Lebens, der Beendigung der Gewalt sowie der Förderung und Übung von Gewaltlosigkeit durch Erziehung, Dialog und Zusammenarbeit;

b) der uneingeschränkten Achtung der Grundsätze der Souveränität, der territorialen Unversehrtheit und der politischen Unabhängigkeit der Staaten und der Nichteinmischung in Angelegenheiten, die ihrem Wesen nach zur inneren Zuständigkeit eines Staates gehören, im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen und dem Völkerrecht;

c) der uneingeschränkten Achtung und Förderung aller Menschenrechte und Grundfreiheiten;

d) der Verpflichtung zur friedlichen Beilegung von Konflikten;

e) Anstrengungen zur Befriedigung der Bedürfnisse der heutigen und der kommenden Generationen auf dem Gebiet der Entwicklung und der Umwelt;

f) der Achtung und Förderung des Rechts auf Entwicklung;

g) der Achtung und Förderung der Gleichberechtigung und der Chancengleichheit von Frauen und Männern;

h) der Achtung und Förderung des Rechts eines jeden Menschen auf das Recht der freien Meinungsäußerung, der Meinungs- und der Informationsfreiheit;

i) der Einhaltung der Grundsätze der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Demokratie, der Toleranz, der Solidarität, der Zusammenarbeit, des Pluralismus, der kulturellen Vielfalt, des Dialogs und der Verständigung auf allen Gesellschaftsebenen und zwischen den Nationen;

beruhen und durch ein dem Frieden dienliches nationales und internationales Umfeld gefördert werden.

Artikel 2

Eine Kultur des Friedens kann sich besser mit Hilfe von Wertvorstellungen, Einstellungen, Verhaltens- und Lebensweisen entfalten, die der Förderung des Friedens zwischen einzelnen Menschen, Gruppen und Nationen dienen.

Artikel 3

Die Entfaltung einer Kultur des Friedens ist untrennbar verknüpft mit

a) der Förderung der friedlichen Beilegung von Konflikten, der gegenseitigen Achtung, des gegenseitigen Verständnisses und der internationalen Zusammenarbeit;

b) der Erfüllung der internationalen Verpflichtungen aus der Charta der Vereinten Nationen und dem Völkerrecht;

c) der Förderung der Demokratie, der Entwicklung und der allgemeinen Achtung und Einhaltung aller Menschenrechte und Grundfreiheiten;

d) der Befähigung von Menschen auf allen Ebenen, Fähigkeiten auf dem Gebiet des Dialogs, der Verhandlung, der Konsensbildung und der friedlichen Beilegung von Meinungsverschiedenheiten zu entwickeln;

e) der Stärkung der demokratischen Institutionen und der Gewährleistung der vollen Teilhabe am Entwicklungsprozeß;

f) der Beseitigung der Armut und des Analphabetentums und dem Abbau der Ungleichgewichte innerhalb und zwischen den Nationen;

g) der Förderung einer nachhaltigen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung;

h) der Beseitigung aller Formen der Diskriminierung der Frau durch ihre Machtgleichstellung und ihre gleichberechtigte Vertretung auf allen Ebenen der Entscheidungsfindung;

i) der Gewährleistung der Achtung, der Förderung und des Schutzes der Rechte des Kindes;

j) der Gewährleistung eines freien Informationsflusses auf allen Ebenen und der Erleichterung des Informationszugangs;

k) der Erhöhung der Transparenz und Rechenschaftspflicht bei der Regierungs- und Verwaltungsführung;

l) der Bekämpfung aller Formen des Rassismus, der Rassendiskriminierung, der Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängender Intoleranz;

m) der Förderung des Verständnisses, der Toleranz und der Solidarität gegenüber allen Kulturen, Völkern und Kulturstufen, namentlich auch gegenüber ethnischen, religiösen und sprachlichen Minderheiten;

n) der vollen Verwirklichung des Rechts aller Völker, namentlich derjenigen, die unter Kolonial- oder einer anderen Form von Fremdherrschaft oder unter ausländischer Besetzung stehen, auf Selbstbestimmung, das in der Charta der Vereinten Nationen verankert und in den Internationalen Menschenrechtspakten2 sowie in der in Resolution 1514 (XV) der Generalversammlung vom 14. Dezember 1960 enthaltenen Erklärung über die Gewährung der Unabhängigkeit an koloniale Länder und Völker festgelegt worden ist.

Artikel 4

Bildung auf allen Ebenen ist eines der wichtigsten Instrumente zum Aufbau einer Kultur des Friedens. Dabei kommt der Menschenrechtserziehung eine besondere Bedeutung zu.

Artikel 5

Den Regierungen kommt bei der Förderung und Stärkung einer Kultur des Friedens eine entscheidende Rolle zu.

Artikel 6

Die Zivilgesellschaft muß voll an der Entfaltung einer Kultur des Friedens beteiligt werden.

Artikel 7

Durch ihre Rolle auf dem Gebiet der Aufklärung und der Information tragen die Medien zur Förderung einer Kultur des Friedens bei.

Artikel 8

Eltern, Pädagogen, Politikern, Journalisten, religiösen Organen und Gruppen, Intellektuellen, Wissenschaftlern, Philosophen, schöpferischen Menschen und Kunstschaffenden, im Gesundheits- und humanitären Bereich tätigen Menschen, Sozialarbeitern, Führungskräften der verschiedensten Ebenen sowie nichtstaatlichen Organisationen kommt bei der Förderung einer Kultur des Friedens eine Schlüsselrolle zu.

Artikel 9

Die Vereinten Nationen sollen auch künftig bei der Förderung und Stärkung einer Kultur des Friedens in der ganzen Welt eine entscheidende Rolle spielen.

107. Plenarsitzung
13. September 1999

Quelle: http://www.unesco.de/kultur_des_friedens.html (abgerufen am 30.9.2014)




Frieden als Grundwert



Frieden ist ein allgemein anerkannter, auch im Grundgesetz verankerter, zentraler Grundwert. Bereits in der Präambel wird der Wille des deutschen Volkes bekräftigt, "dem Frieden der Welt zu dienen". Und in Artikel 26 Absatz 1 heißt es: "Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges, sind verfassungswidrig." Bereits vor diesem Hintergrund ist die Auseinandersetzung mit dem Grundwert Frieden ein herausragendes Thema für Schule und politische Bildung. Prominente Fachvertreter wie Wolfgang Sander weisen nachdrücklich darauf hin, dass sich diese Auseinandersetzung auch mit Dilemma-Situationen beschäftigen muss. Diese ergeben sich aus der vielfach und kontrovers diskutierten Frage, ob nicht in bestimmten Situationen schlimmster innergesellschaftlicher Gewaltanwendungen (z.B. Völkermord) ein militärisches Eingreifen von außen mehr Leben schützen kann als ein Verzicht auf den Einsatz militärischer Mittel.

In theoretischen Abhandlungen und in Praxisberichten zur Friedenspädagogik findet man häufig den Bezug zum Friedensbegriff des norwegischen Forschers Johan Galtung. Galtung versteht Frieden als Prozess sowohl auf internationaler, gesellschaftlicher wie individueller Ebene. Selbst kleine Schritte werden identifiziert und erhalten Bedeutung. Dieser umfassende und nirgendwo auf der Welt abgeschlossene Friedensprozess zielt auf die stetige Abnahme von Gewalt und die gleichzeitige Zunahme von Gerechtigkeit. Stimmen und Analysen aus der Friedensforschung plädieren angesichts des weltweiten Gewaltpotenzials allerdings für eine Rückbesinnung auf die Abwesenheit von Gewalt und Krieg als Grundbestimmung von Frieden.

Das "zivilisatorische Hexagon" nach Dieter Senghaas. Es beschreibt sechs Bausteine, bestehend aus (1) Gewaltmonopol, (2) Rechtsstaatlichkeit, (3) Demokratische Partizipation, (4) Soziale Gerechtigkeit, (5) Konstruktive Konfliktkultur sowie (6) Interdependenzen und Affektkontrolle, für eine stabile, friedliche Gesellschaft. (Wikimedia) Lizenz: cc by-sa/3.0/de
Als theoretischer Unterbau für die Entwicklung der Friedensfähigkeit von Menschen, Gesellschaften und Staaten gewinnt das "Zivilisatorische Hexagon" des Bremer Friedensforschers Dieter Senghaas neben seiner hohen friedenswissenschaftlichen Relevanz gerade im Kontext politischer Bildung immer mehr an Bedeutung.


Das zivilisatorische Hexagon

Senghaas hat über viele Jahre die historische Entwicklung des Friedens zwischen den westlichen Gesellschaften analysiert. Basierend auf seinen Erkenntnissen hat er sechs Bedingungen formuliert, die Frieden garantieren können:
  1. Das Monopol auf die Anwendung von Gewalt liegt ausschließlich beim Staat und nicht bei Stammesführern oder Kriegsherren.
  2. Die Bindung staatlichen Handelns an Recht und Gesetz ist garantiert (Rechtsstaatlichkeit).
  3. Es bestehen wechselseitige Abhängigkeiten (Interdependenzen) und die Fähigkeit, spontane Gefühlsregungen zu kontrollieren (Affektkontrolle).
  4. Die Möglichkeit der politischen und gesellschaftlichen Mitsprache ist im Sinne einer demokratischen Partizipation gegeben.
  5. Es herrscht soziale Gerechtigkeit.
  6. Das Gemeinwesen beruht auf einer Kultur des konstruktiven Umgangs mit Konflikten.
Viele aktuelle Schulbücher, die für Fächer wie Sozialkunde oder Ethik in der Sekundarstufe entwickelt wurden, enthalten Informationen und Arbeitshinweise zum "Hexagon" (Sechseck). Dabei wird das Denkmodell sogar in eine Tradition mit den Friedensvorstellungen der Philosophen Immanuel Kant oder Thomas Hobbes gestellt. Die pädagogische Erschließung des "Zivilisatorischen Hexagons" für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit im nationalen und internationalen Kontext gehört heute zu den vordringlichsten Aufgaben der Friedenspädagogik.




Friedenspädagogik



Friedenspädagogik als Fachgebiet sucht pädagogische Antworten auf die anhaltende Gewaltbereitschaft und Friedlosigkeit in und zwischen den Gesellschaften bzw. Staaten dieser Erde. Sie trägt auf der Grundlage eines differenzierten Friedensbegriffes dazu bei, Kulturen des Friedens zu etablieren. Friedenspädagogik zielt darauf, Krieg weltweit zu ächten, individuelle, soziale und politische Gewalt zu reduzieren, mit Konflikten konstruktiv umzugehen. Sie unterstützt die Entwicklung von Vorstellungen, wie Menschen friedlich miteinander leben können und fördert Identitäten von Individuen, Gruppen und Gemeinschaften als Friedensstifter/-innen.

Friedenspädagogik berücksichtigt die Erkenntnisse und Ergebnisse der Friedenswissenschaften und anderer relevanter Disziplinen wie der Neurobiologie oder der Medienwissenschaft, wenn sie eigenständige Theorieansätze entwickelt und Praxisfelder ausgestaltet. Von besonderem Interesse ist die im Rahmen der Resilizenzforschung gestellte Frage, warum manche Menschen widerstandsfähiger gegen belastende Situationen sind als andere und wie Menschen unterstützt werden können, damit sie nicht in scheinbar aussichtslosen Situationen zu Gewalt greifen. Friedenspädagogik beachtet die destruktiven menschlichen Potenziale, aber weiß auch im Einklang mit der Wissenschaft um die Kooperations-, Empathie- und Lernfähigkeit des Menschen. Sie setzt auf deren Kraft, unüberbrückbar erscheinende Interessensgegensätze und gewaltfördernde Machtverhältnisse, Traditionen und Strukturen zu verändern oder zu überwinden. Friedenspädagogik bezieht sich auf friedensfördernde Werte wie Gewaltlosigkeit und Menschenrechte. Dabei verfolgt sie gleichzeitig partizipative, offene Lernprozesse, bietet Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit moralischen Dilemmata bezüglich der Anwendung von (militärischer) Gewalt an und unterstützt die Suche nach eigenen Standpunkten und nach Handlungsoptionen für aktive Gewaltlosigkeit.

Themen und Entwicklung der Friedenspädagogik



Noch gibt es keine umfassende friedenswissenschaftliche Darstellung der Geschichte der Friedenspädagogik in Deutschland seit 1945. Manche Betrachtungen orientieren sich an unterschiedlichen historischen Phasen, andere stellen eher die Auseinandersetzung mit Themen in den Vordergrund, mit denen sich Friedenspädagogik bis heute beschäftigt. Die Praxis der Friedenspädagogik ("Friedenserziehung", "Friedensbildung") hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg immer in einer engen Beziehung entweder zu weltpolitischen Konstellationen und Umbrüchen oder zu innergesellschaftlichen Herausforderungen entwickelt. Auf der internationalen Ebene hat zum Beispiel das "atomare Wettrüsten" zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Frage nach einem angemessenen pädagogischen Umgang mit Kriegsängsten bei Kindern geführt. Andererseits haben eher nationale Themen wie Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit oder Gewaltdarstellungen in den Medien immer in einem hohen Maße die friedenspädagogische Agenda bestimmt. Die daraus folgende Vielfalt der Themen und Ansätze kann einerseits als Stärke begriffen werden, andererseits ergeben sich daraus große Herausforderungen bei der Suche nach einem eindeutigen (fachwissenschaftlichen) Profil.

Friedenspädagogik hat sich immer mit zentralen Fragen des menschlichen Zusammenlebens beschäftigt, wenn auch eher in einem Nischendasein. Denn bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Friedenserziehung nicht im Zentrum der von den Alliierten betriebenen Re-Education, also der Demokratisierung der Bevölkerung durch Bildung. So hat der Erziehungswissenschaftler Hermann Röhrs bereits in den 1980er-Jahren darauf hingewiesen, dass der Kalte Krieg zu früh mit seinen neuen Feindbildern das Denken und Handeln der politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen bestimmt habe. Danach wurde immer wieder gefordert, Friedenserziehung als Schulfach einzurichten. Dies konnte ebenfalls nicht erreicht werden. So waren es neben engagierten Lehrerinnen und Lehrern vor allem Jugendverbände und Friedensorganisationen, welche frühzeitig die Impulse der Friedenspädagogik bezüglich einer Erziehung zur Völkerverständigung oder zum Umgang mit individuellen und gesellschaftlichen Gewaltpotenzialen aufgriffen. Es darf nicht vergessen werden, dass Friedenspädagogik immer parallel den schulischen und außerschulischen Bildungsbereich angesprochen hat. Während in den 1970er- und 1980er-Jahren Jugendverbände zu den wichtigen Zielgruppen für friedenspädagogische Expertise gehörten, sind es heute vor allem Nichtregierungsorganisationen.

Methoden der Friedenspädagogik



Die Methoden der friedenspädagogischen Arbeit sind denen von anderen, pädagogisch verwandten Ansätzen wie Bildung für Nachhaltigkeit oder interkulturelle Pädagogik sehr nahe. In der Friedenspädagogik wurden jedoch über die Jahre hinweg Methoden für ihre spezifischen Zielsetzungen adaptiert und geprägt. So finden sich in den Lernarrangements der Friedenspädagogik gängige Prinzipien wie Exemplarisches Lernen, Perspektivenwechsel oder Alltagsorientierung genauso wieder wie die notwendige Handlungsorientierung. In zahlreichen Modellprojekten hat sich in der Friedenspädagogik als Form von "Vorbildlernen" die Arbeit mit Best-Practice-Beispielen erfolgreicher Friedensstiftung etabliert. Frühzeitig wurde auch das Prinzip des Empowerment aufgegriffen und methodisch weiterentwickelt. Empowerment stellt das Individuum in den Mittelpunkt: es geht darum, Menschen zu befähigen ihre eigenen Interessen wahrzunehmen und auszudrücken. Denn starke Individuen sind im Sinne des Empowerment der Schlüssel zu gesellschaftlichen Veränderungen. Angesichts der Lebenssituation vieler Menschen und Gemeinschaften ist Empowerment zu einem wesentlichen Bestandteil der Friedenserziehung in Konflikt- und Kriegsregionen geworden. Der gewaltfreie Widerstand gegen Armut, Unterdrückung, Marginalisierung, Gewalt und Krieg braucht Mut, Entschlossenheit und Selbstvertrauen.

Der grundlegende methodische Ansatz von Friedenspädagogik besteht jedoch darin, Räume zur Selbstreflexion und für gemeinsames Lernen, für Begegnung und kritische Diskussionen zu schaffen. Diese Lernräume müssen zielgruppengerecht und den Konfliktkonstellationen angemessen entwickelt, gestaltet, erprobt und evaluiert werden. Dazu wird Friedenspädagogik vielfach als ganzheitlicher Ansatz verstanden: Entsprechend werden individuelle, gesellschaftliche und internationale Ebene, formaler und non-formaler Bildungsbereich systematisch verknüpft und alle beteiligten Akteure einbezogen. Man spricht daher auch von "Multi-Track-Friedenspädagogik".

Friedensbildung



"Wann dürfen Deutsche töten?" – So titelte das Nachrichtenmagazin Der SPIEGEL im November 2009 (Ausgabe 49). Anlass für diese provokante Frage war ein Artikel zum Thema "Die Bundeswehr, Afghanistan und der Krieg im 21. Jahrhundert". Mit dem Beitrag wurde eine Debatte um die Konsequenzen einer Neuausrichtung der Bundeswehr als interventionsfähige und weltweit einsatzbereite Streitmacht eröffnet. Die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Friedensgefährdungen und Sicherheitsbedrohungen einerseits und der Friedens-, Sicherheits- und Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Bündnispartner andererseits ist dringender als jemals zuvor. Diese Auseinandersetzung bedarf einer inhaltlichen Unterfütterung und einer ausgeprägten Streit- und Konfliktkultur. Dies zeigt sich auch bei der Frage, wie über sicherheitspolitische Fragen an Schulen informiert und diskutiert werden soll. So sind die seit dem Jahr 2008 abgeschlossenen Rahmenvereinbarungen einiger Bundesländer mit der Bundeswehr, die den Zugang von Jugendoffizieren zu den Schulen und in die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften erleichtern, heftig umstritten. Friedensorganisationen, Gewerkschaften und einige Bildungsexpertinnen und –experten kritisieren, dass es bei den "Kooperationsvereinbarungen" um eine politisch gewollte, bevorzugte Behandlung einer Institution bzw. ihrer Vertreter/-innen geht. Diese stehe nicht für die zivilen, sondern für die militärisch gestützten Ansätze internationaler Konfliktbearbeitung. Gefordert werden Initiativen zum Ausbau einer von der Bundeswehr unabhängigen Friedensbildung an Schulen, um auch nichtmilitärische Handlungsoptionen an Schulen angemessen präsentieren zu können (z.B.: www.netzwerk-friedensbildung-rlp.de; www.netzwerk-friedensbildung-hessen.de). Es ist Aufgabe der politischen Bildung im Allgemeinen und der Friedenspädagogik im Besonderen, Lernräume für diese wichtige Auseinandersetzung zu entwickeln. Diese sollten einerseits an einer klaren Werteorientierung (Frieden, Gewaltfreiheit) festhalten und gleichzeitig offene Lernprozesse anstoßen sowie den Kriterien der politischen Bildung wie Kontroversitätsgebot, Überwältigungsverbot oder Aktualitätsgebot (Beutelsbacher Konsens) genügen. Inwieweit diese Arrangements systematischen Eingang in den schulischen Bereich finden können, ist eine Frage, über die auch im politischen Raum entschieden wird.



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Autor: Uli Jäger für bpb.de
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Unterrichtsthema

Erster Weltkrieg

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