Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Neue Formate in den 90er Jahren

Moderator Jörg Wontorra zum Start der 6. Staffel von "Bitte melde dich"Moderator Jörg Wontorra zum Start der 6. Staffel von "Bitte melde dich" (© picture-alliance/dpa)
Die Einführung dieses Programmgenres erfolgte in einer heißen Phase der Auseinandersetzung zwischen den seit 1984/85 in der Bundesrepublik Deutschland erstmals zugelassenen kommerziellen Fernsehunternehmen (vor allem RTL und Sat.1) und den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten (ARD und ZDF). Reality-TV ist damit auch eine Folge von Marktkampagnen der kommerziellen Sender. Diese eroberten sich durch eine offensive Unternehmenspolitik und Veränderung vorhandener Programmformate bis dahin nicht genutzte Programmnischen. Zugleich wurden vorhandene Angebotsstrukturen durch eine Ausdifferenzierung der Programmformate erweitert.

Amerikanische Namen für das Flair des Modernen

Anders als in anderen europäischen Ländern wurden in Deutschland "Reality-TV" bzw. "Reality-Show" als englischsprachiger Begriff übernommen. Er erschien auch in den Programmzeitschriften und in der Kritik und hat sich seitdem eingebürgert. Der Begriff "Reality-Show" setzte sich jedoch nicht durch, weil von den Sendern der Realitäts-Charakter des Genres und seine Zugehörigkeit zum Informationsbereich stärker betont wurden als der Show-Aspekt. Durch die Verwendung des amerikanischen Terminus "Reality-TV" wollten die Programmverantwortlichen dem neuen Format das Flair des Modernen und Progressiven geben und alle möglichen Assoziationen an deutsche Vorläufer von vornherein ausschalten.

Seit Mitte der 1990er Jahre, nach öffentlichen Diskussionen und heftiger Kritik, ist der Begriff und die Praxis Reality-TV immer noch eher negativ besetzt und gilt als Symbol für einen "verkommenen Tabloid-Journalismus" (Knight 1989) und "Trash TV", welcher unter Missachtung ethischer Grundsätze Zuschauer gewinnen will [1].

Quote durch Reality-TV

In der verschärften Programmkonkurrenz zwischen den öffentlich-rechtlichen und den kommerziellen Fernsehunternehmen versuchte sich vor allem RTL durch die Schaffung neuer und teilweise konfliktträchtiger Informations- und Diskussionssendungen ("confrontainment") wie "Explosiv – Der heiße Stuhl" (1989–1994) einen Namen zu machen.

Weil RTL, anders als der Konkurrent Sat.1, über keinen großen Vorrat an Kinofilmen und Serien verfügte, musste der Sender in anderen Sparten durch spektakuläre Programmereignisse auf sich aufmerksam machen. Die in den USA unter dem Begriff Reality-TV bereits viel diskutierten und Quoten schaffenden Formate schienen dafür bestens geeignet. Als eine der ersten Reality-TV-Sendungen im deutschen Fernsehen startete RTL am 6.2.1992 die Sendereihe "Notruf", die als "Reality-Show" eingeführt wurde und das amerikanische Format "Rescue 911" zum Vorbild hatte. Kurz zuvor war am 12.1.1992 die Sendereihe "Polizeireport Deutschland" des zur Kirch-Gruppe zählenden Senders Tele 5 erstmals gesendet worden.

"Notruf" (RTL)

Die RTL-Reihe "Notruf" stellte ab 1992 Menschen vor, die das Leben anderer gerettet hatten. Die Sendereihe wurde von Hans Meiser moderiert, einem populären RTL-Gesicht, das auch mit einer täglichen Talk-Show im Programm zu sehen war. Die einzelnen Sendungen der Reihe setzten sich aus vier Filmberichten zusammen, die jeweils etwa zehn Minuten dauerten. Jeder Filmbericht schilderte Menschen, die aus einer schwierigen, meist lebensgefährlichen Situation gerettet wurden. Diese Geschichten waren zumeist nachgestellt, Originalfilmberichte wurden selten gezeigt. Vorbild dieser Sendereihe war die amerikanische Serie "Rescue 911", aus der auch einzelne Filmbeiträge stammten [2]. "Notruf" lief über 14 Jahre lang, zu unterschiedlichen Zeiten, bis zum Jahre 2006.

"Auf Leben und Tod" und "Augenzeugen-Video" (RTL)

Von 1992 bis 1993 zeigte RTL die von Olaf Kracht moderierte Reihe "Auf Leben und Tod", deren amerikanisches Vorbild "Top Cops" war. Auch hier zielte das Nachstellen der polizeilichen Ermittlungen auf den Eindruck von Authentizität (Pressedarstellung: "Wie die Polizeiarbeit wirklich ist"). Das Gezeigte wurde von in der Szene beteiligten Polizisten kommentiert.

Im Herbst 1992 führte RTL die Reihe "Augenzeugen-Video" ("Eyewitness-Video") ein, die ebenfalls von Olaf Kracht moderiert wurde, in der jedoch Videos gezeigt wurden, die meist von Amateuren hergestellt worden waren. Diese Videos zeigten Unfälle, Katastrophen und Verbrechen. Die Videos wurden in der Regel von den Amateurfilmern kommentiert. Diese Sendereihe war besonders heftiger Kritik ausgesetzt, weil die Videos oft das Schamgefühl verletzten, Tote und Verletzte direkt zeigten. Die Reihe wurde deshalb 1993 bereits wieder aus dem Programm genommen.

"Retter", "K – Verbrechen im Fadenkreuz" und "SK 15" (Sat.1)

Der Konkurrent Sat.1 nahm 1992/93 die Reality-TV-Reihe mit dem Titel "Retter" ins Programm , in der – präsentiert von Moderator Christoph Scheule – Menschen gezeigt wurden, die bei Unfällen, Katastrophen, Bränden etc. halfen. Auch hier ging es um die Vorführung von Originalaufnahmen.

Zur Gruppe der Reality-TV-Sendungen, in denen Gewalttaten und Verbrechen im Vordergrund stehen, gehörten auch die von 1992 bis 1994 von Sat.1 gezeigte Sendereihe "K – Verbrechen im Fadenkreuz", die authentische Fälle mit den Beteiligten rekonstruierte und nachstellte. Die Reihe wurde von Rolf-Dieter Lorenz präsentiert und von Eduard Zimmermann betreut. Die Reihe "SK 15" (Sat.1, 1993–1994) sollte die Arbeit der Kriminalbeamten in Originalaufnahmen zeigen. Die Moderation der Reihe lag bei Michael Harder, der früher bereits die Moderation des "Polizeireports Deutschland" übernommen hatte.

Sendungen über Vermisstenschicksale

Zur Gruppe der Sendungen über Vermisstenschicksale gehörte die von 1992 bis 1998 ausgestrahlte Reihe "Bitte melde Dich" (Sat.1, Moderation: Jörg Wontorra), bei der die Fälle von Vermissten rekonstruiert wurden und Angehörige vor der Kamera an die Verschwundenen appellierten, zurückzukommen. Zu diesem Subgenre zählt auch die von 1992 bis 1994 bei RTL ausgestrahlte Reihe "Spurlos", in der der Schauspieler Charles Brauer als Moderator Schicksale von Vermissten vorstellte. Zwar wurden in beiden Reihen keine Gewalttaten dargestellt, doch wurde oft der Eindruck erweckt, dass die Vermissten vielleicht einer Gewalttat zum Opfer gefallen sein könnten. Auch in diesen Sendungen wurde die emotionale Ansprache der Zuschauer stark betont. RTL produzierte dann 2007 eine Kriminalserie unter demselben Namen, die jedoch vollständig fiktional war.

Fußnoten

1.
Vgl. Winterhoff-Spurk u. a. 1994.
2.
Vgl. Wegener 1994, S. 22.

Materialien zu Neue Formate in den 90er Jahren

PDF-Icon Augenzeugen-Videos
PDF-Icon Emotionen der Zuschauer

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