Lokaljournalismus

28.8.2011 | Von:
Michael Haller

Die vertraute Fremde

Junge Leser und die Zukunft der Zeitung

Die Zeitung will junge Leser erreichen: Sie entscheiden über die Zukunft der Zeitung. Aber nehmen diese die Lokalzeitung noch wahr? Und stimmen gar die Prognosen: Stirbt die Zeitung jung?

Die Antwort auf die Frage: "… und woher weißt Du das?" fällt Jugendlichen und jungen Leuten inzwischen sehr leicht: "Aus dem Internet natürlich!" Dort kennen sie sich aus, dort finden sie ihre Quellen - dort sind sie zuhause. Die Repräsentativerhebung zur Mediennutzung der Deutschen ergab, dass tatsächlich hundert Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren Internetnutzer sind; unter den 20- bis 29-Jährigen sind es mehr als 98 Prozent, so die ZDF-Online-Studie 2011. Dabei spielt die Welt der Information für die jungen Leute keineswegs die Hauptrolle; viel wichtiger ist ihnen die Kommunikation. Und besonders wichtig sind ihnen die Plattformen, auf denen man sich zeigen ("profilieren"), sogenannte Freunde sammeln, seine Meinungen kundtun und sich austauschen kann. Der genannten Erhebung zufolge haben inzwischen neun von zehn Jugendlichen (14- bis 19-Jährige) auf einer dieser Plattformen – überwiegend bei "facebook" – ein Profil; in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen sind es mehr als 70 Prozent.
Klicken Sie auf die Grafik, um die PDF zu öffnen. Für junge Nutzer ist  das Internet alltäglicher Begleiter – fast 100 Prozent der 14-19-Jährigen nutzen das Netz konstant häufig.Für junge Nutzer ist das Internet alltäglicher Begleiter: fast 100 Prozent der 14-19-Jährigen nutzen das Netz konstant häufig - Klicken Sie auf die Grafik, um die PDF zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



Die enorme Bedeutung, die das Internet als Kommunikationsraum vor allem unter jungen Leuten besitzt, zeigt sich an der durchschnittlichen Verweildauer. Während die berufstätige Erwachsenenbevölkerung pro Tag rund zwei Stunden online ist (und davon einen erheblichen Teil aus beruflichen Gründen), verbringen Teenager jeden Tag rund drei Stunden im Internet, vor allem, um unter Ihresgleichen zu kommunizieren. Diese Welt der "Social Media" ist heute die mediale Heimat der jungen Leute, sie ist ihr Marktplatz, ihr Cafe, ihre Flaniermeile, ihr Club. Das Smartphone haben sie stets in der Hand – und so ist ihre Lebenswelt unauflösbar mit der digitalen Community vernetzt und verwoben. Für sie ist das Lokale kein geografischer, sondern ein kommunikativer Raum.

Den alten Medien schenken sie hingegen kaum Aufmerksamkeit. Sie schauen sehr viel weniger Fernsehen als ihre Eltern (die 40- bis 55-Jährigen sitzen im Durchschnitt vier Stunden und 20 Minuten vor dem Fernseher, die Teenager "nur" eine Stunde und 54 Minuten), hören seltener Nachrichtensender und lesen weniger Zeitung. Befragungen zufolge aber unterstützen sie die Ansicht, dass Tageszeitungen glaubwürdiger sind als die meisten Newsanbieter im Internet. Auch die grundsätzlichen Anforderungen an die Informationsbeschaffung sind ihnen bewusst: Zusammenhänge zu kennen und Hintergründe auszuleuchten, um das komplizierte Weltgeschehen zu verstehen. Aber die großen Themen der etablierten Welt erscheinen vielen jungen Menschen abstrakt und sachfremd. Sie finden, dass die Themen, die sie in ihren Kommunikationsnetzen unter Gleichaltrigen austauschen, sowieso die wichtigeren seien. Denn dort geht es um ihre Sicht der Dinge, um ihre Wertvorstellungen und um ihre Sorgen.

Die Community stiftet Identität – nicht nur im Web?

Wenn das Lokale der Ort ist, wo sich der Alltag der Menschen abspielt, dann sind die meisten Jugendlichen im Lokalen sehr gut vernetzt, weil sich für sie (fast) alles in dieser Community der Gleichaltrigen abspielt. Die Kommunikationswissenschaft nennt dies Peer-to-peer-Kommunikation, die das Lebensgefühl der jungen Leute bis Mitte Zwanzig permanent zur Sprache bringt. Gewiss ist dies eine selbstreferenzielle und hoch redundante Kommunikation, deren Bedeutung aber darin liegt, dass sie identitätsvermittelnd wirkt und das bietet, was schon immer Merkmal des Lokalen ist: Vertrautheit, Geborgenheit, Sicherheit. Mit diesen Merkmalen verbindet sich die für den Journalismus zentrale Frage: Gibt es einen Übergang von der Community-Welt des Web 2.0 zu den klassischen Informationsmedien, allen voran zur Tageszeitung, die bis heute die lokale Welt der Erwachsenen repräsentiert? Was ist, wenn die jungen Leute, die als sogenannte "digital natives" mit und in der Internetwelt groß geworden sind, die Dreißig überschreiten, wenn sie einen Job auf unbestimmte Dauer haben, wenn sie mit ihrem Partner/ihrer Partnerin an Familiengründung denken? Wenn die Suche nach dem "richtigen" Stadtteil, nach der besten Schule einsetzt, wenn man eine Initiative für mehr Wohnstraßen unterstützt und sich eine Meinung über den Stadtteilentwicklungsplan bilden will? Wenn man für den Ausgang mit Freunden die kompetente Gastrokritik sucht und eine Einschätzung der Theaterpremiere lesen will? Zu allem gibt es Informationen im Web. Aber sind sie zuverlässig? Und wer steht jeweils dahinter?

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Autor: Michael Haller für bpb.de
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