Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

13.12.2005 | Von:
Werner Faulstich

Geschichte der Bildkultur bis zum Visualisierungsschub im 19. Jahrhundert

Flugblatt in der frühen Neuzeit

Beispiel für ein Unterhaltungsflugblatt: "Abreissung eines ungestalten Kinds" (1578), eine Missgeburt mit einem Schweinskopf, sechs Fingern, sechs Zehen, einem großen Bauch mit eingewachsener Hand und einem ungewöhnlichen Geschlechtsteil, ergänzt rechts durch ein missgeborenes Kalb, angeblich als Folge der Unzucht eines Spaniers mit einer Kuh.Beispiel für ein Unterhaltungsflugblatt: "Abreissung eines ungestalten Kinds" (1578), eine Missgeburt mit einem Schweinskopf, sechs Fingern, sechs Zehen, einem großen Bauch mit eingewachsener Hand und einem ungewöhnlichen Geschlechtsteil, ergänzt rechts durch ein missgeborenes Kalb, angeblich als Folge der Unzucht eines Spaniers mit einer Kuh.
Entscheidender Vorläufer des visuellen Zeitalters in der frühen Neuzeit waren weder Wand noch Plakat, sondern das Medium Blatt in seiner Gestalt als Flugblatt: Es konnte in größeren Auflagen gedruckt und verbreitet werden und hatte gegenüber der Wand vor allem den Vorzug der Mobilität. Schon im frühen 16. Jahrhundert waren Flugblätter in den Städten und auf dem Land verbreitet: Flugblätter über Sensationen und Wunder, zur Unterhaltung, als Andachtsblatt zur katechetischen Unterweisung und Erbauung und als Informationsträger politischer und kriegerischer Ereignisse. Die Fülle der verschiedenen Text-Bild-Kombinationen lässt sich hier nicht einmal andeuten.

Selbstverständlich wurden Bildflugblätter auch zur Agitation und Propaganda eingesetzt, insbesondere in den Bauernkriegen und zur Zeit der Reformation. Dabei wurde die Information meist ersetzt durch Überredung und Indoktrination. Bei solcher Bildpublizistik war äußerste Parteilichkeit angesagt. Eingesetzt wurden Komik, Spott, Ironie und Schmähungen ebenso wie Pathos, Bissigkeit und Übertreibungen. Beliebte Themen entstammten den Bereichen des Essens, Trinkens, der Ehe, der Sexualität, des Schlaraffenlandes und diversen Motiven des Tierreichs. Bevorzugte Objekte der Polemik waren Papst und Klerus.

Später, im 18. Jahrhundert, dem Beginn der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, erlebte das bebilderte Flugblatt neue Höhepunkte. Zum einen als Instrument der politischen Revolte und Auseinandersetzung – im Verlauf der Französischen Revolution wurden immerhin mehr als 35.000 verschiedene Flugblätter aufgelegt und das Bildflugblatt war dabei ein wichtiges Instrument zur emotionalen Mobilisierung und Politisierung. Zum andern wurde es für kommerzielle Werbung funktionalisiert. Häufig im Verbund mit ähnlich gestalteten Plakaten warben Künstler, reisende Schausteller, aber auch lokale Händler und Geschäftsleute in Text-Bild-Kombinationen für ihre Angebote. Die ersten Vorläufer der späteren Werbeindustrie kamen auf, die sich in besonderem Maße der vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten des Bildes annehmen sollte.

Der Visualisierungsschub

Mit der Ausbildung der Presse zum arbeitsteiligen Journalismus setzte, vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im wichtigsten Informationsmedium der Zeit eine systematische Bebilderung ein. Speziell die Massenpresse wurde vom Bildjournalismus geprägt, und überall entstanden entsprechende neue Meinungsträger: in England u.a. The Illustrated London News (ab 1842), in Frankreich u.a. L´Illustration (ab 1843), in Deutschland u.a. die Leipziger Illustrirte Zeitung (ab 1843), in den USA u.a. Harper´s Weekly (ab 1850). Kriegs-, Ereignis-, Sensationsbilder waren besonders beliebt, aber in zunehmendem Maße auch Sportbilder. Die dafür üblichen Kupferstiche, Holzdrucke und Hochdrucke wurden erst ab der Jahrhundertwende vom Foto abgelöst, nämlich mit Beginn der Pressefotografie als Symbiose der beiden Medien Zeitung und Fotografie. Ullsteins "Tempo" führte 1928 die aktuelle Foto-Bildberichterstattung in Deutschland ein.

Gravierender freilich als die Zeitung war, nach dem Vorbild etwa des "Pfennig-Magazins der Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse" (ab 1833), die Zeitschrift betroffen. Die auflagenstärkste unter ihnen, die Berliner Illustrirte Zeitung hieß zwar noch Zeitung, muss tatsächlich aber als Zeitschrift bzw. frühe Illustrierte gelten. [Abb. 9: Duell]

Solche visualisierten Meinungsträger wurden äußerst beliebt und konnten gemäß ihrem Charakter als Bildzeitung und aufgrund ihres (werbefinanziert) günstigen Preises auch in minderbemittelten Gruppen der Gesellschaft und in Unterschichten gelesen werden.

Auch der Boom der Familienzeitschriften, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum wichtigsten Unterhaltungsmedium avancierten, verstärkte den Siegeszug der illustrativen Darstellung. Hauptvertreter waren die "Gartenlaube" (1853-1944) von Ernst Keil und "Daheim" (1865-1944) von August Klasing als dem christlichen Gegenstück. Zwischen 1852 und 1890 sollen in Deutschland über 150 Familienzeitschriften neu gegründet worden sein. In expliziter Leserorientierung wurde hier höchst erfolgreich kleinbürgerliche Familienideologie transportiert: Entspannung, Konservatismus, Harmoniesucht, Trost im Happy End, Volkstümlichkeit und Idylle häuslicher Gemütlichkeit, Plüsch, Friedlichkeit und Romantik, auch Zucht und Sitte des deutschen Hauses sowie Nationaltümelei.

Werbeplakat für die "Allgemeine Ausstellung für Jagd, Fischerei und Sport" (1889) von Carl Brünner.Werbeplakat für die "Allgemeine Ausstellung für Jagd, Fischerei und Sport" (1889) von Carl Brünner. (© DHM)
Witzblätter und Karikaturen im Medium Zeitschrift folgten frühen Vorbildern wie den komischen Volkskalendern, politischen Flugblättern und satirischen Flugschriften und gehörten zur prägenden Erscheinung der Medienkultur des 19. Jahrhunderts. Die wichtigsten Witz- und Satirezeitschriften waren damals die Fliegenden Blätter (1844-1944) von Kaspar Braun, Kladderadatsch (1848-1944) von David Kalisch, Ulk (1872-1934) von Kurt Tucholsky und Simplicissimus (1896-1944) von Thomas Theodor Heine. Daneben gab es entsprechende lokale Zeitschriften wie z.B. die Illustrierten Berliner Witzblätter oder die Münchener satirischen Blätter, und nicht zuletzt überregional verbreitete Witzblätter als pikante Unterhaltung mit bevorzugt erotischen Themen.

Neben der zunehmenden Bebilderung der Pressemedien Zeitung und Zeitschrift entwickelte sich das Plakat endgültig zum Bildplakat. Bereits ab 1855 begann die Litfaßsäule in Berlin die traditionelle Wand als Anschlagfläche abzulösen. Spätestens ab den 1880er Jahren wurden politische ebenso wie kommerzielle und künstlerisch-kulturelle Plakate zunehmend vom Bild beherrscht. Eine supramediale Werbeindustrie etablierte sich.

Selbst im Bereich der vom Brief bestimmten medialen Individualkommunikation nahm die Visualisierung zu: Aus der Postkarte (ab 1872) entwickelte sich die Bildpost- oder Ansichtskarte (ab 1875). Von nun an war es jedermann möglich, Bildthemen der verschiedensten Art zweck- und adressatenorientiert für standardisierte Schmalspur-Kommunikation zu nutzen: Ansichtskarten, Themenkarten, Kunst- und Künstlerkarten, Gelegenheitskarten wie Weihnachts-, Oster-, Geburtstags-, Hochzeits-, Beileidskarten, Urlaubskarten und vieles mehr. Dabei wurde der verbale Eigenaufwand erheblich reduziert – im Extremfall bis auf die bloße Unterschrift.


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