Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Spiel- und Ratesendungen im Westen – Trends seit den 1960er Jahren

US-Entertainer Perry Como bei der Verleihung der EmmysUS-Entertainer Perry Como bei der Verleihung der Emmys (© picture-alliance)


Vom "Bunten Abend" zur Show


Dass man mit der Unterhaltung ein großes Publikum gewinnen und begeistern konnte, wussten die Fernsehmacher vom Hörfunk, hatten doch viele dort ihre ersten Erfahrungen gesammelt. Die Erprobung von Unterhaltungsideen fürs Fernsehen erfolgte bei den großen Funk- und Fernsehausstellungen, die jährlich im Sommer stattfanden und auf denen immer wieder für das Fernsehen geworben wurde. 1951 präsentierte sich das Fernsehen in Berlin mit einer großen Rate-Show ("Einer wird glücklich"), und Vergleichbares geschah jedes Jahr wieder [1].

"Der Übergang vom Bunten Abend zur Show geschah ganz allmählich", konstatiert der Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger [2], wobei der Begriff der Show, der sich in Deutschland erst Ende der 1950er-Jahre durchsetzte, sich an den aus den USA importierten Unterhaltungssendungen wie der "Perry Como Show" (ARD, ab 1959) und ihrem Glanz und Glamour orientierte, in seiner Bedeutung jedoch unscharf blieb.

Große Unterhaltungsabende

Bevorzugt entstanden im bundesrepublikanischen Fernsehen in den 1950er Jahren große Unterhaltungsabende, die meist am Samstag gesendet wurden und in denen die vorhandenen Unterhaltungsformen kombiniert wurden: Musikalische Unterhaltung, Sketche und Ratespiele mit ausgewählten Zuschauern als Kandidaten. Die Sendungen besitzen eine Nummerndramaturgie (eine Reihung selbstständiger Darbietungen) und eine Wettkampfstruktur, so dass am Ende einer der Kandidaten Sieger wird. Diese Spieldarbietung fand in der Regel vor einem großen Publikum in einer Stadthalle oder einem anderen großen Veranstaltungsort statt, heute dagegen zumeist in einem Fernsehstudio.

Peter Frankenfeld, Wim Thoelke, Hans-Joachim Kulenkampff


VERGIßMEINNICHT
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Caption: PETER FRANKENFELD in der Show Vergißmeinnicht, OktoberPeter Frankenfeld in der Show Vergißmeinnicht, 1964. (© picture-alliance, KPA Copyright)

Entscheidend war und ist dabei der Showmaster. Neben anderen vom Hörfunk kommenden Entertainern war es vor allem Peter Frankenfeld, der die Fernsehunterhaltung prägte. 1953 präsentierte er auf der Düsseldorfer Funk- und Fernsehausstellung die Talentshow "Wer will – der kann", an die sich später die Reihe "1:0 für Sie!" anschloss. Frankenfeld trug eine große karierte Jacke, gab sich burschikos-volkstümlich, erfand immer wieder kleine Spiele und Fragen, mit denen er Teilnehmer aus dem Saalpublikum herausforderte und zum Mitmachen anregte. Peter Frankenfeld orientierte sich stark am kommerziellen US-Fernsehen. Als Autor und Ausführender betonte er die visuellen Elemente seiner Sendungen und setzte seine Spiele bewusst für die Fernsehkamera in Szene, während andere Sendungen noch im Stile eines abgefilmten Hörfunks produziert wurden.

Unterhaltung und Wohltätigkeit

Den Höhepunkt seiner Fernsehkarriere erlebte Frankenfeld mit der Unterhaltungsreihe "Vergißmeinnicht" (ZDF 1964–1970), bei der es zunächst um die Werbung für die gerade eingeführten Postleitzahlen ging (Slogan: "Vergißmeinnicht – die Postleitzahl"), dann aber in der Sendung die Gewinne der gemeinnützigen Lotterie "Aktion Sorgenkind" verkündet wurden. Diese Verknüpfung von Wohltätigkeit und Unterhaltung lag in der Tradition der öffentlich-rechlichen Unterhaltung. Schon Just Scheus 1948 initiierte Reihe "Wer hört, gewinnt" ("die Urgroßmutter aller deutschen Funklotterien" – Walter Hilpert) war durch die Verbindung von Quiz und Caritas gekennzeichnet und hatte andere Nachahmer, die im Fernsehen bis zur Reihe "Ein Platz an der Sonne" – unter Beteiligung Frankenfelds – reichten.

Wim Thoelke und "Der große Preis" (ZDF)

Wim ThoelkeWim Thoelke (© picture-alliance, KPA)

Eine Fortsetzung fand die Show, deren unmittelbarer Nachfolger eigentlich "Drei mal Neun" (1970–1974) war, in der – dann ganz anders konzipierten – Quizshow "Der große Preis", die von 1974 bis 1993 vom ZDF ausgestrahlt wurde. Moderator war bis 1992 Wim Thoelke, ein ehemaliger Sportreporter. Die Sendung wurde anfangs aufgezeichnet, ab 1987 live gesendet. Show-Teil und Quiz standen im Vordergrund. Die Sendungen wurden zusammen mit der "Aktion Sorgenkind" durchgeführt. Thoelke befragte ausgewählte Kandidaten. Experten standen ihm dabei beratend zur Seite. Die Fragen waren bildungsorientiert: Geschichte, Kunst und Geografie kamen häufig vor, oft mit schwierigen Fragen. Technik und Naturwissenschaften spielten dagegen eine geringe Rolle. Die Kandidaten wurden mit einer Diaprojektionswand konfrontiert, die 30 Felder besaß und hinter denen sich die Fragen verbargen. Zum Kennzeichen dieser Show wurden das von Loriot gezeichnete Maskottchen, der Hund Wum und sein lang gezogener Ruf "Thööölke" sowie später sein Kompagnon, der Elefant Wendelin. Diese Sendung lieferte den Rahmen für die Verlesung der Lotteriegewinner der "Aktion Sorgenkind".

Sendungen mit Hans-Joachim Kulenkampff

Vom Hessischen Rundfunk kam Hans-Joachim Kulenkampff, der Rate-Spiele moderierte: Quizsendungen wie "Wer gegen wen", "Zwei auf einem Pferd" (1957/58), "Die glücklichen Vier" (1957/58), "Sieben auf einem Streich" (1958/59) und "Der große Wurf" (1959/60). Im Gegensatz zu Frankenfeld gab er den großbürgerlichen, aber gewitzt-charmanten Moderator. Neben anderen Quizsendungen, die er moderierte, fand er seine besondere Form in einer "Quizshow in Turnierform" (Hallenberger 1994, S.47), die 1964 ins Programm kam und immer wieder bis 1987 ausgestrahlt wurde: "Einer wird gewinnen" (ARD/HR). Mit dem Titel wurde auf die Europäische Wirtschaftgemeinschaft (EWG) angespielt, den Vorläufer der EU, und so wurden hier Kandidaten aus vielen europäischen Ländern, aber auch aus den USA und Israel, eingeladen, die gegeneinander antraten. In einem kleinen Film inszenierte Kulenkampff, der eigentlich ein ausgebildeter Schauspieler war, immer selbst eine kleine komische oder parodistische Szene. Die Sendereihe sah sich im Dienst der europäischen Einigung.

Spiel ohne Grenzen (ARD)

Eine Teilnehmerin aus Gelnhausen oben auf dem Siegerpodest. Links der Spielleiter Camillo Felgen, rechts Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Schütz. Den zweiten Platz belegte die Mannschaft aus den Niederlanden, die Briten wurden Dritte. Das völkerverbindende "Spiel ohne Grenzen" fand am 2. September 1970 vor der Kongresshalle in Berlin statt. Fast 9000 Berliner schauten den Teilnehmern bei der Bewältigung der nicht immer einfachen Aufgaben zu. So sind Schmierseife oder bewegliche Untergründe ein beliebtes Mittel, den Teilnehmern die Bewältigung der teils sportlichen Aufgaben ein wenig zu erschweren.Eine Teilnehmerin aus Gelnhausen oben auf dem Siegerpodest. Links der Spielleiter Camillo Felgen, rechts Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Schütz. Den zweiten Platz belegte die Mannschaft aus den Niederlanden, die Briten wurden Dritte. Das völkerverbindende "Spiel ohne Grenzen" fand am 2. September 1970 vor der Kongresshalle in Berlin statt. Fast 9000 Berliner schauten den Teilnehmern bei der Bewältigung der nicht immer einfachen Aufgaben zu. So sind Schmierseife oder bewegliche Untergründe ein beliebtes Mittel, den Teilnehmern die Bewältigung der teils sportlichen Aufgaben ein wenig zu erschweren. (© picture-alliance/dpa)

Neue Formate wiesen in den 1960er Jahren vermehrt Spielelemente auf. Die Eurovisionssendung "Spiel ohne Grenzen" verzichtete nach kurzer Zeit ganz auf das Quizsegment und betonte nur den sportlich-spielerischen Wettkampf. Ausgewählte Städte verschiedener europäischer Länder kämpften in diversen Geschicklichkeitsspielen. "Spiel ohne Grenzen" wurde von der italienischen Fernsehgesellschaft RAI nach einem französischen Vorbild ("Intervilles") organisiert. Die ARD beteiligte sich von 1965 bis 1980 an der Sendereihe, die für Deutschland Camillo Felgen (später Frank Elstner, Heribert Fassbender und andere) moderierte. Vor allem wegen ihrer oft spektakulären Spiele im Freien stieß die Reihe auf ein großes Publikumsinteresse. Wie Kulenkampffs "Einer wird gewinnen" wollte "Spiel ohne Grenzen" den europäischen Gedanken fördern. Die nationalen Ausgaben der Reihe liefen im Nachmittagsprogramm, die internationalen, an denen sich mehrere europäische Länder beteiligten, wurden abends gezeigt.

"Wünsch dir was" (ZDF)

Dietmar Schönherr und seine Ehefrau Vivi Bach moderierten "Wünsch dir was".Dietmar Schönherr und seine Ehefrau Vivi Bach moderierten "Wünsch dir was". (© picture-alliance/dpa)

Das Stichwort "spielerisch" gilt ebenso für die Drei-Länder-Show "Wünsch dir was" (1969–1972, ZDF). Dietmar Schönherr und Ehefrau Vivi Bach moderierten die Sendung, die mit zeitgemäßen, teilweise provokanten Themen und ungewöhnlichen Spielen eine neue Art von Fernsehunterhaltung einführte. Zum Autorenteam der Reihe gehörten Andre Heller, "Was bin ich"-Ratefuchs Guido Baumann und der Journalist Peter Hajek, zeitgleich zuständig für die Reihe "Apropos Film" und in späteren Jahren Produzent von "Kommissar Rex". Hier traten Familien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gegeneinander an, in Gesprächen und Spielen wurden ihre psychische Standfestigkeit und ihre familiäre Harmonie getestet. Gerade weil die Show in vielem von den Gameshow-Konventionen der Zeit abwich, wurde sie heftig kritisiert. In einer Sendung z. B. trug eine 18-jährige Kandidatin eine durchsichtige Bluse, in einer anderen konnten sich Kandidaten nur mühsam aus einem versenkten Auto befreien und mussten gerettet werden.

In der Sendereihe wurden erstmals in größerem Ausmaß interaktive Formen erprobt. So konnten Zuschauer den Sieger einer Sendung bestimmen, indem sie auf Aufforderung durch die Showmaster bei sich zu Hause alle Elektrogeräte ein- oder ausschalteten und die Differenz des Stromverbrauchs durch die Elektrizitätswerke gemessen wurden (der sogenannte "Lichttest").

Fußnoten

1.
Vgl. Bleicher 2008, S.327.
2.
Gerd Hallenberger 2006, S.144.

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