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1.10.2013 | Von:
Robert Gehring, aktualisiert Valie Djordjevic

Digitales Rechtemanagement

Akteure und Aktionäre

Digitales Rechtemanagement sorgt seit einigen Jahren für heftige Debatten auf der ganzen Welt. Anbieter, Nutzer und Künstler haben dabei unterschiedliche Interessen. Ein Überblick.

Bild: dieSachbearbeiter.de, cc by-nc-nd/2.0/deBild: dieSachbearbeiter.de, cc by-nc-nd/2.0/de Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb, Bild: dieSachbearbeiter.de, cc by-nc-nd/2.0/de )

Digitales Rechtemanagement (DRM) bezeichnet eine Reihe von Technologien, mit denen die Nutzung digitaler Inhalte wie Musik, Filme oder E-Books kontrolliert wird. Was erst einmal kompliziert klingt, ist jedem von kopiergeschützten CDs und DVDs bekannt, auch Musik gibt es im Internet oft nur mit DRM-Schutz zu kaufen. Seit einigen Jahren kommt DRM in immer mehr elektronischen Geräten zum Einsatz. Der Artikel "Kopierschutz und digitales Rechtemanagement im Alltag" in diesem Dossier gibt weitere Beispiele.

Die einen sehen DRM als einzige angemessene Antwort auf die weitverbreitete, unerlaubte Nutzung digitaler Inhalte. Für die anderen ist es die größte Bedrohung der Privatsphäre seit Erfindung der Volkszählung. Wieder andere argwöhnen, dass mittels DRM lediglich die Preise für digitale Musik und Filme in die Höhe geschraubt werden sollen. Dazwischen gibt es ein breites Spektrum von Meinungen über Pro und Kontra des Einsatzes von DRM.

Es bleibt in der Praxis nicht bei Meinungsäußerungen. In öffentlichen Kampagnen und parlamentarischen Anhörungen, durch offene und verdeckte Wahlkampf-Finanzierung, durch die Entwicklung und Verbreitung von Software zur Umgehung von DRM tragen die Akteure und Aktionäre des digitalen Rechtemanagements ihre Auseinandersetzung aus. Der vorliegende Beitrag beleuchtet die wichtigsten Positionen in aller Kürze.

Inhalte-Anbieter

Unter dem Sammelbegriff Inhalte-Anbieter versteht man Vertreter aus Film-, Musik- und Verlagsindustrie. Die großen Interessenverbände der Inhalte-Anbieter machen sich alle für den Einsatz von DRM stark. Die Player sind hier die US-amerikanischen Verbände RIAA (Recording Industry Association of America) und MPAA (Motion Picture Association of America), und die entsprechenden internationalen Organisationen IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) und die MPA (Motion Picture Association). In der RIAA sind die großen, oft multinationalen Musikkonzerne und viele mittelgroße und kleinere Plattenfirmen aus den USA organisiert. Die IFPI stellt die Dachorganisation für die RIAA und andere nationale Interessenvertretungen dar. In der MPAA wiederum haben sich die amerikanischen Filmstudios und Verleiher mehrheitlich organisiert, auf internationaler Ebene bündelt die MPA die Interessen von MPAA und ihren nationalen Partnerorganisation. Wegen der großen Marktmacht der Hollywood-Studios vertritt die MPA allerdings überwiegend deren Interessen. Besonders in den USA spenden die Inhalte-Anbieter Politikern beider großer Parteien beträchtliche Summen, damit diese sich in Gesetzgebungsverfahren für DRM einsetzen. Die Verlagsbranche ist international weniger stark organisiert, hat allerdings historisch eine starke Position auf nationaler Ebene. In Deutschland vertritt überwiegend der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ihre Interessen.

Die Inhalte-Anbieter treten am konsequentesten für den breiten Einsatz von DRM ein. Sie machen sich international für den Schutz von DRM in Gesetzen und Verträgen stark, da sie unter der illegalen Verbreitung ihrer Produkte – Musik, Filme, Bücher – am deutlichsten zu leiden haben. Zudem könnte ihnen der Einsatz von DRM neue Geschäftsmodelle ermöglichen, die auf der individuellen Abrechnung von Mediennutzung basieren. Ein Beispiel dafür ist das Bezahlfernsehen. Ein neuer Geschäftszweig, bisher vor allem für Musik, ist das sogenannte Streaming. Anbieter sind hier etwa Spotify oder Simfy. Die eingesetzten DRM-Technologien haben sich im Laufe der Jahre gewandelt. Während Mitte der 2000er Jahre sogenannte „harte“ DRM-Technologien, wie etwa der Kopierschutz von CDs, im Vordergrund standen, spielen inzwischen vermehrt DRM-Technologien eine Rolle, die kontrollieren, wie die Werke genutzt werden. Mit Wasserzeichen versehene Musikdateien können so weiterverfolgt werden, während Privatkopien weiterhin möglich sind. DRM-Technologien erlauben den Anbietern zu verfolgen, wie oft und zu welchen Zeitraum Werke konsumiert werden.

Technologie-Anbieter

Bei den Technologie-Anbietern ist die Interessenlage recht unübersichtlich. Manche Unternehmen profitieren von DRM, andere sehen für sich eher Nachteile. Digitales Rechtemanagement wird wie jede andere Technologie erst einmal entwickelt und anschließend vermarktet. Von einem Markterfolg von DRM oder gar seinem gesetzlich vorgeschriebenen Einsatz würden die DRM-Entwickler natürlich profitieren. Auf der anderen Seite verlangen die Inhalte-Anbieter von Hardware- und Software-Herstellern die Einhaltung bestimmter DRM-Standards. Andernfalls würden sie ihre wertvolle Musik, ihre Filme und Fachzeitschriften nicht zur Verwertung bereitstellen. Das hochauflösende Videoformat der Blu-ray-Disc ist ein Beispiel dafür. Für den Hersteller von Grafikkarten oder den Anbieter einer Video-Abspielsoftware ist das ein zweischneidiges Schwert. Durch DRM wird die Entwicklung der Produkte aufwendiger und teurer. Ob sich der Aufwand auszahlt, ist nicht absehbar. Hinzu kommt, dass viele Konsumenten DRM ablehnen und nicht bereit sind, ohne triftigen Grund in neue Hard- oder Software zu investieren.

Weil die Positionen der verschiedenen Technologie-Anbieter so weit auseinanderfallen, vertreten ihre Industrieverbände teils gegensätzliche Positionen. Bei der DRM-Entwicklung drängen sie auf die Einführung verbindlicher Standards, um kostspielige Fehlentwicklungen zu vermeiden. Manche von ihnen entwickeln aber auch eigene Systeme und versuchen, sie aufgrund ihrer Marktmacht durchzusetzen.

DRM-Dienstleister

DRM-Dienstleister sind Unternehmen, die eine Vermittlerrolle zwischen Inhalte-Anbietern auf der einen Seite und Inhalte-Nutzern auf der anderen Seite ausfüllen. Die DRM-Dienstleister übernehmen oft die Funktion des klassischen Einzelhandels. Ihre Dienstleistung besteht im Kern darin, von den Inhalte-Anbietern gelieferte Inhalte mit einem DRM-Schutz zu versehen und anschließend zu vermarkten.

Die kommerziellen Musik-Portale im Internet haben seit einigen Jahren ihre Position zu DRM geändert. Sie verkaufen inzwischen hauptsächlich Musikdateien mit schwachem DRM, zum Beispiel Wasserzeichen. Bei Apple iTunes ist dies seit etwa 2009 der Fall. Musik-Streaming-Dienste setzen eher starkes DRM ein, so dass Nutzer die Musik nur anhören können, solange lange sie Mitglied sind. DRM spielt inzwischen eine wichtige Rolle im E-Book-Bereich; die großen Anbieter arbeiten alle mit DRM-Systemen. Die Betreiber der Portale lizenzieren Werke von den Verlagen oder einzelnen Autoren und vermarkten sie zu unterschiedlichen Bedingungen an die Nutzer. Für jeden verkauften Titel oder jedes Abonnement wird ein bestimmter Lizenzbetrag an die Rechteinhaber überwiesen.

Durch die Kopplung von bestimmten DRM-Verfahren an mobile Abspielgeräte oder bestimmte Abspielsoftware versuchen die DRM-Dienstleister, sich eine starke Position im Markt zu sichern. Dadurch, dass sie ihre DRM-Verfahren nicht an Wettbewerber lizenzieren, hoffen einzelne Unternehmen, sich eine marktbeherrschende Stellung zu verschaffen. Das hat dazu geführt, dass die Nutzer sich auf einzelne Anbieter festlegen müssen, wenn sie bestimmte Geräte oder Software nutzen wollen. Sowohl bei Verbraucherschützern als auch in der Politik hat dieses Verhalten zu Protesten geführt, und es sind Forderungen nach einer stärkeren Regulierung des DRM-Einsatzes laut geworden.

Künstler und Kreative

Künstler und Kreative sind in ihrer Gesamtheit sehr zerstritten, was die Vor- und Nachteile des DRM-Einsatzes zum Schutz von Kopien ihrer Werke angeht. Zum einen liegt das daran, dass sie auf unterschiedliche Arten kreativ sind und Geld verdienen. Je nachdem, ob DRM ihre kreative Arbeit behindert oder nicht, ob unerlaubte Werkkopien finanziellen Verlust bedeuten oder eher als eine willkommene Werbemaßnahme angesehen werden, sprechen sie sich für oder gegen DRM, für oder gegen Internet-Tauschbörsen aus.

Zum anderen verdient überhaupt nur ein Teil der Künstler und Kreativen den Lebensunterhalt mit Kunst. Für einen großen Teil geht es schlicht darum, durch die Werke bekannt zu werden. Ihnen ist daran gelegen, ein möglichst großes Publikum anzusprechen. Ein DRM, das die Verbreitung von Kopien einschränkt, erweist sich dabei als Hindernis.

Die Kreativen tun sich oft schwer, die Vielfalt ihrer Positionen gegenüber Öffentlichkeit und Politik zu artikulieren. Vielen von ihnen ist zudem nicht klar, was DRM für sie persönlich bedeutet, was die Meinungsbildung erschwert. In den meisten Diskussionsrunden und Anhörungen in Ausschüssen sind Künstler in der Minderheit oder gar nicht vertreten.

Nutzer

Aus Sicht der überwiegenden Zahl der Nutzer urheberrechtlich geschützter oder nicht (mehr) geschützter Werke bietet DRM mehr Nachteile als Vorteile. Praktisch jedes DRM-System bringt Nutzungseinschränkungen der einen oder anderen Art mit sich. Häufig wird mit DRM das Kopieren von Datenträgern verhindert, die Umwandlung von Dateien in ein anderes Format oder das Abspielen von Dateien auf bestimmte Geräte beschränkt.

Darüber hinaus werden manche DRM-Systeme im Internet dazu eingesetzt, die individuelle Mediennutzung zu erfassen, um so Nutzerprofile zu erstellen. Eine anonyme Mediennutzung, wie sie bis vor wenigen Jahren der Regelfall war, wird zunehmend schwieriger.

Mangels politischer Organisation gelingt es den Nutzern nur ausnahmsweise, ihren Interessen im Kampf um DRM Gehör zu verschaffen. Stellvertretend für sie mischen sich Verbraucherschutz-Organisationen, Bürgerrechtsgruppen und Internet-Initiativen in die politische Debatte ein.

Bestimmte Gruppen von Nutzern sind durch DRM unmittelbar in ihrer Arbeit betroffen. So beschweren sich Bibliotheken und Archive darüber, dass DRM-geschützte Angebote ihnen zunehmend das Leben schwer machen. Von DRM-geschützten Medien können und dürfen nur in wenigen Ausnahmefällen Kopien angefertigt werden. Die Vielfalt der verschiedenen Verfahren erschwert dabei den Umgang mit DRM-geschützten Inhalten. Schließlich gibt es die Befürchtung, dass die Preise für digitale Inhalte mit DRM künstlich in die Höhe getrieben werden könnten. In der politischen Auseinandersetzung um DRM kommt den Bibliotheken und Archiven auf Grund ihrer Beschaffungsetats eine wichtige Rolle und Stimme zu.

Bildungs- und Forschungseinrichtungen bilden eine weitere Nutzergruppe mit spezifischen Interessen. Ihre Aufgabe ist die Verbreitung von Wissen, dessen möglichst weitgehende Nutzung gefördert und weiterentwickelt werden soll. DRM-geschützte Lehrbücher und Fachliteratur stellen aus Sicht von Bildungs- und Forschungsinstitutionen ein ernst zu nehmendes Hindernis dar, das der Verwirklichung dieser Interessen im Wege steht.

In öffentlichen Deklarationen und parlamentarischen Anhörungen sprechen sich ihre Interessenvertretungen in der Mehrheit klar gegen DRM aus. Sie gehen noch einen Schritt weiter und plädieren für einen freien Zugang zu wissenschaftlichen Informationen im Sinne des Open Access. Insbesondere setzen sie sich dafür ein, dass die Ergebnisse von mit Steuergeldern finanzierter Forschung kostenlos öffentlich zugänglich sein sollen.

Verwertungsgesellschaften

Die Rolle der Verwertungsgesellschaften besteht darin, Lizenzgebühren für die Zweitnutzung von Werken sowie Pauschalabgaben auf Kopiergeräte und Leermedien einzusammeln und auf ihre Mitglieder zu verteilen. Die Mitglieder sind in der Regel sowohl Künstler und Kreative als auch Inhalte-Anbieter wie beispielsweise Verlage. Als die größten Interessenvertretungen der Kreativen beteiligen sie sich intensiv an der politischen Diskussion um die Weiterentwicklung des Urheberrechts. DRM bringt die Verwertungsgesellschaften in eine schwierige Position. Sollte sich DRM großflächig durchsetzen, so wäre es technisch möglich, praktisch jede Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke individuell zu erfassen und abzurechnen. Damit gäbe es keinen großen Bedarf mehr für Pauschalabgaben und deren Verteilung. Die Verwertungsgesellschaften würden dann einen großen Teil ihrer Aufgaben und wohl auch ihrer Bedeutung verlieren. In der politischen Diskussion befürworten sie einerseits im Interesse ihrer Mitglieder den Einsatz von DRM. Andererseits gehen sie auf längere Zeit nicht davon aus, dass DRM die Pauschalabgaben überflüssig machen wird.

Internet-Anbieter

DRM wird von den Internet-Anbietern weder grundsätzlich abgelehnt noch grundsätzlich befürwortet. Aber in einem Punkt sind sich die Internet-Anbieter einig: Die fehlende Standardisierung bei DRM und der mangelnde Verbraucherschutz sind ein wesentliches Hindernis für die Verbreitung von Inhalten auf den verschiedenen Endgeräten wie beispielsweise Mobiltelefonen. In den politischen Prozess um den DRM-Einsatz mischen sich die Internet-Anbieter kaum ein.

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Autor: aktualisiert Valie Djordjevic Robert Gehring für bpb.de
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