Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

13.12.2005 | Von:
Werner Faulstich

Geschichte der Bildkultur bis zum Visualisierungsschub im 19. Jahrhundert

Das Blatt in der Alltagskultur

Am beeindruckendsten war wohl der Visualisierungsschub im Medium Blatt. Damit sind jetzt nicht allein politische Flugblätter und Werbezettel der Wirtschaft gemeint, sondern die zahlreichen Varianten des Blatts in der Alltagskultur. Was man bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts als selbstverständlich und keiner weiteren Aufmerksamkeit für würdig erachtete, hatte sich bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu voller Blüte ausgebildet: Im kirchlich-sakralen Bereich etwa gehören dazu vor allem Andachtsbilder wie die Gebetbuchbilder, Heiligenbilder, Missionsbilder, Wallfahrtsbilder etc., aber auch Kommunionbilder, Sterbebilder und allgemein religiöse Bilder (z.B. betende Hände oder diverse Kreuzesabbildungen).

Im profanen und öffentlichen Alltag entwickelten sich Abziehbilder, visualisierte Etiketten, Fotografiekarten, Reklamekarten mit Logos und Darstellungen von Waren und Dienstleistungen, Visitenkarten mit Porträts, nicht zuletzt auch die Banknote, die sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts als gesetzliches Zahlungsmittel durchsetzte und ebenfalls bebildert war. Spielkarten wie Skat, Quartettspiele, Bridge, Rommé und viele andere Spielkartentypen gab es in Deutschland zwar schon seit dem 15. Jahrhundert, sie waren jedoch im 19. Jahrhundert infolge der Kleinstaaterei in erstaunlicher Vielfalt verbreitet und auf dem Lande äußerst beliebt.

Neu etabliert wurden die Sammelbilder, deren Hochzeit mit den Bildern der Schokoladenfabrik Stollwerck (ab den 1860er Jahren) begann und die mit den Bildern der Firma Liebig Fleischextrakt bis zum Ende des Jahrhunderts ihren Boom erlebten. In tausenden verschiedener Serien, in hunderttausenden von Sammelalben pro Jahr und in Millionenauflagen der Einzelbilder und Bildblöcke, die teils über Automaten vertrieben wurden, etablierte sich eine Bildkultur für die Massen des Volkes.

Ursprünglich waren die Sammelbilder ein Marketing-Instrument, es ging um Absatzmärkte für Kolonialwaren wie Kakao und Kaffee, später, bei Markenartikeln, um Kundenbindung. Doch rasch verselbstständigte sich das Sammelbild zum Kultobjekt, das speziell von Erwachsenen gesammelt, gekauft, getauscht, in Alben eingeklebt wurde und für viele einfache Menschen einen enormen Informations- und Unterhaltungswert übernahm. Es wurden Kataloge herausgegeben und Sammlervereine gegründet, um der erstaunlichen Themenvielfalt Herr zu werden. Die Wissensvermittlung dabei war affirmativ: eine heile Welt aus kindlicher und kleinbürgerlicher Sicht, ein festes soziales Statussystem, eine positivistische Lebensanschauung und bevorzugt exotische Informationen. Man hat dem Sammelbild deshalb die Funktion der Daseinsbewältigung zugesprochen.

Der Bilderbogen

Bilderbogen mit Darstellung von Haustieren, Oehmigke, Alfred: Neuruppiner Bilderbogen 1854/1855Bilderbogen mit Darstellung von Haustieren, Oehmigke, Alfred: Neuruppiner Bilderbogen 1854/1855
Unterhaltung und Belehrung gab es auch beim Medium Bilderbogen, das nur die kurze Zeitspanne von etwa den 30er- bis zu den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts eine besondere Bedeutung besaß. Der Bilderbogen war größenmäßig zwischen dem Blatt und dem Plakat angesiedelt und wurde üblicherweise auch an heimischen Wänden, Türen und Schränken aufgehängt. Mit ihm wurden zumeist Geschichten erzählt, dargestellt in verschiedenen Szenen und mit moralisierendem Unterton – nach Vorbildern von etwa Max und Moritz oder Struwwelpeter. Man kann dabei verschiedene Typen unterscheiden: die Aktualitätenbogen, die über aktuelle Ereignisse der Zeitgeschichte berichteten (die Zerstörung einer Stadt, eine Feuersbrunst, Ereignisse aus dem Familienleben der Herrschenden usw.), die Lehrbogen, die Allgemeinwissen zu bestimmten Themenkomplexen anboten (Tiergruppen, Handwerksberufe, Theaterfiguren, antike Sagen usw.), und die so genannten Kinderbogen mit klar pädagogischer Funktion, die einweisen in moralisches Alltagshandeln, gute Sitten beim Essen und Trinken und allgemeine Lebensweisheiten. Der Bilderbogen war Informationsquelle, Ratgeber und moralische Instanz für das konservativ-traditionelle Kleinbürgertum. Der hier dargestellte Bilderbogen "Haus-Thiere. Vögel" soll Allgemeinwissen vermitteln: Er zeigt Gans, Hahn, Ente und andere Vögel.

In Produktion, Distribution und Rezeption war der Bilderbogen ein absolutes Massenmedium und international verbreitet. Als die wichtigste deutsche Beispiele gelten der Neuruppiner Bilderbogen (mit einer Gesamtauflage von mehreren hundert Millionen Exemplaren) und der Münchener Bilderbogen, der in Themenwahl und Gestaltung stärker mittelschichtig orientiert war.

Fotografie – ein gesellschaftsübergreifendes Medium

Familienporträt "W.H. Jackson and Family", entstanden zwischen 1880 and 1910.Familienporträt "W.H. Jackson and Family", entstanden zwischen 1880 and 1910. (© The Library of Congress)
Die wichtigste Erscheinung der Bildkultur des 19. Jahrhunderts war das neue Medium Fotografie, entstanden in der Zeit von 1826/27 und 1839. Vor allem mit ihm wurden nach einer vom Schreiben und Lesen beherrschten bürgerlichen Phase erneut Sinnlichkeit, Anschaulichkeit und Körperlichkeit in den Mittelpunkt gestellt. Damit fand Erfahrung und Erlebnis, wie immer verkürzt und relativiert, unter dem Vorzeichen des Authentischen und Dokumentarischen Eingang in die Medien- und Bildgeschichte. Bezeichnenderweise führten die Zeitgenossen jahrzehntelang eine Debatte darüber, ob es sich bei der Fotografie nun um Kunst handle oder um bloße Reproduktion von Wirklichkeit, die keinerlei Kunstcharakter für sich beanspruchen könne. Erst später setzte sich die Einsicht durch, dass das neue Bildmedium als beides zu fungieren vermag, als Speichermedium und als Gestaltungsmittel.

Das neue Medium bediente den Bildhunger der gesamten Gesellschaft. Von Anfang an dominierte die Porträt- oder Bildnisfotografie. Bei ihr ging es um die soziale Verortung des Einzelnen in der Massengesellschaft, um das Individualporträtfoto und das Selbstbild als statusorientierte Selbstinszenierung. In den Anfängen der 1840er Jahre bediente sich vor allem der Adel dieser neuen und im Vergleich zur Malerei erheblich preisgünstigeren Porträtierweise. Die großbürgerlichen Eliten folgten in den 1850er und 1860er Jahren mit ihren repräsentativen Porträts als Wandschmuck fürs Wohnzimmer. Dann setzte sich das Medium bis hinunter ins Kleinbürgertum durch. Spätestens zum Ausgang der 1880er Jahre hatte sich die so genannte Liebhaberfotografie oder das Knipsen verbreitet und eine arbeitsteilige Fotoindustrie war etabliert. Noch vor der Jahrhundertwende war das Fotografieren zum Hobby für jedermann geworden: die eigene Ahnengalerie konnte nun problemlos ins Fotoalbum geklebt werden.

Das neue Bildmedium hatte seinen Sinn aber nicht nur als Instrument für soziale Selbstinszenierung, sondern auch in seiner Multifunktionalität. Neben der Porträtfotografie entwickelte sich von Anfang an die Aktfotografie (das nackte Ich), die Reisefotografie (das fremde Ich) sowie die medizinische und die kriminalistische Fotografie (das kranke, das kriminelle Ich), schnell gefolgt von zahlreichen weiteren Einsatzmöglichkeiten wie z.B. der Tierfotografie, Sportfotografie, Landschafts- und Gebäudefotografie, der Industriefotografie, Modefotografie und Werbefotografie bis hin zur bereits erwähnten Pressefotografie.

Mit der Fotografie begann eine Bildkultur, die das Medium aus heutiger Sicht als Übergang von den Printbildern zu den elektronischen Bildern erscheinen lässt. Erstmals wurde Wirklichkeit nicht gezeichnet, gemalt oder mehr oder weniger naturalistisch abgebildet, vielmehr schien Wirklichkeit selbst wirksam zu werden. Die Fotografie war das erste technische Medium der Geschichte, das gespeicherte Live-Wirklichkeit transportierte und damit die prinzipielle Differenz zwischen Realitätsdarstellung und unvermittelter Realitätsreproduktion in Frage stellte.


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