Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

19.2.2016 | Von:
Lars Riedl

Vom Spiel zum Spektakel

Der gesellschaftliche Erfolg des Fußballs

Die Bedeutung des Publikums für den Fußball

1977: Junger Dortmund-Fan gibt seiner Mannschaft Anweisungen.1977: Junger Dortmund-Fan gibt seiner Mannschaft Anweisungen. (© imago/Werner Otto)


Fußball fasziniert die Massen und verfügt daher über ein enormes Publikum. Doch was macht diese Faszination aus? Der Fußball ist nicht nur für die Zuschauer und Fans wichtig, sondern das Publikum ist auch seinerseits für den Fußball von enormer Bedeutung. Denn erst das Publikum verschafft dem Fußball seinen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Dies geschieht in zweifacher Weise, nämlich zum einen durch Sinnzuschreibungen und zum anderen durch die Ermöglichung der Kopplung mit anderen gesellschaftlichen Teilsystemen.

Das Publikum gibt dem Fußball seine hohe gesellschaftliche Bedeutung

Im modernen Fußball dürfen die Zuschauer im Gegensatz zu den damaligen englischen Folk Games bekanntermaßen nicht mehr direkt ins Spiel eingreifen, sondern sie können nur noch die Spiele beobachten sowie ihre Beobachtungen kommunizieren und kommentieren. Doch was leistet das schier endlose Reden über Fußball in Freundeskreisen, Fernsehen, Radio, Zeitungen und Internet? Die wissenschaftliche Antwort lautet: Es transformiert das physische Geschehen auf dem Rasen in einen Gegenstand der Kommunikation[29].

Die Leistung des Publikums liegt in dieser kommunikativen Rekonstruktion, der Beschreibung und Kommentierung von Fußballspielen. Denn das Publikum ermöglicht es, dass Fußball zum Thema geselliger Konversation und damit auch zum Bestandteil gesellschaftlicher Kommunikation und öffentlicher Diskussionen wird. Das Publikum ist als eine interpretative Gemeinschaft zu verstehen, die dem Fußball überhaupt erst seine gesellschaftliche Bedeutung verschafft. Es erzeugt und stabilisiert maßgeblich die Images, Semantiken (Bedeutungen), Historisierungen, Helden und Mythen, durch die der Fußball zu mehr wird als lediglich zu einem Spiel, bei dem 22 Spieler versuchen, das Runde ins Eckige zu bringen.

Das Publikum sorgt für die enge Verbindung von Fußball, Medien und Wirtschaft

Neben diesen vielfältigen Sinnzuschreibungen ermöglicht das Publikum auch die Kopplung mit gesellschaftlichen Teilsystemen, insbesondere dem Wirtschaftssystem, den Massenmedien und dem politischen System. Fußballvereine benötigen vor allem finanzielle Ressourcen, um sportlich erfolgreich sein zu können. Deshalb gilt es, neben den Eintrittsgeldern vor allem Sponsoren- und Fernsehgelder zu gewinnen. Dies gelingt aber nur, wenn man ein möglichst großes Publikum hat. Denn das Publikum steht in der Mitte des "magischen Dreiecks" von Spitzensport, Massenmedien und Wirtschaft[30].

Sponsoren und Medien interessieren sich nur deshalb für den Spitzensport, weil sie an seinem Publikum interessiert sind. Denn sie wollen diese Zuschauer und Fans für sich als Käufer und Kunde, Fernsehzuschauer und Zeitungsleser gewinnen. Insofern benötigt der Spitzensport ein möglichst großes Publikum, denn nur dann fließen die Gelder der Wirtschaft und der Massenmedien. Und Gleiches gilt auch hinsichtlich der Unterstützung aus der Politik, denn diese ist letztlich an den Wählerstimmen der Bürger interessiert. Insofern gilt: Je größer das Publikum ist, desto besser funktioniert der Leistungsaustausch zwischen dem Fußball und diesen drei gesellschaftlichen Teilsystemen.

Das Verhältnis des Fußballs zu Massenmedien, Wirtschaft und Politik

Nürnberger Fans protestieren gegen Pay-TV und die Kommerzialisierung des FußballsNürnberger Fans protestieren gegen Pay-TV und die Kommerzialisierung des Fußballs. (© imago/MIS)
Der Fußball ist in der Tiefenstruktur seiner Systemlogik autonom. Sein gegenwärtiges Erscheinungsbild hingegen wird jedoch maßgeblich durch die Beziehungen des Fußballs zur Gesellschaft, insbesondere zu den gesellschaftlichen Teilsystemen Massenmedien, Wirtschaft und Politik und den damit verbundenen Prozessen der Medialisierung, der Kommerzialisierung sowie der politischen Instrumentalisierung geprägt.

Die engen Kopplungen zu den Teilsystemen werden zum einen durch das Konkurrenz- und Leistungsprinzip des Sports selbst hervorgerufen, denn die Vereine versuchen, ihre Ressourcen zu steigern, um weiterhin sportliche Erfolge zu erreichen. Zum anderen haben die gesellschaftlichen Teilsysteme auf der Grundlage ihrer jeweiligen Systemlogiken erkannt, dass sich Fußball als Thema medialer Berichterstattung oder zum Geldverdienen ebenso eignet wie als Feld politischer Selbstdarstellung.

Die Stabilität dieser Austauschbeziehungen ist vor allem davon abhängig, inwieweit das Fußballpublikum den damit verbundenen Zumutungsgehalt erträgt, ständig auch als Mediennutzer, Konsument und Wähler angesprochen zu werden.

Fußball und Massenmedien sind eng verbunden

Die enge Kopplung von Fußball und Massenmedien sowie die damit verbundenen Medialisierungsprozesse basieren nicht nur auf dem Interesse der Medien am großen Fußballpublikum, sondern der Fußball erzeugt auch Ereignisse, die für die Medien im Sinne ihrer Systemlogik als attraktiv und berichtenswert erscheinen. Die Medien berichten vor allem über Ereignisse, die sogenannte Nachrichtenwerte aufweisen, wie zum Beispiel Aktualität, Außergewöhnliches/Sensationelles, Konflikte oder Eliteorientierung[31]. Und genau dies bedient der Fußball. Er produziert ständig neue Spiele, sodass er gewissermaßen den Status der Daueraktualität aufweist. Der Wettstreit um sportliche Erfolge ist ein geregeltes Konfliktsystem, das aufgrund seines offenen Ausgangs nicht nur Spannung, sondern beim Publikum auch einen Bedarf an weiteren Informationen erzeugt.

Darüber hinaus passt sich der Fußball hervorragend in die Produktionsbedingungen der Medien ein. Im Gegensatz zu vielen anderen tagesaktuellen Ereignissen, wie zum Beispiel politische Skandale oder Naturkatastrophen, sind die Berichte über den Fußball dank des Wettkampfkalenders im Voraus planbar. Und im Vergleich zu anderen Sportarten ist ein Fußballspiel zeitlich (zum Beispiel im Gegensatz zu Tennis) und räumlich (zum Beispiel im Gegensatz zum Marathonlauf) eng begrenzt, sodass der Fußball als mediales Thema besonders geeignet ist und sich hervorragend mittels medialer Techniken und journalistischer Routinen inszenieren lässt[32].

Materazzi-Zidane SkulpturDer WM-Kopfstoß von Zinedine Zidane gegen Marco Materazzi löste weltweite Debatten sowie politische, philosophische und psychologische Interpretationen in den Medien aus. Die Skulptur musste 2013 von Paris nach Quatar wechseln und bietet auch weiterhin Anlass für Kontroversen. (© picture-alliance/dpa)


Die Massenmedien ermöglichen damit ihrerseits dem Fußball eine enorme Publikumsvergrößerung. Und sie erzeugen und verbreiten in der Gesellschaft massenhaft Kommunikationen über Fußball, prägen maßgeblich die kollektiven Identitäten, Images sowie das öffentliche Bild des Fußballs und bilden einen wesentlichen Teil seines Gedächtnisses.

Private Fernsehsender verändern die Art der Berichterstattung

Die Medialisierung des Fußballs in Deutschland wurde vor allem durch die 1984 erfolgte Einführung des dualen Fernsehsystems forciert. Seitdem werden neben den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nunmehr auch privatwirtschaftlich organisierte Fernsehsender zugelassen. In der aufkommenden Konkurrenz um Einschaltquoten und Marktanteile wurde Fußball als ein attraktives Programm erkannt. 1988 wurden dann erstmalig die Zusammenfassungen der Bundesligaspiele von einem Privatsender (RTL mit der Sendung "Anpfiff") gezeigt. Und seit 1991 gibt es Live-Übertragungen von Bundesligaspielen im Pay-TV. Der Wettbewerb um die TV-Rechte ließ deren Kosten exponentiell steigen. Zahlten ARD und ZDF in der Saison 1984/85 nur 10 Millionen D-Mark an den Deutschen Fußball-Bund (DFB), so waren es in der Saison 2012/13 über 425 Millionen Euro, die ARD und der Pay-TV Sender Sky investieren mussten.

Mit den privaten Fernsehsendern veränderte sich aber auch die Art der Berichterstattung. Charakteristisch dafür sind unter anderem Ausweitung der Übertragungszeiten, Verlängerung der Vor- und Nachberichtserstattungen, Einsatz neuer Übertragungstechniken und Inszenierungsformen, Schaffung neuer Sendeformate (zum Beispiel Talkshows und Human-Interest-Storys), Boulevardisierung und verstärkte Orientierung an Unterhaltung und Stars[33]. Es sind diese veränderten medialen Inszenierungsformen, denen es beispielsweise die Fußballspielerinnen und Fußballspieler verdanken, dass sich ihre Rolle vom gewöhnlichen Menschen mit außergewöhnlichem Talent zum prominenten Star gewandelt hat. (siehe hierzu: Jürgen Schwier: Mediensport Fußball in Europa)

Fußnoten

29.
Martínez 2002, S. 71
30.
Preuß 2005
31.
Ruhrmann 1994; Luhmann 1996
32.
Horky 2001
33.
Burk 2002