Lokaljournalismus

18.1.2012 | Von:
Torsten Schäfer

Wie fern ist Europa?

Europäische Öffentlichkeit in der Regionalzeitung

Die Politologin Regina Vetters hat in einer Inhaltsanalyse verschiedener Zeitungen untersucht, welche EU-Akteure in der deutschen Berichterstattung vor allem vorkommen: Der wichtigste Akteur in der tagtäglichen Berichterstattung sind die nationalen Regierungen – darauf folgen Kommission und Parlament. Bei den Regionalblättern ergibt sich bei der alltäglichen EU-Berichterstattung zu dem ein leichter Schwerpunkt der Berichte über zivilgesellschaftliche Akteure. Dies lässt sich auch als Versuch deuten, direkte Bezüge und bekannte Institutionen einzubinden.

EU-Akteure in der Berichterstattung von Tageszeitungen - Klicken Sie auf die Grafik, um die PDF zu öffnenEU-Akteure in der Berichterstattung von Tageszeitungen - Klicken Sie auf die Grafik, um die PDF zu öffnen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Fehlende (bekannte) Gesichter erschweren den Journalisten die Arbeit - ebenso wie mangelnde Konflikte: Im EU-Parlament arbeiten die großen Fraktionen oft zusammen, um Stärke gegenüber dem Ministerrat und der EU-Kommission zu gewinnen, die sich als Behörde gibt und nur wenig politischen Streit nach außen dringen lässt. Das ministerielle, oft offen ausgetragene Hauen und Stechen aus Berlin gibt es in dieser Form in Brüssel nicht. Streit zwischen den Generaldirektionen der EU-Kommission wird, zum Leidwesen der Journalisten, selten sichtbar. Denn es herrscht das strenge Kollegialprinzip: Entscheidungen über eine Richtlinienentwurf werden nur gemeinsam verkündet, oft als windelweicher Formelkompromiss. Es geht darum, keinem Kommissar – und damit auch keinem Mitgliedsland – öffentlich vor den Kopf zu stoßen und das oberste Gut der EU-Politik überhaupt zu wahren: den Konsens. Am Konsenszwang scheitern viele spannende EU-Storys – und scheitert eine lebendigere Debatten- und damit Demokratie-Kultur, die die EU bitter nötig hätte.

Oft scheitern regionale EU-Geschichten aber aus einem banaleren Grund: unbekannte Recherchequellen. Selbst die wichtigsten EU-Fachdienste wie Euractiv.com, EUobserver.com oder politikportal.eu sind den wenigsten Redakteuren ein Begriff. Geschweige denn der wertvolle Themen-Newsletter "Europa vor Ort" eines auf die EU spezialisierten Korrespondentenbüros in Brüssel, den Redaktionen kostenlos abonnieren können. Auch die lokalen EU-Experten, Europa-Referenten von Kommunen, Landkreisen oder Industrie- und Handelskammern, sind wenig bekannt und werden kaum befragt.

Ausbleibende Recherchen sind mit das Hauptproblem, zeigen die Redaktionsbefragungen wie die des Autors. Und Grund dafür, dass die Europakommunikation bisher zumeist von oben nach unten verläuft, von Brüssel nach Deutschland. Und nur ab und an in der Region stattfindet, wenn ein Großereignis ansteht oder der lokale EU-Abgeordnete zufällig eine gute Pressearbeit macht – was eher die Ausnahme ist. Damit die deutsche Öffentlichkeit aber europäischer wird, muss die Kommunikation auch von unten nach oben geschehen. Und sie muss stärker den politischen Alltag erfassen. Das heißt: Wenn Regionalblätter öfter die – de facto starke – europäische Dimension von Politik und Wirtschaft zeigen, steigen die Chancen, dass die Masse der Leser mehr über die EU erfährt - und mitunter mehr Verständnis und Interesse für Europa entwickelt. Voraussetzung für solche Mechanismen ist auch eine stärkere europaorientierte Ausbildung von regionalen Journalisten. In diesem Punkt sind sich alle Forscher einig. Es gibt einige Modellen an Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen, doch noch sind es zu wenige Angebote. Außerdem ist die Weiterbildungsbereitschaft im Zuge der Medienkrise seit 2008 gesunken. Das Gegenteil ist nötig: Chefredaktionen und Verleger müssen die Initiative ergreifen, um ihre Redaktionen schulen zu lassen. Die eigentliche Krux liegt aber in den Lehrplänen der Journalistenschulen und Journalismus-Studiengängen. Wenn Europa dort flächendeckend eine feste Dimension wäre, stiege wohl auch das europäische Bewusstsein in den Regionalredaktionen an.

Neue Aus- und Weiterbildungsmodelle könnten entgegen manch kritischer Meinung in Regional- und Lokalredaktionen auf fruchtbaren Boden stoßen. Denn die Redakteure sind, im Gegensatz zu den Redaktionsleitern, weiterbildungsbereiter als gedacht. Zudem ist das EU-Thema in den Redaktionen ein meist positiv besetztes; Redaktionsleiter wie Redakteure sind allerdings beide meist europafreundlich eingestellt. Und sie glauben entgegen bisheriger Schilderungen nicht per se, dass die EU keinen Leser interessiert.

EU-Dimension der Berichterstattung - Klicken Sie auf die Grafik, um die PDF zu öffnenEU-Dimension der Berichterstattung - Klicken Sie auf die Grafik, um die PDF zu öffnen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Sache ist ein wenig komplizierter: Die Leserinteressen sind nach Ansicht der Journalisten, wie die eigene Redakteursbefragung ergab, gering für die Themen der institutionellen "Brüssel-Union" wie etwa EU-Haushalt, Verfassungsfragen, oder eine Reform der Kommission – und stark für die relevanten Themen der "Verbraucher-Union". Dazu zählen die gesamten Themen der EU-Verbraucherpolitik, auf die sich Regionalzeitungen stürzen – ob gesunkene Handygebühren für Auslandsgespräche, gesundheitliche Kennzeichnung von Lebensmitteln oder Regeln für Kinderspielzeug. Die EU interessiert also Redaktionen und Leser – wenn sie direkt relevant wird. Manche Redaktionen treiben die EU-Verbraucherberichterstattung allerdings etwas zu weit, was dazu führt, dass größere, nicht unmittelbar den Geldbeutel oder die Gesundheit betreffende Themen außen vor bleiben.

Neben Verbraucherfragen ist die EU-Regionalpolitik mit ihren Fördertöpfen das wichtigste Thema für Regionalmedien. Danach folgen – außerhalb von Eurokrise und Schuldenstreit – die Agrar-, Umwelt- und Wettbewerbspolitik der Europäischen Union (vgl. Grafik oben). An der Küste ist zudem die Fischereipolitik ein großes Thema, die 2012 umfassend reformiert wird. Darüber lässt sich wunderbar schreiben, in jedem Dorf und in jeder Region. Und nicht nur an der Küste. Denn über gesunde Fischbestände entscheidet jeder mit: im lokalen Supermarkt, auf dem Wochenmarkt. Warum nicht einmal nachschauen, welcher Fisch da angeboten wird? Wie nachhaltig ist er? Und dann den Blick nach Europa gerichtet. Schon entsteht eine lokale EU-Geschichte, die Nah und Fern verbindet.

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Autor: Torsten Schäfer für bpb.de
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