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FOSS, die Firma und der Markt


5.1.2007
Open Source-Entwicklung ist zu einer eigenen Produktionsform neben Firmen und Märkten geworden. Robert A. Gehring erklärt ihre Gesetze.

1. Einleitung: Software und Informationsgesellschaft



Lettische Ein-Euro-Stücke liegen am 31.07.2013 in Stuttgart (Baden-Württemberg) in der staatlichen Münze Baden-Württemberg in eine Wanne. Am Mittwoch wurden die ersten Euromünzen für Lettland geprägt. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa (zu dpa "Baden-Württemberg prägt 400 Millionen lettische Euromünzen" vom 31.07.2013)Daten sind Kapital. (© picture-alliance/dpa)
Das Fundament zur Informationsgesellschaft wird wesentlich durch Softwareentwicklung gelegt. Software ist es, die unsere Datenströme lenkt, die jenen Prozess am Leben erhält, in dem "der menschliche Verstand eine unmittelbare Produktivkraft und nicht nur ein entscheidendes Element im Produktionssystem"[1] darstellt.

Die instantane Kommunikation in globalisierten Märkten, wie wir sie von den Börsentickern im Fernsehen oder den Auktionen bei Ebay kennen, ist ohne Software nicht denkbar. Aber auch die Kommunikation mit unseren Freunden und Verwandten in aller Welt erfolgt mit Unterstützung von Software: Telefongespräche werden im Telefonnetz durch Software vermittelt; die Briefe werden bei der Post von Maschinen sortiert, die von Software gesteuert werden; das Internet, das unsere Emails transportiert, läuft mit Software. Kurz gesagt, Software ist unverzichtbarer Teil des sozialen Gebäudes, das wir Informationsgesellschaft nennen.

Damit kommt der Informationstechnologie im Allgemeinen und der Software im Besonderen eine vergleichbare Rolle zu wie den Sklaven in der antiken Sklavenhaltergesellschaft, Land in der Agrargesellschaft, Rohstoffen und Energie in der modernen Industriegesellschaft: Software ist strategische Ressource und die Kontrolle über ihren Besitz und ihre Verteilung entscheidet über Macht und Reichtum.

Software gewinnt dergestalt eine politische Dimension und die Auseinandersetzungen um große Softwarehersteller – IBM in den 1960er und 1970er Jahren, Microsoft seit den 1990er Jahren – finden quasi automatisch im politischen Raum statt. Es geht darin um mehr als Marktanteile und Wettbewerbsregeln, macht Software die Informationsgesellschaft doch nicht nur möglich, sondern auch verletzlich.

Dort, wo Daten Kapital repräsentieren, entstehen neue Abhängigkeiten, wenn diese Daten in Datenformaten gespeichert und verarbeitet werden, die einer Fremdkontrolle unterliegen. Solche Abhängigkeiten können nicht nur teuer werden, wo es um den Einkauf von Lizenzen für entsprechende Software geht. Sie werden aus der Sicht der Datenbesitzer zu einer Existenzfrage, wenn die Verfügbarkeit der Daten und Programme der eigenen Einflusssphäre weitgehend entzogen ist. Die unternehmerische Freiheit findet dann ihre Grenzen in der Produktpolitik eines Softwareherstellers und nicht mehr nur in der Verfassung.[2] Proprietäre Software[3] mit proprietären Datenformaten liefert ihre Anwender, so gesehen, einer prekären Situation aus, und das Unbehagen darüber ist nur zu verständlich. Das Streben nach Sicherheit leitet die Suche nach Alternativen.

Die ökonomischen Besonderheiten von Netzwerkgütern,[4] die bei Software voll zum Tragen kommen, haben in einem unregulierten Markt zu einer hohen Konzentration geführt. Marktanteile von über 90 Prozent in bestimmten Segmenten sind nicht ungewöhnlich, Marktanteile von mehr als zwei Dritteln üblich. Märkte mit derart hoher Konzentration, man kann in einigen Fällen von der Ausbildung natürlicher Monopole sprechen, lassen die vollständige Konkurrenz des ökonomischen Standardmodells vermissen. Sie neigen dazu, unerwünschte Wettbewerbsergebnisse herbeizuführen.[5] In der Folge werden Ressourcen falsch gelenkt, durch den Anbieter verursachte Kosten nicht durch diesen getragen und Teile der Nachfrage nicht bedient.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich neben proprietärer Software eine andere Art von Software einen Platz im Softwareuniversum erobert: Freie und Open-Source-Software, kurz FOSS.[6] Diese unterscheidet sich von proprietärer Software in vielerlei Hinsicht, nicht zuletzt in den Institutionen auf denen sie aufbaut und den ökonomischen Machtverhältnissen, die sie herbeiführt.

Der Aufstieg von FOSS ist eng verknüpft mit dem Aufstieg des Internets. FOSS steuert das Internet zu erheblichen Teilen,[7] FOSS wird in lokalen und globalen Gemeinschaften im Internet verteilt entwickelt und über das Internet verbreitet, ohne dass dafür exklusive Eigentumsrechte nötig wären.

Knappheit am Informationsgut ist, abweichend von den üblichen Theorien zum geistigen Eigentum,[8] keine Voraussetzung im FOSS-Modell. Stattdessen herrscht ein Überfluss an Code. Diesem Umstand hat es FOSS zu verdanken, dass dem Phänomen in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, sowohl von Seiten der wissenschaftlichen Forschung als auch durch die populäre Presse.

Für wohl die meisten akademischen Ökonomen stellt das FOSS-Paradoxon eine echte Herausforderung dar: Wieso funktioniert das FOSS-Modell? Wie kann man mit etwas Geld verdienen, das niemandes exklusives Eigentum ist? Oder etwas allgemeiner gefragt: Wie lassen sich Ressourcen effizient und nachhaltig bereitstellen und bewirtschaften, wenn diese nicht ihrem Wesen nach knapp sind? Müssen öffentliche Güter[9] nicht zwangsläufig der "Tragödie der Allmende"[10] zum Opfer fallen, wie es Garret Hardin vorhergesagt hat? Würde es nicht zu einem Mangel an Software kommen, wenn diese nicht exklusiv vermarktet werden könnte, wie es die ökonomische Standardtheorie vorhersagt?

Der vorliegende Aufsatz geht diesen Fragen nach und sucht Antworten auf die Frage nach dem Verhältnis von FOSS, Unternehmen und dem Markt. Dabei wird ausgehend von den ökonomischen Randbedingungen diskutiert, auf welchem Fundament FOSS seit über zwei Jahrzehnten wächst und gedeiht. Statt einer "Tragödie der Allmende" (Hardin) erleben wir eine "Kommödie der Allmende" (Carol Rose).[11]


Fußnoten

1.
Vgl. Manuel Castells, Das Informationszeitalter I. Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, Opladen 2001, S. 34.
2.
"Code is Law" postuliert Lessig und meint damit, dass Software zu einer eigenen Regulationskraft neben dem Gesetz geworden ist.Vgl. Lawrence Lessig, Code and other Laws of Cyberspace, New York 1999.
3.
Von lat. "proprietas" – Eigentum, Besitz. Gemeint ist Software auf die exklusive Eigentumsansprüche bestehen und ggf. durchgesetzt werden.
4.
Der Begriff der Netzwerkgüter beschreibt Produkte, die sich durch Komplementarität, Kompatibilität und Standardisierung auszeichnen. Der Erwerb und Einsatz solcher Produkte zieht auf Konsumentenseite Externalitäten (Kosten und Nutzeffekte, die nicht vom Hersteller des Produkts unmittelbar verursacht werden), Kosten beim Technologiewechsel und daher häufig die Bindung von Kunden an bestimmte Technologien und Anbieter ("lock in") nach sich. Dem stehen auf Anbieterseite Skaleneffekte bei Produktion und Vermarktung gegenüber. Das klassische Beispiel sind Telefone und das Telefonnetz, bei denen der Nutzen für den Anwender mit der Anzahl der Anwender steigt. Gleichzeitig sinken für den Anbieter (in gewissem Umfang) die durchschnittlichen Kosten mit jedem neuen Anwender. Noch stärker ausgeprägt sind diese Netzwerkeffekte bei Software. Vgl. Oz Shy, The Economics of Network Industries, Cambridge 2001; Carl Shapiro/ Hal R. Varian, Information Rules. A Strategic Guide to the Network Economy, Boston 1999.
5.
Vgl. Ingo Schmidt, Wettbewerbspolitik und Kartellrecht, 6. Aufl. Stuttgart 1999, S. 32-41.
6.
Aufgrund ihrer rechtlichen und technischen Gemeinsamkeiten werden Freie und Open-Source-Software im Rahmen dieses Beitrages als FOSS zusammengefasst. Eine umfangreichere Analyse würde nichtsdestotrotz signifikante Unterschiede besonders in der dahinter stehenden Ideologie erkennen lassen.
7.
Das World Wide Web, für viele Menschen ein Synonym für Internet, basiert softwaretechnisch auf Webservern und Webbrowsern. Während bei den Webbrowsern der Löwenanteil an Microsoft mit dem Internet Explorer fällt, dominiert auf der Serverseite der FOSS-Server Apache mit nahezu 70 Prozent "Marktanteil". Vgl. NetCraft May 2005 Web Server Survey, http://news.netcraft.com/archives/web_server_survey.html.
8.
Vgl. etwa Klaus Goldhammer, Wissensgesellschaft und Informationsgüter aus ökonomischer Sicht, in: Jeanette Hofmann (Hg.): Wissen und Eigentum, Bonn 2006, S. 81-106, sowie Rüdiger Pethig, Information als Wirtschaftsgut in wirtschaftswissenschaftlicher Sicht, in: Herbert Fiedler/ Hanns Ulrich (Hrsg.), Information als Wirtschaftsgut: Management und Rechtsgestaltung, Köln 1997, S. 1-28.
9.
Ökonomen unterscheiden zwischen privaten Gütern, die auf Märkten gehandelt werden, und öffentlichen Gütern, die auf Märkten nicht (ohne weiteres) gehandelt werden (können). An privaten Gütern bestehen exklusive Eigentumsrechte, an öffentlichen Gütern können solche (aus verschiedenen Gründen) nicht durchgesetzt werden. Während exklusive Eigentumsrechte bei privaten Gütern deren Nutzung durch Nichteigentümer verhindern können, besteht bei öffentlichen Gütern diese Ausschlussmöglichkeit nicht. Typisch ist für öffentliche Güter auch die Nichtrivalität des Konsums, d. h. das Gut kann von mehreren Individuen genutzt werden, ohne dass der individuelle Nutzen geschmälert wird oder dass für neu hinzukommende Nutzer separate Kosten anfallen. Anders formuliert: Öffentliche Güter sind nicht per se knapp, nachdem einmal die Kosten für ihre Bereitstellung aufgebracht worden sind. Vgl. Dominick Salvatore, Microeconomics: Theory and Application, 4th ed. New York/Oxford 2003, S. 611-614; John A. Baden, A New Primer for the Management of Common-Pool Resources and Public Goods, in: John A. Baden/ Douglas S. Noonan (Hrsg.), Managing the Commons, 2nd ed. Bloomington/Indianapolis, 1998, S. 51-62, hier S. 52.
10.
Vgl. Garret Hardin, The Tragedy of the Commons, in: Science, 162 (1968), S. 1243-1248. Hardin benutzte das einer Gemeinde gehörige Weideland (Allmende, engl. commons) als Beispiel für eine sog. Common-pool-Ressource. Wenn dieses Weideland von jedem Bauern kostenlos genutzt werden darf, wird das auf Dauer zur Übernutzung führen und das Weideland wird zerstört. Den Grund sieht Hardin darin, dass jedes Individuum ein Interesse an der Nutzung, aber kein Interesse an der Pflege der Allmende haben kann, solange ihm nicht im Gegenzug exklusive Eigentumsrechte als Belohnung winken.
11.
Vgl. Carol Rose, The Comedy of the Commons: Custom, Commerce, and Inherently Public Property, in: Law Review 53,3 (1986), S. 711-781.
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