30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Lokaljournalismus

31.1.2012 | Von:
Christine Kröger

Idealismus und Selbstausbeutung

Einblick: Warum Lokaljournalismus mehr Recherche braucht

In den letzten Jahren haben auch Lokalzeitungen eigene Rechercheressorts eingerichtet. Dennoch bleiben investigative Recherchen hier eher die Ausnahme, „Schnellrecherchen“ die Regel. Wie ist dieses Defizit zu erklären – und zu verhindern? Ein Einblick von der Bremer Journalistin Christine Kröger.

"Viele Chefredakteure wissen gar nicht, worüber wir reden. Wir recherchieren doch alle, sagen sie. Doch die meisten verstehen darunter, dass sie ohne Hilfe der Sekretärin eine Telefonnummer finden." Das provozierende Zitat Hans Leyendeckers, des Ressortleiters für investigative Recherche der Süddeutschen Zeitung, bringt das Dilemma auf den Punkt. Denn tatsächlich arbeitet jeder Journalist nach dem Prinzip: erst recherchieren, dann publizieren. Wie aber sieht Recherche im Lokalredaktionsalltag aus?

In Lokalredaktionen erschöpft sich die sogenannte Recherche häufig darin, etwa bei der Polizei nochmal nachzufragen, ob der beim Verkehrsunfall am Vorabend lebensgefährlich Verletzte noch am Leben ist. Oder darin, nach der Pressekonferenz, auf der der Bürgermeister die Erfolge seiner Sparpolitik verkündet hat, bei der Opposition deren Meinung zu diesen "Erfolgen" nachzufragen. Und selbst derlei "Schnellrecherchen" unterbleiben im stressigen Redaktionsalltag allzu oft.

Welcher Lokaljournalist hat schon die Zeit zu ergründen, ob sich vielleicht an einer jüngst für viele Millionen Euro umgebauten Straßenkreuzung seither die schweren Verkehrsunfälle häufen? Welcher Lokaljournalist wühlt tief genug in dem ebenso trockenen wie komplizierten Zahlenwerk des Kommunalhaushalts, um vermeintliche Sparerfolge als Buchhaltertricks zu entlarven? Genau das aber ist Recherche. Recherche ist kritisch, Recherche deckt Missstände auf.

Die Presse genießt Privilegien, sie hat besondere Auskunftsrechte, besondere Auskunftsverweigerungsrechte und vieles mehr, doch sie verdient ihre Privilegien nicht, indem sie verständlicher formuliert, was Behörden, Politiker und Lobbyisten verlautbaren. Sie verdient ihre Privilegien auch nicht, indem sie unterhaltsame Reportagen oder serviceorientierte Restaurant- und Kinokritiken publiziert. Sie verdient ihre Privilegien vielmehr, indem sie Behörden, Politikern und Lobbyisten ganz genau auf die Finger schaut, mithin die Mächtigen kontrolliert und kritisiert. Anders formuliert: Sie verdient ihre Privilegien nur, weil und so lange sie über unsere Demokratie wacht.

Warum recherchieren Lokalredakteure zu wenig?

Arbeitsüberlastung und damit einhergehender Zeitmangel sind die Gründe, die für das weitgehend unbestrittene Recherchedefizit in Lokalredaktionen genannt werden. Vollkommen zu Recht: Neben Recherchieren und Schreiben haben Lokalredakteure jede Menge weiterer Aufgaben. Sie verwalten und vergeben Termine, redigieren Texte freier Mitarbeiter und Volontäre, suchen Fotos aus, formulieren Überschriften, verhandeln mit Blattmachern über Textlängen, schreiben Vorabmeldungen für den Online-Auftritt ihres Blattes, telefonieren mit unzufriedenen Lesern… Und das alles vor dem Hintergrund, dass aufgrund des Konkurrenzdrucks durch Online-Medien Redakteursstellen eingespart werden. So verdichtet sich die Arbeit für die Redakteure weiter.

Wer im Lokalen investigativ recherchieren und Missstände aufdecken will, braucht Idealismus – um es positiv auszudrücken. Negativ formuliert muss er bereit sein, sich selbst auszubeuten. Zudem braucht er starke Nerven und ein breites Rückgrat, weil die Mächtigen kritische Berichte und ihre Verfasser nicht mögen. Leider stört das einige (zum Glück nicht alle) Kollegen, die keine Lust haben, sich bei Ansprechpartnern, mit denen sie regelmäßig zu tun haben, für kritische Berichte zu "rechtfertigen", sie möchten von diesen lieber gelobt und wertgeschätzt werden. Solche Kollegen belegen leider, was schon Kurt Tucholsky wusste: "Der deutsche Journalist braucht nicht bestochen zu werden – er ist stolz, eingeladen zu sein, er ist schon zufrieden, wie eine Macht behandelt zu werden."

Idealismus und Rückgrat allein reichen aber nicht. Der Rechercheur im Lokalen braucht Kollegen, die ihm im Tagesgeschäft mal den Rücken freihalten, wenn er dicke Bretter bohren und hinter die Kulissen schauen will. Er braucht einen Chefredakteur und einen Verleger, die hinter ihm stehen – und hinter ihm stehen bleiben, wenn der Bürgermeister, der mit ihnen vielleicht im selben Golfclub spielt, nach einem kritischen Bericht demonstrativ zu grüßen vergisst.

Eigenständige Rechercheressorts machen Sinn, weil sie unabhängig von der tagesaktuellen Produktion arbeiten und damit nicht dem täglichen Entscheidungsdruck ausgesetzt sind, ob sie ihr dickes Brett weiter bohren oder doch lieber die "schnelle Geschichte" oder den "knackigen Kurzkommentar" für die morgige Ausgabe verfassen sollen. Trotz Eigenständigkeit müssen Rechercheressorts eng mit den übrigen Ressorts zusammenarbeiten.

Teilnehmer eines Neonazi-Aufmarsches laufen am Samstag (14.04.2012) durch Plauen (Sachsen). Tausende Bürger demonstrierten gegen den Missbrauch des Gedenkens an die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg durch den Aufmarsch der Neonazis. Zu der Veranstaltung hatten neben den Parteien und Gewerkschaften auch die Kirchen aufgerufen. Mehrere Initiativen wollen den Marsch der Neonazis blockieren. Große Teile der Stadt waren bei Bombenangriffen im April 1945 zerstört worden. Foto: Jan Woitas dpa/lsn
pixelBei schwierigen Recherchen, etwa in der rechtsextremen Szene, können Kooperationen helfen, Recherchekapazitäten zu bündeln. (© picture-alliance/dpa)

Rechercheure brauchen ihre tagesaktuell arbeitenden Kollegen fachlich: Der Kollege im Politikressort hat vielleicht die private Handynummer des gerade nicht erreichbaren Staatssekretärs; und der Kollege im Lokalressort kann beurteilen, ob sich ein Hintergrundgespräch mit dem Baudezernenten lohnen könnte. Rechercheure brauchen ihre Kollegen als Verstärkung: Wenn sie tatsächlich ein "großes Ding" ausgegraben haben, reichen die personellen Kapazitäten des Ressorts (das selbst bei der überregionalen Süddeutschen Zeitung nur dreieinhalb Stellen umfasst) nicht für Bericht- und Folgeberichterstattung. Umgekehrt können Rechercheure ihren Kollegen helfen -mit vielerlei "Service": Sie wissen beispielsweise, ob das Grundbuchamt eine Akteneinsicht zu Recht verwehrt hat; sie können sagen, wie lange man dem vermutlich bestochenen Ratsherrn Zeit zur Stellungnahme geben muss.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Christine Kröger für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Informationen zur politischen Bildung Nr. 309/2010

Wer Journalisten sind und wie sie arbeiten

Sie nennen sich Redakteure, Reporter, Kritiker oder Journalisten und arbeiten für Zeitungen, Zeitschriften, Nachrichtenagenturen, Rundfunksender oder Internet. Dazu recherchieren sie Quellen, bewerten Informationen und machen daraus Nachrichten für die Öffentlichkeit.

Mehr lesen

Informationen zur politischen Bildung Nr. 309/2010

Massenmedien

Angebot und Vielfalt der Medien haben in den vergangenen Jahrzehnten einen dramatischen Wandel erfahren. Die Fülle an Informationen und die Schnelligkeit, mit der sie sich verbreiten, haben durch das Internet stark zugenommen. Dies hat auch Auswirkungen auf den Journalismus. Er muss sich wie die Nutzerinnen und Nutzer des Medienangebots neuen Herausforderungen stellen.

Mehr lesen