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29.2.2008 | Von:
Christine Ehlers

Sand im DVD-Brenner

Ein Interview mit Christine Ehlers von der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU)

Und wie gehen Sie dabei aktiv vor? Bis jetzt hört es sich so an, als ob sie nur darauf warten würden, dass Aussteiger bei ihnen anrufen.

Ganz so ist es nicht. Auf der unteren Ebene, den Tauschbörsen, haben wir etwa das Projekt "First Seeder Kill". Bei bestimmten Tauschbörsen kann man ermitteln, wer der erste war, der eine Kopie hochgeladen hat. Dies wird von uns dokumentiert. Mit diesen Daten kann dann die Polizei den Ersteinsteller ermitteln und kommt über ihn dann häufig an die Hinterleute. Gleichzeitig prüfen wir, welche Merkmale die Raubkopie hat: Woher kommt sie? Dann arbeiten wir den Kinos zu. Wir sagen ihnen, welche Schutzmaßnahmen sie ergreifen können, damit das bei ihnen nicht vorkommt. Wenn ein Kino sehr häufig als Quelle illegaler Mitschnitte erscheint, arbeiten wir mit den Betreibern und der örtlichen Polizei sehr eng zusammen. Auf den Sneaks gibt es dann tatsächlich Polizeipräsenz. Das hat in einem Fall dazu geführt, dass eine Release-Gruppe aufgegeben hat, weil der Verfolgungsdruck einfach zu hoch war.

Um eine Verbreitung in andere Märkte zu unterbinden, führen wir schließlich regelmäßig Aktionen etwa auf tschechischen Grenzmärkten, auf Flohmärkten, Ebay durch. Unser neuestes Projekt sind die Sharehoster.

Das ist was genau?

Ein Sharehoster bietet Speicherplatz im Internet an. Man kann seine Daten dort hinterlegen und von anderer Stelle wieder auf die Daten zugreifen. Das nutzen etwa Unternehmen, wenn ihre Angestellten viel unterwegs sind und von überall Zugriff auf große Datenmengen haben müssen, die man nicht mehr eben per E-Mail verschicken kann.

Also Dienste wie Rapidshare oder Depositfiles?

Genau. Das Problem ist, dass diese Dienste auch von Raubkopierern gerne genutzt werden. Es gibt Portalseiten, die Verzeichnisse der illegal herunterladbaren Dateien auf solchen Sharehostern führen. Wer seine Dateien dort hinterlegt, fügt anschließend den Link auf den Portalseiten hinzu, so dass ein anderer Nutzer dann auf den Portalseiten den Link anklicken und die Dateien herunterladen kann.

Darin besteht auch das Problem bei der Verfolgung: Gegen die Portalseite an sich ist relativ schwer vorzugehen, weil deren Betreiber selber nicht unbedingt illegales Material hinterlegen, Zudem versuchen sie oft, ihre Identität zu verschleiern.

Hier gibt es einmal das Verfahren, dass man so genannte "Abuse-Mails" schickt. Man schreibt dann an den Sharehoster: "Hinter diesem Link verbirgt sich eine illegale Kopie, bitte löschen Sie die." Und das geschieht dann auch, mal mehr, mal weniger kooperativ. Natürlich ist das eine Sisyphusarbeit. Sobald ein Link gelöscht ist, kann derjenige, der ihn angelegt hat, gleich wieder den nächsten Link setzen und so weiter. Einige Sharehoster setzen die Links allerdings auf eine "Blacklist", sodass sie in dieser Form nicht wieder eingestellt werden können. Hier ist das Potenzial an technischen Möglichkeiten, um so etwas zu verhindern, noch bei weitem nicht ausgereizt.

Bei Filmen kommt noch hinzu, dass die Dateien so groß sind, dass sie in mehrere Links zerschnitten werden müssen. Pro Film müssen dann teilweise zehn, zwölf Links gelöscht werden. Schließlich gibt es auch noch verschiedene Verschlüsselungsmethoden und andere Wege, um die Herkunft zu verschleiern, was das Löschen weiter erschwert, aber nicht unmöglich macht.

Wenn sie auf eine illegale Kopie gestoßen sind und dann versuchen, mit einer Anzeige gegen Unbekannt an Daten des Nutzers vom Server heranzukommen – ist das nicht schwierig, wenn die Server beispielsweise im Ausland betrieben werden?

Dafür haben wir Kooperationen und Schwesterorganisationen in den anderen europäischen Ländern. Die werden dann entsprechend von uns informiert, sodass das Verfahren dort weitergehen kann. Ein Payserver-Ring beschränkt sich nicht immer nur auf Deutschland, sondern existiert auch in Frankreich und anderen Ländern. Auch Release-Gruppen sind teilweise über Ländergrenzen hinaus aktiv.

Hier gibt es von Seiten der Behörden eine internationale Zusammenarbeit. Der Weg ist immer gleich: Wir erstatten Anzeige und setzen so ein Verfahren der Strafverfolgungsbehörden in Gang. Die wiederum haben ihre Kontakte zu anderen Behörden im Ausland und auf dieser Ebene funktioniert die Vernetzung gut. Auf der anderen Seite sind wir mit unseren Schwesterorganisationen natürlich ähnlich gut vernetzt.

Was für Schwesterorganisationen sind das?

Im Prinzip tun die das gleiche wie wir, wenn auch nicht immer mit der völlig gleichen Aufgabenstellung. Wir haben Mitglieder aus Film und Entertainment-Software. Andere machen etwa nur Film oder zusätzlich Musik. In Österreich gibt es den VAP, in der Schweiz die SAFE, in Belgien BREIN – es gibt überall ähnliche Organisation.

Apropos Mitglieder: Die GVU ist ein eingetragener Verein. Wer genau steht als Träger dahinter? Wie viele Mitarbeiter haben sie?

Über unsere Personaldecke reden wir nicht. Unsere Mitglieder sind zum einen die Unternehmen der Filmwirtschaft und Entertainment-Software – nicht jedes Unternehmen, aber beim Film sind es rund 80 Prozent der relevanten Unternehmen. Dann haben wir die verschiedenen Branchenverbände aus Film, Video, Software als Mitglieder, den BITKOM, BIU, BVMI, BVV, HDF, IVD, MPA, SPIO und VDF.

Im europäischen Raum sind wir dadurch vernetzt, dass die MPA, der weltweite Verband der sieben großen Hollywoodstudios, bei uns Mitglied ist. Hier werden unsere Maßnahmen über das EMEA-Headquarter in Brüssel gesteuert. Zusätzlich haben wir noch eine engere Kooperation mit den Anti-Piraterie-Organisationen der deutschsprachigen Länder. Der deutschsprachige Markt ist ja insofern ein Sonderfall, als man hier nicht so gern unsynchronisierte Filme aus dem Ausland sieht.

Wenn Sie nicht über Personal nicht reden: Wie hoch liegen die jährlichen Ausgaben?

Das Jahresbudget umfasst einen niedrigen siebenstelligen Betrag, der natürlich höher sein könnte. Genaue Angaben hierzu können wir jedoch nicht veröffentlichen.

Wie teilt sich ihre Arbeit auf? Ist das Gros ihrer Mitarbeiter mit Abmahnungen und Abuse-Mails an Filesharing-Dienste beschäftigt?

Wir schreiben gar keine Abmahnungen. Wir unterstützen ausschließlich die Strafverfolgungsbehörden bei ihrer Arbeit. Die Erlangung von Schadensersatz ist kein Ziel der GVU. Zivilrechtliche Verfahren – wozu Abmahnungen gehören – obliegen den Rechteinhabern selbst, die GVU ist hier allerdings unterstützend tätig. Wir arbeiten nur mit Festangestellten, wovon der Großteil in der integrierten Rechts- und Ermittlungsabteilung sitzt.

Das sind Spezialisten mit unterschiedlichen Schwerpunkten, beispielsweise Interentermittlungen. Dann haben wir einige, die sich technisch sehr gut auskennen und sich um Asservate, Zufallsfunde, die Ermittlung der Kopienquellen kümmern.

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