Mikrofonpult

9.12.2016 | Von:
Petra Grimm

Smarte schöne neue Welt? – Das Internet der Dinge

Aktuelle Handlungsoptionen

Titel: Verschluesselung unter der Lupe
Bildrechte: Verwendung weltweit
Rechtevermerk: picture alliance / Frank Duenzl
Fotograf: Frank Duenzl
Notiz zur Verwendung: Handelsrechte: GLOBAL
Caption: Nur so stark wie das schwaechste Glied: Sicherheitsschluessel der
Verschluesselungssoftware GnuPG, einer Open-Source-Version von PGP,
aufgenommen im Juni 2015. Mit PGP (Pretty Good Privacy) koennen z.B.
Emails ziemlich sicher verschlueselt werden. PGP benutzt ein Public-Key-
Verfahren mit einem oeffentlichen und einem privaten, geheimen Schlüssel.Sicherheitsschlüssel einer Verschlüsselungssoftware (© picture-alliance, Frank Duenzl))


Aus den oben beschriebenen Risiken des Internet der Dinge ergeben sich folgende Handlungsoptionen:
  1. Privacy by Design (Privatsphäre-Schutz durch eingebaute Technik)
    Bereits bei der Entwicklung von neuen Technologien, Produkten und Vernetzungssystemen sollte eine wesentliche Anforderung sein, den Umfang der verarbeiteten schützenswerten Daten zu minimieren (= Datensparsamkeit). Darüber hinaus sollte nachvollziehbar sein, welche Daten zu welchem Zweck (und Preis) erhoben und ggf. an Dritte weitergegeben werden. Ebenso sollte den Nutzern durch Voreinstellungen ermöglicht werden, sich auch ohne einschlägige Fachkenntnisse weitgehend schützen zu können (privacy by default; Privatsphäre-Schutz als Standard-Voreinstellung). Hierfür müsste eine verstärkte ethische Sensibilisierung der Entwickler erfolgen, auch schon in der Ausbildung. Im Unterschied zu den Produkten und Diensten, die ein "surveillance by design" (Überwachung durch Technik) implementiert haben, könnten Privacy-by-Design-Produkte auch einen Wettbewerbsvorteil darstellen, da sie Vertrauen beim Kunden schaffen können.

  2. Internet-der-Dinge-Kodex
    Grundsätzlich bietet das Internet der Dinge Chancen und Risiken. Um den Schutz der Privatsphäre als Sphäre der Selbstbestimmung und Autonomie bei Smart-Home-Lösungen und Selbstvermessung-Devices zu gewährleisten, braucht es ethische Standards. Diese könnten in einem "Code of Conduct" vereinbart werden, also einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Anbieter. Wichtig wäre zudem ein Auditing-Verfahren, das die Prozesse, Verfahren und Richtlinien der ethischen Standards überprüft. Beteiligte könnten z. B. Unternehmen und unabhängige wissenschaftliche Einrichtungen sein. Die ethischen Standards sollten sich an den folgenden Parametern (Steuergrößen) orientieren:
    • Verhältnismäßigkeit (Zweckbindung),
    • Transparenz der Datenverwendung,
    • keine persistenten Daten (nur vorübergehende Speicherung),
    • Kontrolle- und Eingriffsmöglichkeiten in das System,
    • Datensparsamkeit und Sicherheit bei der Datenspeicherung,
    • Verschlüsselung der Daten (z. B. durch Homomorphic Encryption) und
    • Nicht-Identifizierbarkeit der Personen (z. B. "Differentiell Privacy", bei der Daten mit einem "Rauschen" versehen werden, das es unmöglich macht, bestimmte Personen zu identifizieren).
  3. Verbesserung der Lebenssituation
    Grundsätzlich muss die zentrale Frage bei der Entwicklung des Internet der Dinge sein, inwieweit die neuen technologischen Anwendungsmöglichkeiten für den Einzelnen und die Gesellschaft einen Gewinn darstellen. Das heißt, ob sie dazu beitragen, dass wir ein gelungenes Leben führen können und der Zusammenhalt unseres demokratischen Gemeinwesens gewahrt wird. Technologien sind grundsätzlich nicht wertefrei. Abhängig von ihrem sozialen und kulturellen Gebrauch versinnbildlichen sie Werte und beeinflussen unser Wertesystem. Oftmals können sie auch eine Wertekonkurrenz bei uns evozieren (hervorrufen), z. B. wenn wir abwägen müssen zwischen dem Wunsch nach Anonymität und Privatheit oder Entlastung im Alltag und Komfort. Allerdings kann der Schutz der Privatsphäre nicht grundsätzlich dem Einzelnen aufgebürdet werden; hierzu braucht es Normen, Handlungsregeln und Strukturen, die dem Einzelnen tatsächliche Handlungssouveränität und Entscheidungsfreiheit gewähren. Den Rahmen hierfür zu schaffen, ist Aufgabe der Politik und des Gesetzgebers.
Eine Technologie auch noch auszuzeichnen, die das "Privacy by Design"-Prinzip gänzlich missachtet, ist hingegen der falsche Weg. So wurde auf der Fachmesse CES die chinesische Firma Sengled mit dem Preis für die beste Innovation ausgezeichnet: LED-Lampen mit Mikrofon, die Geräusche in die Cloud übertragen, wo Server Sprachkommandos erkennen und dann Aktionen im Netz des Kunden auslösen. Jürgen Schmidt appelliert angesichts dieses "Albtraum(s) der Dinge" in der Zeitschrift c’t: "Hey, Orwells 1984 war als Warnung und nicht als Vorlage gedacht"[36].

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Infokasten

George Orwell: 1984

In seinem 1948 erschienenen Roman entwirft der britische Autor George Orwell (1903-1950) ein düsteres, zukunftspessimistisches Szenario einer durch Totalüberwachung beherrschten Gesellschaft. Für den Einzelnen gibt es keine Privatsphäre und keine eigene Meinung mehr. Wer gegen die Regeln verstößt und ein "Gedankenverbrechen" begeht, wird ausgelöscht. Zuständig für die permanente Manipulation ist das "Ministerium für Wahrheit".

Weitere Informationen: Der Spiegel 1/1983: Die neue Welt von 1984 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14017938.html

Zum Weiterlesen auf bpb.de

Checkpoint bpb – die Montagsgespräche: "Zwischen Hype und Horror – das Internet der Dinge und die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Maschine" (mit Audiobeitrag)

Tobias Arns: Smart Home: Das Internet der Dinge für zu Hause (PDF): http://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/20160208_Arns_Bitkom_BpB.pdf

Die Netzdebatte – Internet der Dinge

Zum Weiterlesen

Im Beitrag genannte Beispiele für das Internet der Dinge:

Smart Home
Lampen: Connected Lamps for your global friends and family: http://goodnightlamp.com/
Bett: https://www.eightsleep.com/features
Heizkörper-Thermostate: Tado: https://www.tado.com/de/, Nest: https://nest.com/

Smart Clothes / Wearables
Kleidung – Athos: https://www.liveathos.com/products

Smart Car / Auto
BMW ConnectedDrive http://www.bmw.de/de/topics/faszination-bmw/connecteddrive/ubersicht.html

Internet der Dinge – grafische Darstellung von Beispielen für Kinder und Jugendliche (PDFs):
www.klicksafe.de/fileadmin/media/documents/pdf/klicksafe_Materialien/Lehrer_LH_Zusatz_Ethik/Internet%20der%20Dinge_L%C3%B6sung.pdf
www.klicksafe.de/fileadmin/media/documents/pdf/klicksafe_Materialien/Lehrer_LH_Zusatz_Ethik/Internet_der_Dinge_Produktbeispiele_Plakat_1.pdf
www.klicksafe.de/fileadmin/media/documents/pdf/klicksafe_Materialien/Lehrer_LH_Zusatz_Ethik/Internet_der_Dinge_Produktbeispiele_Plakat_2.pdf

Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz (2016): Vierter Verbraucherdialog "Smart Home" – Chancen nutzen, Risiken minimieren – Empfehlungen zum Verbraucher- und Datenschutz bei Smart Home-Angeboten für Anbieter sowie Verbraucherinnen und Verbraucher.
http://mjv.rlp.de/fileadmin/mjv/Themen/Verbraucherschutz/Ergebnispapier_mit_Empfehlungen
_zum_Verbraucher__und_Datenschutz_bei_Smart_Home_Angeboten_fuer_Anbieter
_sowie_Verbraucherinnen_und_Verbraucher_.pdf


Bundesministerium für Gesundheit (Studie, 2016): Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps. http://www.bmg.bund.de/ministerium/meldungen/2016/studie-gesundheits-apps.html

Literatur

Beuth, Patrick (2014): Nest wird Google nun doch Nutzerdaten geben. In: Zeit Online. 24.06.2014. Online: http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2014-06/nest-gibt-doch-daten-an-google.

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie(BMWi) (2014) (Hrsg.): Entwicklung digitaler Technologien. Die Zukunft der Wirtschaft ist digital. Online: http://www.bmwi.de/DE/Mediathek/publikationen,did=593208.html.

Foucault, Michel (1997): Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit. 2. Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Fromme, Herbert (2016): Wer sich bewegt, zahlt weniger. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 70 v. 24./25. März 2016, S. 25. Online: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/versicherung-wer-sich-bewegt-zahlt-weniger-1.2920176.

Generali Deutschland (28.07.2015): Standpunkte. Vitality. Online: https://www.generali-deutschland.de/de/presse-und-medien/standpunkte/vitality-1150478/.

Grimm, Petra / Kimmel, Birgit (2015): Big Data und der Schutz der Privatsphäre - Medienethik im medienpädagogischen Kontext. In: Gapski, Harald (Hrsg.): Big Data und Medienbildung. Zwischen Kontrollverlust, Selbstverteidigung und Souveränität in der digitalen Welt. Düsseldorf, München, S. 111-129.

Grimm, Petra / Zöllner, Oliver (2015) (Hrsg.): Ökonomisierung der Wertesysteme. Der Geist der Effizienz im mediatisierten Alltag. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.

Grimm, Petra / Krah, Hans (i. Ersch./2017): Privatsphäre. In: Heesen, Jessica (Hrsg.): Handbuch Informations- und Medienethik. Stuttgart/Weimar: Verlag J. B. Metzler.

Lahmann, Henning (o. J.): Gesellschaftliche Konfliktlinien im Kontext von Big Data am Beispiel von Smart Health und Smart Mobility. Online: https://www.divsi.de/projekte/digitaler-kodex/big-data/.

Mattern, Friedemann / Flörkemeier, Christian (2010): Vom Internet der Computer zum Internet der Dinge. In: Informatik-Spektrum, April 2010, Volume 33, Issue 2, S. 107-121. Online: http://www.vs.inf.ethz.ch/publ/papers/Internet-der-Dinge.pdf.

McLuhan, Marshall (2004): Understanding Media. The Extensions of Man. 4. Aufl., London/New York: Routledge.

Metz, Rachel (2016): Schweiß als Informationsquelle. In: Technology Review, 12.02.2016. Online: http://www.heise.de/tr/artikel/Schweiss-als-Informationsquelle-3099068.html.

Rössler, Beate (2001): Der Wert des Privaten. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Rössler, Beate (2003): Anonymität und Privatheit. In: Bäumler, Helmut/von Mutius, Albert (Hrsg.): Anonymität im Internet. Grundlagen, Methoden und Tools zur Realisierung eines Grundrechts. Braunschweig/Wiesbaden: Vieweg Verlag, S. 27-40.

Rothensee, Matthias (2008): User Acceptance of the Intelligent Fridge: Empirical Results from a Simulation. In: Floerkemeier, Chritsian et al. (Eds.): The Internet of Things. First International Conference, IOT 2008, Zürich, Switzerland, March 26-28, 2008, Proceedings. Wiesbaden: Springer Verlag, S. 123–139.

Schmidt, Jürgen (2016): Mein Albtraum der Dinge. In: c’t. Magazin für Computertechnik. 06.02. 2016, Heft 4.

Schoenberger, C. R. (2002): The Internet of Things. Forbes Magazine, March 18.

Selke, Stefan (2014): Lifelogging als soziales Medium? – Selbstsorge, Selbstvermessung und Selbstthematisierung im Zeitalter der Digitalität. In: Jähnert, Jürgen / Förster, Christian (Hrsg.): Technologien für digitale Innovationen. Interdisziplinäre Beiträge zur Informationsverarbeitung. Wiesbaden: Springer VS, S. 173-200.

Wiegerling, Klaus (2011): Philosophie intelligenter Welten. München: Wilhelm Fink.

Zwitter, Andrej (2014): Big Data Ethics. In: Big Data & Society, Juli/Dezember 2014, Sage Journals, S. 1-6. Online: http://bds.sagepub.com/content/1/2/2053951714559253.

Fußnoten

36.
Schmidt 2016: 81.
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Autor: Petra Grimm für bpb.de
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