Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

19.2.2016 | Von:
Lars Riedl

Vom Spiel zum Spektakel

Der gesellschaftliche Erfolg des Fußballs

Vereine und Sportverbände gründen sich und organisieren den Fußball

Die Ausdifferenzierung, Stabilisierung und das Größenwachstum gesellschaftlicher Teilsysteme ist eng mit der Entstehung von spezifischen Organisationen verbunden, die sich auf bestimmte Aspekte und Probleme des jeweiligen Systems spezialisieren. So basiert beispielsweise die Leistungsfähigkeit und Komplexität des politischen Systems unter anderem darauf, dass es Parteien und staatliche Verwaltungen gibt, die sich mit der Vorbereitung und Durchsetzung politischer Entscheidungen befassen.

Fürth Mannschaft 1913Die Spielvereinigung Greuther Fürth, einer der traditionsreichsten Fußballvereine Deutschland mit drei Meistertiteln in den Jahren 1914, 1926 und 1929, wurde 1903 gegründet. (Mannschaftsbild von 1913) (© imago/Kicker)


Die im Vergleich zur vormodernen Agrarwirtschaft erlangten Leistungssteigerungen des modernen Wirtschaftssystems basieren auf der Entstehung von Organisationen, wie zum Beispiel Unternehmen und Banken. Der beschleunigte Erkenntnisfortschritt der Wissenschaft ist weniger auf die Leistungen individueller Wissenschaftler, sondern vielmehr auf die Universitäten, Forschungsinstitute und Fördereinrichtungen zurückzuführen, die diesen Prozess organisieren. Für den Fußball sind vor allem zwei spezielle Organisationstypen zu nennen:
  • Dies sind erstens die Vereine, denn sie bilden die organisatorische Grundlage für Fußballmannschaften und erzeugen so unter anderem langfristig bestehende Wettkampfeinheiten, die auch den stetigen Wechsel ihrer Mitglieder überdauern. Man denke hier nur an die vielen Bundesligaklubs, die schon seit über 100 Jahren bestehen.
  • Zweitens sind die Sportverbände von Bedeutung, denn sie bestimmen die Regeln, organisieren die Wettkämpfe und gewährleisten den fortwährenden sportlichen Leistungsvergleich. Sie ermöglichen zum einen die Kooperation der um sportliche Erfolge konkurrierenden Vereine. Zum anderen vertreten sie die Interessen des Fußballs nach außen – vor allem gegenüber der Wirtschaft, der Politik und den Medien –, sodass sie maßgeblich zur Positionierung des Fußballs in der Gesellschaft beitragen.

Professionalisierung und Globalisierung des Fußballs

Auf Grundlage der vorangestellten Überlegungen zum Fußball als Sportart der modernen Gesellschaft lassen sich zwei Strukturdynamiken erklären, die den gegenwärtigen Fußball maßgeblich prägen: nämlich Professionalisierungs- und Globalisierungsprozesse.

Das Leistungsprinzip erfordert Professionalisierung auf allen Ebenen

Mit Professionalisierung ist zum einen die Verberuflichung bestimmter Tätigkeiten gemeint. Zum anderen verfügen Professionelle im Unterschied zu Laien über ein spezifisches Fachwissen, besondere Fähigkeiten und Qualifikationen, die für die effektive Ausübung dieser Tätigkeiten notwendig sind. Professionalisierungsprozesse zielen vor allem auf Effektivitätssteigerung ab. Im Fußball resultieren sie konsequenterweise aus der Logik des Sportsystems. Die permanenten Konkurrenzverhältnisse forcieren die wechselseitigen Überbietungsversuche der Sportler, Mannschaften und Vereine.

Es gibt keine systeminterne Stoppregel, keinen Grund, sportliche Leistungen zu begrenzen, denn es würde "sportlich" keinen Sinn machen, zum Beispiel die zulässige Höchstleistung beim Hundertmeterlauf auf 10,23 Sekunden zu begrenzen. Daher entstehen im Sport Prozesse, die in ihrer Logik und Dynamik mit der Spirale militärischen Wettrüstens vergleichbar sind. Insofern sind die vielfältigen im Fußball zu beobachtenden Professionalisierungsprozesse als Versuche zu verstehen, Möglichkeiten der Leistungssteigerung zu schaffen:
  • Beispielsweise werden Spieler zu Vollprofis, um sich ausschließlich auf Training und Wettkampf konzentrieren zu können.
  • Mit der Verpflichtung hauptberuflicher und zunehmend auch gut ausgebildeter Trainer/-innen versucht man, die Trainingsqualität sowie das taktische Verhalten der Spieler/-innen im Wettkampf zu verbessern.
  • Der Einsatz von medizinischen Betreuungsstäben ermöglicht die professionell gesteuerte Optimierung der Athletenkörper.
  • Ehrenamtliche Funktionäre werden durch ein professionelles Management ergänzt beziehungsweise ersetzt.
  • Die Vereine werden von einer gemeinnützigen Vereinigung in sogenannte Fußballunternehmen umgewandelt[8], um die internen Abstimmungsprozesse wie auch die Beziehungen zu Medien und Wirtschaft mit dem Ziel zu verbessern, die für das Erreichen weiterer sportlicher Erfolge notwendigen finanziellen Ressourcen zu gewinnen.
Fußball wird zu einer globalen Sportart

01.04.1893: Spieler und Offizielle der englischen Fußball-Nationalmannschaft, die an diesem Tag in London ein Länderspiel gegen die schottische Auswahl bestreitet.01.04.1893: Spieler und Offizielle der englischen Fußball-Nationalmannschaft, die an diesem Tag in London ein Länderspiel gegen die schottische Auswahl bestreitet. (© picture-alliance/dpa)


Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich im Sportsystem globale Strukturen in Form von weltweiten Wettkämpfen und einheitlichen, weltweit gültigen Wettkampfregeln etabliert. Man denke nur an die ersten Olympischen Spiele im Jahre 1896, an denen – zumindest dem Anspruch nach – Athleten aus der ganzen Welt teilnahmen. Diese frühzeitige Entstehung weltweiter Wettkampfsysteme lässt sich ebenfalls auf die Logik des Sportsystems zurückführen. Das Konkurrenzprinzip impliziert die Leistungsvergleiche, von der lokalen über die nationale Ebene letztlich auf die ganze Welt auszudehnen, um so die Beste oder den Besten der Besten, also die Weltmeisterin/den Weltmeister, zu ermitteln. In dieser Hinsicht ist der Spitzensport nahezu zwangsweise grenzüberschreitend beziehungsweise grenzenlos. Und so waren internationale Vergleiche bereits im 19. Jahrhundert fester Bestandteil des modernen Fußballs. Ebenso war Fußball bereits im Programm der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit (1896) vorgesehen[9], und die erste Weltmeisterschaft fand bekanntlich 1930 in Uruguay statt.

Die Spielermärkte und das Publikum globalisieren sich

Auf der Ebene der Spielerrekrutierung kam es zu einem enormen Globalisierungsschub durch das sogenannte Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Jahre 1995. Denn damit wurden die bis dahin geltenden Ausländerbeschränkungen der Verbände, weil nicht mit dem europäischen Arbeitsrecht zu vereinbaren, für nichtig erklärt. Die Vereine konnten nunmehr nahezu unbegrenzt ausländische Spieler weltweit verpflichten und bereits nach wenigen Spielzeiten stieg ihr Anteil in der Bundesliga auf rund 50 Prozent an[10].

Vgl. hierzu die interaktive Infografik: Wie hat sich der Ausländeranteil in der Bundesliga seit 1963 entwickelt?

Fans von Bayer Leverkusen verehren ihre Mannschaft als Yediritter.Fans von Bayer Leverkusen mit einer Choreografie "Die Werkskrieger", in der sie ihre Mannschaft als Yediritter aus dem Film "Star Wars" darstellen. (© imago/Team 2)


Damit wurde es insbesondere für deutsche Nachwuchsspieler weitaus schwieriger, in der Bundesliga Fuß zu fassen. Jedoch konnten die aus diesem Umstand befürchteten negativen Folgen für die Nationalmannschaft durch große Investitionen des Deutschen Fußball-Bunds in ein Talentförderprogramm sowie die an die Lizenzierung der Bundesligavereine gekoppelte Verpflichtung zur Nachwuchsförderung abgewendet werden.

Die anfänglich befürchtete Entfremdung des Publikums von den nunmehr multinational zusammengesetzten Mannschaften ist nicht eingetreten. Vielmehr wurde deutlich, dass die Publikumsgunst nur marginal von der Nationalität der Spieler abhängt[11]. Viel wichtiger ist es, wie stark sich die Spieler für den Verein einsetzen. Es zählen für die Zuschauer primär sportliche Kriterien, wie Leistung, Erfolg, Einsatzbereitschaft und Loyalität gegenüber dem Verein, denn dies ist ihr zentrales Identifikationsobjekt[12]. Insofern können ausländische Spieler genauso gut wie deutsche Spieler zu Publikumslieblingen und Vereinshelden werden[13]. Es ist daher aber auch fraglich, inwieweit diese Identifikation mit den multinationalen Mannschaftskadern einen positiven Einfluss auf Integration ausländischer Mitbürger in die deutsche Gesellschaft hat.

Staatsbürgerschaften der Bundesligaspieler in der Saison 2015/2016Staatsbürgerschaften der Bundesligaspieler in der Saison 2015/2016. Bitte klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Grafik zu kommen. (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Analog zu den Mannschaftskadern globalisiert sich auch das Publikum. Dank der Massenmedien ist man heutzutage bei der Wahl seines Lieblingsvereins nicht mehr auf den lokalen Fußballklub beschränkt[14]. Und vor allem die größeren Vereine agieren mittlerweile nahezu wie transnationale Konzerne[15] und versuchen zunehmend, nicht nur national, sondern weltweit Zuschauer und Fans zu finden.

Fußnoten

8.
Lehmann/Weigand 2002
9.
Lennartz 2006
10.
Riedl & Cachay 2002; Borggrefe & Cachay 2009
11.
Kalter 1999
12.
Balke 2007
13.
Riedl 2006
14.
Vgl. Riedl 2013
15.
Giulianotti/Robertson 2001