Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Doku-Soaps ab 2000

Familie Boro vor dem Schwarzwaldhaus, wo die Familie für die vierteilige Fernseh-Dokumentation "Schwarzwaldhaus1902" für zehn Wochen wie im Jahr 1002 lebte.Familie Boro vor dem Schwarzwaldhaus, wo die Familie für die vierteilige Fernseh-Dokumentation "Schwarzwaldhaus1902" für zehn Wochen wie im Jahr 1002 lebte. (© picture-alliance/dpa)

Die Doku-Soaps, die sich im deutschen Fernsehen im ersten Jahrzehnt nach 2000 etablieren, lassen sich senderspezifisch unterschiedlichen Konzepten zuordnen. Die ARD benutzt die Form der Doku-Soap z. B. um die Zuschauer in vergangene Epochen zu versetzen und Menschen ihre Alltagsprobleme in historischen Umgebungen mit all ihren Beschwernissen und sozialen Einengungen bewältigen zu lassen: "Schwarzwaldhaus 1902", 4 Folgen, 2002; "Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus", 16 Folgen, 2004; "Abenteuer 1927 – Sommerfrische" (Dienstboten und Herrschaft), 16 Folgen, 2005; "Die Bräuteschule 1958", 16 Folgen, 2006; "Urlaub wie früher – mit dem Trabi an die Nordsee", 4 Folgen, 2007; "Steinzeit – Das Experiment", 4 Folgen, 2007).

Das ZDF hat sich dem Konzept der Doku-Soap erst später zugewendet und setzte dagegen mehr auf gegenwartsnahe Lebenskontexte: "Babystation", 21 Folgen, 2007 (über das Perinatalzentrum der Asklepios Klinik in Hamburg Altona) und seit 2006 diverse Zoo-Sendungen, z. B. "Dresdner Schnauzen", 31 Folgen, 2007 (über den Zoo Dresden).

Doku-Soaps im Privatfernsehen

Bei den in den kommerziellen Programmen nach 2000 gesendeten Doku-Soaps werden die seriellen Formen der erzählend-unterhaltenden Darstellung von Menschen des Alltags, wie sie ihre Probleme lösen und häufiger nicht lösen können, vielfach mit der Programmgattung der Ratgebersendung verbunden, diese wird dadurch erzählbar gemacht. Bei vielen Doku-Soaps ist der Übergang zu Scripted Reality für die Zuschauer nicht oder nur schwer erkennbar, da eine einheitliche Kennzeichnung der Sendungen fehlt.

Doku-Soaps bei RTL und RTL II

RTL sendete Doku-Soaps wie "Raus aus den Schulden" (2007–2015), "Einsatz in 4 Wänden" (2003–2012), "Unsere Erste Gemeinsame Wohnung" (2005–2014), "Helfer mit Herz" (2006–2012) oder "Die Super Nanny" (2004–2011). Kindererziehung, Einzug in neue Wohnungen und Heimwerkerprobleme sowie die Schuldnerberatung sind die Themenfelder. Hinzu kamen aber auch Doku-Soaps, in denen es um Beziehungen ging.

"Raus aus den Schulden" ist eines der erfolgreichsten Reality-Programme, in dem der Schuldnerberater Peter Zwegat Menschen mit großen finanziellen Problemen besucht und Lösungswege aus der Verschuldung aufzeigt. (Ausschnitt aus der Sendung vom 28.11.2007) (© RTL, 2007)

"Bauer sucht Frau" (RTL, seit 2005), nach dem britischen Vorbild "Farmer wants a Wife" (seit 2001), thematisierte den Frauenmangel auf dem Lande, wo junge Bauern und Hofbesitzer keine Frauen fanden, die aufs Land ziehen wollten und für die nun die Doku-Soap warb. 2009 brachte RTL außerdem das umstrittene Baby-Experiment "Erwachsen auf Probe" ins Programm.

RTL II zeigte und zeigt eine ganze Reihe von Doku-Soaps, z. B. "Teenie-Mütter" (früher ähnlich: "Schnulleralarm! – Wir bekommen ein Baby"), "Wunschkinder", "Das Messie-Team", "Der Trödeltrupp", "Die Geissens " und "Frauentausch".

"Frauentausch"

"Frauentausch" (RTL II, seit 2003), nach der britischen Serie "Wife Swap", bringt in jeder Sendung zwei Frauen für jeweils 10 Tage in einen anderen Lebenszusammenhang, so dass sich beispielsweise eine Großstadtfrau auf dem Lande bewähren muss und eine Landfrau in der Stadt. Die Tauschmütter müssen sich in den neuen Haushalten rasch einleben und vor allem auch mit den fremden Kindern zurechtkommen, wobei die jeweiligen Tauschmütter sich nur kurz über ihre Familien informieren können. Die eigene Familie einmal anders zu sehen, in einer anderen Familie neue Erfahrungen zu machen, kann der Grund für diese Art von Familien- bzw. Mütterwechsel sein. Am Ende jeder Sendung gibt es auch "Manöverkritik" am jeweils eigenen Verhalten. Es kam aber auch schon nach Ende einer Produktion zu Handgreiflichkeiten zwischen zwei Müttern wegen unterschiedlicher Ansichten über die Kindererziehung.

Doku-Soaps bei anderen Privatsendern

Bei ProSieben finden bzw. fanden sich Doku-Soaps wie z. B. "We Are Family" (2005–2011), "Jana Ina & Giovanni – Wir sind schwanger" (2008) oder "Effenbergs Heimspiel" (4 Folgen, 2008), bei der der ehemalige Fußballstar Stefan Effenberg und seine Frau Claudia in ihrem Alltag zu sehen waren. Auch auf kabel eins wurden und werden Doku-Soaps gezeigt (z. B. "Achtung Kontrolle", seit 2008; "Die strengsten Eltern der Welt" seit 2009; "The Biggest Loser", seit 2009, auch ProSieben und Sat.1).

Doku-Soaps bei Vox

Vox thematisierte einige Zeit intensiv das Auswanderer-Problem sowie insgesamt das Leben bei sich und bei anderen, Ankommen und Sich-Einrichten in einem Hier und Jetzt: "Goodbye Deutschland – die Auswanderer" (seit 2006), "Die Rückwanderer" (2008), "Mitbewohner gesucht" (2007), "Wohnen nach Wunsch – das Haus" (2004–2009, ein Spin-Off von "Einsatz in 4 Wänden") und "Unser Traum vom Haus" (seit 2004). Seit 2005/06 im Programm sind auch "Das perfekte Dinner" bzw. "Das perfekte Promi Dinner".

Doku-Soaps als "Coaching TV"

Nimmt man einmal die Formate mit Prominenten (z. B. "Effenbergs Heimspiel") aus, dann ist das Gemeinsame vieler dieser Formen von Realitätsfernsehen "das Versprechen: Wir können Dein Leben ändern" (Bleicher 2008) – und damit ist das Leben der Zuschauer gemeint. Indem gezeigt wird, wie die Probleme von Alltagsmenschen in den einzelnen Folgen dieser Serien durch Experten in die Hand genommen und gelöst werden, soll der Zuschauer den Eindruck gewinnen, auch sein Leben könnte sich ändern (z. B. "Die Super Nanny", "Rach, der Restauranttester" und "Raus aus den Schulden", alle RTL). Stand zu Beginn der 1990er Jahre im Zentrum des Reality-TV, dem Zuschauer einen "hautnahen" Eindruck von den Katastrophen und Schicksalen der Welt zu vermitteln, mit der Botschaft, es gehe ihm ja letztlich noch gut, – so will Reality-TV fast zwanzig Jahre später, dass der Zuschauer sein Leben aktiv angeht, es effektiver gestaltet und sich damit den veränderten Bedingungen der Welt anpasst. Dazu benötigt er Hilfe von Experten und diese geben ihm den Eindruck, es sei alles ganz leicht.

In erster Linie Unterhaltung

"Coaching TV" ist deshalb auch eine häufiger benutzte Bezeichnung, wonach es hier darum geht, dem Zuschauer (oder stellvertretend einem Protagonisten) einen medialen 'Coach' an die Seite zu stellen, der ihn individuell berät und ihm weiterhilft – wobei das Fernsehen gerade die auf den Einzelnen gerichtete Beratung für das Massenpublikum selbst nicht leisten kann. Auch Coaching TV dient deshalb – bei allem Realitätsanspruch, den die Probleme wie die Schuldnerberatung sichtbar machen – immer vor allem der Unterhaltung. Erst in zweiter Linie geht es darum, dass der Zuschauer sein Verhalten wirklich ändert, auch wenn "altbewährte Verhaltensregeln den Anforderungen schneller gesellschaftlicher Veränderung entgegengestellt" werden [1].

"Die Super Nanny"

Prominentestes Beispiel dieser Kombination von Ratgebersendung und erzählender Darstellung wurde die RTL-Reihe "Die Super Nanny" (ab Herbst 2004 bis Ende 2011) nach dem britischen Vorbild (auf Channel Four 2004) für Deutschland adaptiert. Es ging darum, gestressten Eltern, die mit ihren Kindern und deren Erziehung Probleme hatten, beizubringen, wie Verhaltensregeln, Sauberkeit und Ordnung durchgesetzt werden, wie "Leistungsbereitschaft, das Einhalten vorgegebener Regeln, Disziplin und Durchhaltevermögen" [2] erzeugt werden.

Auch hier wurden die vorgeführten Ratschläge, wurde die Anwendung der Expertise nach den Regeln des fiktionalen Erzählens organisiert, waren die Aufnahmen, in denen sich etwas ereignete, arrangiert und inszeniert. Gerade weil ‚das Fernsehen’ da war, verhielten sich die ausgesuchten (gecasteten) Familien so, wie es sich im Fernsehen gut präsentieren lässt: "Fernsehen lebt nun einmal von Spannung", heißt es in einem Artikel, "weshalb auch das Familienleben Dramatik bieten muss. Da befiehlt der Kamera-Mann schon mal, dass der Siebenjährige ein bockiges Gesicht ziehen und beleidigt unter dem Bett verschwinden soll – Tobsucht auf Bestellung, denn auch die Filmcrew will mal Feierabend haben" [3]. Am Ende gab es bei jeder Folge ein schnelles Glücksversprechen.

Kritik am "Coaching TV"

Die Kritik an diesen und ähnlichen Sendereihen richtete sich auf den angeblichen pädagogischen Erfolg und konstatierte, dass das hier empfohlene Verhalten den Menschen in der gegenwärtigen komplexen Welt wenig helfen werde. Die Medienpädagogin Helga Theunert urteilte z. B. über "Die Super Nanny": "Inhaltlich erinnert es an Kasernenhofdrill und Tierdressur, ist gegenüber Kindern und Eltern respekt-, seelen- und lieblos" [4]. Dennoch gehörte das Format zu den erfolgreichsten Produktionen dieser Art und erfreute sich großer Beliebtheit bei den Zuschauern.

Eine andere Perspektive: Reality-TV als "Möglichkeitsfernsehen"

Man kann diese neuen Formate und Sendungsarten auch aus einer anderen Perspektive betrachten. Fernsehen kann nämlich nicht nur über etwas informieren oder etwas präsentieren, um einen wichtige Aspekt der Welt darzustellen, sondern als ein System der gesellschaftlichen Kommunikation auch dazu dienen, die Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft zu erhalten und zu verbessern. So kann auch danach gefragt werden, ob nicht einige neue Formate des 'Realitätsfernsehens' einen Beitrag leisten können, Menschen anzuregen und ihnen Beispiele zu liefern, damit sie ihr Leben besser meistern können. In diesem Sinne ziel(t)en Sendereihen wie "Bauer sucht Frau" oder "Super Nanny" darauf, Probleme, die sie darstellen, zu lösen, also aktiv an der Veränderung der Welt mitzuwirken. Das Fernsehen komme hier, so Clobes/Hagedorn, seiner "Kernkompetenz am nächsten": "Einen gesellschaftlichen Diskurs zu initiieren, indem es die persönliche Dimension einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung über Probleme, Befindlichkeiten bzw. Zustände auslotet und zum öffentlichen Thema macht" [5].

Fußnoten

1.
Bleicher 2008.
2.
Bleicher ebd.
3.
vgl. Bleicher 2009.
4.
Zit. n. Bleicher, ebd.
5.
Clobes/Hagedorn, S.224f.

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