Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.
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Weltbilder auf Karten


28.12.2005
Karten speichern Wissen. Die Auswahl der Informationen spiegelt aber oft auch die vorherrschenden Diskurse ihrer Zeit.

Das Bild der Welt



Karte einer StudentinKarte einer Studentin
Eine Gruppe Studierender sollte die Welt zeichnen; das Ergebnis löste bei allen großes Erstaunen aus, denn die Zahl verschiedenartiger Welten entsprach der Anzahl der Seminarteilnehmer. Die abgebildete Darstellung fiel durch ihre Farbigkeit und weitere Merkmale auf. Hatten andere die Welt eher auf eine Fläche projiziert, so hatte sich diese Zeichnerin für den Globus entschieden. Deshalb konnte sie nicht alle Länder abbilden, zeichnete aber Teile von Nord- und Südamerika, Europa und Afrika; Asien fehlt ebenso wie Grönland im Norden. Der Blick des Betrachters fällt auf Europa, das Zentrum der Karte. Damit entspricht diese Darstellung den europäischen Abbildungen der Welt, wie wir sie aus Atlanten und anderen Medien kennen.

Die Studierende hat eine weitere Information in ihre Abbildung aufgenommen. Statt wie gewohnt Gebirge, Städte, Flüsse oder Seen zu zeichnen, zeichnete sie Menschen. Sie verweisen vielleicht auf bewohnte Regionen, bedeuten aber womöglich noch mehr. Die Menschen sind keineswegs gleichmäßig verteilt: Afrika und Südamerika sind stark bevölkert, die anderen Länder und Kontinente eher dünn. Intuitiv und unaufgefordert hatte die Studierende Wissen und Vorstellungen über die Welt und die Probleme unterschiedlicher Bevölkerungsdichte in ihre Zeichnung eingefügt. Inwieweit sie dabei die Problematik von Überbevölkerung und Ernährung im Kopf hatte, ist der Abbildung nicht zu entnehmen.

Das Phänomen Karte



Karten speichern Wissen, enthalten auf den Raum bezogene Informationen, die aber nicht auf geographische Aspekte beschränkt sein müssen. Das Speichern von Wissen ist bis heute meistens an Institutionen wie Kirche und Staat oder an Personen der gesellschaftlichen Elite gebunden. Damit sind Karten immer auch Mittel und Ausdruck von Macht, wie es der amerikanische Geograph Brian Harley einmal formuliert hat. In einem gewissen Rahmen hängt darüber hinaus die Auswahl der Informationen von den Entscheidungen der Kartographen ab. Und weil auch sie Kinder ihrer Zeit sind, fließen unwillkürlich vorherrschende Diskurse und Weltsichten in ihre Karten ein. Karten bilden damit nicht die Realität in einem "objektiven" Sinne ab, sondern im Sinne zeitgenössischer Deutungen, Normen und zeitgenössischen Wissens. Wie Texte haben Karten eine Oberfläche und so genannte Subtexte, die sich nur erschließen, wenn man die Karten im Kontext ihrer Entstehungszeit betrachtet. [Abb. 2, Ritter; Abb. 3, Stiehler]

Das Entschlüsseln kartographischer Botschaften setzt auch bei Zeitgenossen die Fähigkeit voraus, Karten lesen zu können. Das erscheint uns heute wie selbstverständlich, wurde aber wahrscheinlich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer allgemeinen Kulturtechnik. Bisher wissen wir sehr wenig über die Verbreitung und den Gebrauch von Karten in der Bevölkerung. Es scheint aber, als hätten Militär und Schule, die in Europa seit dem 19. Jahrhundert zu allgemeinen Pflichten wurden, auch zur Verbreitung von Karten und damit des Kartenlesens beigetragen.

Die Weltkarte steht für die Welt



Karten sind ein faszinierendes Medium, mit dem jeder spätestens in der Schule in Kontakt kommt, mit dem Diercke-Atlas etwa und dem Historischen Weltatlas von Putzger. Einige Menschen erinnern sich sogar spontan an bestimmte Lieblingskarten, an deren Farben, Länderumrisse oder an dicke schwarze Pfeile. Bei diesen Karten im Kopf sprechen wir von "mental maps" oder "kognitiven Karten", die allerdings auch wesentlich mehr sein können als Repräsentationen topographischer Gegebenheiten.

Briefmarke der Deutschen PostBriefmarke der Deutschen Post (© Deutsche Post)
Kognitive Karten sind tückisch, weil sie ihre eigenen weißen Flecken und Verzerrungen haben, derer wir uns im Allgemeinen nicht bewusst sind. Kein Einzelfall ist das Beispiel der Designerin dieser Briefmarke. Sie war völlig überrascht, als sie vom Protest gegen ihre Marke aus Island und Grönland hörte, und dass sogar das Einstampfen gefordert wurde. Sie hatte nämlich nicht bemerkt, dass auf ihrer Karte Grönland und Island fehlten. Ihr Erklärungsversuch, dass es bei einer Weltkarte auf die einzelnen Länder nicht ankäme, verweist auf die individuelle Struktur ihrer kognitiven Karte und deren spezifische Blindheiten.

Organisationsprinzipien



Eine wichtige Voraussetzung für das Verstehen realer Landkarten sind Organisationsprinzipien und Standards, die uns erlauben, eine Karte ähnlich wie ein Buch zu lesen. Sieht man einmal von Sprachkenntnissen und geringfügigen Unterschieden in der Projektion ab, so können wir uns in einer chinesischen, afrikanischen oder südamerikanischen Weltkarte gleichermaßen orientieren, ähnlich wie wir Piktogramme verstehen können, ohne die Sprache ihrer Zeichner auch nur zu kennen. Dass uns das Lesen von Karten heutzutage relativ wenige Probleme bereitet, ist ein Ergebnis verschiedener Entwicklungen in der Frühen Neuzeit. Dies veranschaulicht ein Blick auf mittelalterliche, europäische Weltkarten. Wir können sie nicht lesen, bevor wir nicht ihre Organisationsprinzipien kennen.

Paradies, Ausschnitt aus der Ebstorfer WeltkarteParadies, Ausschnitt aus der Ebstorfer Weltkarte (© uni-lueneburg.de)
Im Gegensatz zu den uns vertrauten Karten organisierten mittelalterliche Weltkarten, die so genannten mappae mundi wie die berühmte Ebstorfer Weltkarte, nicht nach topographischen, sondern nach heilsgeschichtlichen Kriterien. Im Fall der Ebstorfer Karte wird dies bereits am Rahmen deutlich, denn es ist Christus, der die Welt gewissermaßen mit seinem Körper trägt. Im Zentrum, dem Nabel der Welt, befindet sich das irdische Jerusalem, das immer aber auch das himmlische Jerusalem zeigt. Im Gegensatz zu heutigen Standards ist die Karte nicht genordet, sondern nach Osten ausgerichtet, weil die mittelalterlichen Menschen das Paradies im Osten vermuteten. Wenn wir schließlich noch wissen, dass es für die Anordnung der drei bekannten Kontinente Asien, Afrika und Europa bereits im Mittelalter Standards gab, dann wird diese Karte lesbar. Es ist das so genannte T-O Schema, dem zahlreiche mittelalterliche Karten folgen.

Karte nach dem T-O SchemaKarte nach dem T-O Schema (© Burgerbibliothek Bern)
Diese Repräsentationsform gibt es seit dem Frühmittelalter und einer verbreiteten Deutung zufolge steht sie für orbis terrarum, die Erdkugel. Das in den Erdkreis eingeschriebene T trennt die drei Kontinente voneinander, die auf zahlreichen Karten außerdem die Namen der Söhne Noahs, Sem, Japhet und Cham, tragen. Der Ozean umfließt die Kontinente und bildet den Rand des Erdkreises. Neben der T-O Karte findet sich ein anderer Typus, die so genannte Klimazonenkarte. Sie teilt die Welt in fünf oder mehr Zonen ein, von denen nur die gemäßigte von Menschen bewohnt werden kann.

Völker Gog und Magog, Ausschnitt aus der Ebstorfer WeltkarteVölker Gog und Magog, Ausschnitt aus der Ebstorfer Weltkarte (© uni-lueneburg.de)
Mittelalterliche Kartographen beschränkten sich nicht auf die Abbildung der Topographie in Gestalt von Kontinenten, Städten, Flüssen und Gebirgen. Auf ihren Karten fand zusätzlich die Geschichte Platz, und zwar von der Schöpfung bis zur unmittelbaren Gegenwart. Deshalb sind auf der Ebstorfer Karte die Völker Gog und Magog ebenso dargestellt wie die Arche Noah.
Auch wurden Inseln
Insel, Ausschnitt aus der Ebstorfer WeltkarteInsel, Ausschnitt aus der Ebstorfer Weltkarte (© uni-lueneburg.de)
und Gebirge nach ihren heils- und weltgeschichtlichen Bezügen oder ihrer Bedeutung für den Kartographen platziert. Der heutige Betrachter wundert sich deshalb gelegentlich über die Größe und Lage mancher Inseln oder Städte. Auf der Ebstorfer Karte gilt das für das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, dem vermutlichen Entstehungsort der Karte, der im Verhältnis zu anderen Städten und Regionen besonders deutlich hervorgehoben ist.



 

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