Mikrofonpult
1 | 2 Pfeil rechts

Die medienorientierte Inszenierung von Protest


9.12.2016
Protestgruppen und soziale Bewegungen erzeugen den größten Teil ihrer Aufmerksamkeit über die Medien. Damit ist auch ihre Wirkung abhängig von medienwirksamen Inszenierungen und sie unternehmen große Anstrengungen, um medial sichtbar zu werden und zu bleiben.

Gipfelmob zur Klimakonferenz
Bildrechte: Verfügbar für Kunden mit Rechnungsadresse in Deutschland.
Rechtevermerk: picture alliance / dpa
Fotograf: Sven Hoppe
Notiz zur Verwendung: Handelsrechte: D
Caption: Zahlreiche weiß gekleidete Menschen kommen am 28.11.2015 in
München (Bayern) zu einer Flashmob-Aktion zum Olympiaberg. Um ein
Zeichen für den Klimaschutz zu setzen wollen Sie gemeinsam einen
künstlichen Gletscher bilden. Die Aktion fand anlässlich der UNKlimakonferenz,
die am 30.11.2015 in Paris beginnt, statt. Foto: Sven
Hoppe/dpaZahlreiche Menschen kommen zu einer Flashmob-Aktion zum Olympiaberg. Um ein Zeichen für den Klimaschutz zu setzen wollen Sie gemeinsam einen künstlichen Gletscher bilden. Die Aktion fand anlässlich der UN-Klimakonferenz (2015, Paris) statt. (© picture-alliance/dpa)


Einleitung



"Eine Bewegung, über die nicht berichtet wird, findet nicht statt" [1]. Diese zugespitzte Aussage verdeutlicht, wie sehr Protestgruppen und soziale Bewegungen medialer Resonanz bedürfen. Wird über sie nicht berichtet, stehen ihnen keine eigenen Medien zur Verfügung oder werden diese nicht genutzt, so wissen um einen Protest nur wenige: die Aktivisten selbst, zufällig anwesende Zuschauer, die mit dem Protest unmittelbar konfrontierten Adressaten sowie die Personen, die über direkte Kommunikation vom Protest erfahren.

Folglich unternehmen die meisten Protestgruppen große Anstrengungen, um medial sichtbar zu werden und zu bleiben [2]. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Presseorgane zumeist einem bestimmten politischen Lager angehörten, konnten Protestgruppen teilweise auf die Unterstützung von bestimmten, ihnen nahestehende Printmedien bauen. Heute ist diese eindeutige Parteilichkeit der Medien – und zwar nicht nur der Printsparte – kaum mehr vorhanden, sodass ein Platz in den Medien regelrecht erkämpft werden muss.

Im Kampf um mediale Aufmerksamkeit unterscheiden sich Protestgruppen nicht von vielen anderen Akteuren, darunter Gewerkschaften, Kirchen, Stiftungen, Unternehmerverbänden und politischen Parteien [3]. Allerdings verfügen diese gesellschaftlich stärker etablierten Organisationen in aller Regel über eine höhere öffentliche Reputation, eine kompaktere Organisation, eine umfangreichere Ressourcenausstattung sowie bessere Zugänge zum etablierten Mediensystem und zu den politischen Entscheidungsträgern. Für sie ist mediale Resonanz daher weniger existenziell und zugleich leichter zu erzielen als für Protestgruppen.

In der Auseinandersetzung um das knappe Gut "öffentliche Aufmerksamkeit" (und Zustimmung) müssen Protestgruppen nicht nur einen relativ hohen Aufwand betreiben, sondern sich auch besonderer, auf ihre Möglichkeiten abgestimmter Mittel und Techniken bedienen. Eine ihrer zentralen Ressourcen ist der freiwillige, in der Regel nicht durch materielle Anreize stimulierte Einsatz von überzeugten Anhängern. Sie bringen Zeit, Erfahrung, Wissen und oftmals auch Geld auf, um für andere sichtbar zu werden und diese für ihr Anliegen zu gewinnen. Dabei sind fast alle Protestgruppen bestrebt, möglichst viele Personen zu mobilisieren. Christoph Bautz, einer der drei Geschäftsführer der in Deutschland bedeutsam gewordenen Kampagnenorganisation Campact.de, bringt dies in einem Interview auf den Punkt: "Ja die Masse zählt. Das ist die Form von Politik, die einen Unterschied macht" [4].

Medienorientierte Strategien und Inszenierungen von Protestgruppen



Protestgruppen und soziale Bewegungen können im Prinzip unterschiedliche Haltungen zum etablierten Medienbetrieb einnehmen, die sich durch ein vierfaches "A" kennzeichnen lassen [5]:

Kennzeichen von Protestgruppen und sozialen Bewegungen

Abstinenz: Es wird, meist aufgrund schlechter Erfahrungen, kein Kontakt zu etablierten Medien gesucht. Dies trifft z. B. auf viele "Lebensschützer" zu, die sich prinzipiell gegen Abtreibung wenden, aber bei den herkömmlichen Medien kaum Resonanz finden und somit entsprechende Anstrengungen aufgegeben haben.

Attacke: Medien werden aufgrund ihrer Strukturen und Berichterstattung offensiv kritisiert, in Einzelfällen sogar tätlich angegriffen. Das galt für die Anti-Springer-Blockaden durch Teile der Studentenbewegung an Ostern 1968 und ähnliche Aktionen in Italien (vgl. Hilwig 1998).

Anpassung: Sie besteht in dem Versuch, den Erwartungen und Kriterien der Medien möglichst perfekt zu entsprechen. Ein weithin bekanntes Beispiel sind die spektakulären Aktionen von Greenpeace (vgl. Dale 1996).

Alternativen: Es werden eigene Medien geschaffen bzw. mediale Kanäle ohne Zugangsbarrieren und Filter genutzt. Ein Beispiel dafür sind rechtsradikale Postillen, Webseiten und webbasierte soziale Medien (vgl. Busch 2010).


Mit diesen vier Positionen sind lediglich grundsätzliche Ausrichtungen benannt. Vielfach werden die drei letztgenannten Strategien miteinander kombiniert, um eine breitere Wirkung zu erzielen. Je nach Lage der Dinge können sie sehr unterschiedliche Ausprägungen annehmen und unterschiedliche Randbedingungen nutzen. Im Weiteren soll speziell auf die Strategie der Anpassung an (massen-)mediale Strukturen, Mechanismen und Selektionskriterien eingegangen werden, wobei der Taktik der Inszenierung besondere Beachtung geschenkt wird. Mit dieser Fokussierung wird einem deutlichen Trend innerhalb der Protestlandschaft Rechnung getragen. Hiervon gibt es allerdings markante Ausnahmen. Standen links- und rechtsradikale Gruppen traditionell der Anpassungsstrategie skeptisch gegenüber (wenngleich zu Teilen die mediale Fixierung auf Protestgewalt in Rechnung stellend), so haben in jüngster Zeit vor allem rechtspopulistische Gruppen wie Pegida sich phasenweise der von ihr pauschal diffamierten "Lügenpresse" verweigert und paradoxerweise gerade deshalb eine überproportional mediale Aufmerksamkeit gefunden.

Diese Verweigerung war für die Medien ungewohnt; sie fühlten sich provoziert, reagierten mit größeren Anstrengungen, doch noch jemand für ein Interview zu gewinnen und dabei möglichst plakative und extreme Aussagen zu präsentieren. Im Eifer des Gefechts wurde dabei vielfach die Grundregel der Trennung von Nachricht und journalistischer Meinung verletzt, was wiederum den Kritisierten als Beleg dafür diente, dass die Medien allesamt gesteuert seien und den etablierten politischen Eliten nach dem Mund redeten.

Die öffentliche Präsentation von Protest

Protest kann durch seine Ausgestaltung auf unterschiedliche Grundfunktionen ausgerichtet sein:

  • Aufmerksamkeit erzielen,
  • Forderungen zu Gehör bringen,
  • Zustimmung und Unterstützung erlangen,
  • Personen oder Einrichtungen delegitimieren bzw. lächerlich machen,
  • Problemlösungen propagieren,
  • Drohungen aussenden,
  • Abläufe stören, blockieren oder verhindern und
  • physischen Schaden anrichten.
Meist werden mehrere solcher Ziele in einem Protestakt oder in einer Protestkampagne kombiniert, teilweise auch von unterschiedlichen Trägergruppen parallel und in unterschiedlicher Intensität verfolgt.

Inszenierung von Protest

Erst wenn die Darstellung des Protests geplant wird oder gar, analog zum Theater oder Film, einer Art von Skript oder Drehbuch folgt, um ganz bestimmte Wirkungen vor allem im Hinblick auf ein Publikum zu erzielen, sollte von einer Inszenierung von Protest gesprochen werden [6].

Inszenierung von Protest

Inszenierungen zielen auf erwartete und erwünschte Publikumseffekte bei Auftritten auf Bühnen oder Quasi-Bühnen. Sie setzen nicht oder nicht vorrangig auf die Vermittlung von Fakten und Argumenten. Der Stil einer drögen Vorlesung, aber auch spontane und unkontrollierte Wutausbrüche vertragen sich nicht mit dem Charakter einer Inszenierung.


Wird die mediale Vermittlung des Protests in Rechnung gestellt oder angestrebt, so zielt die Inszenierung nicht direkt und exklusiv auf den vermuteten "Geschmack" des Publikums. Vielmehr versuchen die Protestierenden zunächst vor allem den medialen Erwartungen und Mechanismen zu entsprechen, um auf diesem Weg die letztlich gemeinten Zielgruppen oder gar die Weltöffentlichkeit [7] zu erreichen. Deren Erwartungen decken sich allerdings zu großen Teilen mit denen der Medien, da letztere bestrebt sind, die Interessen ihrer Käufer und Konsumenten zu bedienen.

Um mittels der Inszenierung erwünschte Resonanzen bei Medien und – nachgelagert – auch beim Medienpublikum zu erzielen, können Protestgruppen auf eine Reihe von Techniken zurückgreifen. Einige dieser Techniken, wenngleich ursprünglich auf ein vor Ort anwesendes Publikum ausgerichtet, sind in ihrem Kern Jahrhunderte alt (z. B. das Verbrennen von Puppen, die einen Gegner verkörpern; das Straßentheater; die Störung der Nachtruhe durch "Katzenmusik"). Andere Techniken wie die sog. Flashmobs, bei denen sich Akteure im Internet zu manchmal nur wenige Minuten dauernden Protestaktionen verabreden, sind erst mit den modernen audiovisuellen und nachfolgend digitalen Medien aufgekommen. Ein weiteres Beispiel: Heute ist es möglich, per lichtstarkem Beamer eine Protestbotschaft an eine großflächige Hauswand zu projizieren, ohne zu Pinsel und Farbe greifen zu müssen.

Techniken der medialen Aufmerksamkeitserzeugung

Nachfolgend werden einige der Möglichkeiten, mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen, kurz vorgestellt.

  1. Spektakel
    Dazu zählen Auftritte, die aufgrund ihres Neuigkeits- bzw. Überraschungswertes oder auch ihres provokativen Charakters der Sensationslust der Medien entgegenkommen, vielleicht auch Irritationen erzeugen. Beispiele: Ein ironischer Jubelchor von Demonstranten, die mit lautem Beifall die Rede eines scharf kritisierten Politikers verunmöglichen; protestierende Studenten, die sich nahe des ARD-Hauptstadtstudios nackt in die winterkalte Spree stürzen.

  2. Dramatisierung und Skandalisierung
    Ein Sachverhalt, eine Person oder Gruppe wird als nicht hinnehmbar, empörend, gefährlich usw. dargestellt. Beispiel: Unternehmer werden im Zuge eines Arbeitskampfes als Sklavenhalter, Blutsauger, Erpresser oder Ähnliches bezeichnet.

  3. Personalisierung und Symbolisierung
    Ein allgemeiner, vielleicht auch komplexer Sachverhalt wird auf eine anschauliche und greifbare Weise verdichtet und repräsentiert. Beispiele: Einzelne Personen oder Gruppen werden als Verkörperung des Bösen schlechthin dargestellt; bestimmte historische Errungenschaften (etwa Demokratie oder Pressefreiheit) werden, etwa in Form eines Sarges, symbolisch zu Grabe getragen.

  4. Erzählungen
    Eine Protesthandlung wird in eine umfassendere historische Traditionslinie, in eine bekannte, auf Tatsachen oder Mythen beruhende Erzählung (Narrativ) eingebettet. Beispiel: Rechtspopulistische Gruppen interpretieren ihre Feindschaft gegenüber Flüchtlingen als Ausdruck eines seit Jahrhunderten währenden Kampfes des (christlichen) Abendlandes gegen türkische, arabische oder asiatische Invasoren und erinnern dabei u. a. an die Belagerung Wiens durch ein türkisches Heer.

  5. Deutungsstrategien
    Durch einen bewusst gewählten Interpretationsrahmen wird ein Sachverhalt in ein bestimmtes Licht gerückt, um damit positive oder negative Assoziationen, Gefühle und Bewertungen auszulösen. Zentrale Elemente einer Deutungsstrategie (engl. Framing) sind die Problematisierung, die Benennung von Ursachen bzw. Schuldigen sowie das Aufzeigen von Lösungen [8].

    Beispiel: Die zivile Nutzung der Atomkraft wird als eine veraltete, gefährliche und unrentable "Dinosauriertechnologie" charakterisiert, die durch "sanfte" und erneuerbare Technologien abzulösen sei.

  6. Grenzziehungen und Identitätsbehauptungen
    Durch das physische Arrangement der Protestierenden und/oder sonstige Mittel (Kleidung, Symbole, Zeichen, Selbstbezeichnungen usw.) werden Grenzen zwischen "wir" und "die anderen" markiert, um nach außen wie nach innen hin Geschlossenheit, Homogenität und kollektive Identität zu behaupten.

    Beispiel: Innerhalb eines linken Demonstrationszuges marschiert der "Schwarze Block", der sich durch eine relativ einheitliche Kleidung (evtl. auch Mittel der Vermummung) und durch mitgetragene beschriftete Stoffbahnen, die den Block rundum abgrenzen, als ein Kollektiv darstellt.
Inszenierungen von Protest als kollektives Produkt

Trotz des Demo-Verbotes demonstrieren Aktivisten der Occupy-Bewegung am 17.05.2012 auf dem Römer in Frankfurt am Main.Trotz des Demo-Verbotes demonstrieren Aktivisten der Occupy-Bewegung am 17.05.2012 auf dem Römer in Frankfurt am Main. (© picture-alliance)


Im Unterschied zur üblichen Theaterinszenierung gibt es bei der Inszenierung von Protest weder eine detaillierte Textvorlage noch einen singulären, für die Gesamtdarstellung verantwortlichen Regisseur, der den "Spielern" feste Rollen zuweisen und die konkrete Ausführung dieser Rollen vorschreiben könnte. Inszenierungen von Protest sind meist ein kollektives Produkt mit allenfalls groben Vorgaben, deren Einhaltung, geschweige denn konkrete Ausgestaltung, kaum erzwungen werden kann. So passiert es immer wieder, dass Mitspieler, zuweilen auch ungebeten, sich dem Protest anschließen und etwaige Absprachen (z. B. ein vorher mühsam ausgehandelte Aktionskonsens oder eine vereinbarte Marschroute) ignorieren oder bewusst durchkreuzen. Das geschah beispielsweise bei Aktionen des linken Blockupy-Bündnisses im März 2015 in Frankfurt/Main, das sich gegen neoliberale Wirtschaftspolitik im Allgemeinen und das Geschäftsgebaren der Großbanken im Besonderen richtete.

In anderen Kontexten wird dagegen mit einer Protestkampagne lediglich ein thematischer Rahmen gesetzt, innerhalb dessen diverse, jeweils autonom handelnden Einzelpersonen und Gruppen ihre Form des Protests in Szene setzen. Ein Beispiel dafür boten die sich jeweils über mehrere Tage erstreckenden Proteste gegen die Transporte nuklearen Materials in schweren Metallbehältern (Castor) in das atomare Zwischenlager bei Gorleben [9]. Gruppen von Schülern, Studierenden und Rentnern, die bäuerliche Notgemeinschaft, ein Sängerkreis, die regionale Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, bundesweit agierende Anti-Atomkraftinitiativen wie "X-tausendmal quer", kleinere und große Umweltorganisationen wie Robin Wood und Greenpeace, Studierende aus Hamburg und Berlin und viele andere traten mit ihren je spezifischen Aktionen entlang der Transportstrecke auf den Plan, ohne dass es einer zentralen Koordination, einer Absprache über Slogans und Protestformen bedurfte.

Inszenierte Inszenierung: Miet-Demonstranten

Eine seltene Randerscheinung von Protestinszenierungen besteht darin, dass eine finanzstarke Gruppe wie die Kassenärztliche Vereinigung sich im Dezember 2006 dazu hinreißen ließ, über einen Hostessen-Service vermittelte und in weißen Kitteln vor dem Berliner Reichstag auftretende "Miet-Demonstranten" zu rekrutieren. Offensichtlich waren für den Straßenprotest zu wenig "echte" Ärzte zu mobilisieren. In Reaktion auf die Veröffentlichung dieses Vorgangs erklärte die Vereinigung, es habe sich um keinen Protest, sondern um den "Abschluss einer PR-Kampagne" gehandelt, bei der 170 "Dienstleister" bestellt worden seien. Ein anderer und ebenfalls seltener Aspekt einer Inszenierung von Protest war der Einsatz von bezahlten Schauspielern bzw. Artisten (Stelzenläufer) im Rahmen mehrerer Proteste der Kampagnenorganisation Campact.de in den Jahren 2012 und 2013. Die Aufdeckung dieser Vorgänge hat die Organisation dazu bewogen, künftig auf solche Praktiken zu verzichten.

Nutzung und Gestaltung von Randbedingungen des Protestgeschehens



Neben der Ausgestaltung und inhaltlichen Fokussierung der unmittelbaren Protesthandlung können Protestgruppen zudem versuchen, äußere Randbedingungen des Protests zu nutzen bzw. gestaltend darauf einwirken, um dessen mediale Wirkung zu erhöhen. Ein wesentlicher Aspekt hierbei ist die zeitliche, inhaltliche und formale Verknüpfung des Protests mit externen Anlässen und Gegebenheiten. Nachfolgend werden einige dieser Möglichkeiten benannt:
  1. Protest als Ausdruck spontaner Empörung
    Der unmittelbare, keinen Aufschub duldende Protest signalisiert eine Authentizität von Motiven und eine Dringlichkeit des reaktiven Protests, dem u. U. eine besondere Legitimität zugesprochen wird. Das zeigt sich auch daran, dass im Versammlungsrecht die auf konkrete Auslöser hin stattfindenden "spontanen" Aufzüge und Versammlungen von der ansonsten bestehenden Anmeldepflicht befreit sind. Somit kann rasch auf einen Vorfall, etwa eine überraschende militärische Aktion oder einen Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim, reagiert werden. Nicht nur das Ereignis selbst, sondern auch der darauf bezogene Protest kann dann Inhalt von "breaking news" werden. Für manche Medien können solche spontanen Proteste einen Vorteil insofern bieten, als nur die Ortsnahen bzw. Schnellsten zu ihren originalen Geschichten und Bildern kommen, während andere Redaktionen nur verspätet und aus "zweiter Hand" berichten.

  2. Proteste aus rituellem Anlass
    Das Gegenstück zu Spontanprotesten sind regelmäßig wiederkehrende und meist kalendarisch fixierte Proteste, die im Voraus geplant werden und meist in berechenbaren Bahnen verlaufen. Dazu gehören etwa Proteste im Gedenken an Geburts- oder Todestage herausragender Personen (z. B. "Führers Geburtstag"), Ereignisse (Schlachten, Pogrome, Gründungsdaten von Institutionen) oder selbst gesetzten Daten (Internationaler Frauentag am 8. März, 1. Mai als Tag der Arbeit) als Anlass für Protest. Auf derartige Proteste können sich Medien vorab einstellen. Teilweise nehmen darauf schon in einer dem Protest vorausgehenden Berichterstattung Bezug, indem sie etwa über einen Streit unter den Organisatoren, erwartete Teilnehmerzahlen und evtl. drohende Protestgewalt thematisieren. Diese Berichterstattung kann je nach ihrer Ausrichtung positiv oder negativ auf die Mobilisierung auswirken.

  3. Proteste im Kontext politischer Weichenstellungen und Entscheidungen
    Die Chance, dass Proteste mediale Aufmerksamkeit finden, erhöht sich in Phasen, in denen politische Entscheidungen anstehen bzw. gerade getroffen wurden. Dazu gehören Zeiten des politischen Wahlkampfes, Volksentscheide, Gesetzgebungsvorhaben und Programme der Regierung, Entscheidungen über militärische Aktionen und Beschlüsse zu technisch-industriellen Großprojekten. In solchen Phasen herrscht in den Medien eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema. Es werden dann u. U. Rechercheteams zusammengestellt; das Pro und Contra der Vorhaben wird ausführlich in Massenmedien erörtert; zuweilen kommen auch Stimmen von Außenseitern zu Wort, die ansonsten kaum Gehör finden.

  4. punktuelle Gelegenheiten
    Schließlich bieten auch punktuelle Gelegenheiten, die nicht notwendig mit einer politischen Entscheidung verknüpft sind, einen Anlass bzw. Bezugspunkt für Proteste, welche ansonsten mit keiner oder geringer medialer Resonanz verbunden wären. Dazu zählen Staatsbesuche von besonders beliebten oder missliebigen Politikern, internationale Gipfeltreffen und Tagungen der Spitzen von EU, Weltbank, Internationalem Währungsfonds, Welthandelsorganisation, Olympische Spiele, politische Skandale, Terroranschläge, technische Katastrophen etc.
Fast alle dieser Proteste sind reaktiver Art, somit zeitlich und sachlich an äußeren Vorgaben bzw. Ereignissen orientiert. Diese sind den Vertretern von Medien in aller Regel bekannt oder stehen sogar im Zentrum der Berichterstattung. Darauf bezogene Protestaktionen werden dann aufgrund ihrer Vorhersehbarkeit oder ihres konfliktträchtigen Charakters in die ohnehin fällige Berichterstattung aufgenommen oder ein gesonderter Gegenstand von Berichten bzw. Kommentaren. Für manche Medienvertreter kann der Protest eine willkommene Abwechslung insbesondere dann bilden, wenn es vom offiziellen Ereignis nicht Aufregendes zu berichten gibt.

Protestgruppen können aber auch den Zeitpunkt und Inhalt ihres Auftritts autonom bestimmen, indem sie beispielsweise mit einer proaktiven Aktion oder Kampagne an die Öffentlichkeit treten, die von langer Hand geplant ist. Im günstigen Fall werden sie damit selbst zum Agenda Setter, auf den wiederum andere Akteure reagieren.

Wandel der Medienarbeit von Protestgruppen



Waren in der weiter zurückliegenden Vergangenheit Proteste meist primär auf die Erwartungen der Teilnehmer ausgerichtet und suchten ein vor Ort anwesendes Publikum zu beeindrucken, so wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte Proteste zunehmend auf mediale Resonanz hin kalkuliert und gestaltet. Es mehren sich zudem Proteste, die ohne die Hoffnung auf mediale Resonanz gar nicht durchgeführt würden.

Sofern Zeitpunkt, Ort und Aktionsform geschickt gewählt sind, kann es einerseits gelingen, mit wenigen Dutzend Protestierenden in die Tagesschau oder das Heute-Journal zu gelangen. Andererseits ist keineswegs garantiert, dass mit der Größe des Protests auch der Umfang der Berichterstattung zunimmt. Diese schmerzliche Erfahrung mussten die Organisatoren einer am 10. Oktober 2015 in Berlin durchgeführten Massendemonstration gegen das Handelsabkommen TTIP machen. Trotz der Beteiligung von 200.000 bis 250.000 Menschen war die Resonanz in Printpresse, Radio und Fernsehen ausgesprochen mager, während weitaus kleinere Proteste in dieser Phase, etwa die "Montagsspaziergänge" von Pegida, eine enorme mediale Aufmerksamkeit fanden.

Mangelnde oder überwiegend negative Resonanz in den etablierten Medien verleitet Protestakteure dazu, die vielfältigen Möglichkeiten des Internets zu nutzen. Im Vergleich zu herkömmlichen, in eigener Regie gestalteten Medien (vor allem Briefsendungen, Broschüren, Flugblätter und Plakate) bietet das Internet Vorteile:
  • geringe Kosten,
  • hohe Geschwindigkeit,
  • hohe Reichweite,
  • die Einbindung audiovisuellen Materials
  • Interaktivität.
Allerdings werden diese unbestreitbaren Vorteile vor allem insofern überschätzt, als den theoretisch nahezu unbegrenzten Kapazitäten des Netzes nur eine begrenzte Aufmerksamkeit auf Seiten der Adressaten gegenübersteht. Zudem wird das Internet nicht nur von Seiten der Protestgruppen, sondern auch von Gegenbewegungen und ressourcenstarken Lobbying-Organisationen genutzt. Letztere sind teilweise auch dazu übergegangen, sich fälschlich als Bürgerinitiativen im Netz zu präsentieren (der entsprechende Fachausdruck lautet Astroturfing)[10]. Auch wird von beauftragten Firmenangestellten oder Public-Relations-Agenturen immer wieder versucht, kritische Kommentare – etwa in Wikipedia-Artikeln – zu löschen oder zu entschärfen, was wiederum die Gegenseite zu erhöhter Wachsamkeit veranlasst.

Die zunehmende Medienorientierung nahezu aller auf politischen und ökonomischen Einfluss bedachten Akteure bringt auch auf Seiten der Protestgruppen eine Reihe von strukturellen Veränderungen mit sich. Dazu zählen die Trends zur Professionalisierung der Medienarbeit, die ihrerseits wiederum
  • mit einer fortschreitenden Steigerung des entsprechenden Ressourceneinsatzes sowie
  • einer Spezialisierung und Verstetigung der Medienarbeit einher geht.
Ausdruck dessen ist auch die Veröffentlichung von Schriften, in denen Protestgruppen und sozialen Bewegungen Anleitungen für eine professionelle Medienarbeit [11] und die "Kunst des kreativen Straßenprotests"[12] geboten werden.

Einzelne Bewegungsorganisationen sind dazu übergegangen, eigene Sprecher zu benennen. Im Zuge von größeren Kampagnen, etwa gegen den G 8-Gipfel in Heiligendamm im Jahr 2007, haben Protestbewegungen temporär alternative Medienzentren eingerichtet [13]. Zudem haben sich eigenständige Mediengruppen im Rahmen einzelner Bewegungen oder Bewegungsfamilien etabliert. Ein Beispiel dafür sind die in vielen Ländern präsenten Gruppen von Indymedia, die seit den späten 1990er Jahren entstanden sind, inzwischen aber wohl ihren Zenit überschritten haben.

In jüngerer Zeit sind überwiegend das Internet nutzende Kampagnenorganisationen entstanden. In den USA sind dies vor allem MoveOn, in Deutschland Campact.de und eine Reihe kleinerer Gruppen; auf internationaler Ebene agieren avaaz.org und change.org, wobei letztere kommerziellen Interessen verfolgen, indem sie Adressen verkaufen und Geld für Anzeigen (z. B. für gesponserte Petitionen) verlangen.


Fußnoten

1.
Raschke 1985: 343.
2.
Vgl. Molotch 1979; Gitlin 1980; Kielbowicz/Scherer 1986; Gamson/Wolfsfeld 1993; Baringhorst 1998; Neidhardt 1994; Rucht 1994; 2012; 2013; 2014; Koopmans 2004.
3.
Vgl. Bennett/Entman 2001.
4.
Brodde 2010: 203.
5.
Vgl. Rucht 2003.
6.
Vgl. dazu Fahlenbrach 2002; Ertl 2015.
7.
Vgl. Gitlin 1980.
8.
Vgl. Snow/Benford 1988; Gamson/Modigliani 1989.
9.
Vgl. Rucht 2011.
10.
Vgl. Ertl 2015, S. 112-126; Walker 2014.
11.
Vgl. z. B. Ryan 1990; Salzman 2003.
12.
Vgl. Amann 2005.
13.
Vgl. Rucht/Teune 2008.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Dieter Rucht für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.