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Wikipedia, Citizendium, und die Politik des Wissens: Ein Interview mit Larry Sanger


5.1.2007
Man sollte doch jemand fragen, der sich auskennt, meint Larry Sanger. Der Wikipedia-Mitgründer hat einen Ableger der freien Enzyklopädie gestartet – mit Expertenkontrolle. Warum und wie, erläutert er im Interview.

Lawrence M. SangerLawrence M. Sanger (© Larry Sanger)

Vorgeschichte



Google, MySpace, YouTube: Hinter vielen Erfolgsgeschichten des Internets steckt ein Zweigestirn, und wie in vielen großen Geschichten endet die Zweisamkeit oft im Bruderzwist. Bei der freien Online-Enzyklopädie "Wikipedia" hören die zerstrittenen Brüder auf die Namen Jimmy Wales und Larry Sanger. Jimmy Wales ist heute Vorsitzender der WikiMedia-Stiftung, die die Wikipedia trägt, und hat als solcher die letzte Autorität in allen Streitfällen. Larry Sanger war bis 2002 "Chefredakteur" der Wikipedia – und zählt heute zu ihren prominentesten Kritikern.

  • zum englischen Interview

  • 2000 wurde Sanger, damals noch Philosophie-Doktorand, von Jimmy Wales als Chefredakteur in das 1999 gestartete "Nupedia"-Projekt geholt. Getragen wurde die Nupedia durch kalifornische Dotcom-Unternehmen Bomis. Sanger erarbeitete mit Wales die Grundideen dieser ersten freien Online-Enzyklopädie, installierte einen Beirat aus Wissenschaftlern, der in den nächsten Monaten ein siebenstufiges Prüfverfahren für Artikel entwickelte, und rekrutierte interessierte Teilnehmer – am Ende waren es rund 2.000, die den späteren Grundstock der Wikipedia-Community bildeten.Vor allem wegen des Prüfverfahrens kam Nupedia nur schleppend voran – bis Ende 2000 hatte das Projekt rund 250.000 US-Dollar "verbrannt" und etwa 20 Artikel online. Wales und Sanger suchten daher nach Alternativen und entschieden sich, parallel zu Nupedia eine radikal vereinfachte Fassung mit der damals jungen "Wiki"-Technologie ins Netz zu stellen.Im Januar 2001 ging Wikipedia online und wuchs explosionsartig. Die Nupedia versandete gleichzeitig langsam. Ende 2001 standen dort etwa 25 Artikel online (150 weitere steckten in verschiedenen Stufen des Prüfverfahrens), während Wikipedia bereits 18.000 Artikel zählte. 2002 stieg Sanger aus seiner offiziellen Position bei Wikipedia und Nupedia aus, da Bomis ihn nicht weiter bezahlen konnte.Alles Weitere ist Geschichte: Wikipedia kommt heute (Januar 2007) auf über sechs Millionen Artikel in 250 Sprachen, davon allein eine halbe Million Artikel in ihrer deutschen Version. Etwa 27.000 "Wikipedianer" schreiben weltweit aktiv mit. Dazu hat das Muttergewächs zahlreiche Sprösslinge unter dem Dach der WikiMedia Stiftung ausgebildet; mit dem Wikipedia-Prinzip erstellen sie freie Wörterbücher (Wiktionary), Bücher (WikiBooks) und Kinderbücher (Wikijunior), Zitatenschätze (WikiQuotes), Nachrichtenseiten (Wikinews), Multimedia-Sammlungen (WikiCommons) oder eine Universität (Wikiversity). "Campaigns Wikia" will sozialen und politischen Bewegungen helfen, sich per Wiki selbst zu organisieren. Und die eigene Parodie wird mit ebenso großem Fleiß betrieben: Die "Uncyclopedia" zählt über 20.000 Artikel.

    Der enorme Erfolg blieb nicht ohne Kritik. Während Hochschulen und Schulen klagen, dass ihre Schülerinnen, Schüler und Studierenden die eigene geistige Arbeit mit Copy&Paste aus Wikipedia ersetzen, sahen klassische Enzyklopädien (wie die Encyclopedia Britannica oder der Brockhaus) schlicht ihre Existenz bedroht und wiesen auf die mangelnde Qualität und Verlässlichkeit der Wikipedia hin.

    Als etwa das renommierte englische Wissenschaftsjournal "Nature" im Dezember 2005 eine eigene Studie veröffentlichte, der zufolge die Qualität von 42 im Blindtest von Experten geprüften naturwissenschaftlichen Artikeln in Wikipedia und der Encyclopedia Britannica in Sachen Genauigkeit durchaus vergleichbar seien, lieferten sich Britannica (in einer langen Gegendarstellung) und Nature (in ihrem Editorial) einen mehrrundigen Schlagabtausch.

    Sanger selbst fiel im Dezember 2004 mit einem Beitrag auf der populären Technologie-Webseite "Kuro5hin" in den Chor der Kritiker ein. Bereits damals schrieb er, wenn die Wikipedia ihren "Anti-Elitismus" nicht überwinde – also ausgewiesenen Experten nicht größere Autorität beim Bearbeiten von Artikeln zubillige –, würde ein Wikipedia-"Ableger" nötig, der genau dies tue. Er wiederholte seine Idee in mehreren anderen Online-Beiträgen und setzte sie schließlich in die Tat um: Im September 2006 verkündete Sanger auf der Konferenz Wizards of OS 4 in Berlin den Start des Projekts "Citizendium".


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