Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.
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Die Bibliothek im Informationszeitalter

6000 Jahre Schrift


8.4.2011
Robert Darnton beschäftigt sich mit der Geschichte unseres Umgangs mit Text und der Bibliothek als einer der zentralen Einrichtungen. Er geht von der Feststellung aus, dass Information immer instabil gewesen ist, und dass jedes Zeitalter ein Informationszeitalter war.

Brief in Keilschrift an den König von Lagas aus dem Jahre 2400 v.C.Brief in Keilschrift an den König von Lagas aus dem Jahre 2400 v.C. (© Public Domain, Jastrow )


Information wächst explosionsartig, und die Informationstechnologie ändert sich so rasch, dass wir vor einem grundsätzlichen Problem stehen: Wie ist in dieser neuen Landschaft Orientierung möglich? Was wird etwa aus wissenschaftlichen Bibliotheken angesichts technischer Wunderwerke wie Google? Wie verhält man sich sinnvoll? Ich habe auf diese Frage keine Antwort, aber ich schlage als Zugang zu dieser Frage einen Blick in die Geschichte der Informationsübermittlung vor. Stark vereinfacht könnte man sagen, dass es vier grundlegende informationstechnologische Veränderungen gegeben hat, seit die Menschen zu sprechen lernten.

Irgendwann um 4000 v. Chr. haben die Menschen zu schreiben gelernt. Die ägyptischen Hieroglyphen gehen auf ca. 3200 v. Chr. zurück, die alphabetische Schrift auf ca. 1000 v. Chr. Wissenschaftlern wie Jack Goody zufolge war die Erfindung des Schreibens der wichtigste technische Durchbruch in der Geschichte der Menschheit. Sie transformierte die Beziehung der Menschen zur Vergangenheit und ebnete den Weg für das Aufkommen des Buchs als historische Macht.

Die Geschichte des Buchs erfuhr einen weiteren technischen Umbruch, als kurz nach Beginn der christlichen Zeitrechnung der Kodex die Schriftrolle ersetzte. Im dritten Jahrhundert n. Chr. spielte der Kodex – also das Buch mit Seiten, die umgeblättert werden, im Gegensatz zur Schriftrolle, die ausgerollt wird – eine Schlüsselrolle in der Verbreitung des Christentums. Es veränderte die Erfahrung des Lesens von Grund auf: die Seite wurde zu einer Wahrnehmungseinheit, und die Leser konnten einen klar artikulierten Text durchblättern, der schließlich auch differenzierte (also durch Leerräume getrennte) Wörter, Absätze, Kapitel, Inhaltsverzeichnisse, Indizes und andere Leseerleichterungen enthielt.

Der Kodex seinerseits erfuhr durch die Erfindung des Druckens mit beweglichen Lettern in der Mitte des 15. Jahrhunderts einen grundlegenden Wandel. Freilich hatten die Chinesen schon um 1045 bewegliche Lettern entwickelt, und die Koreaner verwendeten schon 1230 Metall-Lettern an Stelle von Holzstücken. Doch anders als diese asiatischen Erfindungen verbreitete sich jene Gutenbergs wie ein Lauffeuer, sodass das Buch für eine immer größere Gruppe von Lesern zugänglich wurde. Die Drucktechnik änderte sich fast vier Jahrhunderte lang nicht, die lesende Öffentlichkeit wurde jedoch immer größer, da die Zahl der Lesekundigen zunahm, sich aber auch die Bildung und der Zugang zum gedruckten Wort verbesserten. Pamphlete und Zeitungen, die mit dampfgetriebenen Druckerpressen gedruckt wurden und für die Papier aus Holzpulpe anstatt aus Hadern hergestellt wurde, trieben den Demokratisierungsprozess voran, sodass sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein lesendes Massenpublikum herausbildete.

Die vierte große Veränderung, die elektronische Kommunikation, fand gestern statt – oder vorgestern, je nachdem, welchen Maßstab man anlegt. Das Internet geht, zumindest als Begriff, auf das Jahr 1974 zurück. Es entwickelte sich aus dem ARPANET, das 1969 geschaffen wurde, sowie aus früheren Experimenten in der Computervernetzung. Das Web entstand 1981 als Kommunikationsmedium für Physiker. Ab diesem Zeitpunkt sind die Markennamen, die mit der elektronischen Kommunikation als Alltagserfahrung verknüpft sind, allen geläufig: Web-Browser wie Netscape, Internet Explorer und Safari, und Suchmaschinen wie Yahoo und Google, wobei letztere 1998 gegründet wurde.

Wenn man die Geschichte in dieser Weise betrachtet, dann erscheint das Tempo der Veränderungen in der Tat atemberaubend: 4300 Jahre von der Schrift zum Kodex, 1150 Jahre vom Kodex zu den beweglichen Lettern, 524 Jahre von den beweglichen Lettern zum Internet, vom Internet zu den Suchmaschinen 19 Jahre, sieben von den Suchmaschinen zu Googles algorithmischem Ranking nach Relevanz – und wer weiß, was hinter der nächsten Ecke auf uns wartet.

Jede technologische Veränderung hat die Informationslandschaft transformiert, und durch die zunehmende Beschleunigung erscheinen diese Veränderungen ebenso unaufhaltsam wie verwirrend. Auf lange Sicht – die französischen Historiker sprechen von la longue durée – ist das allgemeine Bild recht deutlich, vielleicht sogar Schwindel erregend deutlich. Indem ich die Fakten in dieser Weise angeordnet habe, bin ich zu einer äußerst dramatischen Schlussfolgerung gekommen. Historiker, amerikanische ebenso wie französische, greifen gerne zu solchen Tricks. Wenn man die Daten anders anordnet, zeigt sich ein unterschiedliches Bild, in welchem die Kontinuität dominiert, nicht die Veränderung. Die Kontinuität, die ich dabei meine, hat mit dem Wesen der Information selbst zu tun, oder, anders gesagt, mit der inhärenten Instabilität von Texten. Anstatt einer langfristigen Sicht auf technische Veränderungen das Wort zu reden, die sich hinter der verbreiteten Auffassung verbirgt, wir hätten gerade eine neue Ära begonnen, nämlich das Informationszeitalter, schlage ich eine andere Sichtweise vor: jedes Zeitalter war auf seine Art ein Informationszeitalter, und Information war immer instabil.

Beginnend mit dem Internet möchte ich mich zurück in die Vergangenheit bewegen. In den vergangenen Jahren sind mehr als eine Million Blogs entstanden. Sie haben zu einem reichhaltigen Bestand an Anekdoten über die Verbreitung von Desinformation geführt, deren einige sich anhören wie urbane Mythen. Ich glaube jedoch, dass die folgende Geschichte wahr ist, auch wenn ich für ihre Genauigkeit nicht garantieren kann, da ich sie selbst im Internet gefunden habe. Die satirische Zeitschrift The Onion verbreitete die falsche Geschichte, dass ein Architekt in Washington D.C. eine neue Art von Gebäude errichtet hatte, nämlich ein Gebäude mit einer Kuppel, die sich einfahren lässt wie das Dach eines Cabriolets. An sonnigen Tagen drückt man demnach einen Knopf, die Kuppel wird eingezogen, und das Gebäude sieht aus wie ein Football-Stadion. An Regentagen sieht es aus wie das Capitol. Die Geschichte wurde von einer Website zur nächsten weiter gereicht und landete schließlich in China, wo sie in der Bejing Evening News abgedruckt wurde. Dann wurde sie von der Los Angeles Times übernommen, vom San Francisco Chronicle, von Reuters, CNN, Wired.com, und von zahllosen Blogs – als eine Geschichte über die chinesische Sicht der USA: dort glaube man, die Amerikaner lebten in Cabrio-Gebäuden, so wie sie auch Cabrios als Autos fahren.

Andere Geschichten über Blogs führen zum gleichen Schluss: Blogs erzeugen Nachrichten, und Nachrichten können die Form einer textlichen Wirklichkeit annehmen, welche über die Wirklichkeit vor unserer Nase triumphiert. Heute bringen viele Reporter mehr Zeit damit zu, Blogs zu verfolgen, als herkömmliche Quellen wie etwa Gespräche mit Behördenvertretern zu führen. Die Nachrichten des Informationszeitalters haben sich aus ihrer herkömmlichen Verankerung gelöst, sodass neue Möglichkeiten der Desinformation auf globaler Ebene entstehen. Wir leben in einer Zeit, in der wir Zugang zu soviel Information haben wie noch nie zuvor, und in der die Information gleichzeitig immer unzuverlässiger wird. Oder etwa nicht?

Andere Geschichten über Blogs führen zum gleichen Schluss: Blogs erzeugen Nachrichten, und Nachrichten können die Form einer textlichen Wirklichkeit annehmen, welche über die Wirklichkeit vor unserer Nase triumphiert. Heute bringen viele Reporter mehr Zeit damit zu, Blogs zu verfolgen, als herkömmliche Quellen wie etwa Gespräche mit Behördenvertretern zu führen. Die Nachrichten des Informationszeitalters haben sich aus ihrer herkömmlichen Verankerung gelöst, sodass neue Möglichkeiten der Desinformation auf globaler Ebene entstehen. Wir leben in einer Zeit, in der wir Zugang zu soviel Information haben wie noch nie zuvor, und in der die Information gleichzeitig immer unzuverlässiger wird. Oder etwa nicht?



 

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