Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

19.2.2016 | Von:
Lars Riedl

Vom Spiel zum Spektakel

Der gesellschaftliche Erfolg des Fußballs

Fußball und Wirtschaft

Bayern-Fans mit RiesentrikotDer Fanblock als Werbefläche: Fans des FC Bayern München ziehen am 17.08.2002 im heimischen Münchner Olympiastadion ein neues Riesen-Trikot mit der Nummer 12 über ihre Köpfe hinweg. (© picture-alliance/dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb )


Die Kommerzialisierung des Fußballs ist das Schlagwort, mit dem landläufig die immer enger werdende Kopplung und die intensiven Austauschbeziehungen mit dem Wirtschaftssystem benannt werden. Doch was steckt hinter diesen Prozessen? Es würde zu kurz greifen, hierfür lediglich ein ökonomisches Gewinnstreben von Vereinen und Wirtschaftsunternehmen verantwortlich zu machen. Vielmehr sind – wie bereits angedeutet – das sportliche Leistungsprinzip, die damit verbundenen Prozesse der Professionalisierung und die Konkurrenz um die besten Spieler und Trainer etc. zu nennen, denn sie lassen den Bedarf der Vereine an finanziellen Ressourcen enorm steigen. Und um in der Konkurrenz bestehen zu können, gilt es, sich und die eigenen Produkte bestmöglich zu vermarkten.

Entsprechend ist es auch zur Erweiterung der auf Fußball bezogenen Produktpalette gekommen. Waren ursprünglich die Eintrittskarten die Haupteinnahmequelle der Bundesligavereine, so machten in der Saison 2014/15 die Tickets inklusive der Businesslogen und dem Catering lediglich 19,85 Prozent der Gesamteinnahmen aus. Der Rest verteilte sich auf Werberechte (25,65 Prozent), Medienrechte (27,88 Prozent), Spielertransfers (8,8 Prozent), Merchandising (7,49 Prozent) und Sonstiges (10,33 Prozent[34]. Das Wirtschaftssystem hat erkannt, dass diese Produkte wie auch die Ereignisse und Attribute des Fußballs anschlussfähig an die eigene Systemlogik sind und sich damit vielfältig Geld verdienen lässt (vgl. hierzu Jörn Quitzau: Die Ökonomie der Bundesliga).

Die Kommerzialisierungsprozesse führen aber nicht dazu, dass die grundlegende Logik des Sports durch die des Wirtschaftssystems ersetzt wird. Es gewinnt immer noch die Mannschaft, die die meisten Tore schießt. Wer sich Siege durch Manipulationen erkauft, gilt weiterhin als Betrüger. Insofern stimmt die Aussage "Geld schießt keine Tore". Es lassen sich allerdings mit entsprechenden finanziellen Mitteln die Bedingungen der Möglichkeit von sportlichen Erfolgen schaffen.

Dennoch offenbaren sich die Folgen der Kommerzialisierung an vielen Strukturveränderungen im Fußball, wie zum Beispiel steigende Eintrittspreise, VIP-Logen, Streckung der Spieltage mit für das Fernsehen optimierten Anstoßzeiten, Umwandlung der Vereine in Kapitalgesellschaften etc. Ebenso ist auch die Gründung des Ligaverbandes (Die Liga – der Fußballverband e. V.) sowie der Deutschen Fußball Liga GmbH (DFL) zu nennen, denn damit strebten die Bundesligavereine vor allem eine höhere Autonomie gegenüber dem DFB an, um ihre eigenen Vermarktungsmöglichkeiten zu verbessern.

Fußball und Politik

Fans jubeln den deutschen Weltmeistern von 1954 zu.In den Nachkriegsjahren dient der Fussball vor allem der Identifikationsbildung und Integration. Fans jubeln den deutschen Weltmeistern von 1954 zu: im Zug (v. li).: Berni Klodt, Max Morlock, Fritz Walter, Jupp Posipal und Horst Eckel. (© imago/Kicker)


Auch die Politik sucht immer wieder die Nähe zum Spitzensport und insbesondere zum Fußball. Dabei ist vor allem die Strahlkraft der Nationalmannschaft von Bedeutung, denn sie kann mit ihren Erfolgen zwei wichtige politische Funktionen erfüllen[35]: die gesellschaftliche Integration nach innen sowie die nationale Repräsentation nach außen. Exemplarisch sei an dieser Stelle nur auf den Gewinn der WM 1954 sowie die Austragung der WM 2006 in Deutschland verwiesen. In beiden Fällen wurde das Bild Deutschlands im In- und Ausland maßgeblich verändert. Für wie wichtig die Politik Fußball erachtet, wird beispielsweise an Paragraf 4 des Rundfunkstaatsvertrags deutlich.

Paragraf 4

sportliche "Großereignisse von erheblicher gesellschaftlicher Bedeutung" dürfen nur dann im Pay-TV gezeigt werden, wenn der Rechteinhaber dafür sorgt, dass das Ereignis auch zumindest in einem frei empfangbaren und allgemein zugänglichen Fernsehprogramm in Deutschland zeitgleich oder geringfügig zeitversetzt ausgestrahlt werden kann.



Und als "schützenswert" gelten mit Ausnahme der Olympischen Spiele nur Großereignisse der Sportart Fußball: alle Spiele der deutschen Nationalmannschaft, Eröffnungs-, Halbfinal- und Finalspiele bei Welt- und Europameisterschaften, Halbfinal- und Finalspiele des DFB-Vereinspokals sowie Endspiele in den europäischen Vereinswettbewerben im Falle deutscher Beteiligung. Es gibt also ein von der Politik gewolltes Recht auf Fußball!

Der Fußball seinerseits nimmt nicht nur gerne Leistungen der Politik in Anspruch, wie zum Beispiel beim Bau neuer Stadien oder in Form von Polizeieinsätzen an den Spieltagen, sondern er wird immer wieder selbst zum politischen Akteur. Man denke nur an die Vergabe der Ausrichtung von Weltmeisterschaften unter (sport-)entwicklungspolitischen Gesichtspunkten oder an die gesellschaftspolitische Kampagnen der Verbände (zum Beispiel FIFA – Football for Hope, DFB – Keine Macht den Drogen). Und auch auf Ebene der Klubs lassen sich zahlreiche Beispiele ausmachen, wie zum Beispiel in Spanien der FC Barcelona und Athletico Bilbao, die jeweils als Repräsentanten des katalanischen beziehungsweise baskischen Anspruchs auf Unabhängigkeit fungieren. Für Deutschland ist beispielsweise der 1. FC Union Berlin zu nennen, der in der DDR ein Symbol der Opposition war, insbesondere auch durch die Konkurrenz zum staatlich bevorzugten BFC Dynamo, dessen Ehrenvorsitzender der Stasi-Chef Erich Mielke war[36].

Protestaktion für die ehemalige ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko während der EM 2012 in KiewProtestaktion für die ehemalige ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko während der EM 2012 in Kiew (© imago/Moritz Müller)


Inwieweit dem Fußball tatsächliche politische Verantwortung zukommt, ist im Einzelfall zu prüfen. Generell gilt aber, dass sich der Fußball aufgrund seiner gesellschaftlichen Bedeutung derartigen Diskussionen nie ganz entziehen kann. Dies betrifft die Zeit während des Dritten Reiches[37] ebenso wie zum Beispiel die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. Denn in der Politik wird jede Aussage und Handlung, auch von nicht politischen Akteuren, auf ihre politische Verwertbarkeit geprüft und politisch interpretiert. Und so wird dann die Aussage "Fußball ist unpolitisch" letztlich auch wieder zu einer politischen Handlung mit entsprechenden Konsequenzen.

Die gesellschaftliche (Un-)Verzichtbarkeit des Fußballs

Seit seiner Geburtsstunde am 23. Oktober 1873 in London haben sich die Spielidee und die Grundprinzipien des Fußballs kaum gewandelt. Stark verändert hat sich hingegen sein Erscheinungsbild, insbesondere durch die angesprochenen Prozesse der Professionalisierung, Globalisierung, Eventisierung, Kommerzialisierung und Medialisierung. Das Ausbalancieren dieses Spannungsverhältnisses zwischen autonomer und selbstbezüglicher Systemlogik einerseits und Anpassung an die enormen Leistungserwartungen der Umwelt andererseits begründet den Erfolg und enormen gesellschaftlichen Stellenwert des Fußballs.

Fußball ist letztlich zu einem Kulturgut geworden. Aber: Viele Kulturgüter verlieren auch wieder an Relevanz in der Gesellschaft oder verschwinden ganz, wenn die Gesellschaft sie nicht pflegt. Die hier dargestellten Prozesse und Strukturen vermitteln zwar den Eindruck einer nahezu zwangsläufigen Entwicklung, jedoch kann über deren weiteren Verlauf nur spekuliert werden.

Ein Blick auf andere Länder wie zum Beispiel die USA zeigt, dass der Fußball als Lieblingssportart prinzipiell ersetzbar ist. Aus einer theoretischen Perspektive heraus ist es sogar vorstellbar, dass der gesamte Spitzensport für die Gesellschaft weitgehend entbehrlich werden könnte. Dies wäre dann der Fall, wenn einerseits das Publikum sein Interesse verlöre und andererseits die vielen Leistungen, die der Spitzensport derzeit für die Gesellschaft und insbesondere für die Massenmedien, Wirtschaft und Politik erbringt, von anderen gesellschaftlichen Teilsystemen erzeugt würden[38]. Doch dabei handelt es sich lediglich um ein theoretisches Gedankenspiel, die gegenwärtigen empirischen Sachverhalte lassen den Fußball vielmehr als für die Gesellschaft unverzichtbar erscheinen.

Fußnoten

34.
vgl. Bundesligareport 2016
35.
Groll 2007, S. 181
36.
Schwenzer 2001
37.
Vgl. Havemann 2005
38.
Schimank 2001