Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Sketche und Kabarett

Kaberettist Wolfgang NeussKaberettist Wolfgang Neuss (© RBB)


Kabarett im West-Fernsehen ab den 50er Jahren


Die Übernahme kabarettistischer Bühnenprogramme war von Anbeginn des Fernsehens fester Bestandteil der Programmgestaltung. Seinerzeit besaß jede größere Stadt ein oder mehrere Kabarett-Theater.

Einige Ensembles wie die Münchner Lach- und Schießgesellschaft und die Berliner Stachelschweine waren seit den 1950er Jahren regelmäßig zur besten Sendezeit im Fernsehen präsent und wurden auf diese Weise landesweit bekannt. Die Programmierung von Kabarettbeiträgen bedeutete jedoch immer ein Wagnis. "Lediglich das reine Amüsierkabarett ohne politisch-satirische Ambitionen (...) fand einige Gnade. War aber politische Satire und Zeitbezogenheit hinter den Texten, hagelte es Ärger" [1]. Mit dieser Erfahrung stand Kurt Wilhelm, seit 1953 als Fernseh-Abteilungsleiter beim Bayerischen Rundfunk tätig, nicht allein. Zugespitzt kann das Verhältnis von zeitkritischem Kabarett und dem Medium Fernsehen als eine Art von Hassliebe bezeichnet werden.

Wolfgang Neuss und die "technische Störung"

Das erfuhr zum Beispiel der Kabarettist Wolfgang Neuss, als er im Frühsommer 1955 dem Südwestfunk (SWF) einen Kabarettabend vorschlug und aufgefordert wurde, etliche Passagen zu ändern. Begründung: Die fraglichen Inhalte seien zwar für eine Kabarettbühne, nicht aber fürs Fernsehen geeignet. Im Herbst übertrug der Sender Freies Berlin (SFB) einen Auftritt Neuss' vor Mitgliedern des Deutschen Bundestages. Neuss' Vortrag enthielt Textnummern, die der SWF abgelehnt hatte. Darüber vom SWF-Intendanten Prof. Bischoff informiert, schaltete der SFB während der Live-Sendung ab und gab die Maßnahme gegenüber den Zuschauern als "technische Störung" aus.

Fernsehkabarett und das Studiopublikum

Ungeachtet solcher Vorfälle blieben kabarettistische Beiträge eine beliebte Ressource, sei es in fünfminütiger Kurzform als Programmfüller oder als Übertragung bzw. Mitschnitt einer Veranstaltung vor Publikum. Als schwierig erwiesen sich Versuche, Kabarett-Ensembles im Studio nur für die Kameras spielen zu lassen, weil ihnen die Publikumsresonanz fehlte. Generell gewinnen humoristische Darbietungen durch die Live-Atmosphäre und durch ein 'Mitgehen' des Publikums. Deshalb werden in den USA Comedy-Formate, zum Teil Sitcoms, zumeist vor Publikum aufgezeichnet. In Deutschland griffen die Produzenten von "Klimbim" (1973–1979, ARD), "RTL Samstag Nacht" (1993–1998, RTL) und "TV total" (seit 1999, ProSieben) mit Erfolg auf diese Produktionsweise zurück.

Pioniere des Fernsehkabaretts


Titel: DIETER HILDEBRANDT
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Caption: DIETER HILDEBRANDT in "NOTIZEN AUS DER PROVINZ"Dieter Hildebrandt in "Notizen aus der Provinz" (© picture-alliance, KPA Copyright)

Die Entwicklung des Fernsehkabaretts ging dahin, medienspezifische Mittel des Fernsehens nutzbar zu machen. Pionierarbeit leisteten Wolfgang Neuss und sein Bühnenpartner Wolfgang Müller, die in ihrer Reihe "Wer nicht hören will, muss fernsehen" (1959, ARD) die Bühne verließen und mit Kameras durch die Lande zogen, um das Fernsehen selbst zum Gegenstand ihrer Spötteleien zu machen.

Die Form eines Magazins wählte 1963 der Norddeutsche Rundfunk (NDR) für seine Reihe "Hallo Nachbarn" (bis 1966). Gerade die Möglichkeit der Verwechslung mit einem seriösen Politmagazin brachte die oftmals frech auftrumpfende Reihe mit Richard Münch in die Kritik und bewirkte letztlich deren Absetzung nach kurzer Laufzeit. In den Augen vieler Zuschauer ein Skandal und Anlass für den "Spiegel", Auszüge des als nicht sendbar eingestuften, dabei wenig brisanten Drehbuchs der letzten Ausgabe zu veröffentlichen [2].

Repressalien gegen Dieter Hildebrandt

Einen ähnlichen Konflikt erlebte Dieter Hildebrandt 1979 mit seiner Sendereihe "Notizen aus der Provinz" (1973–1979, ZDF), in der er die Gestaltungselemente politischer Magazine bis hin zu Reportagebildern aus der Nachrichtensendung "heute" in satirischem Sinne nutzte. "Dieter Hildebrandt gelang das so gut, dass es zunächst einmal ein Hauptanliegen seiner Gegner inner- und außerhalb des ZDF-Fernsehrates war, diese gewollte und geglückte Verwechselbarkeit mit dem laufenden politischen Programm zu unterbinden" [3]. Am Ende unterband Programmdirektor Dieter Stolte die komplette Reihe, indem er Hildebrandt eine 'Denkpause' verordnete. Für Hildebrandt war das nicht die erste Repressalie – wiederholt hatte der Bayerische Rundfunk die Übernahme des ARD-Gemeinschaftsprogramms verweigert, wenn Hildebrandt mit den Kollegen von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft die große und die kleine Politik ins Visier nahm.

Kabarett als moralische Anstalt

In der Bundesrepublik sahen und sehen Kabarettisten ihre Aufgabe darin, politische wie gesellschaftliche Fehlentwicklungen in freier Themenwahl aufzugreifen und sie durch Überzeichnung und Zuspitzung kenntlich zu machen. Im Kabarett kommen damit unterhaltende und publizistische Wirkungen überein. Gerade dieser doppelten Funktion wegen wurden Kabarettisten von Anfang an vom Fernsehen engagiert.

Titel: Düsseldorfer Kom(m)ödchen zieht um
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Caption: Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Heinz Kühn (l), Innenminister
Willi Weyer (M) und Düsseldorfs OB Willi Becker (r) "helfen" am 28. April 1967
beim Umzug des Düsseldorfer literarischen Kabaretts Kom(m)ödchen, indem
sie einen in der Aufführung geNordrhein-Westfalens Ministerpräsident Heinz Kühn (l), Innenminister Willi Weyer (M) und Düsseldorfs OB Willi Becker (r) "helfen" am 28. April 1967 beim Umzug des Düsseldorfer literarischen Kabaretts Kom(m)ödchen. (© picture-alliance/dpa)

Für den NWDR-Intendanten Werner Pleister z. B. stand eines der in den 1950er Jahren erfolgreichsten Kabaretts, das Düsseldorfer Kom(m)ödchen, sogar "in dem Rufe einer moralischen Anstalt". Pleister schrieb weiter: "Es ist ausdrücklich anerkannt worden, dass die Leistungen des Kom(m)ödchens mehr sind als oberflächliche Unterhaltung. Sie sind geeignet, die Zuschauer zum Nachdenken über ernste Fragen zu bringen und Fragen zu stellen, die einer öffentlichen Diskussion bedürfen, die die Allgemeinheit beschäftigen und die in den meisten Fällen kontroverse Aspekte aufweisen. Ich sehe dies als die Hauptaufgabe des Kabaretts an" [4].

Kabarett im DDR-Fernsehen


"Die drei Dialektiker" auf dem Titel der Programmzeitschrift "FF Dabei" von 1973"Die drei Dialektiker" auf dem Titel der Programmzeitschrift "FF Dabei" von 1973 (© FF Dabei)

Satire und Kabarett standen in der DDR in ähnlicher Weise in einem Spannungsfeld zur Politik der Partei und der Staatsführung, hatten jedoch einen weitaus geringeren Spielraum in der Kritik. So waren Kabaretts wie z. B. "Die Distel" oder Satire-Zeitschriften wie "Eulenspiegel" zugelassen, wurden jedoch genau beobachtet. Das Fernsehen, das ja letztlich als ein Medium der Durchsetzung gesellschaftspolitischer Vorstellungen der Partei dienen sollte und großenteils diente, benutzte die Form des Kabaretts für dieses Gesamtanliegen. Das Kabarett wurde deshalb eingebunden in die Aufgaben des Fernsehens insgesamt. In einem Programmbericht aus der Versuchsphase des DDR-Fernsehens heißt es: "Wir wissen, dass die Satire in Zeiten großer gesellschaftlicher Umwälzungen eine besondere Rolle zur Durchsetzung des Neuen, zur Verwirklichung des Fortschritts spielt" [5]. Dementsprechend wurden Anleitungen verfasst, wie Satire und Kabarettnummern zu gestalten seien. Satire sollte positiv und aufbauend sein, keinesfalls negativ oder gar zerstörerisch [6].

Kabarettistische Darbietungen in Unterhaltungssendungen

Kabarettistische Darbietungen hatten in vielen großen und kleinen Unterhaltungssendungen des DDR-Fernsehens ihren festen Platz. Zum Stammpersonal der Abend-Show "Da lacht der Bär" (1955–1965) gehörten die Drei Mikrofonisten, die mit kabarettistischen Texten und Liedern den Auftakt und das Finale jeder Sendung gestalteten. Die Besetzung mit dem vorgeblichen Sachsen Heinz Quermann (er war gebürtiger Hannoveraner), dem Rheinländer Gustav Müller, dem Westberliner Gerhard Wollner war Sinnbild der deutschlandpolitischen Vorstellungen der DDR-Führung, die sich in der gesamtdeutschen Losung "Deutsche an einen Tisch!" ausdrückte. Ein ähnliches Trio gab es ab 1972 in der Erfolgsreihe "Ein Kessel Buntes" mit den Drei Dialektikern, die jedoch als provokant empfunden wurden und 1977 durch wechselnde Einzelmoderatoren ersetzt wurden.

Kabarett-Formate und ihre Zielgruppen

Klassisches Kabarett bot unter anderem das Berliner Ensemble "Die Distel". Mit fernsehspezifischen Mitteln wie Nachrichtenfilmen, Interviews, Animationsfilmen gestaltet waren Reihen wie "Tele BZ" (1960–1971) und ab 1971 dessen Ableger, das "satirische Magazin" "SPOTTs". Sie hatten einen propagandistischen Charakter, zielten sie doch insbesondere auf westliche, speziell West-Berliner Zuschauer. Angebliche oder tatsächliche Lügen der West-Presse – der Titel "Tele BZ" bezog sich auf die im Springer Verlag erscheinende Berliner Boulevardzeitung "BZ" – wurden "entlarvt", scheinbar verzerrende Darstellungen des West-Fernsehens persifliert und korrigiert, vermeintliche Missstände der westlichen Gesellschaft satirisch angeprangert und teils in Kontrast gesetzt zu vorzeigbaren Errungenschaften der sozialistischen Gesellschaft. Zum Ensemble der "Tele BZ" zählte unter anderem die späterhin sehr populäre Entertainerin Helga Hahnemann.

Politische Einflussnahme

Selbst für staatstreue Kabarettisten war es jedoch nicht immer einfach, der jeweils gültigen offiziellen Politik zu entsprechen. Dies erfuhr der Conférencier und TV-Moderator O. F. (Otto Franz) Weidling, als er am 27. April 1984 durch das im Fernsehen live übertragene Festprogramm zur Wiedereröffnung des Berliner Friedrichstadt-Palastes führte. In seine vorab zur Genehmigung eingereichte Moderation hatte der Nationalpreisträger einige bissige Bemerkungen eingestreut, über die die anwesenden Mitglieder des Politbüros herzhaft gelacht haben sollen. In der Wiederholung der Sendung im Mittagsprogramm vom 29. April waren jedoch Weidlings Beiträge und selbst sein Erscheinen zum Finale ohne Erklärung entfernt worden. Im Monat darauf wurde er, offiziell aus gesundheitlichen Gründen, von seiner Moderationsverpflichtung im Friedrichstadtpalast entbunden [7].

Fußnoten

1.
Wilhelm 1965, S.105.
2.
Der Spiegel 3/1966, S.24ff.
3.
Bolesch 1996
4.
Pleister o.J.
5.
Zit. n. Hoff 2005, S.71.
6.
Zit. in Hoff 2005, S.50f. und 122f.
7.
Vgl. Weidling 2006, passim vgl. FF dabei 20/1984, S.4-5, S.26.

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