Lokaljournalismus

Unter Strom: Der Newsroom


18.6.2012
Crossmediale Strukturen fordern den Lokaljournalisten. Eine neue Organisation der Redaktion ist dafür die Basis: Aber was sind eigentlich "Newsdesk" und "Newsroom"?

Crossmediales Arbeiten im Newsroom - Klicken Sie auf die Grafik, um die PDF zu öffnen.Crossmediales Arbeiten im Newsroom - Klicken Sie auf die Grafik, um die PDF zu öffnen. Lizenz: cc by-nc-sa/3.0/de (bpb)

"Wir haben seit zehn Minuten keinen Strom. Wie sieht es bei Euch aus?" – Der Tweet eines Lesers aus einer mobilen App heraus elektrisiert die Redakteure am Newsdesk einer regionalen Tageszeitung. Gestern haben sie noch über mögliche Auswirkungen der starken Schneefälle auf die Stromversorgung für die Region geschrieben. Auf Twitter und auf Facebook wächst das Thema; vermutlich sind einige Strommasten umgeknickt; erste Fotos werden getwittert. Und obwohl vom Stromversorger noch keine Stellungnahme vorliegt, wird am Newsdesk sofort entschieden, das Thema groß und breit zu recherchieren: Drei Reporter aus verschiedenen Lokalredaktionen fahren in die betroffenen Stadtviertel und umliegenden Gemeinden, der Social-Media-Redakteur hört sich im Internet um und die Wissenschaftsredakteurin wird mit einem Hintergrundstück zur Stromversorgung beauftragt. Eine Wirtschaftsredakteurin recherchiert beim Stromversorger.

Am Newsdesk laufen die Fäden aus den Ressorts und den Lokalredaktionen zusammen – und das nach und nach eingehende Material wird auf die medialen Plattformen und Zeitungsausgaben verteilt. Das Interview mit dem Geschäftsführer des Stromversorgers kommt sofort auf die Website und ergänzt dort die Eilmeldungen, die aus den Tweets und Facebook-Einträgen zusammengefasst worden sind. Ein Ausschnitt wird als Audio-O-Ton der Kollegin zur Verfügung gestellt, die die Nachrichten für den hauseigenen Radiosender produziert. Als man am Newsdesk merkt, dass das Thema von Internet-Nutzern stark geklickt wird und zum Quotenhit der Online-Ausgabe geworden ist, wird die Seite eins der Tageszeitung frei geräumt: Ein Editor fasst alle recherchierten Quellen zu einem Aufmacher zusammen. Ein Kollege am Newsdesk baut alle einlaufenden Beiträge zu einem Themen-Package auf der Seite Drei zusammen. Am Abend werden die auf Twitter, auf Facebook und in den Foren unter den eigenen Beiträgen bereits zuhauf eingegangenen Kommentare von Nutzern für die Tageszeitung zusammengefasst.

Dieses Szenario einer konvergenten Redaktion wäre mit den traditionellen Strukturen einer Redaktion nicht möglich. Jedes Ressort bearbeitete seine Seiten; jede Abteilung hatte seine Sendung(en); jedes Medium seine Redaktion. Neue Modelle der Redaktionsorganisation durchbrechen diese Autonomie: Ressort-, programm- und medienübergreifendes Arbeiten wird an einem Newsdesk oder in einem Newsroom zum Prinzip. Komplexe, aber aktuell wichtige Themen werden in Breite und Tiefe erkannt und können flexibel geplant und bearbeitet werden. Die Anglizismen Newsroom und Newsdesk avancierten in diesem Zusammenhang zu Modewörtern des Redaktionsmanagements im deutschsprachigen Raum. Dabei werden diese Begriffe in der journalistischen Praxis ganz unterschiedlich verwendet und bewertet. Schwierig für Analyse und Bewertung ist schon alleine die Tatsache, dass es viele im Detail unterschiedliche Newsdesk-Modelle gibt.

Medienübergreifende Planung



Schätzungen zufolge hatte schon Mitte der 2000er Jahre etwa die Hälfte der Zeitungsredaktionen in Deutschland auf die neuen redaktionellen Strukturen und Workflows umgestellt; heute dürften es weit mehr sein. Beispiele sind die Mainpost in Würzburg, die Rheinische Post in Düsseldorf, der Fränkische Tag in Bamberg oder die WAZ-Gruppe mit der NZR, Westfälischen Rundschau und der Westfalenpost. Auch Nachrichtenagenturen wie dpa, APA oder epd arbeiten mit neuen Newsdesk- und Newsroom-Konzepten. Und Rundfunkanstalten experimentieren mit Newsroom- und Newsdesk-Ideen für eine bessere Vernetzung der Medien. So hat der Saarländische Rundfunk 2006 einen Newsroom als gemeinsames Planungszentrum von Radio-, Fernseh- und Multimedia-/SAARTEXT-Redaktion eingerichtet und konstatiert nach fünf Jahren, dass sich das Konzept "durchgesetzt hat und als vorbildliche Innovation im Medienbereich gilt", vor allem weil die Planung medienübergreifend gebündelt wird, Ressourcen gemeinsam genutzt und freie Zeiten zu neuen Recherchen eingesetzt werden.

Die Mainpost setzte als einer der ersten Lokal-und Regionalzeitung auf das Newsroomkonzept. Das Bild zeigt den Mainpost-Newsroom im November 2009.Die Mainpost setzte als einer der ersten Lokal-und Regionalzeitung auf das Newsroomkonzept. Das Bild zeigt den Mainpost-Newsroom im November 2009. (© Mainpost)

Folgende allgemeine Definitionen haben sich inzwischen ganz gut bewährt, weil sie auf die meisten Modelle zutreffen. Charakteristisch ist für viele Veränderungsprojekte in Redaktionen, dass das medienübergreifende mit einem ressortübergreifenden Arbeiten kombiniert wird. Die Journalisten sollen nicht mehr plattform-orientiert denken ("Ich muss meine Seiten füllen."), sondern themenorientiert ("Was ist das Thema? Wie können wir es angehen und recherchieren – und wie erzählen wir es vielfältig auf verschiedenen Plattformen?"). Mit "Plattform" können Printausgabe und Website einer Redaktion gemeint sein oder künftige digitale Endgeräte wie das iPad oder mehrere Printtitel, die aus einer Redaktion heraus produziert werden (wie z.B. Die Welt und Welt Kompakt oder die Zeitungstitel der WAZ-Mediengruppe). Typisch ist immer öfter eine Rollentrennung in Editoren und Reporter. Editoren sind Spezialisten fürs Blattmachen, für Produktion, Organisation und Themenplanung; sie arbeiten zentral am Newsdesk. Reporter können sich um ein Informantennetzwerk kümmern, recherchieren Hintergründe und schreiben eigene Geschichten; sie sitzen in Räumen neben dem Newsdesk oder im Lokalen als Einzelkämpfer auch in kleineren Orten, der dem Regio-Desk zuliefert.
  • Der Newsdesk ist eine Koordinations- und Produktionszentrale, in der alles zusammenläuft, was die Redaktion an Material zur Verfügung hat. In Zeitungsredaktionen werden dort die Seiten verschiedener Ressorts und/oder Lokalredaktionen gemeinsam koordiniert und produziert. Am Newsdesk können zudem crossmedial mehrere Plattformen abgestimmt und bedient werden. Je nach Konzept können am Newsdesk nur ein oder zwei Redakteure, aber auch bis zu einem Dutzend oder sogar noch mehr Redakteure (besser: Editors oder Editoren) sitzen.
  • Der Newsroom ist nicht einfach ein traditionelles Großraumbüro, sondern unterstützt architektonisch neue redaktionelle Konzepte des ressort- und medienübergreifenden Planens und Arbeitens. Die Wände zwischen Ressorts und Medien werden eingerissen; alle Journalisten sitzen in einem gemeinsamen Redaktionsraum und sollen sich so besser absprechen und koordinieren. Mit dem Begriff "Newsroom" ist indes gar nicht so sehr die Architektur, sondern eher das neuartige Organisationsmodell und die neue Art journalistisch zu denken und zu handeln gemeint. Oft ist Rede vom "Fall der Mauern im Kopf".
  • Mitunter werden beide Konzepte verbunden: Der Newsdesk bildet dann das Zentrum eines Newsrooms.
Untersuchungen der Effekte von medienübergreifenden Newsdesks und Newsrooms auf die journalistische Qualität gibt es bislang nur ansatzweise. Fallstudien belegen aber, dass die Qualität der einzelnen Titel und Plattformen stabil blieben oder partiell sogar zunahmen, dass insgesamt aber die Medienvielfalt – zum Beispiel auf regionaler Ebene – bei der Zusammenlegung von vorher getrennten Redaktionen abnimmt. In Newsdesk-Redaktionen ist die journalistische Arbeit beschleunigt und verdichtet; der Stress und Druck auf die Journalisten nimmt zu. Zu den Erfolgsfaktoren crossmedialer Redaktionen gehören Coachings und Trainings für die Journalisten ebenso wie ein systematisches Change Management, das diese Veränderungen begleitet – beispielsweise mit einer Projektgruppe. Hemmend ist dagegen ein Personalabbau, der auch durch flexible Strukturen nicht aufgefangen werden kann.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Klaus Meier für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

Presse

Lokaljournalistenprogramm

Alles, was die Politikberichterstattung in den lokalen Medien (Tageszeitung, lokaler Hörfunk) fördert, dient der politischen Bildung. Mit einem breit gefächerten Angebot an Veranstaltungen und Publikationen bietet die bpb deshalb Weiterbildung und Service für Journalistinnen und Journalisten. Weiter... 

Magazin für Lokaljournalisten

drehscheibe

Immer nah dran: Das Magazin drehscheibe unterstützt Lokalredaktionen mit Themen- und Konzeptideen bei der redaktionellen Arbeit. Ein wöchentlich erscheinender Newsletter, die Homepage mit einem umfangreichen Archiv und der Blog der Jugenddrehscheibe flankieren das beliebte Magazin. Weiter... 

40 Jahre Lokaljournalistenprogramm ScreenshotStorytelling

40 Jahre LJP

Vor rund 40 Jahren hat Dr. Dieter Golombek das Lokaljournalisten-programm der bpb gegründet. Zeit, zurückzublicken auf die Meilensteine des Programms – und des Lokaljournalismus selbst: Diese Seite bietet eine multimediale Storytelling-Zeitreise mit den wichtigsten Debatten und Best-Practice-Beispielen. Weiter...