Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.
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Historische Plakate


6.2.2007
Plakate wollen vor allem eines: auffallen. Als politische Plakate oder Werbeplakate heischen sie nach Zustimmung, informieren, werben und diffamieren sie.

Plakate sind ein Massenmedium, sie richten sich zumeist in großer Stückzahl an ein breites Publikum. Sie sollen informieren, werben, Zustimmung heischen, Gegner diffamieren, zur Aktion bewegen. Damit sie auch den schnellen und uninteressierten Betrachter erreichen, müssen sie Aufmerksamkeit hervorrufen. Entsprechend auffällig, eingängig und wirkungsvoll müssen sie gestaltet sein.

Der Quellenwert



Zwei thematische Großgruppen von Plakaten lassen sich unterscheiden: politische Plakate und Werbeplakate. Die erste Gruppe lässt sich weiter differenzieren, wenngleich die Abgrenzung nicht ganz trennscharf ist: Wahlplakate sind ein Instrument im Wettstreit der Parteien auf einem politischen Massenmarkt; Propagandaplakate dienen der Auseinandersetzung mit dem Gegner, vorzugsweise im Krieg oder im ideologischen Kampf; sozialkritische Plakate prangern gesellschaftliche Missstände an.

Wie lassen sich Plakate als historische Quellen nutzen? Die Besonderheit politischer Plakate liegt darin, dass in ihnen verdichtet und zugespitzt eine zeitgenössische Perspektive, ein Programm, ein Werturteil oder eine Ideologie zum Vorschein tritt. Diese lassen sich anhand von Plakaten einfacher und eindrücklicher (wenngleich weniger differenziert) untersuchen als anhand programmatischer Schriften. Hinzu kommt, dass sich nicht nur Überzeugungen und Meinungen, sondern auch Wirkungsabsichten anhand dieser Quellen besonders gut nachvollziehen lassen. Und Plakate machen allemal Grundströmungen einer Zeit erkennbar: Die rege Produktion politischer Plakate in der Weimarer Republik ist das Spiegelbild eines mit (damaligen) modernen Mitteln heiß umkämpften politischen Massenmarktes.

Werbeplakate aus dem Bereich der kommerziellen Werbung und der Kultur und Unterhaltung können Aufschlüsse über Alltags- und Mentalitätsgeschichte geben: Wer potenzielle Besucher und Kunden ansprechen will, muss deren Selbst- und Leitbilder treffen – anders hat er mit seiner Werbung keinen Erfolg. Deshalb kann man davon ausgehen, dass sich zeittypische Interessen, Haltungen, Bedürfnisse und Sehnsüchte in Werbeplakaten recht zuverlässig spiegeln.

Die Frühgeschichte des Plakats



Die Geschichte des Plakats geht zurück auf die Erfindung des Buch- und Bilderdrucks im 15. Jahrhundert. Diese technische Revolution brachte Texte und Holzschnitte unters Volk. Flugblätter und Flugschriften, am öffentlichen Ort angeschlagen oder von Hand zu Hand weitergegeben, wurden zum propagandistischen Mittel der konfessionellen Auseinandersetzungen nach der Reformation. Zugleich waren sie als Medien der Massenkommunikation Vorläufer der späteren Zeitungen. Diese neue Form von Öffentlichkeit war der Obrigkeit suspekt; schon früh gab es deshalb Versuche, solche Druckerzeugnisse zu kontrollieren und zu zensieren. Schon die frühen Plakate übernahmen werbliche Funktionen: Ab 1501 warb ein Anschlag für das Kölner Schützenfest, und seit dem 16. Jahrhundert verbreiteten sich die Ankündigungen von Gauklern, Schaustellern und Theaterleuten.

Der weiteren Entwicklung bereitete wiederum eine technische Erfindung den Boden. Die Lithografie, 1798 von Alois Senefelder entwickelt, ermöglichte größere Formate, eine engere Verbindung von Schrift und Bild und den Farbdruck. Nach 1848 hatte überall in Deutschland die Obrigkeit die politische Plakatierung erheblich eingeschränkt oder ganz untersagt. Erlaubt waren Werbeplakate. 1854 erhielt Ernst Litfaß durch einen Vertrag mit dem Polizeipräsidenten von Berlin das Recht, öffentlich Plakate anzubringen, im Jahr darauf errichtete er seine erste Werbesäule.

Die große Zeit des Plakats



Werbeplakat von 1911Werbeplakat von 1911
Die große Zeit des Plakats begann am Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung, die sich jetzt in den führenden Wirtschaftsnationen durchgesetzt hatte. Neue Formen der Kultur, der Unterhaltung und des Konsums entstanden und ein breiteres, vornehmlich städtisches Publikum erhielt die Möglichkeit, daran teilzuhaben. Die anspruchsvolle Plakatwerbung für Theater, dann Kabarett oder Film wurde stilistisch vor allem geprägt durch Henri Toulouse-Lautrec, der durch die japanische Malerei zu seiner typischen kontrastiven Gestaltung klarer Linien und farbkräftiger Flächen angeregt wurde. Den Künstlerplakaten folgte die massenhafte kommerzielle Werbung für die jetzt neu entstehenden Markenartikel in den unterschiedlichsten Branchen – von Lebensmitteln bis zu Automobilen. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden die Werbeagenturen und die Werbeabteilungen in den Firmen.

Die Nutzung des Plakats für politische Propagandazwecke begann im Ersten Weltkrieg. Den Anfang machten mit einer wirksamen Feindbildpropaganda die Alliierten, Deutschland folgte erst mit Verspätung und eher zurückhaltend. Während der Weimarer Zeit avancierten dann die Plakate zu einem bevorzugten Instrument der politischen Auseinandersetzung zwischen den Parteien. Unter der NS-Herrschaft wurde die Plakatwerbung wie auch alle anderen Medien staatlich kontrolliert und funktionalisiert. Plakate warben für die Partei und ihre Gliederungen und propagierten die Errungenschaften des Systems. Sie warnten vor Judentum und Bolschewismus, sie feierten alles Soldatische und Militärische und sollten so zur Ideologisierung und Militarisierung der Gesellschaft beitragen.

Propagandaplakat der NationalsozialistenPropagandaplakat der Nationalsozialisten (© Wikimedia)
Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte die politische Plakatwerbung zunächst – wenngleich in der Ausführung weniger aggressiv – an die Weimarer Zeit an. Mit der Konsumwelle der Fünfzigerjahre war auch ein erneuter Aufschwung des Werbeplakates verbunden – mit Werbung für die Zigarette im Friedensformat, für Heidi-Filme oder für Coca-Cola. Durch die Entwicklung der Massenmedien Presse, Funk und schließlich Fernsehen nahm dann die Bedeutung politischer Plakate immer stärker ab. Heute sind sie häufig reduziert auf den Typ des reinen Kopfplakats, das einen Politiker bekannt machen und ein bestimmtes Image vermitteln soll. Die Parteien dokumentieren mit Plakaten vorwiegend Präsenz und führen dem Publikum ihren "Markennamen" vor Augen. Natürlich haben aber auch Plakate in allen großen politischen Streitfragen der bundesrepublikanischen Geschichte – von der Wiederbewaffnung über "1968" bis zur Nachrüstungsdebatte – ihre Rolle gespielt.

Das sozialkritische Plakat



Auch das sozialkritische Plakat erlebte seine Geburtsstunde im späten 19. Jahrhundert. Für diese Zeit ist es besonders mit den Namen Théophile-Alexandre Steinlen (1859-1923) in Frankreich und Thomas Theodor Heine (1867-1948) in Deutschland verbunden. Zwischen den Kriegen waren Käthe Kollwitz (1867-1945), George Grosz (1893-1959) und John Heartfield (eigentlich Helmut Herzfeld) (1891-1968) mit seinen Collagen und Fotomontagen seine profiliertesten Vertreter, und in den Siebziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts führte Klaus Staeck (*1938) diese Tradition fort.

Wirft man einen Blick auf die außerdeutsche Geschichte, fällt vor allem ins Auge, welche maßgebliche Rolle das politische Plakat seit der Revolution in Russland bzw. der Sowjetunion gespielt hat. Für die Politisierung von weitgehend analphabetischen Adressaten war das auf Bilder und wenige Schlagworte konzentrierte Plakat das Medium der Wahl. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben Plakate in den sozialistischen Ländern ein beliebtes Propagandamittel, allerdings zunehmend geprägt durch die simplen Darstellungsweisen des sozialistischen Realismus. Die Gleichförmigkeit der Botschaften und Gestaltungsmittel sowie deren Häufigkeit hat bei den Adressaten im Laufe der Zeit vermutlich eher zu einer Abstumpfung geführt. In vielen Ländern der ehemaligen Dritten Welt spielen Plakate als Mittel der Masseninformation und -beeinflussung heute noch immer eine wichtige Rolle.

Darstellungsmuster



Das Spektrum der Darstellungsmittel ist bei Plakaten – ähnlich wie bei Karikaturen – begrenzt; das ist Voraussetzung für ihre Zugänglichkeit und Wirksamkeit. Großes Format, markante Schrift, grafische Elemente, prägnante Farbgebung und in den meisten Fällen bildliche Darstellungen sollen im Zusammenspiel den "plakativen" Effekt erzielen. Bei den bildhaften Darstellungen sind Personen oder Personifizierungen, Symbole und Allegorien besonders beliebt. Definitorische Unterscheidungen einzelner Plakattypen sind schwer zu treffen. Klar abgrenzen lässt sich nur das lange vorherrschende reine Textplakat. Ansonsten können die Anteile der einzelnen Elemente ganz unterschiedlich ausfallen.

Eine besondere Rolle spielen beim politischen Plakat Symbole und Allegorien – das gilt vor allem für die Hoch-Zeit des politischen Plakats in der Weimarer Republik. An ihm lassen sich bestimmte politische Richtungen, soziale Gruppierungen, Wertungen oder Aussagen ohne weitere sprachliche Erläuterungen vermitteln. Den Zeitgenossen war das einschlägige Inventar von Zeichen und Verweisen bekannt, für sie gab es keine Verständnisprobleme; im Rückblick muss mitunter die eine oder andere zeichenhafte Bedeutung erst rekonstruiert werden. Die meisten Parteien oder Bewegungen haben ihre eigenen Symbole mit hohem Wiedererkennungswert wie das Hakenkreuz oder den Sowjetstern; damit verbunden ist oft die Symbolik der Farbe an einzelnen Gegenständen oder allgemein als Signalfarbe.

Kampfbereitschaft und Entschlossenheit kann man durch Bewaffnung, durch einen Turm oder eine Rüstung, aber auch durch eine geballte Faust symbolisieren. Soziale Gruppen lassen sich durch typische oder konventionelle äußere Accessoires markieren: der Arbeiter durch Schiebermütze und offene Jacke, der Kapitalist durch Zylinder, Zigarre, Uhrenkette.

Eng damit verbunden ist die Darstellung von Personen. Es kann sich dabei um einzelne oder Personengruppen, um bekannte oder um anonyme Personen handeln. Insbesondere Propagandaplakate arbeiten mit Stereotypen: Der Feind wird zum mordenden Ungeheuer, die Eigenen werden zu unschuldigen Opfern oder heldenhaften Verteidigern stilisiert. Solche Feindbilder sind etwa im Ersten Weltkrieg der aus alliierter Sicht "vertierte" deutsche Soldat, im so genannten Dritten Reich das antisemitische Bild des Juden mit seinen angeblichen Rassemerkmalen, von der russischen Revolution bis in die Nachkriegszeit der "asiatische" Bolschewik, der Deutschland oder den ganzen Westen bedroht.

Propaganda-Plakat von 1917Propaganda-Plakat von 1917 (© Wikimedia)
Demgegenüber stehen reale, aber ins Positive stilisierte Helden- und Vatergestalten wie etwa Hindenburg. Völker werden durch die bekannten allegorischen Figuren vertreten, Frankreich durch die Marianne, England durch John Bull, die USA durch Uncle Sam und Deutschland durch den Michel. Insbesondere in der Technikwerbung des späten 19. Jahrhunderts sind allegorische Darstellungen des Fortschritts beliebt, zum Beispiel die Figur des feuerbringenden Prometheus oder des Sonnengottes Helios in der Elektrizitätswerbung.

Bei der Ausgestaltung der Bilder kommt, der jeweiligen Intention entsprechend, das gesamte Inventar zeichnerischer Mittel zum Tragen. Größe, Proportion, Perspektive, Haltung, Dynamik können gegnerische Bedrohung, aber auch eigene Stärke zum Ausdruck bringen. Dazu trägt wiederum auch die Farbgestaltung bei, besonders wenn sie mit Signalfarben und starken Farbkontrasten arbeitet. Die Darstellung kann realistisch, überhöht oder karikierend ausfallen. Ein besonderer Kunstgriff ist die gezielte Ansprache des Betrachters nicht nur durch eine Aufforderung oder eine rhetorische Frage, sondern auch im Bild. Das bekannteste Beispiel dafür ist sicherlich das Rekrutierungsplakat der US-Army von 1917, auf dem Uncle Sam mit den Worten "I want you for U.S. Army" auf den Betrachter deutet . Auch andere Länder haben für ihre Rekrutierungswerbung dieses Mittel verwendet.



 

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