Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

18.6.2014 | Von:
Rene Maric und Tobias Escher

Von der Taktik-Tafel auf den Rasen

Fünf besondere Partien zeigen, wie sich der Fußball verändert hat

Die Neunziger Jahre: 1. FC Kaiserslautern – Bayern München 2:0 (1997/98)

Lautern gegen Bayern 1997Lautern gegen Bayern 1997 (© spielverlagerung.de)
Auch in den kommenden Jahren blieb der deutsche Fußball Weltspitze. Bundestrainer Franz Beckenbauer holte 1990 nach zwei verlorenen WM-Endspielen den ersehnten Weltmeistertitel und prophezeite, Deutschland sei auf Jahre hinweg unschlagbar. Seine Prognose sollte sich nicht bewahrheiten – nach und nach verlor der deutsche Fußball seinen Vorsprung und war zum Ende des Jahrzehnts vor allem taktisch nur noch zweitklassig.

Während in den 1970ern und 1980er Jahren vielerorts die Raumdeckung praktiziert wurde, setzte sich in den 1990er Jahren wieder die stramme Manndeckung durch. Volker Finke, Trainer des SC Freiburgs und Verfechter der Raumdeckung, bezeichnete diese in Deutschland vorherrschende Manndeckung als "Heroenfußball": Über individuelle Klasse und körperliche Stärke sollten die Gegner "niedergekämpft" werden. Für taktische Konzepte war nur wenig Platz.

Bezeichnend für die Entwicklung war der Erfolg des 1. FC Kaiserslauterns in der Saison 1997/98. Otto Rehhagel führte den Aufsteiger zum Titel, eine einmalige Leistung in der Geschichte der Bundesliga. Seine taktischen Mittel: Manndeckung, Libero und die Eroberung hoher Bälle. Sein Trainerkollege Jupp Heynckes gewann in derselben Saison mit Real Madrid den Champions-League-Titel, dank moderner Mittel wie Raumdeckung, Viererkette und Flachpassspiel.

Im entscheidenden Spiel der Saison gegen Meisterschaftskonkurrent Bayern München trafen zwei Teams aufeinander, die auf Manndeckung setzten. So entstanden auf dem ganzen Feld direkte Duelle: Die Verteidiger nahmen jeweils die zwei gegnerischen Stürmer auf: im Mittelfeld lauteten die Duelle Roos gegen Scholl, Ratinho gegen Nerlinger und Sforza gegen Hamann.

Aus heutiger Sicht war es ein extrem kampfbetontes Spiel, in dem es ständig zu Eins-gegen-Eins-Duellen im Mittelfeld kam.
Tackling von Michael Tarnat gegen Axel Roos5. Dezember 1997: Tackling von Michael Tarnat (Bayern München) gegen Axel Roos (FCK) (© imago/Team 2)
Auch wenn Ratinho oder Scholl zu einem ihrer vielen Ausflüge auf die Flügel ansetzten, blieben ihre Manndecker dicht bei ihnen. Einzig Sforza konnte sich immer wieder seinem Manndecker entledigen, indem er den Ball in der eigenen Hälfte abholte. Er war ein klassischer Zehner, der von Defensivaufgaben weitestgehend befreit war und den Ball überall auf dem Feld forderte. Von der Mittellinie aus diktierte er mit Libero Kadlec das Spiel. Bei Bayern klaffte vor der Abwehr hingegen eine Kreativitätslücke, da Lautern deren Libero Matthäus geschickt presste und Nerlinger und Hamann die Ideen fehlten.

Beide Teams konnten spielerisch kaum Akzente setzen, stattdessen standen die klassischen deutschen Tugenden Kampf und Laufstärke im Vordergrund. Das vorentscheidende Führungstor für Kaiserslautern fiel daher auch nach einer Standartsituation. Die Bayern fanden trotz der Einwechslung weiterer Angreifer nicht ins Spiel zurück, am Ende erhöhte Lautern durch einen Konter auf 2:0. Mit nun sieben Punkten Vorsprung in der Tabelle war der Grundstein für die Meisterschaft gelegt – mit Kraft, Kampf und Libero gewann Lautern den Titel.

Die Nuller Jahre: Bayern München – Werder Bremen 1:3 (2003/04)

Der Bremer Ailton gegen die Münchner Ze Roberto und HargreavesDer Bremer Ailton gegen die Münchner Ze Roberto und Hargreaves am 8. Mai 2004 im Münchner Olympiastadion. (© imago/Ulmer)


Für den deutschen Fußball indes waren die großen Zeiten vorbei. Spätestens nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2000 wurde klar, dass man mit Libero und Manndeckung international nicht mehr mithalten konnte. Langsam aber sicher begann in Deutschland ein Transformationsprozess.

In den kommenden Jahren sollte sich die Viererkette durchsetzen. Im Gegensatz zur Manndeckung mit Libero deckt die Viererkette den Raum und verschiebt sich in Richtung des ballführenden Spielers. Gleichzeitig wurde auch das Offensivspiel verbessert. Der Deutsche Fußball-Bund organisierte die Jugendarbeit neu und legte den Schwerpunkt auf die technische und spielerische Ausbildung.

Mitte des Jahrzehnts ließ eine norddeutsche Mannschaft durch moderne Taktik und spielerische Leichtigkeit aufhorchen: Werder Bremen. Thomas Schaaf führte das Team 2004 zum Double aus Meisterschaft und Pokal. Seine Spielweise zeigte, was fußballerisch in den kommenden Jahren möglich sein sollte.

Bayern gegen Bremen 2004Bayern gegen Bremen 2004 (© spielverlagerung.de)
Vor einer Viererkette ließ Schaaf mit Baumann einen Abräumer spielen – er fing durch sein gutes Stellungsspiel vor der Abwehr die Pässe ab und gab damit den Prototypen des "antizipierenden Sechsers". Er verließ sich – anders als seine Vorgänger auf der Position – nicht auf seine Zweikampfstärke, sondern auf sein Stellungsspiel. Neben ihm spielten mit Ernst und Borowski zwei laufstarke Box-to-Box-Spieler, sprich: Spieler, die von Strafraum zu Strafraum liefen und ihre Kollegen unterstützten. Micoud war als klassischer Zehner für die kreativen Elemente zuständig, während Ailton als pfeilschneller Stürmer hinter gegnerische Abwehrlinien startete.

Das Glanzstück lieferte Bremen am 32. Spieltag ab, als die Mannschaft zu Gast bei Bayern München die Meisterschaft klar machte. Bayern München spielte in einem 4-4-2 mit flacher Mittelfeldreihe. Sie versuchten, die Übermacht der vier Bremer Mittelfeldspieler im Zentrum zu kontern, indem die Außen Schweinsteiger und Ze Roberto immer wieder in die Mitte zogen. Dieses Kalkül ging jedoch nicht auf, die Bayern konnten nur wenig Druck im Zentrum aufbauen.

Zugleich mussten Salihamidzic und Lizarazu immer wieder nach vorne stoßen. Dadurch standen die Bayern jedoch oft sehr offensiv, was Bremen ausnutzte. Das Besondere an Schaafs Mannschaft war, dass sie schnellen und direkten Fußball spielte. Lange Bälle waren eher die Ausnahme, stattdessen kombinierten sie sich mit flachem Ein-Kontakt-Fußball schnell von hinten nach vorne. Der Treffer zum zwischenzeitlichen 3:0 steht prototypisch für das schnelle Umschalten, als Bremen den Ball in der eigenen Hälfte eroberte. Über zwei Stationen brachten sie den Ball in nicht einmal zehn Sekunden zum gegnerischen Strafraum, wo Ailton in den Winkel traf. Am Ende gewannen Bremen hochverdient mit 3:1 und damit auch die Meisterschaft.

Das 4-4-2-System sollte in den kommenden Jahren zum Standardsystem werden. Manche Teams interpretierten es wie die Bremer mit einer Raute im Mittelfeld, andere setzten auf eine flache Reihe wie die Bayern. Zum Ende des Jahrzehnts wurde das 4-4-2 vom 4-2-3-1 abgelöst. Der Vorteil dieses Systems: Ein zusätzlicher Spieler im Mittelfeld ermöglicht bessere Kombinationen im Zentrum. Fußballdeutschland war wieder in der Moderne angekommen und arbeitete sich langsam aber sicher in die europäische Spitze vor.

Die Zehner Jahre: Bayern München – Borussia Dortmund 0:1 (2011/12)

Bayern gegen Dortmund 2011Bayern gegen Dortmund 2011 (© spielverlagerung.de)
Am 19. November 2011 legten der FC Bayern und Borussia Dortmund das Fundament, um zwei Jahre später ins Finale der UEFA Champions League einzuziehen. Die Bayern wollten sich nach der Meistersaison des BVB im Vorjahr wieder an die Spitze katapultieren. Sie starteten phänomenal in diese Saison und wollten zu Hause für eine Vorentscheidung sorgen.

Beide Mannschaften begannen in einer 4-2-3-1-Formation, die aktuell den Höhepunkt der taktischen Formationsschöpfung darstellt. Das Spiel sollte jedoch fernab von Aufstellung und Einzelspielern entschieden werden. Stattdessen sorgte ein taktisches Mittel für den Dortmunder Erfolg, das in den vergangenen Jahren immer stärker praktiziert wurde: das Pressing.

Den Borussen half vor allem das Gegenpressing, welches ihr Trainer Jürgen Klopp den Spielern eingeimpft hatte, zum Erfolg. Das Gegenpressing steht für die sofortige Rückeroberung des Balls nach eigenen Ballverlusten. Die Athletik und taktische Schulung der modernen Fußballer sorgt dafür, dass das Pressing heute noch stärker und kollektiver wirkt als früher. Die Dortmunder setzen Gegenspieler nach Ballverlusten so unter Druck, dass sie in einem Strudel aus schwarz-gelben Spielern unterzugehen drohen. Immer wieder kommen die Borussen zu Torchancen, während der Gegner doch gerade eigentlich noch kontern wollte. Gepaart mit dem kollektiven "Ganzfeldpressing" der Dortmunder entsteht eine schier unüberwindbare Defensive, die bereits weit in der gegnerischen Hälfte einsetzt.

Rafinha (FC Bayern München) und Großkreutz (Borussia Dortmund) tanzen um den Ball19. November 2011: Rafinha (FC Bayern München) und Großkreutz (Borussia Dortmund) tanzen um den Ball. (© picture alliance/augenklick)


Bayern versuchte in den Partien gegen Dortmund über ihre einrückenden und individuell hervorragenden Flügelstürmer zum Erfolg zu kommen. Doch die Superstars Franck Ribéry und Arjen Robben sollten keine Chance gegen die taktische Finesse im Defensivspiel haben. Durch die Raumdeckung und viel Bewegung konnte Dortmund die Flügelstürmer des FC Bayern immer mit zwei oder gar drei Mann angreifen ("doppeln" bzw. "trippeln").

Diese hatten kaum Anspielstationen und verloren sich in aussichtslosen Dribblings gegen die Dortmunder. Versuchten die Bayern die Seite zu wechseln, so verschob Dortmund und stellte in der Nähe des Balles Überzahl her. Abermals bissen sich die Münchner die Zähne an diesem komplexen Taktikfußball der Borussen aus, ihre individuelle Überlegenheit sollte keinen Unterschied machen. Dortmund gewann mit 1:0.

Das starke Pressing ist eines der wichtigsten taktischen Mittel der Fußballmoderne und fast nirgendwo wird es so konsequent angewandt wie in der Bundesliga. Bayern München verstärkte sich nach Saison 2011/12 und übte ebenfalls ein Gegenpressing ein. Diese Strategie war der Grundstein dafür, dass mit Dortmund und den Bayern 2013 zum ersten Mal zwei deutsche Teams im Champions-League-Finale standen – der Taktik sei Dank.

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