Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.
1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

Vom Vertrauen zur Spurenauswertung

Eine neue Sicht der Technikfolgenabschätzung


8.4.2011
Claire Lobet-Maris untersucht die Methoden der Technikfolgenabschätzung und formuliert aus dieser Perspektive die Frage, wie Suchtechnologien Gegenstand einer demokratischen Debatte werden könnten.

Besucher einer Elektronikmesse in Las Vegas betrachten auf einem Bildschirm die Ergebnisse der Suchmaschine 'Bing'.Besucher einer Elektronikmesse in Las Vegas betrachten die Ergebnisse einer Suchmaschine. (© AP)

Zwei Generationen der Technikfolgenabschätzung: Von der Voraussage zum sozialen Konstruktivismus



In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich die Technikfolgenabschätzung (TA) sowohl im Hinblick auf ihre Sichtweise der Wechselwirkung zwischen Technik und Gesellschaft als auch auf ihre politische und gesellschaftliche Verantwortung weiter entwickelt. Meist wird zwischen zwei Phasen der Technikfolgenabschätzung unterschieden.
Die erste Generation der TA erarbeitete verschiedene technische Optionen aufgrund einer umfassenden Bewertung von gesellschaftlichen Auswirkungen und Szenarios. Die Voraussage von Veränderungen und die Demokratisierung von politischen Entscheidungsprozessen bildeten den Mittelpunkt der TA-Arbeit. Diese erste Generation war durch eine Art Technik-Determinismus geprägt, der von einer Sicht der Technik als autonom ausging. Nach dieser Sicht besitzt die Technik eine eigene innere Logik, die sich auf die Zukunft unserer Gesellschaft auswirkt, ohne dass es dabei Verhandlungsspielraum gibt. Demnach bestand die Rolle der TA in der Ausarbeitung von Voraussagen, welche der Politik und der Öffentlichkeit als Grundlage für nachhaltige und gesellschaftlich akzeptable Technik-Entscheidungen dienen sollten. Diese institutionelle Organisation der TA, in der die verschiedenen Akteure klar getrennte Rollen hatten (die Politik entscheidet, die Techniker entwerfen, die Öffentlichkeit akzeptiert bzw. lehnt ab), ließ sich aufgrund von empirischen Befunden allerdings schwer aufrecht erhalten.




Wie W. Bijker gezeigt hat, ist eine solche Trennung zwischen Entscheidungsträgern, Gestaltern und Nutzern eine Illusion, wenn man sich die Soziodynamik der Technikentwicklung vor Augen hält.
    Seit den 1980er-Jahren haben soziologische und historische Studien eine konstruktivistische Analyse der Technik entwickelt, welche sich von der herkömmlichen Sicht der Technik als weitgehend "Technik-deterministisch" unterschied. Die Vorstellung, wonach die Technik gesellschaftlich geformt wird, anstatt eine autonome Entwicklungskraft oder ein in erster Linie kognitives Element zu sein, ist nicht ganz neu, doch seine gegenwärtige Wirkungskraft und genauere Formulierung stellen eine jüngere Entwicklung dar. Die Modelle der gesellschaftlichen Formung betonen, dass die Technik nicht einer eigenen Dynamik oder einem zielgerichteten Problemlösungs-Pfad folgt, sondern stattdessen von sozialen Faktoren geformt wird. Zu zeigen, dass Artefakte flexibel interpretiert werden können, macht deutlich, dass die Stabilisierung eines Artefakts ein gesellschaftlicher Prozess ist, und als solcher Entscheidungen, Interessen, Werturteilen – mit einem Wort, der Politik – unterliegt.(1)

Nach Rip besteht der Grundgedanke der konstruktiven Technikfolgenabschätzung (KTA) darin,
    den Schwerpunkt der TA von der Beurteilung ausformulierter Technologien hin zu einer Voraussage der Technikfolgen in einem frühen Entwicklungsstadium zu bewegen. Akteure aus dem Technikumfeld wurden damit zu einer bedeutenden Zielgruppe, jüngere Technikstudien gelangen jedoch zu dem Schluss, dass Technikfolgen in der Umsetzungs- und Verbreitungsphase mitproduziert werden, sodass die technischen Akteure nicht die einzigen Beteiligten sind. In der Welt der Technologie ist die bevorzugte Strategie der konstruktiven Technikfolgenabschätzung (KTA), die berücksichtigten Aspekte und Akteure zu erweitern. Ganz allgemein geht es um einen gesellschaftlichen Lernprozess über den Umgang und manchmal das Management der Technik in der Gesellschaft.(2)

Die KTA beruht auf der Mikro-Analyse von Technikfällen und einer Sicht der Technik, welche einerseits gesellschaftlich geformt wird, andererseits selbst die Gesellschaft formt. Wenn der Determinismus der Hauptkritikpunkt an der ersten Phase der TA war, dann ist der Relativismus der Mikro-Fälle eine Gefahr für die zweite Generation, da die Beurteilung von den Werten und Interessen der verschiedenen beteiligten Akteure abhängt. Dieser Fokus auf die Akteure, ihre Werte und Interessen ist in Verbindung mit einer deskriptiven Methodologie für die enttäuschenden Ergebnisse der konstruktiven Technikfolgenabschätzung in Hinblick auf ihren politischen und ethischen Beitrag in der Gesellschaft verantwortlich. Es gibt, in anderen Worten, eine Art Liberalismus, in den diese Methode eingebettet ist, und der davon ausgeht, dass etwas "Gutes" oder "Faires" aus den gesellschaftlichen Netzwerken entspringt, die am technischen Konstrukt beteiligt sind. Bei diesem Zugang sehen die Vertreter der Wissenschafts- und Technikstudien ihre Verantwortung nur in der sozialen Reflexivität, die durch die Beschreibung der Technik-Dynamik und ihrer sozialen Konstruktion entsteht.

Die dritte Generation: eine neue, militante TA



Wir fordern als Sozialwissenschaftler eine neue Generation der Technikfolgenabschätzung, die in ihrem Zugang zur Technik weniger neutral und mehr politisch und ethisch ausgerichtet ist. Nach L. Introna betrachten wir jedes technische Artefakt als Mikro-Politik, als Skript, das soziale und politische Ordnungen, Normen und Werte enthält.(3) Die Rolle dieser neuen TA besteht darin, dieses Skript transparent zu machen, indem die verschiedenen Abschlüsse erklärt werden, die ihm Gestalt geben. Diese Übung in Transparenz benötigt bei der Ergründung und Beurteilung des Skripts Unterstützung. In einem bestimmten Ausmaß müssen wir dem normativen Projekt, welches durch die betreffende Technik unterstützt wird, andere Normen und Werte entgegensetzen. Wenn wir diese Skripte nicht mit solchen Erklärungsprinzipien in der Hand lesen, leisten wir lediglich eine Beschreibung der Technologien und der entsprechenden Entscheidungs- und Aneignungsprozesse seitens der Akteure.
Aber reicht das aus, um sicherzustellen, dass unsere Gesellschaft human bleibt? Dieser konstruktive Zugang geht davon aus, dass wir alle Akteure innerhalb des technischen Konstrukts sind, dass also technische Artefakte nicht bloß von etablierten und gut organisierten Interessen beherrscht werden. Damit setzt ein ungleiches Machtspiel ein. Wie kann man aus der Mikro-Welt, in der die konstruktive TA anscheinend verbleibt, heraustreten und gesellschaftliche Themen ansprechen und die Auseinandersetzung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen? Aus all diesen Gründen fordern wir eine militantere Position von Wissenschaftlern der Science and Technology Studies (STS) in der Beurteilung von Technologien. Eine solche militante Position beginnt mit der Erkenntnis, dass wir auch Werte zu verteidigen haben, was im Kontext einer nach wie vor neutralisierenden und angeblich objektiven Sicht der Wissenschaft gar nicht gern gesehen wird.

Die erste Generation der TA befand sich auf der Makro-Ebene und war von Technik-Determinismus und institutionellen Gegebenheiten geprägt. Die zweite Generation bewegte sich auf der Mikro-Ebene und war durch einen auf das konstruktivistische Rahmenmodell zurückzuführenden Relativismus geprägt. Was beiden Generationen fehlt, ist ein "moralischer oder ethischer Rahmen", der auf Prinzipien beruht, welche die Auseinandersetzung mit dem betreffenden Artefakt leiten.

Werfen wir einen kurzen Blick auf den Status und die Bedeutung dieser ethischen Prinzipien.

Nach J. Ladrière beruht Ethik auf einer Fähigkeit oder einem Vermögen.(4) Sie ist kein abstraktes normatives Wissen, das man definieren und an andere weitergeben könnte. Sie ist eine Praxis, die Fähigkeit, eine Situation ethisch sehen zu können. Diese Position ist der J. Deweys sehr ähnlich.(5) Dieser betont, dass die ständige Erforschung von universalen oder festen Normen in der Ethik mit der Suche nach Gewissheit in der Epistemologie vergleichbar ist, die den Ursprung zahlreicher schlecht definierter und gelöster Probleme darstellt. In diesem Sinne, so Ladrière, ist die Rolle der so genannten STS-Experten nicht, an Stelle der betroffenen Akteure zu entscheiden, sondern die Auseinandersetzung überhaupt möglich zu machen und die ethischen Fragen zu klären, die mit den jeweils auftretenden Mikropolitiken zusammenhängen.

J. Ladrière und J. Dewey gehen davon aus, dass wir ein ethisches Problem niemals aus der Sicht einer Tabula rasa erfassen können, also ohne auf ethische Inhalte oder Grundsätze zurück zu greifen, die aus der Tradition übermittelt wurden. Doch für beide sind diese Prinzipien keine festen Regeln, die uns eine Art Kochrezept liefern – eine Anleitung für den richtigen, ethischen Weg für unsere Entscheidungen und Handlungen. Für J. Dewey sind diese Grundsätze vielmehr untersuchungsleitende und analytische Werkzeuge, welche eine Situation erhellen und es ermöglichen, die verschiedenen Standpunkte der betroffenen Akteure zu beurteilen. J. Dewey räumt ein, dass allgemeine Ideen wie Gerechtigkeit, Würde und Fairness wertvolle Werkzeuge für die Infragestellung und Vorhersage unbekannter ethischer Probleme sind. Sie haben keine intrinsische normative Kraft, sondern bilden eine Art moralischen Hintergrund, der bei der Auseinandersetzung mit einer unbekannten moralischen Situation hilfreich sein kann.




 

Publikation zum Thema

Deep Search

Deep Search

Beherrschen Suchmaschinen nicht nur Märkte, sondern auch unser Denken? Am Beispiel von Google untersucht das Buch deren Bedeutung und innere Systematik. Es diskutiert angemessene Reaktionen in Gesellschaft, Gesetzgebung und Politik sowie von Verbraucherseite. Weiter...

Zum Shop

Dossier

Open Data

Open Data steht für die Idee, Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar zu machen. Welches Potential verbirgt sich hinter den Daten, die Behörden und Ministerien, Parlamente, Gerichte und andere Teile der öffentlichen Verwaltung produzieren? Das Dossier klärt über die Möglichkeiten offener Daten für eine nachhaltige demokratische Entwicklung auf und zeigt, wie Datenjournalisten mit diesen Datensätzen umgehen. Weiter...