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Lokaljournalismus

25.5.2012 | Von:
Paul-Josef Raue

Respekt und Nähe

Einblick: Zwischen den Zeilen - Lokaljournalismus und Ethik

Richtig handeln und wahrheitsgemäß berichten – so könnte man einen moralischen Grundsatz für die journalistische Arbeit verkürzt ausdrücken. Tatsächlich aber gestalten sich die täglichen Entscheidungen komplexer. Wie verhält sich der Journalismus im Zwischenraum der Richtlinien des Pressekodexes und der Gesetze des Presserechts?

"Wie berichte ich?", "Was berichte ich nicht?" – Lokaljournalisten müssen sich immer wieder diese Frage stellen. Ein Gradmesser ist der Pressekodex des Presserates. Hier illustriert in einer Installation des Internationalen Zeitungsmuseums in Aachen."Wie berichte ich?", "Was berichte ich nicht?" – Lokaljournalisten müssen sich immer wieder diese Fragen stellen. Ein Gradmesser ist der Pressekodex des Presserates. Hier illustriert in einer Installation des Internationalen Zeitungsmuseums in Aachen. (© Stadt Aachen / Peter Hinschläger)

Ein 19-Jähriger ermordet im April 2002 im Erfurter Gutenberg-Gymnasium sechzehn Menschen - und tötet sich am Ende selbst. Der Amoklauf ist ein Schock für alle Erfurter.

Wer einen Angehörigen verloren hat, einen Freund oder Bekannten, der ringt um Fassung, manche verlieren sie. Sie wollen nur noch schweigen angesichts des Unbegreiflichen. Ihr Schmerz verdoppelt sich durch jedes Bild, jeden Text, der in der Zeitung steht, oder jeden Film, der im Fernsehen läuft.

Die Redakteure in der Lokalredaktion können nicht schweigen – auch wenn einige überwältigt sind, weil sie Angehörige oder Freunde verloren haben. Es gibt keinen in der Redaktion, der das Gymnasium nicht kennt, sei es von der eigenen Schulzeit her, sei es von Terminen, um vom "Gutenberg" zu berichten.

Wie sollen die Redakteure berichten? Was sollen sie erwähnen? Was müssen sie unerwähnt lassen? Welche Sprache ist angemessen? Schon die Wahl der Worte ist schwer: Darf man von einem Amoklauf sprechen? Das Wort verweist auf eine spontane Tat statt auf einen lang geplanten Mord. Darf man von einem Massaker sprechen? Das Wort erinnert eher an tausendfachen Mord, gar Völkermord.

Auch wenn den Angehörigen Schweigen helfen könnte, so wiegt der Anspruch der Bürger schwerer, zu erfahren, was wirklich geschehen ist. In einer Gesellschaft, in der unzählige Medien unaufhörlich berichten, ist das Schweigen keine Alternative.

Es ist und war immer schon Aufgabe von Journalisten, die Wahrheit herauszufinden – auch um Legenden vorzubeugen und Agitatoren die Chance zu verwehren, aufzuwiegeln und die Trauer in Hass und Wut zu verwandeln. Zur Wahrheit gibt es keine Alternative. Die Gesellschaft, als die Gemeinschaft der Bürger, muss versuchen, eine solche Tat zu verstehen – zum einen um Vorsorge zu treffen, wie künftig solch ein Amoklauf zu verhindern ist; zum anderen um herauszufinden, was schief läuft im Umgang miteinander. Die Gesellschaft muss verstehen, um handeln zu können.

Die Balance zwischen Distanz und Nähe

Aber wie sollen Redakteure berichten? Recht einfach ist die Frage zu beantworten, wie sie nicht berichten sollten. Einige Reporter haben in Erfurt die Trauernden nicht in Ruhe trauern lassen, haben Fotos von den Opfern aus den Kränzen am Sarg gestohlen. Sie haben Menschen, die bei sich bleiben wollen, selbst bei der kirchlichen Trauerfeier in die Öffentlichkeit gezerrt. – als wären es Prominente, die die Kameras suchen; dabei waren diese Menschen gegen ihren Willen und gegen ihren Lebensplan in ein Unglück gestürzt, das der Verstand nicht fassen kann.

Die Menschen aber können zwischen den Zeilen lesen: Ihnen reicht die Beschreibung durch Worte, um sich selbst eine Vorstellung von der Verzweiflung machen zu machen. Sie können auch hinter die Bilder schauen. Sie benötigen nicht die dramatischen Fotos oder die extremen Details, um zu verstehen. Ihr Mitgefühl ist so groß, dass ihnen Andeutungen und Gesten reichen, um sich die Trauer in den Augen der Angehörigen vorstellen zu können. Sie müssen nicht die verweinten Augen der Trauernden sehen, um mit den Menschen zu leiden. Bilder können das Verstehen sogar verstellen.

Wenn die Redaktion erklärt, dass viele der Trauernden nicht sprechen wollen – und dass die Redaktion dies akzeptiert, dann akzeptieren es auch die meisten Leser. Man lässt seine Nachbarn in Ruhe trauern, das ist seit altersher eine menschliche Regung. Nach den Morden am Gutenberg-Gymnasium haben die Medien zu Recht harte Kritik einstecken müssen; Erfurter haben Journalisten beschimpft, bespuckt, wenn sie Jagd machten nach Gesichtern, Bildern und intimen Szenen. Dass diese Kritik auch in den Medien selber diskutiert worden ist, zeigt, dass unsere Demokratie zumindest robust ist und, man möchte hoffen, Journalisten auch lernfähig sind. Doch als 2009 ein 17-Jähriger in Winnenden fünfzehn Menschen ermordete, drehten die angereisten Journalisten auf der Jagd nach der Sensation wieder durch – als hätten sie nichts gelernt aus der massiven Kritik nach dem Amoklauf in Erfurt.

Lokaljournalisten suchen in der Regel nicht die Sensation, zumindest nicht auf Kosten der Menschen, mit denen sie Tür an Tür leben. Das Beispiel des Amoklaufs, auch wenn er ein Extremfall ist, zeigt deutlich das Dilemma des Lokaljournalisten, eben die Balance zwischen Distanz und Nähe:
  • Auch Lokaljournalisten brauchen Distanz, gar kühlen Abstand, um sich nicht von Emotionen übermannen zu lassen und um Verantwortung zu klären.
  • Lokaljournalisten brauchen Nähe, um mit den Menschen sprechen zu können, sie in ihrem Schmerz zu begreifen, um Unerklärliches doch erklären zu können und sei es bruchstückhaft.
Die Leser der lokalen Zeitung verlangen nach Nähe, gerade weil ihnen die Globalisierung ungeheuer ist und eine große Verunsicherung auslöst. Die Nähe schließt ein, dass Lokalredakteure über die Menschen, ihre Nachbarn, berichten. Das gelingt nur mit Respekt. Wer mit seinen Lesern lange und ernsthaft spricht, wird diesen Wunsch, ja diese Forderung immer wieder hören "Behandelt uns mit Respekt!"

Dieser Respekt beginnt schon beim Machen der Zeitung: Die Leser wollen verständliche Überschriften, damit sie schnell entscheiden können, ob sie einen Artikel lesen wollen oder nicht. Führt sie eine Überschrift in die Irre, protestieren sie: Die Redakteure nehmen uns nicht ernst! Die Leser wollen eine verlässliche Ordnung in der Zeitung, um sich leicht orientieren zu können. Die Leser wollen ihren Platz in der Zeitung einnehmen, buchstäblich. Sie fordern unmissverständlich: Lasst uns mitreden! Gebt uns Raum genug, um uns artikulieren zu können – auch wenn es denen oben nicht gefällt!

Noch genauer als "Nähe" kennzeichnet "Respekt" die ethische Haltung eines Lokalredakteurs. Der kategorische Imperativ im Lokalen "Respektiere Deine Leser!" bedeutet nicht, jedem nach dem Munde zu reden. Die Maxime, die Luther nachgesagt wird, ist gut auf den Respekt zu übertragen: Schau dem Volk aufs Maul, aber rede ihm nicht nach dem Mund!

Der "Pressekodex" ist Anker dieser Haltung der Journalisten - ob sie im Lokalen arbeiten, im Fernsehen oder im Radio oder als Korrespondenten im Ausland. Er ist vergleichbar dem Eid des Hippokrates, der Ärzte verpflichtet, unter allen Umständen menschliches Leben zu schützen und zu erhalten. Der Pressekodex verpflichtet Journalisten von Zeitungen und Zeitschriften, die Demokratie zu schützen und zu erhalten.


Informationen zur politischen Bildung Nr. 309/2010

Wer Journalisten sind und wie sie arbeiten

Sie nennen sich Redakteure, Reporter, Kritiker oder Journalisten und arbeiten für Zeitungen, Zeitschriften, Nachrichtenagenturen, Rundfunksender oder Internet. Dazu recherchieren sie Quellen, bewerten Informationen und machen daraus Nachrichten für die Öffentlichkeit.

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